Beati pauperes spiritu

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overkott
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Beati pauperes spiritu

Beitrag von overkott »

Selig, die im Geiste Armen. So begegnet uns dieses Wort aus der Bergpredigt heute noch in Asterixheften. Heute wird Mt 5,3 übersetzt: Selig, die arm sind vor Gott.

Im Mittelalter spielte dieses Wort eine besondere Rolle. Denn als die "pauperes spiritu" bezeichneten sich die Waldenser aus Lyon, eine damals radikale innerkirchliche Reformbewegung von geringer theologischer Bildung und ohne Predigterlaubnis, die sich schließlich abspaltete.

Dagegen verblieb die im Kern ähnliche Reformbewegung der Franziskaner in Treue und Solidarität mit dem Papst. Dass sie ihr Jahrestreffen an Pfingsten abhalten, hat wohl auch etwas mit dem Selbstverständnis als "pauperes spiritu" zu tun. Fanden im Ringen um die Waldenser zwei Konzilien zu dieser Zeit in Lyon statt?

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overkott
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Beitrag von overkott »

Offenbar wird die Seligpreisung der geistig Armen als unverständlich, ja sogar als Provokation empfunden.

Und weil sie nicht verstanden wird, wird sie wegübersetzt.

Ich halte das für falsch.

Schließlich gibt es Parallelstellen:

Mt 11,25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. (Vgl. auch Lk 10,21)

Röm 2,20 Erzieher der Unverständigen, Lehrer der Unmündigen, einer, für den im Gesetz Erkenntnis und Wahrheit feste Gestalt besitzen.

Auch steht diese Stelle in alttestamentlicher Tradition:

Koh 1,18 Denn: Viel Wissen, viel Ärger, wer das Können mehrt, der mehrt die Sorge.

Man kann die geistig Armen auch im Kontext der docta ignorantia verstehen, im Kontext derjenigen, die sich zum: "Ich weiß, das ich nichts weiß." bekennen.

Man kann daraus die Menschenwürde ableiten, die eben für die Unmündigen, die Kinder, die behinderten Menschen und die debilen, alten Menschen gilt.

Deshalb finde ich diese verbogene Übersetzung sehr unglücklich.
Zuletzt geändert von overkott am Samstag 5. Mai 2007, 21:50, insgesamt 1-mal geändert.

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berku
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Beitrag von berku »

Lest mal das Buch von Benedikt XVI ( Jesus ) dazu, dann habt ihr eure Antwort...
Grüße von Berku!

Lest Matthäus 5 - 7

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overkott
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Beitrag von overkott »

Wichtiger als die privaten Bücher sind natürlich die Lehrschreiben. Deus caritas est führt uns die Weisheit, Schönheit und Menschlichkeit der neuplatonisch-christlichen Tradition im Geist des heiligen Bonaventuras vor Augen. Sacramentum caritatis ist die notwendige Entfaltung.

Jetzt müsste noch ein drittes Schreiben über das Wesen der vom heiligen Geist erfüllten Kirche folgen: dass die Berufung in die Kirche vor allem den Armen und Kleinen gilt, den Unmündigen und den Schwachen, den Behinderten und Alten, den Leidenden und Trauernden. Denn wie Gott uns in Christus das Bild des wahren Menschen geschenkt hat und sein Gebot Gottesliebe in wahrer Menschlichkeit ist, soll die Kirche werden, was sie ist: Gemeinschaft mit Gott in gelebter Menschenwürde, Gottes sichtbares Zeichen der Liebe in der Welt.

sofaklecks
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Waldenser

Beitrag von sofaklecks »

Hier in der Gegend gibt es Dörfer mit sehr seltsamen Namen: Pinache, Serres oder Corres. Das sind Waldenserdörfer, die bis heute ihre Tradition pflegen. Auf ihre Gräbern findet man bis heute in der Mehrzahl Grabsteine mit ihrem Leitsatz "Lux lucet in tenebris." Wir verdanken ihnen den Durchbruch beim Kartoffelanbau und damit das Ende der Hungersnöte und die Dreifelderwirtschaft. Wen es interessiert:

http://www.palmbach.org/walden2.htm

sofaklecks

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overkott
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Beitrag von overkott »

Gut, wir wollen jetzt mal nicht der Waldenser-PR auf den Leim gehen und überschwenglich werden. Den unseligen Tabakanbau übergehen wir zunächst einmal. Aber was die Kartoffel angeht, lesen wir auch andere Sachen:

Erst Mitte des 16. Jahrhunderts gelangte die Kartoffel über Spanien und England nach Europa. 1565 erhielt der spanische König Philipp der zweite eine Kiste mit indianischen Produkten, in der auch einige Kartoffelknollen waren. Der Weg in die Kochtöpfe führte allerdings erst einmal über die Ziergärten verschiedener europäischen Höfe.

http://www.esskultur.net/lm/kartoffel.html

Nach einigen Quellen sollen die ersten Kartoffeln innerhalb Deutschlands in Bayern angebaut worden sein [1].

