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Das Drama der eigenen Erwartungen

Verfasst: Freitag 9. Februar 2007, 17:03
von pierre10
Fast alle Entscheidungen, im Beruf, bei der Partnerwahl usw, fällen wir je nach dem, ob unsere Erwartungen erfüllt werden (können) oder nicht. Wobei wir oft nicht abwarten, sondern im voraus Entscheiden. Das aber führt zu vielen Fehlentscheidungen auf allen Ebenen.

Mehr als 40 Jahre befasse ich mich mit der Erforschung des Verhaltens der unterschiedlichen Charaktere und es scheint ganz klar, dass wir unsere eigenen Erwartungen an den anderen überbewerten. Wir schätzen den anderen nicht wirklich ein sondern nutzen als Vergleichsobjekt unsere eigenen Einstellungen. Und das muss zu Problemen führen.

Daher kommt auch die irrige Einstellung bei der Partnerwahl, nur der/die eine kann es sein. Sind wir bereit, unsere Erwartungen hintanzulassen, uns von den schönen Seiten des anderen (jeder Mensch hat schöne Seiten, auch wenn manche sie gut zu verstecken wissen ) faszinieren zu lassen, dann wird unsere Auswahl größer, Enttäuschungen seltener und das Leben mit ihm oder ihr leichter.

Das gilt für fast alle Situationen im Leben. Denn eigene Erfahrungen decken sich meist nicht mit den Erwartungen, so entsteht Frust und neue Erwartungen, die dann immer schwerer von anderen zu erfüllen sind.

Pierre

Re: Das Drama der eigenen Erwartungen

Verfasst: Freitag 9. Februar 2007, 17:20
von Edi
Pierre hat geschrieben:Mehr als 40 Jahre befasse ich mich mit der Erforschung des Verhaltens der unterschiedlichen Charaktere und es scheint ganz klar, dass wir unsere eigenen Erwartungen an den anderen überbewerten. Wir schätzen den anderen nicht wirklich ein sondern nutzen als Vergleichsobjekt unsere eigenen Einstellungen. Und das muss zu Problemen führen.
So ist es. Jeder geht eben erstmal von sich selber aus.
Zum andern hat man auch nicht oft die Möglichkeit jemand in ganz kurzer Zeit gut kennenzulernen und lernt eben Menschen auch oft erst dann richtig kennen, wenn es zu Schwierigkeiten kommt. Dann zeigt sich, wie sich jemand verhält.

Jaques Lacan

Verfasst: Freitag 9. Februar 2007, 18:23
von sofaklecks
Wer von Euch hat sich schon mal mit Jaques Lacan beschäftigt?

Ich bin auf ihn über einen Film gestossen, in dem eine seiner Erkenntnisse am Rande referiert wurde.

Seine Ideen sind schwer verständlich, weil er eine eigene Sprache pflegt. Sie sind nicht in einem grundlegenden Buch zusammengefasst, sondern über viele Quellen verstreut.

Zwei Dinge haben mich überzeugt:

Zum einen die Umsetzung einer Erkenntnis, die die Psychologen schon vorher hatten, die er aber entscheidend vertieft hat, die Lehre vom Spiegelstadium des Menschen, in dem er sich selbst erkennt und seine Bejahung durch die Mutter. Diesem ersten Erfolgserlebnis rennen wir auf der Suche nach Anerkennung immer neu hinterher.

Das zweite ist das, was der Weise Tschuang Tse schon vierhundert Jahre vor Christus erkannt hat: Die Schlucht der Wünsche ist nicht aufzufüllen. Lacan untersucht das Verhältnis zwischen dem Erstreben und dem Erstrebten und kommt zu dem Ergebnis, dass das Erreichen des Ziels nur eines zur Folge haben kann: Eine grenzenlose Enttäuschung.

Wen es interessiert:

http://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Lacan

So ist es mit unseren Partnern: Wir suchen sie aus nach dem Ziel, anerkannt zu werden. Und sind dann enttäuscht, dass das nicht die grosse Explosion auslöst. In den meisten Fällen jedenfalls nicht.

sofaklecks

PS: Lacan zog ebensowenig die Lehren aus seinen Erkenntnissen für sein Leben wie andere. Weiser vom Berg, tät die Dame meines Herzens sagen.

