Markus Langemann hat geschrieben:Niemand von uns hat je den Ausbildungsnachweis des Piloten gesehen, der uns nach Mallorca fliegt. Wir kennen seinen Namen nicht, seinen Blutdruck nicht, seinen Blutalkohol nicht. Wir schnallen uns an, bestellen einen Drink und vertrauen darauf, dass der Mann vorne links weiß, was er tut, und dass er die Maschine wieder auf die Landebahn setzt und nicht daneben. Das ist Vertrauen: Wir geben etwas her, bevor wir wissen, ob es sich lohnt.
So fängt jedes Leben an. Ein Säugling kann nichts. Er kann nicht gehen, nicht stehen, nicht sprechen, er kennt keine einzige Regel dieser Welt. Er hat nur eines: eine Mutter, die kommt, wenn er schreit. Der Psychoanalytiker Erik Erikson hat dafür in den fünfziger Jahren das Wort vom Urvertrauen geprägt. Es entsteht im ersten Lebensjahr, oder es entsteht nie. Wer als Kind gelernt hat, dass jemand zuverlässig kommt, geht später anders in die Welt als einer, bei dem niemand kam. Jedes andere Vertrauen des Lebens ist nur eine Fortschreibung dieser ersten Erfahrung.
Dann kommt die erste Lehrerin. Sie steht an der Tafel, und ein Sechsjähriger hat keine Möglichkeit zu prüfen, ob drei mal drei wirklich neun ergibt. Er glaubt es ihr. Später schließt er die Ehe, und die ist nichts anderes als ein gegenseitiger Vertrauensvorschuss auf Lebenszeit, ohne Sicherheiten, ohne Bürgen, ohne Rückgaberecht. Dass dieser Vorschuss heute öfter platzt als früher, steht auf einem anderen Blatt. Am Prinzip ändert es nichts. Man lässt sich aufeinander ein, und man vertraut darauf, nicht hintergangen zu werden.
Der Soziologe Niklas Luhmann hat das nüchtern beschrieben: Vertrauen ist eine riskante Vorleistung. Wer vertraut, nimmt die Zukunft vorweg, als wäre sie schon sicher. Und er tut das, weil er sonst gar nicht handeln könnte. Wer jedem Piloten erst ins Logbuch schauen wollte, käme nie in die Luft. Wer jeden Satz seiner Lehrerin nachrechnen müsste, lernte nie rechnen. Vertrauen ist der Kredit, mit dem eine Gesellschaft überhaupt erst arbeitsfähig wird. Und wie jeder Kredit wird er fällig.
Die Menschheit weiß das seit ihren ersten Büchern. In der Ilias, dem ältesten Epos Europas, gibt es eine Szene, die man in Berlin heute lesen sollte. Griechen und Troer haben einen Waffenstillstand beschworen. Zwei Männer sollen den Krieg im Zweikampf entscheiden, alle anderen stehen still. Da spannt der Troer Pandaros den Bogen und schießt auf Menelaos. Ein einziger Pfeil, ein gebrochener Eid, und zehn Jahre Krieg nehmen ihren Lauf. Homer wusste:
Nicht der Krieg selbst ist das Schlimmste. Das Schlimmste ist der Augenblick, in dem das gegebene Wort nichts mehr gilt.
Danach kann kein Vertrag mehr halten, weil niemand mehr weiß, was ein Vertrag ist.
Die Griechen nach Homer haben das Problem nicht gelöst, aber sie haben es benannt. Diogenes von Sinope, der Mann in der Tonne, lief am helllichten Tag mit einer brennenden Laterne über den Markt von Athen. Gefragt, was er suche, antwortete er: einen Menschen. Er meinte einen aufrichtigen. Er fand keinen. Als man ihn fragte, was das Schönste unter den Menschen sei, sagte er: der Freimut, die Parrhesia, das Reden ohne Rücksicht. Sie sehen, der Club der klaren Worte hat einen alten Schutzpatron.