Der Anbau in großem Stil begann 1684 in Lancashire, 1716 in Sachsen, seit 1728 in Schottland und 1738 in Preußen und seit 1783 in Frankreich.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kartoffel

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Auch die Dreifelderwirtschaft ist natürlich keine Erfindung der Waldenser. – Aber zum Thema:
Selig, die arm sind vor Gott.
Das ist wirklich schwer verständlich, rein sprachlich, für den, der’s nicht gewohnt ist. Als Kinder haben wir darüber geblödelt (weil wir’s als „geistig minderbemittelt“ verstanden) – und keiner fand sich, uns das Wort zu erklären.

Dabei deutet’s uns der Herr selber:


Mt 6,19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo die Motten und der Rost sie fressen, und wo die Diebe nachgraben und stehlen. 20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder die Motten noch der Rost sie fressen, und wo die Diebe nicht nachgraben und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. 22 Das Auge ist des Leibes Leuchte. Wenn nun dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. 23 Wenn aber dein Auge verdorben ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein! 24 Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 25 Darum sage ich euch: Sorget euch nicht um euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?


Mt 19,21 Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!


Mitunter allerdings waren, die sich selber als pauperes spiritu sahen und sich darin gefielen und andere anklagten, eher schwarmgeistig denn armgeistig, zumal sie auch nicht zuendegelesen hatten:
Mc 10,29 Jesus antwortete ihm und sprach: Wahrlich, ich sage euch, es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen hat, 30 der nicht hundertfältig empfinge, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker, unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Weltzeit ewiges Leben.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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overkott
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Beitrag von overkott »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:Mitunter allerdings waren, die sich selber als pauperes spiritu sahen und sich darin gefielen und andere anklagten, eher schwarmgeistig denn armgeistig, zumal sie auch nicht zuendegelesen hatten:
Mc 10,29 Jesus antwortete ihm und sprach: Wahrlich, ich sage euch, es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen hat, 30 der nicht hundertfältig empfinge, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker, unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Weltzeit ewiges Leben.
So beschränkten sie sich zunächst auf das "jeter l'argent par les fenêtres".

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overkott
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Beitrag von overkott »

Der hl. Bonaventura, der besitzmäßig sein Studentenleben bei den Franziskanern fortsetzte, brachte in die Diskussion Maß und Mitte.

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berku
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Beitrag von berku »

... lest Benedikts Buch ( Jesus ) Seite 104 ff - da ists gut erklärt.
Grüße von Berku!

Lest Matthäus 5 - 7

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berku
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Re: Waldenser

Beitrag von berku »

sofaklecks hat geschrieben:Hier in der Gegend gibt es Dörfer mit sehr seltsamen Namen: Pinache, Serres oder Corres. Das sind Waldenserdörfer, die bis heute ihre Tradition pflegen. Auf ihre Gräbern findet man bis heute in der Mehrzahl Grabsteine mit ihrem Leitsatz "Lux lucet in tenebris." Wir verdanken ihnen den Durchbruch beim Kartoffelanbau und damit das Ende der Hungersnöte und die Dreifelderwirtschaft. Wen es interessiert:

http://www.palmbach.org/walden2.htm

sofaklecks
He Sofakleks,

du scheinst relativ nahe an meiner Gegend zu wohnen - ich kenne die von Dir genannten Dörflein recht gut; vergessen hast Du Perouse.

Gruß!
Grüße von Berku!

Lest Matthäus 5 - 7

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overkott
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Beitrag von overkott »

berku hat geschrieben:... lest Benedikts Buch ( Jesus ) Seite 104 ff - da ists gut erklärt.
Jetzt aber noch nichts verraten...

