Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
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Robert Ketelhohn
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Freitag 19. Juni 2020, 15:12
… womit weitere sinnvolle Kommunikation in dieser Sache kaum möglich ist …
Schönen Sonntag denn.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

Trisagion
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Trisagion »

:D

Soto Shu: Soto Schule des Zen Buddhismus. Ino: Vorsteher des Meditationshalle, vielleicht ein wenig mit einem Novizenmeister zu vergleichen. Es gibt zwei große "Sekten" im (japanischen) Zen Buddhismus: Soto und Rinzai.

Bevor ich Christ wurde war ich mal (recht intensiv für ein paar Jahre) Zen Buddhist. Ist jetzt allerdings auch schon über 15 Jahre her...

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Raphael
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Raphael »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Samstag 20. Juni 2020, 10:35
Raphael hat geschrieben:
Mittwoch 17. Juni 2020, 11:05
Aus christlicher Sicht ist zu sagen, daß auch Atheisten in Gott sind
Hat diese Aussage irgendeinen konkreten Sinn?


Ja! :huhu:
Die Wahrheit hat tausend Hindernisse zu überwinden, um unbeschädigt zu Papier zu kommen, und von Papier wieder zu Kopf.
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Raphael
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Raphael »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Samstag 20. Juni 2020, 10:33
Raphael hat geschrieben:
Samstag 20. Juni 2020, 05:18
Das kann schon 'mal passieren, wenn der Eine in eher aristotelischen Kategorien denkt, während der Andere platonische für unbedingt notwendig erachtet.
Wie kommst du hier auf „aristotelisch“?
Ich kann's Dir auch gerne so erklären als wenn Du ein Kleinkind wärest: :roll:
Der Eine denkt von unten und der Andere denkt von oben!
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Raphael
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Raphael »

Trisagion hat geschrieben:
Samstag 20. Juni 2020, 11:07
Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Samstag 20. Juni 2020, 10:19
Trisagion hat geschrieben:
Freitag 19. Juni 2020, 19:14
Ich habe in keiner Form und Weise dieses von Dir behauptete "Axiom" vertreten.
Da kannst Du unterstreichen wie Du willst, das entscheidende Wort für Deine Behauptung ist "Identität". Du wirst keine Stelle finden an der ich das gesagt habe. Somit ist Deine Kritik hinfällig.

Ich denke allerdings schon, daß es einige Atheisten gibt, deren bewußte oder unbewußte Ideen zur "Grundursache" sehr nahe dran sind am "Gott der Philosophen" als Resultat eines klassischen Gottesbeweises. Jedoch halten sich selbst für eindeutig "atheistisch" - und die meisten Theisten würden ihnen da auch Recht geben. Warum? Weil es bei der Auseinandersetzung zwischen Atheisten und Theisten selten wirklich um diese Dinge geht, sondern eben eigentlich um die Personenhaftigkeit Gottes.

Und genau das war mein Punkt in diesem Strang, denn für mich ist das dann ein besserer Ansatzpunkt um mit Atheisten zu sprechen.
Bis zu dem Punkt, der ermöglicht, über Gott als Person zu sprechen, kommt man in aller Regel im Disput mit dem Atheisten gar nicht. :/

Das kann man übrigens auch am vom Robert herbeigeführten Diskursende hier im Thread sehen; allerdings mit einem umgekehrten Vorzeichen. :nein:

Wie schon ausgeführt, bestreitet der Atheist bereits die Existenz Gottes.
Das kann mehrere Gründe haben, die häufig nicht einmal verbalisiert werden und daher aus dem Ungesagten heraus den Disput dominieren:
  • Ein nicht-existenter Gott kann zu nichts verpflichten. Dieser Gedanke ist (im Wege der doppelten Verneinung) selbst für nur vernünftige Menschen einsehbar.
  • Der Atheist fühlt sich vom Theisten dominiert, weil dieser ihm religiöse Regeln vorgeben will, die der Atheist - aus welchen Gründen auch immer - nicht einhalten möchte
  • Der Atheist hat seinen Erkenntnishorizont bewußt - mithin in einer subjektiven Willensentscheidung - auf das sinnlich Erfahrbare eingeschränkt
Es mag noch weitere Gründe geben ............
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Trisagion »

