Gefühle zeigen?

Aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft, Weltgeschehen.
Benutzeravatar
pierre10
cum angelis psallat Domino
Beiträge: 2297
Registriert: Sonntag 4. September 2005, 06:23

Gefühle zeigen?

Beitrag von pierre10 »

Es scheint vielen Menschen schwer zu fallen, auch nur in engen Grenzen ihre Gefühle zu zeigen. Auffallend ist das vor allem bei (Ehe)-Partnern in der Öffentlichkeit. Sicher sind hier nicht ostentative, überschwängliche Liebesbezeugungen gemeint, eher der liebevolle Respekt dem anderen gegenüber.

Warum sieht man so viele eher gleichgültig wirkende, ja manchmal sich streitende Paare?

Warum ist das Lächeln für den anderen oft mehr als Mangelware?

Haben Menschen Angst, ihre Gefühle, auch die dem Partner gegenüber zu zeigen?

Sind die Mehrzahl der Menschen, auch Ältere eher unglücklich?

Sind kleine zärtliche Gesten denn wirklich nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit erlaubt?

Pierre, für den solche kleinen Aufmerksamkeiten, selbst zu geben oder zu erhalten wichtig sind.
Grenzen im Kopf sind sehr hinderlich

Berserk

Beitrag von Berserk »

nunja, viele menschen haben nicht mal nen partner..obwohl sie sich danach sehnen.....

Dadurch erkaltet das Herz, und man kann gefühle nur noch bei den menschen zeigen, die einem verdammt wichtig sind.

Benutzeravatar
pierre10
cum angelis psallat Domino
Beiträge: 2297
Registriert: Sonntag 4. September 2005, 06:23

Beitrag von pierre10 »

Geschichte zum Thema Lächeln

Es muss 1982 gewesen sein, da ich auf einer Geschäftsreise in Venedig ein Erlebnis hatte, das zunächst ganz harmlos war, später jedoch bedeutsamer wurde.

Es war Hochsommer, Anfang Juli, die Sonne schien auch abends noch warm, die Stadt war voller Menschen und der Markusplatz überlaufen von Touristen, die vom Strand kamen, sich die Füße müde gelaufen hatten und nun in ihre Quartiere zurück gingen. Zum Abendessen war es noch zu früh, so genoss ich die Stimmung von San Marco, saß wie so oft im Straßencafé und beobachtete die Menschen, die an mir vorbei gingen.

Irgend etwas aber war für mich an diesem Abend nicht richtig. Nach einigem Überlegen und in mich hinein horchen fand ich den Grund: Bei den vielem Menschen, die ich sah, fand ich kaum ein freundliches Gesicht, nein, besser gesagt, ich fand kein Lächeln, keinen Ausdruck von Freude. Das war wie ein Schock, denn ich selbst befand mich ein einer Hochstimmung, an einem wundervollen Ort und dann umgeben von Menschen ohne Freude!

Was ist Freude? Als ich in diesem Café mich selbst mit dieser Frage konfrontierte, war ich erstaunt, dass ich mir noch nie wirklich Gedanken darüber machte. Sicher ist Freude eine Emotion, ein Gefühl, ein Empfinden, das wir immer dann haben, wenn wir uns wohl fühlen in uns selbst, in unserem Umfeld, im Beruf usw.

Warum also zeigten die Menschen auf diesem herrlichen Platz und an einem prachtvollen, heitern Abend keine Freude?

Warum sah ich auf den Gesichtern mehr Verdruss, Bitterkeit, Gleichgültigkeit und auch Langeweile?

Wo kommt Freude eigentlich her? Bin ich mit meiner Suche nach Freude, nach positivem Empfinden von Situationen, von anderen Menschen abhängig, die mir Freude bringen oder bereiten? Kann ich mir selbst Freude schaffen? Habe ich die Möglichkeit, vielleicht sogar die Aufgabe, mir selbst Freude zu bereiten?

