Pelikan hat geschrieben:Haiduk hat geschrieben:Ich sage das so wie bei einem Schachspiel, bei dem Schwarz seine Dame und seine beiden Türme verloren hat und Weiß noch alle Figuren hat. Weiß wird natürlich siegen, aber solange der schwarze König nicht matt gesetzt ist, kann Schwarz immer noch unabhängig agieren und dabei großen Schaden in der Welt anrichten.
Schwarz kann auch gewinnen, wenn Weiß einige grobe Fehler begeht. Was Gott vorhersieht, tritt aber nicht mit besonders großer Wahrscheinlichkeit ein, auch nicht mit moralischer Sicherheit, sondern mit übernatürlicher Sicherheit.
Als der Schöpfer von allem beherrscht Gott freilich alle kausalen Zusammenhänge. Für mich stellt es sich aber so dar, daß der Gehalt dieser Kausalitätslehre in den Hintergrund gedrängt wird, wenn ich glauben müßte, daß Ihm der komplette Verlauf der Heilsgeschichte minutiös im Voraus bekannt ist.
Was fehlt ihm denn deiner Meinung nach, um die gesamte Geschichte minutiös zu kennen? Er ist ja, wie du sagst, der Schöpfer aller Kausalketten. Jede Ursache und jedes mögliche Zusammenspiel aller Ursachen sind von ihm so eingerichtet worden, wie sie sind. Welcher Faktor könnte hinzukommen, um Gott zu verunsichern? Müßte es nicht etwas von ihm Unabhängiges sein, etwas, was er nicht geschaffen hat? Was sollte das sein?
Am Ende doch der freie Wille des Menschen? Dreht sich darum deine ganze Schwierigkeit? Hättest du mit vollkommener Vorsehung dieselbe Schwierigkeit, wenn es nur Tiere und Pflanzen gäbe?
Gott kann nicht verunsichert werden. Er kann aber zornig werden und auch mal abwesend sein. Als Adam und Eva von Satan verführt wurden, war Gott nicht anwesend. Daß sie nackt sind hatten Adam und sein Weib schon erkannt (1. Mose 3, 7). Vor dem Gericht, das über sie hereinbrechen würde, fürchteten sie sich aber erst, als sie Gott dann wieder "einherschreiten hörten" (1. Mose 3, 8 ). Sie versteckten sich dann sogar vor Ihm. Aber Gott findet sie natürlich. Als Er sie dann zur Rede stellt, können ihre Taten nicht verbergen und auch nichts zu ihrer Rechtfertigung vorbringen.
Es wäre eine Torheit zu glauben, daß wir unsere Sünden vor Gott verbergen könnten, aber den Tod als Strafe gibt es nur der Gottesferne wegen. Ohne die Gottesferne könnte der Mensch gar nicht sündigen. Wir lebten in einem Paradies ohne jede Versuchung und Anfechtung, wenn Gott allzeit anwesend wäre.
Dort und nur dort wo Gott abwesend ist, hat der Satan überhaupt eine Chance. Anstellte Gottes ist Satan dort anwesend und hat demnach auch einen Wissensvorsprung. Es war das "große Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind", weswegen Gott seine Aufmerksamkeit auf Sodom richtete, so daß Er sprach: "Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob's nicht so sei, damit ich's wisse." (1. Mose 18, 20-21)
Der freie Wille spielt hier insofern hinein, als wir Gottes Willen auch dann kennen, wenn Gott seine Aufmerksamkeit und seinen strafenden Blick nicht auf uns richtet.
Den Satz "Gott erkennt alles Wirkliche in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" kann ich auch dann noch unterschreiben, wenn ich sage, daß Er alles Wirkliche erkennt, sobald Er sich dessen annimmt und zuwendet.
Ich denke, ich kann sagen, daß ich mich gar nicht gegen das Allwissen, sondern gegen eine Allaufmerksamkeit (oder besser Allanwesenheit) Gottes sperre. Diese Allaufmerksamkeit sehe ich Gott unterstellt, wenn gesagt wird, daß Er schon vor 2000 Jahren Tag und Stunde des Jüngsten Tages ganz genau gewußt habe. Wäre Gott immer und überall anwesend, dann wäre doch die ganze Welt mit Gott vereint und ganz und gar von Ihm durchdrungen — nur weil Er die Welt und uns alle erschaffen hat. Statt des dreieinigen personalen Gottes sehe ich hier eine Art von göttlicher Weisheit angebetet. Das ist Theosophie durch die Hintertür. Es bräuchte den Jüngsten Tag und das Gericht gar nicht mehr, weil Gott ja alles erschaffen, gesehen und zugelassen hat.
Über Tiere und Pflanzen mache ich mir in dem Zusammenhang keine Gedanken. Ich esse sie

Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel. (Mt. 5, 37)
Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. (2. Kor. 10,4)