Raphael hat geschrieben:
Montag 22. Juni 2020, 07:07
Bis zu dem Punkt, der ermöglicht, über Gott als Person zu sprechen, kommt man in aller Regel im Disput mit dem Atheisten gar nicht. :/ ... Wie schon ausgeführt, bestreitet der Atheist bereits die Existenz Gottes.
Letztlich ging es mir in diesem Strang nur um eins: aufzeigen wieso das eine Halbwahrheit ist die zu einem falschen Ansatz führt der Kommunikation scheitern lässt. Nochmal kurz:
  • Die theo-logische Abfolge ist Gottes Existenz zu diskutieren gefolgt von seinen Attributen und dann Konsequenzen.
  • Die meisten Atheisten glauben aber spezifisch nicht an einen persönlichen Gott, auch wenn sie behaupten allgemein ungläubig zu sein. (Halbwahrheit)
  • Für Theisten ist der Existenbeweis Mittel zum Zweck um Platz zu schaffen für den persönlichen Gott, für Atheisten entsprechend der Kampf dagegen. (Falscher Ansatz)
  • Folgt man der theo-logischen Abfolge, bleibt man deshalb bei schieren Existenzargumenten hängen. Frustrierend, weil es beide Seiten wenig interessiert. (Scheitern der Kommunikation)
  • Um interessantere Gespräche zu führen, kann man die Existenzfrage überspringen und stattdessen die Personenhaftigkeit Gottes und Konsequenzen direkt diskutieren.
  • Um diese Diskussion im Konjunktiv zu motivieren, kann man zuerst die "gottähnlichen Konzepte" bzgl. der Weltursache identifizieren und dann einen "Waffenstillstand" ausrufen: wir sind uns einig hier uneins zu sein, laß uns über etwas anderes reden...
Raphael hat geschrieben:
Montag 22. Juni 2020, 07:07
  • Ein nicht-existenter Gott kann zu nichts verpflichten. Dieser Gedanke ist (im Wege der doppelten Verneinung) selbst für nur vernünftige Menschen einsehbar.
  • Der Atheist fühlt sich vom Theisten dominiert, weil dieser ihm religiöse Regeln vorgeben will, die der Atheist - aus welchen Gründen auch immer - nicht einhalten möchte
Richtig und wichtig, und das ist auch der biblische Ansatz in den Psalmen (der Atheist ist ein Narr der Gottes Regeln nicht befolgen will). Aber mein Punkt hier ist genau, daß wenn die Diskussion sowieso an solchen Problemen hängt, dann sollte man diese direkt und von Anfang an besprechen. Wenn man stattdessen erstmal über die schiere Existenz Gottes diskutiert, bleibt man in endlosen und langweiligen Stellvertreterkriegen hängen.

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Raphael
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Raphael »

Trisagion hat geschrieben:
Samstag 20. Juni 2020, 11:32
...
Bevor ich Christ wurde war ich mal (recht intensiv für ein paar Jahre) Zen Buddhist. Ist jetzt allerdings auch schon über 15 Jahre her...
Wie kam es dazu? :daumen-rauf:
Wer war für die Katechese verantwortlich? :hmm:
Wer hat Dich getauft? :detektiv:
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Trisagion »

Raphael hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 07:40
Wie kam es dazu? :daumen-rauf:
Wer war für die Katechese verantwortlich? :hmm:
Wer hat Dich getauft? :detektiv:
Ich denke nicht, daß ich das alles beantworten kann ohne meine Anonymität hier aufzugeben... :glubsch:

Zur ersten Frage jedoch seien zwei Dinge gesagt: Erstens gab es da sicher viele Gründe, schon damals nur zum Teil bewußt, und durch den Blick zurück sicher extrem verklärt. Autobiographie hat immer so den Zug zur Hagiographie... Zweitens kann ich immerhin sagen, daß Buddhismus experientelle Religion ist. Eine Grundannahme ist, daß man durch rechte Praxis, insbesondere Meditation, zu genau denselben Einsichten vordringen kann wie Siddhartha Gautama, Dogen Zenji, etc. Das ganze religiöse Drumherum ist letztlich nur Hilfestellung um diesen Weg einfacher zu machen und abzukürzen. Nun, meine religiöse Praxis, insbesondere Meditation, führte mich nicht ganz zu den Einsichten die ich der Lehre nach erzielen sollte. Meinen Erfahrungen nach war vieles nur fast, aber nicht ganz, richtig. Insbesondere löste "ich" mich selbst nicht wirklich auf in der Meditation. Wie gesagt, fast, aber nicht ganz. Aus buddhistischer Sicht bin ich an Maya (Illusion) haften geblieben. Aus meiner eigenen Sicht fand ich meine Erfahrungen überzeugender als die Lehre, und habe mich dann anderweitig umgeschaut. Über Meister Eckhart (der sehr "buddhistisch" ist...), der "Wolke des Nichtwissens" und ähnlichen Werken habe ich dann zu meinem Erstaunen bemerkt, daß es kontemplative christliche Strömungen gibt die deutlich besser zu meinen Erfahrungen passten. Das war der Einstieg...

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Raphael
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Raphael »

Trisagion hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 11:42
Raphael hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 07:40
Wie kam es dazu? :daumen-rauf:
Wer war für die Katechese verantwortlich? :hmm:
Wer hat Dich getauft? :detektiv:
Ich denke nicht, daß ich das alles beantworten kann ohne meine Anonymität hier aufzugeben... :glubsch:
DAS ist auch nicht intendiert gewesen. :huhu:
Trisagion hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 11:42
Zur ersten Frage jedoch seien zwei Dinge gesagt: Erstens gab es da sicher viele Gründe, schon damals nur zum Teil bewußt, und durch den Blick zurück sicher extrem verklärt. Autobiographie hat immer so den Zug zur Hagiographie... Zweitens kann ich immerhin sagen, daß Buddhismus experientelle Religion ist. Eine Grundannahme ist, daß man durch rechte Praxis, insbesondere Meditation, zu genau denselben Einsichten vordringen kann wie Siddhartha Gautama, Dogen Zenji, etc. Das ganze religiöse Drumherum ist letztlich nur Hilfestellung um diesen Weg einfacher zu machen und abzukürzen. Nun, meine religiöse Praxis, insbesondere Meditation, führte mich nicht ganz zu den Einsichten die ich der Lehre nach erzielen sollte. Meinen Erfahrungen nach war vieles nur fast, aber nicht ganz, richtig. Insbesondere löste "ich" mich selbst nicht wirklich auf in der Meditation. Wie gesagt, fast, aber nicht ganz. Aus buddhistischer Sicht bin ich an Maya (Illusion) haften geblieben. Aus meiner eigenen Sicht fand ich meine Erfahrungen überzeugender als die Lehre, und habe mich dann anderweitig umgeschaut. Über Meister Eckhart (der sehr "buddhistisch" ist...), der "Wolke des Nichtwissens" und ähnlichen Werken habe ich dann zu meinem Erstaunen bemerkt, daß es kontemplative christliche Strömungen gibt die deutlich besser zu meinen Erfahrungen passten. Das war der Einstieg...
Ich fragte deswegen, weil man heute mehr von dem Weg in die andere Richtung hört: West goes East! :traurigtaps:

Kontemplatives Christentum ist out, um nicht zu sagen mega-out. Man möchte eher 'ne religiöse Wellness-Oase, in der man bestätigt bekommt, wie gut man doch ist! :/

Die Loslösung vom rein Materiellen ist im Christentum natürlich auch angestrebt. Dies geschieht jedoch ohne dessen Negation, denn selbstverständlich ist auch das Materielle in seinen Beschränkungen gut.

Die Überwindung der Welt (Joh 16,33), welche als Loslösung vom Materiellen angesehen werden kann, gelingt durch die Einordnung in das Zeitliche und das Ewige: Christen nutzen (im Idealfalle) die zeitlichen Güter so, daß sie der ewigen Güter nicht verlustig gehen! :)
Die Wahrheit hat tausend Hindernisse zu überwinden, um unbeschädigt zu Papier zu kommen, und von Papier wieder zu Kopf.
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Trisagion »