Re: Das Drama der eigenen Erwartungen

Verfasst: Samstag 10. Februar 2007, 21:49
von Kurt
Pierre hat geschrieben:Das gilt für fast alle Situationen im Leben. Denn eigene Erfahrungen decken sich meist nicht mit den Erwartungen, so entsteht Frust und neue Erwartungen, die dann immer schwerer von anderen zu erfüllen sind.
Eigentlich hätte ich bei Deiner Überschrift etwas anderes erwartet ;)

Spaß beiseite. Ich glaube eher, dass es ein Problem ist, wenn die Erwartungen an etwas zu hoch sind. Vielleicht ist es hilfreich, und nebenbei christlich, nichts oder nur ganz wenig zu erwarten. Das setzt allerdings voraus, dass man ein Kompensat hat, welches z.B. Gott sein kann.

Verfasst: Samstag 10. Februar 2007, 23:25
von Linus
Mh.Also meinem Eheweib und mir war klar, dass es auch ein anderer Partner sein könnte, wir haben auch ordentlich abgewogen, (über 2 Jahre verlobungszeit, ein jahr davor als Paar) die Frage ob wir zusammen gehen, war vor allem von Themen wie "Familienkultur", Herkunft,(sie bäuerlich ländlich, ich kleinbürgerlich städtisch) tradierte Werte (Großclan vs Kleinfamilie) geprägt. Ich hab ihr mal aufgetischt was ich alles nicht kann. Dennoch meinte sie, mit Gott kanns gehn. Inzwischen sinds fast drei Ehejahre.
Danke dir Herr!

Verfasst: Sonntag 11. Februar 2007, 08:36
von Maria Magdalena
Ich denke es ist nur ein Drama, wenn man vergißt, dass man selbst nicht perfekt ist. Denn wen ich selbst über meine Schwächen und Fehler weiß, kann ich auch meinen Mann so annehmen wie er ist. Und brauche diese Wunschvorstellung von Erwartungen nicht .

Verfasst: Sonntag 11. Februar 2007, 10:34
von pierre10
Maria Magdalena hat geschrieben:Ich denke es ist nur ein Drama, wenn man vergißt, dass man selbst nicht perfekt ist. Denn wen ich selbst über meine Schwächen und Fehler weiß, kann ich auch meinen Mann so annehmen wie er ist. Und brauche diese Wunschvorstellung von Erwartungen nicht .
Kluge Frau.....

liebe Grüße Pierre

Verfasst: Sonntag 11. Februar 2007, 11:15
von Kurt
Maria Magdalena hat geschrieben:Ich denke es ist nur ein Drama, wenn man vergißt, dass man selbst nicht perfekt ist. Denn wen ich selbst über meine Schwächen und Fehler weiß, kann ich auch meinen Mann so annehmen wie er ist. Und brauche diese Wunschvorstellung von Erwartungen nicht .
Das Bewußtsein der eigenen Schwächen und Fehler könnte aber auch als Ursache für allerhand Dramen benutzt werden. Vielleicht hilft es schon, an den eigenen Fehlern und Schwächen zu feilen, anstatt den Anderen nach eigenen Vorstellungen formen zu wollen.

Verfasst: Sonntag 11. Februar 2007, 18:30
von Maria Magdalena
@ Kurt

Genau, dies ist doch der Sinn. Denn es ist doch der reinste Unsinn sich seiner Schwächen und Fehlern bewußt zu sein und nichts zu tun.
Nur, wen du dir dieser bewußt bist und aus deinem Vermögen etwas dagegen tust bzw. selbst erkennst , daß es garnicht so einfach ist sie "abzulegen", kannst du auch anderes, aus diesem Blickpunkt, mit den "kleinen und grossen Macken" deines Mannes um gehen.

Verfasst: Montag 5. März 2007, 10:42
von overkott
Die Chance, in den Spiegel zu schauen und über uns nachzudenken, zu Beichten und Vergebung zu erfahren, Vergeben und an uns zu feilen, sollten wir in der Fastenzeit nicht verstreichen lassen.

Verfasst: Montag 5. März 2007, 12:34
von FioreGraz
Maria Magdalena hat geschrieben:Ich denke es ist nur ein Drama, wenn man vergißt, dass man selbst nicht perfekt ist. Denn wen ich selbst über meine Schwächen und Fehler weiß, kann ich auch meinen Mann so annehmen wie er ist. Und brauche diese Wunschvorstellung von Erwartungen nicht .
Ja das versuche ich meinem Schatz auch immer bezubringen. :roll:

LG
Fiore