Platon beschreibt im achten und neunten Buch seiner Politeia, wie der Tyrann lebt. Nicht in Pracht. In Angst. Er ist der Einzige in der Stadt, der niemandem vertrauen kann, weil er selbst niemandem Anlass gegeben hat, ihm zu vertrauen. Er umgibt sich mit einer Leibwache aus gekauften Leuten und kann kein Fest besuchen, ohne sich umzudrehen. Der Misstrauischste, sagt Platon, ist immer der, dem am wenigsten vertraut wird. Man mag daran denken, wenn ein Kanzler seine eigene Fraktion nicht mehr im Griff hat.
Aristoteles wiederum hat ein Wort hinterlassen, das man auf der Zunge zergehen lassen sollte. Das griechische Wort pistis bedeutet zugleich Vertrauen und Beweis. Für die Griechen war ein Redner, dem man nicht vertraut, kein Redner. Aristoteles nennt in seiner Rhetorik den Charakter des Sprechers das wirksamste aller Überzeugungsmittel. Nicht das Argument. Nicht die Zahl. Den Charakter. Wer den einmal verspielt hat, kann rechnen, so viel er will.
Der Chinese Konfuzius, ein Zeitgenosse der Vorsokratiker, wurde von seinem Schüler Zigong gefragt, was ein Staat brauche. Drei Dinge, sagte der Meister: genug zu essen, genug Waffen und das Vertrauen des Volkes. Und wenn man auf eines verzichten müsste? Auf die Waffen. Und auf ein zweites? Auf das Essen. Denn gestorben werde seit jeher, aber ohne das Vertrauen des Volkes könne kein Staat bestehen. Fünfhundert Milliarden für Rüstung und Infrastruktur sind schnell beschlossen. Das dritte Gut ist nicht zu kaufen.
Die Bibel hat zum Vertrauen eine klare Haltung, und sie ist für die Regierenden nicht schmeichelhaft. Verlasset euch nicht auf Fürsten, heißt es im 146. Psalm, sie sind Menschen, die können ja nicht helfen. Der Prophet Jeremia legt nach: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt. Gesegnet ist, wer sich auf den Herrn verlässt. Das ist das Gottvertrauen, und es ist etwas ganz anderes als das Vertrauen in einen Piloten. Der Pilot kann versagen. Das Gottvertrauen richtet sich gerade auf das, was nicht versagen kann. Der Hebräerbrief nennt den Glauben eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Wer in dieser Woche nach Berlin blickt, sieht sehr viel und hofft sehr wenig.
Auch das Neue Testament kennt den Vertrauensbruch, und zwar den der Nächsten. Petrus, der Fels, verleugnet seinen Herrn dreimal in einer Nacht, ehe der Hahn kräht. Judas verkauft ihn für dreißig Silberlinge. Und in der Bergpredigt steht die kürzeste Regierungserklärung, die je verfasst wurde:
Eure Rede sei Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.
Man lese den Koalitionsvertrag vom 5. Mai 2025 mit diesem Maßstab.
Unsere eigenen Klassiker haben das Thema in Verse gefasst, die jedes Schulkind früher kannte. Goethes Faust hört in der Osternacht die Glocken und sagt: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Das ist, in sieben Wörtern, die Lage der Bundesbürger im September 2026. Sie hören von einem Herbst der Reformen, von der Wende in der Migrationspolitik, von Aufbruch und Verantwortung. Sie hören es wohl. Allein.
Nietzsche schließlich hat in Jenseits von Gut und Böse den Satz geschrieben, der die Sache besser trifft als jede Umfrage: Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube, hat mich erschüttert. Genau das ist der Punkt, an dem wir stehen. Nicht die einzelne Lüge zerstört das Vertrauen. Es ist der Moment, in dem man aufhört, überhaupt noch zuzuhören. Und Nietzsche lässt Zarathustra über den Staat sagen, er sei das kälteste aller kalten Ungeheuer, kalt lüge er auch, und diese Lüge krieche aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk. Der Staat ist nicht das Volk. Der Kanzler schon gar nicht.