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incarnata
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Beitrag von incarnata »

Bin noch nicht so weit in dem Buch.da ich durch zu viel Kreuzgang-Surfen zu
wenig zum Beni-Lesen komme.
Ich denke,daß ein schlichter Kinderglaube oder geistige Minderbemitteltheit
unmittelbar zur Seligkeit führen ist direkt einsichtig,da hier eine natürliche
humilitas vorliegt verbunden mit der Unfähigkeit zu persönlicher schwerer Sünde.
Für alle aber,die sich ihres Verstandes bedienen können bedeutet das arm sein
im Geiste sich immer wieder bewußt zu werden,daß letztlich alles im Leben,
auch das "Selbst Erarbeitete" Geschenk ist und frei zu werden von der Anhänglichkeit sowohl gegen materielle Dinge als auch der an die eigenen
geistigen Steckenpferde und den Ruhm ,der aus eigener Leistung oder auch
guten Taten bezogen wird.Da dies de facto im Alltag sehr schwer ist werden
die meisten von uns durch die Gebrechlichkeiten des Alters letztlich im Leiden
zu solcher Erkenntnis gezwungen.Die es vorher schaffen mit Hilfe des Hl.Geistes
wahrhaft arm im Geiste zu werden-eben vor Gott arm und immer empfangend
erzielen dadurch auch eine große Freiheit gegenüber allen Widrigkeiten
des Lebens,die dann selbst als bereichernd begriffen werden können.
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende
Licht aus der Höhe.......(Lk1,76)

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Mariamante
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Re: Beati pauperes spiritu

Beitrag von Mariamante »

overkott hat geschrieben:Selig, die im Geiste Armen. So begegnet uns dieses Wort aus der Bergpredigt heute noch in Asterixheften. Heute wird Mt 5,3 übersetzt: Selig, die arm sind vor Gott.
Arm vor Gott sein bedeutet m.E. jene Haltung, in welcher der Mensch erkennt, dass er die Gnade Gottes braucht und nicht selbst Maß aller Dinge ist.
Gelobt sei Jesus Christus

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overkott
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Re: Beati pauperes spiritu

Beitrag von overkott »

Mariamante hat geschrieben:
overkott hat geschrieben:Selig, die im Geiste Armen. So begegnet uns dieses Wort aus der Bergpredigt heute noch in Asterixheften. Heute wird Mt 5,3 übersetzt: Selig, die arm sind vor Gott.
Arm vor Gott sein bedeutet m.E. jene Haltung, in welcher der Mensch erkennt, dass er die Gnade Gottes braucht und nicht selbst Maß aller Dinge ist.
Das ist docta ignorantia und geistige Armut, die selig macht.

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Die Armut im Geiste bedeutet, nicht dem
Mammon dienstbar zu sein. Siehe oben.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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overkott
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Beitrag von overkott »

Bemerkenswert ist, dass der lateinische Text nicht auf mens, ratio oder animus lautet.

Nur, warum der Ablativ?

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Der Ablativ ist instrumental gebraucht. Wie auch der Dativ des griechischen Originals.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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overkott
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Beitrag von overkott »

Er antwortet also auf die Frage "Womit?", "Wodurch?"

Selig also, die durch den Geist arm sind?

Sicher ist ein Hinweis, dass die Präposition fehlt.

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overkott
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Beitrag von overkott »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:Mc 10,29 Jesus antwortete ihm und sprach: Wahrlich, ich sage euch, es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen hat, 30 der nicht hundertfältig empfinge, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker, unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Weltzeit ewiges Leben.
Diese Stelle scheint mir für den Armutsstreit besonders wichtig. Um das Mittelalter zu verstehen, muss man natürlich auch in deren Übersetzung gucken:

10:30
qui non accipiat centies tantum nunc in tempore hoc domos et fratres et sorores et matres et filios et agros cum persecutionibus et in saeculo futuro vitam aeternam

Die pauperes spiritu durften also doch Häuser und Felder besitzen.

Die besonders strengen Franziskaner wollten jedoch im Vollkommenheitsstreben Jesus selbst nachahmen.

Bonaventura weitete den Blick der Franziskaner auf die ganze heilige Schrift. Gleichzeitig griff er nicht nur aktuelle theologische Themen auf, sondern setzte gewissermaßen auch Gegengewichte. Das Thema Sechstagewerk ist jedenfalls ein deutliches Gegengewicht zu dem großen Interesse im Orden an der Geheimen Offenbarung des Johannes. Zwar integrierte Bonaventura auch die emotionalen Strömungen im Orden, gab jedoch der intellektuellen, theologischen Auseinandersetzung den Vorrang.

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