Raphael hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 14:38
Ich fragte deswegen, weil man heute mehr von dem Weg in die andere Richtung hört: West goes East! :traurigtaps:
Für mich wenig verwunderlich, unter anderem auch weil der westliche Buddhismus ein Kunstprodukt des Westens / unter starkem westlichem Einfluß ist. Wir haben hier im Westen im wesentlichen eine Art Hobby-Mönchtum, daß es so im Osten nie gab (und jetzt nur gibt als Reimport aus dem Westen). Von den Praktiken der Laien im östlichen Buddhismus sieht man im Westen praktisch nichts. Und die Idee, daß die Praktiken östlicher Mönche auf Hobby-Niveau betrieben - was investierte Zeit und Anstrengung angeht - systematisch Erleuchtung hervorbringen, hätte zu jeder andereren Zeit und an jedem anderen Ort enorme Heiterkeit ausgelöst. Nur jetzt im Westen nimmt man das oft bierernst. 90% des Buddhismus im Westen ist was man in Japan "Bompu Zen" nennt: Entspannungs- und Konzentrationsübungen mit etwas religiösem Gehabe drumherum...

Wer also von Westen nach Osten geht, im Westen, geht meist den Weg von den Resten echter Religion zu Wellness mit etwas exotischem Pipapo. Kein Wunder, daß das populärer ist als andersherum.
Raphael hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 14:38
Kontemplatives Christentum ist out, um nicht zu sagen mega-out. Man möchte eher 'ne religiöse Wellness-Oase, in der man bestätigt bekommt, wie gut man doch ist! :/
Schon, allerdings wissen die Buddhisten wenigstens noch um ihre kontemplativen Praktiken, üben sie auch aus, und lehren sie. Im Christentum ist da nur noch verdammt wenig zu finden. Insgesamt gesehen ist das Christentum sehr schwach in der systematischen und durchdachten Vermittelung individueller Praktiken. Zu gemeinschaftlichen Praktiken hört man noch eher etwas, obwohl selbst das bei den meisten Leuten ein unreflektiertes Mitmachen / Nachäffen ist.

Wenn man Buddhist wird (jedenfalls im Westen, in einem ernst zu nehmenden Verein des Hobby-Mönchtums), verbringen andere Menschen eine ganze Menge Zeit damit einem beizubringen, wie richtiges Meditieren - als zentrale Praxis - geht. Niemand (!) hat je versucht mir irgendetwas (!) Praktisches zum Thema Beten im Christentum beizubringen, außer eben daß es schön wäre wenn ich es viel täte. Wer im Christentum nicht selber sucht, und zwar mit erheblichem Aufwand, der findet meiner Erfahrung nach nicht.
Raphael hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 14:38
Die Loslösung vom rein Materiellen ist im Christentum natürlich auch angestrebt. Dies geschieht jedoch ohne dessen Negation, denn selbstverständlich ist auch das Materielle in seinen Beschränkungen gut.
Der Buddhismus negiert auch nicht das Materielle an sich, sondern nur das Haften daran. Genau wie im Christentum (Evangelische Räte) wird das ernsthaft geübt durch das praktische Entsagen, gerade bei den "Profis". Aber daraus folgt keineswegs eine Negation des Materiellen. Das wäre buddhistisch gesehen genauso ein Anhaften wie der Götzendienst am Materiellen.

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Raphael
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Raphael »

Trisagion hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 17:44
Der Buddhismus negiert auch nicht das Materielle an sich, sondern nur das Haften daran. Genau wie im Christentum (Evangelische Räte) wird das ernsthaft geübt durch das praktische Entsagen, gerade bei den "Profis". Aber daraus folgt keineswegs eine Negation des Materiellen. Das wäre buddhistisch gesehen genauso ein Anhaften wie der Götzendienst am Materiellen.
Das verwundert mich jetzt ein wenig, denn bislang wurde da Anderes berichtet: :hmm:
Die Loslösung vom Materiellen im Buddhismus geht zwar nicht direkt mit einer Mißachtung des Materiellen einher, jedoch mit einer klaren Geringschätzung von Selbigem. Das kann im Extrem bis zur Selbstverbrennung führen, um die Überlegenheit der geistigen Erkenntnis "nachzuweisen".

Wenn das Materielle als Maya erkannt worden ist, wobei kontemplative Praktiken als Stütze und Hinführung dienen, dann führt diese Erkenntnis beim Buddha-Gewordenen zum Mitleid mit den Armen, die (noch) nicht erkannt haben. Mitleid ist demzufolge das Höchste der Gefühle, nicht die Liebe zu den Mitgeschöpfen wie dies im Christentum gelehrt wird.
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Trisagion »

Raphael hat geschrieben:
Mittwoch 24. Juni 2020, 07:48
Das verwundert mich jetzt ein wenig, denn bislang wurde da Anderes berichtet: :hmm:
Von wem, wo, und was?