John Locke, der Vater des modernen Verfassungsdenkens, hat für die Regierungsgewalt ein Wort gewählt, das in seiner Sprache nichts anderes heißt als Vertrauen. Trust. Die Regierung übt ihre Macht nur als Treuhänderin aus, schreibt er in den zwei Abhandlungen über die Regierung, und wenn sie gegen das ihr anvertraute Gut handelt, fällt die Macht an das Volk zurück. Das ist kein revolutionärer Gedanke. Es ist die Grundlage jeder Demokratie. Regierungsmacht ist geliehen. Sie gehört nicht dem, der sie hält.
Genau darum steht im Grundgesetz der Artikel 68. Er heißt nicht Machtfrage und nicht Mehrheitsfrage. Er heißt Vertrauensfrage. Fünf Kanzler haben sie vor Friedrich Merz gestellt, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder, zuletzt Olaf Scholz im Dezember 2024. Sie alle wussten, was Locke wusste: Wer sein Mandat nur noch aus Gewohnheit hält, hat es schon verloren. Er weiß es nur noch nicht.
Und damit zu dem Mann, um den es geht. Friedrich Merz war von der ersten Stunde an ein Kanzler zweiter Wahl. Das ist keine Beleidigung, das ist Protokoll. Am 6. Mai 2025 fiel er im ersten Wahlgang durch, als erster Kanzlerkandidat in der Geschichte der Bundesrepublik. 310 Stimmen bei 316 nötigen. Achtzehn Abgeordnete seiner eigenen Koalition haben ihm an diesem Morgen das Vertrauen verweigert, bevor er einen einzigen Tag im Amt war. Wie geht es den 18 wohl jetzt? Erst der zweite Wahlgang trug ihn ins Kanzleramt. Man muss das in der Sprache des Sports sagen, damit es jeder versteht: Er hat den Aufstieg nicht sportlich geschafft, er kam über die Relegation. Und wer sich seitdem seine Tabelle anschaut, weiß, dass es nicht die Bundesliga ist, in der dieser Mann spielt.
Dann kam der Wortbruch, und er kam nicht als Ausrutscher, sondern als Regierungsprogramm. Im Wahlkampf versprach Merz, die Schuldenbremse zu halten und keine neuen Schulden zu machen. Vier Wochen nach der Wahl ließ er mit dem abgewählten Bundestag, den er dafür noch einmal zusammentrommelte, das größte Schuldenpaket der deutschen Geschichte beschließen. Er versprach, die Stromsteuer für alle zu senken, und senkte sie für die Industrie. Ein Wähler kann eine unpopuläre Entscheidung ertragen. Was er nicht erträgt, ist, dass das Ja von gestern das Nein von heute ist. Eure Rede sei Ja, ja, nein, nein. Bei Merz ist sie Ja, nein, je nachdem.
Das Ergebnis liegt seit Freitag auf dem Tisch. INSA hat für die BILD-Zeitung 1.003 Bundesbürger gefragt, ob Friedrich Merz noch der richtige Bundeskanzler sei. 14 Prozent sagen Ja. 78 Prozent sagen Nein. 86 von 100 Deutschen können also die Frage, ob dieser Mann noch ihr Kanzler sein soll, nicht mehr mit Ja beantworten. Selbst unter den Wählern von CDU und CSU sagt eine Mehrheit von 58 Prozent Nein. Das ist kein Umfragetief. Das ist ein Abschied.
