nomads hat geschrieben: ↑Montag 1. Juni 2026, 18:56
Gamaliel hat geschrieben: ↑Montag 1. Juni 2026, 07:55
Du scheinst einen Unterschied zu machen zwischen "Neuerungen des Konzils" und "eigenen Ideen/Neuerungen der Modernisten". Warum du diese Unterscheidung triffst ist mir nicht klar. Die Neuerungen des Konzils sind die Neuerungen der Modernisten. Hierbei herrscht Identität.
Nach Auffassung der FSSPX.
Das ist objektiv unrichtig. Wie bereits zuvor erwähnt, ist dieser Sachverhalt inzwischen in verschiedenen Büchern hinreichend dokumentiert. Wenn du dich dafür interessierst oder die Tatsachen kennenlernen möchtest, kann ich dir die Lektüre derselben nur empfehlen. Das Buch des Historikers Roberto de Mattei zeichnet sich durch besondere Gründlichkeit, leichte Lesbarkeit und umfassende Quellenbelege aus. Gibt es auch auf Polnisch („Sobór Watykański II. Historia dotychczas nienapisana“).
Du kannst in diesen Büchern Aussagen der Konzilsteilnehmer, damalige Presseaussendungen, Erklärungen der Periti und vor allem auch Tagebuchaufzeichnungen der Konzilsväter nachlesen. Letztere wurden oft erst posthum veröffentlicht und legen Motive und Pläne der damaligen Konzilsväter ungeschmückt und sozusagen aus der Innenschau offen.
nomads hat geschrieben: ↑Montag 1. Juni 2026, 18:56
Aber mMn kam die FSSPX zu dieser Auffassung erst nachdem die Neuerungen sichtbar wurden. Wenn die Neuerungen der Modernisten die Neuerungen des Konzils wären, würden sich diese zu selben Zeit in der ganzen Weltkirche ausbreiten und nicht nur in Westeuropa.
Diese Aussage würdest du nicht tätigen, wenn du die Geschichte der FSSPX und ihres Gründers genauer kennen würdest. Als Hinweis erwähne ich nur: Erzbischof Lefebvre war sozusagen vom ersten Tag des Konzils an ein scharfer Kritiker der kommenden und teilweise absehbaren Neuerungen (gewisse Ideen waren ja im Umlauf).
Seine Kritik setzte bereits beim Coup der Modernisten an, der dazu führte, daß sämtliche vorbereiteten Schemata des Konzils quasi am 1. Tag in den Mülleimer befördert wurden, damit sie ihre eigenen liberalen Texte als Vorlagen verwenden konnten.
Sodann ist seine Kritik an den Neuerungen noch während des laufenden Konzils nahtlos dokumentiert. Man findet sie insbesondere in den Konzilsakten und gesammelt in einem kleinen Büchlein daß auf Deutsch den Titel trägt: „Ich klage das Konzil an“ (polnische Ausgabe: „Oskarżam Sobór!“). Daran schließen sich dann Vorträge, Predigten, Artikel,… aus den Jahren unmittelbar nach dem Konzil an. - Ich will damit sagen: Nicht erst praktische Eskapaden der Nachkonzilszeit führten zur fundamentalen Kritik Msgr. Lefebvres am Konzil
Um aber zum Kern deiner Entgegnung zu kommen. Wir haben eine unterschiedliche Auffassung von dem, was unter „Neuerungen“ zu verstehen ist. Du scheinst diese auf die Änderungen, die in der Praxis sichtbar werden zu reduzieren. Falls das der Fall ist, dann greift diese Sicht deutlich zur kurz. Der Praxis voraus geht die Theorie (des Modernismus).
Auch wenn in überschaubaren Enklaven im Osten die Praxis erst später revolutioniert wurde, gab es dort selbstverständlich schon vorher den Modernismus der Theorie nach.
Gerade Karol Wojtyła ist ein Paradebeispiel dafür. Seine berüchtigten Exerzitien, die er als Kardinal 1976 für Papst Paul VI. gehalten hat, kommen mir da in den Sinn. Auch die gesamte „Ostpolitik“ des Vatikans und ihrer Vertreter vor Ort wären ein Beispiel dafür. Es gibt sicher mehr und bessere Beispiele, ich bin aber kein Experte für Osteuropa.
Ich will jetzt nicht die ganze Weltkarte durchgehen, aber selbstverständlich wirkte sich der Modernismus nicht nur in Westeuropa sondern auch schon sehr früh in Nordamerika und insbesondere im Weg der Befreiungstheologie in Südamerika aus.
Deine Aussage
„Erst mit der Öffnung der Grenzen 1989 werden hier und da die Neuerungen ohne ersichtlichen Grund eingeführt…“ nehme ich als Bestätigung für meine These deiner Engführung auf die Praxis. Es gab diesen Grund natürlich schon und er nennt sich Modernismus.
Daß er sich in der praktischen Umsetzung erst nach 1989 vermehrt zeigte, liegt primär an den politischen oder äußeren Umständen in der Zeit davor. Verfolgte oder bedrängte Katholiken, die im Glauben Stärke und Halt finden, eignen sich halt nicht so gut für utopische Spielchen der Modernisten, die ihre Freude in der Anpassung an die Welt und am Ausverkauf des Glaubens finden. Sobald der äußere Druck aber weg war, konnte man sofort zu Tat bzw. Praxis schreiten. Das theoretische Konzept war bereits längst vorhanden.
Fazit:
Die Geschichte der Bruderschaft ist nicht eine, die aus der Ablehnung praktischer Auswüchse hervorgeht, die man dann irrtümlich dem Konzil zuordnete.
Erzbischof Lefebvre kam im übrigen nicht selbst auf die Idee einer Bruderschaft. Er wurde dazu von Seminaristen gedrängt, die in modernen Seminaren studierten und dort den theoretischen Modernismus kennenlernten. Diese kamen Ende der 60er Jahre auf ihn zu und baten ihn, ihnen eine katholische Priesterausbildung zu ermöglichen. Sie wollten ihren Glauben nicht verlieren beim Studium all der Verrücktheiten, die man nach dem Konzil als „Neue Theologie“ lehrte.
(N.B. Erzbischof Lefebvre hat nie den NOM gefeiert! Unter NOM versteht man in der Liturgik ausschließlich den Ritus von 1969. Der Ritus von 1965 war grundsätzlich der Ritus von 1962 mit gewissen Anpassungen in der Vormesse, etwa Lesungen in der Landessprache usw. Ich glaube wir haben hier im Forum sogar einen eigenen Thread dazu.)