Es sei erwähnt, daß es "den" Buddhismus nicht wirklich gibt. Als Minimum muß man zwischen Theravada, Mahayana und Vairayana unterscheiden, wobei die dann jeweils noch viele (durchaus wichtige) Unterteilungen haben. Zen ist eine spezifische Mahayana Variante. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß Theravada etwas mehr in die Richtung von "Mißachtung des Materiellen" geht. Aber letztlich nicht wirklich, denn es ist wesentlicher Teil der Erleuchtungsgeschichte des Buddha, daß er die extreme Askese als gelebte Ablehnung der Welt ausprobiert hat, aber als letztlich nicht zum Ziel führend ablehnte! Da das Teil der Gründungsgeschichte ist, kann kein ernstzunehmender Buddhismus zu sehr in diese Richtung gehen....

Mir ist bekannt, daß die Japaner im zweiten Weltkrieg versuchten ihre Kamikaze-Flieger mit "buddhistischen" Lehren zur Leere der Welt zu motivieren. Aber es ist m.E. verfehlt daß als irgendetwas anderes als politisch-militärischen Mißbrauch zu verstehen. Das ist ähnlich wie der Versuch alle Untaten der Kreuzzüge and Inquisitionen als von der christlichen Lehre stammend zu verstehen.

Das wirklich fundamental "Negative" praktisch aller indischen Religionen ist das man dieser Welt (nach beinah endlosen Iterationen) entkommt indem man sich in irgendeinem Sinne in Wohlgefallen auflöst. Wenn man so will, im letztendlichen "indischen Himmel" gibt es nur noch/wieder "Gott", keine "Heiligen" oder "Engel" oder sonstwas. (Anführungsstriche sind hier wichtig, die Analogien sind teilweise sehr weit hergeholt.)
Raphael hat geschrieben:
Mittwoch 24. Juni 2020, 07:48
Die Loslösung vom Materiellen im Buddhismus geht zwar nicht direkt mit einer Mißachtung des Materiellen einher, jedoch mit einer klaren Geringschätzung von Selbigem. Das kann im Extrem bis zur Selbstverbrennung führen, um die Überlegenheit der geistigen Erkenntnis "nachzuweisen".
Sorry, aber das ist einfach nur Quatsch. Selbstverbrennungen in jüngerer Zeit in buddhistischen Ländern waren politisch, nicht religiös, motiviert. Mir ist kein historischer Fall bekannt, wo ein Buddhist durch Selbstmord quasi Erleuchtung nachweisen wollte, und das ist auch wirklich nicht haltbar aus der buddhistischen Lehre heraus. Es gibt allerdings durchaus auch im Buddhismus das Äquivalent zum christlichen Märtyrer, soll heißen, die Bereitschaft für den Erhalt der Lehre (und sei es nur den symbolischen Erhalt!) sein eigenes Leben zu opfern.
Raphael hat geschrieben:
Mittwoch 24. Juni 2020, 07:48
Wenn das Materielle als Maya erkannt worden ist, wobei kontemplative Praktiken als Stütze und Hinführung dienen, dann führt diese Erkenntnis beim Buddha-Gewordenen zum Mitleid mit den Armen, die (noch) nicht erkannt haben. Mitleid ist demzufolge das Höchste der Gefühle, nicht die Liebe zu den Mitgeschöpfen wie dies im Christentum gelehrt wird.
Komplett falsch ist das nicht, aber...

Liebe zu den Mitgeschöpfen ist nicht das Höchste der Gefühle im Christentum, sondern Liebe zu Gott, und das zweithöchste der Gefühle gilt so auch erstmal nur für Mitmenschen, nichtmal im gleichen Sinne für Tiere, und sicher nicht für unbelebte Materie. Wohingegen praktische Barmherzigkeit a la Caritas, Dana, die erste der zehn Perfektionen (Paramitas) im Buddhismus ist.

Soll heißen, wenn man da mal im Detail nachschaut ist das alles nicht mehr so klar und einfach.