Man wird einwenden, ein Kanzler stelle sein Amt nicht wegen einer Umfrage in Frage. Richtig. Das soll er auch nicht. Er soll es in Frage stellen, weil ihm seine eigene Partei die Gefolgschaft aufkündigt, und das tut sie in diesen Tagen ohne jede Rücksicht. In Sachsen-Anhalt hat die CDU vergangenen Sonntag 17,2 Prozent geholt, das schlechteste Ergebnis, das sie in diesem Land je hatte, die AfD kam auf 43,8 Prozent. Am kommenden Sonntag wählt Mecklenburg-Vorpommern, und sämtliche Institute sehen die CDU zwischen sechs und acht Prozent, in Sichtweite der Fünf-Prozent-Hürde. Die Partei Adenauers und Kohls zittert in einem deutschen Bundesland um den Einzug in den Landtag. Der stellvertretende Landesvorsitzende dort, Tino Schomann, hat es so formuliert: Er muss runter vom Sessel, und da muss ein anderer rauf. Merz’ Auftritt nach der Wahl sei grottig und nicht aufrichtig gewesen, es fehle ihm an Empathie, und er habe handwerkliche Fehler begangen, die eines Kanzlers nicht würdig seien. Sächsische Kreisvorsitzende schreiben in einem offenen Brief, sie verlangten eine schonungslose Analyse und einen neuen Aufbruch. Der sächsische Abgeordnete Florian Oest fragt öffentlich, ob die CDU überhaupt noch eine Volkspartei ist. Der Chef des Arbeitnehmerflügels, Dennis Radtke, erklärt den Kurs für gescheitert. Das sind keine Gegner. Das ist die eigene Mannschaft.
Und der Parteivorsitzende, der in Personalunion Bundeskanzler ist? Er hält fest. Woran, weiß niemand. Nach diesen Zahlen dürfte Friedrich Merz eigentlich nur noch an einem Tapeziertisch in einer kreisfreien Stadt stehen, unter einem Schirmchen mit CDU-Logo, und Kugelschreiber an Passanten verteilen, die den Kopf schütteln. Für mehr reicht das Vertrauen nicht mehr. Bertolt Brecht hat nach dem 17. Juni 1953 geschrieben, es wäre da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes. Genau das scheint der Plan im Kanzleramt zu sein. Das Volk ist nur nicht bereit, sich auflösen zu lassen.
Deshalb ist es höchste Zeit. Nicht für eine weitere Kabinettsklausur, nicht für eine neue Erzählung, wie die Berater das nennen. Für die Vertrauensfrage. Artikel 68 ist genau für diese Lage geschrieben worden. Ein Kanzler, dem 86 von 100 Bürgern das Vertrauen nicht mehr aussprechen, dem die eigenen Landesverbände den Rücktritt nahelegen und dessen Partei in einem Bundesland um fünf Prozent kämpft, hat nur noch eine würdige Handlung vor sich: Er tritt vor den Bundestag und fragt, ob das Parlament ihm noch vertraut. Hat er die Mehrheit, kann er regieren. Hat er sie nicht, wissen es alle, und niemand muss mehr so tun, als hätte er sie. Wer diesen Schritt scheut, gibt zu, dass er die Antwort kennt.
Denn die Vertrauensfrage ist am Ende eine Frage der Integrität. Nicht die Umfrage stellt sie. Der Mann muss sie sich selbst stellen. Fides: dass geschieht, was gesagt wurde. Ein Kanzler, der seine zentralen Zusagen binnen Wochen kassiert hat, hat das Vertrauen der Bürger, die ihm ihre Stimme gegeben haben, nicht enttäuscht. Er hat es missbraucht. Das ist der Unterschied zwischen einem, der scheitert, und einem, der fertig hat.
Womit wir bei Giovanni Trapattoni wären. Am 10. März 1998 trat der Trainer des FC Bayern vor die Presse und rechnete in gebrochenem Deutsch mit seinen Spielern ab, dreieinhalb Minuten, die in die Geschichte eingingen. Er endete mit drei Wörtern: Ich habe fertig. Es wäre der ehrlichste Satz, den Friedrich Merz in seiner Amtszeit sagen könnte. Er müsste sich nur hinstellen, in die Kameras schauen und sagen:
Liebes Deutschland, ich habe fertig.
Er wird es nicht tun. Also tue ich es und gehe eine Wette ein, hier, vor Ihnen allen, mit Datum: Friedrich Merz wird seine Geschenke in diesem Jahr nicht mehr als Bundeskanzler unter dem Weihnachtsbaum auspacken. Ob das Christkind ihm nach dieser Vorstellung überhaupt noch etwas bringt, ist eine Frage, die ich lieber der himmlischen Zuständigkeit überlasse. Auf die Fürsten, sagt der Psalm, soll man sich nicht verlassen. Auf diese Wette schon.