Viele Antworten auf diese Fragen sind mir erst viel später gekommen, an diesem Abend war ich nur überrascht, dass mich diese unzufriedenen Menschen, die da am mir vorbei gingen, auf solch philosophische Gedanken brachten.

Nun aber war ich neugierig, gab es auf diesem Platz und unter diesen vielem Leuten wirklich niemand, der froh und glücklich war?

Auf einmal hörte ich Lachen! Es war fast obszön, in dieser Stimmung ein fröhliches Lachen zu hören. Ich reckte mich und versuchte, die "Quelle" dieser Fröhlichkeit zu finden.
Etwa ein Dutzend Tische weiter sah ich ein junges Paar, das sich fröhlich lachend unterhielt. Ich lehnte mich wieder zurück, die Welt war nun wieder in Ordnung, es gab also doch noch Freude auf diesem Platz.

Diese Geschichte könnte hier enden, wenn nicht meine Spontaneität wäre. Denn als ich weiter bummelte, kam ich an dem Tisch der "Lachenden Menschen" vorbei. Da stellte es sich heraus, dass es kein Paar, sondern 2 junge Frauen waren, die sich immer noch freundlich und lachend unterhielten

So konnte ich mich nicht zurückhalten und sagte:
"Sie scheinen die einzigen fröhlichen Menschen hier auf dem Markusplatz zu sein! Danke schön!"
und ging weiter. Ich nutzte diesen schönen Abend zu einem ausgiebigen Bummel durch die schmalen Gassen, voller Menschen, Läden, Geräuschen und Gerüchen. Diesmal konnte ich trockenen Fußes durch die Stadt, bei meinem letzten Besuch war Venedig überschwemmt und ich konnte nur auf schmalen Stegen balancieren.
Denn diese Stadt wird mit schlimmer Regelmäßigkeit überschwemmt, immer dann, wenn der Ostwind die Wassermassen der Adria in die Bucht von Venedig drückt.

Langsam begannen die Läden zu schließen, ich wende mich wieder dem Markus-Platz zu um unter der Vielzahl der kleinen und größeren Restaurants mir eines zum Abendessen auszusuchen. Es sollte anders kommen, denn kaum auf dem Markusplatz zurück, auf dem es selbst kaum Restaurants gibt, kommen mir diese beiden „lächelnden“ Frauen entgegen.
" Sie hatten völlig recht, uns war nicht aufgefallen, wie wenig Menschen in dieser Stadt Freude ausstrahlen" sagte die eine der Beiden. "Erst nach Ihrer Bemerkung wurden wir aufmerksam und haben uns die gleichen Fragen gestellt wie Sie".

Die beiden waren so zwischen 28 und ca. 32 Jahre alt, die eine, mit ganz kurzen Haaren, Schweizerin aber in den USA lebend war eher schweigsam und hörte nur aufmerksam zu. Die andere, etwas älter, war Deutsche und arbeitete in einem medizinisch-technischen Beruf in einer Schweizer Klinik. Das alles erfuhr ich beim Essen, das wir in einem kleinen Restaurant gemeinsam einnahmen. Logisch, mir waren die Beiden aufgefallen, weil sie lachten und lustig waren, so wurde der Abend kurzweilig, beide erzählten aus ihrem Leben, von der großen Reise, die sie nach Griechenland und Italien führte und die nun bald zu Ende ging.

Gemeinsam ging es zurück zum Parkhaus, Adressen wurden getauscht, ich lud beide ein, meine Frau und mich im Elsass zu besuchen und bedankte mich für das Lachen und den unterhaltsamen Abend.

Wieder zu hause, erzählte ich von meinen Eindrücken und schilderte lebhaft diesen Abend in Venedig. Denn mir war so sehr bewusst geworden, wie wenig die Menschen sich freuen können, vor allem über einfache Dinge, die einfach da sind und nicht erst mühsam erworben werden müssen.

Pierre
Grenzen im Kopf sind sehr hinderlich

Antworten Vorheriges ThemaNächstes Thema