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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Ralf »

Trisagion hat geschrieben:
Dienstag 23. Juni 2020, 17:44
Insgesamt gesehen ist das Christentum sehr schwach in der systematischen und durchdachten Vermittelung individueller Praktiken.
Ja, das ist auch meine Erfahrung.
Niemand (!) hat je versucht mir irgendetwas (!) Praktisches zum Thema Beten im Christentum beizubringen, außer eben daß es schön wäre wenn ich es viel täte. Wer im Christentum nicht selber sucht, und zwar mit erheblichem Aufwand, der findet meiner Erfahrung nach nicht.
Auch hier Zustimmung. Ich weiß nicht, wie im östlichen Christentum die aktuelle Situation
der "Starzen" ist, der Lehrer in und aus den Klöstern (die oftmals keine hervorgehobene Stellung im Kloster haben und oft auch nicht Priester sind), diese Tradition war zumindest mal ein gutes Beispiel gelebter individueller Lehrerschaft im Glauben.

Im Allgemeinen gibt es in allen Bistümern das Angebot der individuellen Geistlichen Begleitung - doch wird damit zu wenig "geworben". Man ist im Allgemeinen sehr auf sich allein gestellt, wenn man nicht weiß, wie man mit seinem geistlichen Hunger, der in einer normalen Pfarrei oftmals nicht gestillt wird, besser umgehen kann.
Hier im Kreuzgang-Forum ist es weit verbreitet, Gericht über die Bischöfe als Hirten der Kirche zu halten. Manch einer dünkt sich besonders schlau und autoritativ. Man sollte das nicht allzu ernst nehmen.

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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Raphael »

Trisagion hat geschrieben:
Mittwoch 24. Juni 2020, 15:06
Das wirklich fundamental "Negative" praktisch aller indischen Religionen ist das man dieser Welt (nach beinah endlosen Iterationen) entkommt indem man sich in irgendeinem Sinne in Wohlgefallen auflöst. Wenn man so will, im letztendlichen "indischen Himmel" gibt es nur noch/wieder "Gott", keine "Heiligen" oder "Engel" oder sonstwas. (Anführungsstriche sind hier wichtig, die Analogien sind teilweise sehr weit hergeholt.)
Eben, das buddhistische Aufgehen im Nichts ist diametral dem entgegengesetzt, was es im Christentum anzustreben gilt: Die Nähe zum ewigen Sein!
Die Wahrheit hat tausend Hindernisse zu überwinden, um unbeschädigt zu Papier zu kommen, und von Papier wieder zu Kopf.
(Georg Christoph Lichtenberg)

Trisagion
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Re: Praktisch alle Atheisten glauben an Gott ...

Beitrag von Trisagion »

Raphael hat geschrieben:
Mittwoch 24. Juni 2020, 20:43
Eben, das buddhistische Aufgehen im Nichts ist diametral dem entgegengesetzt, was es im Christentum anzustreben gilt: Die Nähe zum ewigen Sein!
Die Frage was "Nichts" genau bedeutet ist eine der wichtigsten Frage die den Buddhismus in viele verschiedenen "Sekten" spaltet. Es ist aber in keinem Buddhismus jemals das westliche philosophische Verständnis von Nichts als "subtrahieren bis keine Entität mehr übrig ist". Es ist in der Regel besser für westliche Ohren "Aufgehen in Nichts" als "Aufgehen ins Göttliche" zu übersetzen, oder bei Gottesallergie, "Aufgehen in den Urgrund" oder derlei. Nicht weil ich behaupte, daß das exakt identische Konzepte sind. Sondern weil wir sonst da über normal Wortbedeutungen von "Nichts" in die Irre geführt werden. Frage Dich z.B. was Gott nötig hat? Nichts. Welche Regeln beschränken ihn? Keine. Wer kann ihn beeinträchtigen? Niemand. Wann finder er ein Ende. Niemals. Usw. Das buddhistische "Nichts" hat viel mehr mit den Antworten auf diese Fragen zu tun als mit "Existenz minus Alles ist Nichts".

Der entscheidende Unterschied indischer Religionen zum Christentum ist der Verlust individueller Identität als positiver Endzustand, nicht so sehr an was da die Identität verloren geht.

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