Mitten im kalten Kriege …
Verfasst: Dienstag 28. November 2006, 22:40
Die transatlantischen Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur
in diesen Tagen. Der Leichnam der ermordeten russsischen Journalistin
Anna Politkowskaja – bekannt für ihre regierungsfeindliche Haltung – ist
erst wenige Wochen unter der Erde, da wird erneut ein russischer Regie-
rungsgegner umgebracht: der in London lebende Alexander Litwinenko.
Und diesmal noch spektakulärer: Der Mann wurde radioaktiv verseucht
und ging elend daran zugrunde. Den Schuldigen, so lesen wir in unserer
Presse, hat er noch selber benannt: Wladimir Putin war’s, der Präsident
der Russsichen Föderation, so tönt Litwinenkos „Abschiedsbrief“, und so
suggerieren es die Schlagzeilen der Presse, wie schon im Fall der Anna
Politkowskaja.
Eine finstere Verschwörung des russischen Geheimdiensts FSB auf Befehl
des Präsidenten – der ja selbst einst für die FSB tätig war –: klare Sache,
keine Frage, ganz wie in alten Zeiten. Der böse Russe geht um und liqui-
diert die armen, lieben Dissidenten.
So weit die Verschwörungstheoretiker. Kommen wir zu den Fakten. Eins
fällt als erstes auf: Beide Todesfälle waren hervorragend terminiert. Anna
Politkowskaja mußte vergangenen Oktober drei Tage vor Putins Besuch
bei Angela Merkel sterben. Im November untermalte Litwinenkos Agonie
das Gipfeltreffen Putins mit den Staats- und Regierungschefs der Europäi-
schen Union.
Diesmal waren die Umstände sogar noch spektakulärer, so daß maximale
öffentliche Aufmerksamkeit und Dauerpräsenz in den Medien garantiert
waren.
Damit können wir auf die klassische Kriminalistenfrage „cui bono – wem
zum Vorteil?“ bereits eine erste Antwort geben: gewiß nicht Rußland. Für
Rußland und seine Regierung bedeuten die Fälle Politkowskaja und Litwi-
nenko den größtmöglichen Schaden am Ansehen in der westlichen Öffent-
lichkeit und am Erfolg seiner diplomatischen Bemühungen in den aktuel-
len Problemfeldern.
Die Schuldigen sind also jedenfalls anderswo zu suchen. Wo, das ist in
Wahrheit noch völlig unklar. Aber sammeln wir ein paar Spuren. Über
den Mord an der Politkowskaja hieß es in Rußland gleich: Das war Ram-
san Kadyrow (der Sohn des ermordeten tschetschenischen Präsidenten
und jetzige starke Mann Tschetscheniens) – oder jemand, der will, daß
alle Welt Kadyrow für den Auftraggeber halte.
Denn kein anderer als Kadyrow war es, den Frau Politkowskaja seit lan-
gem mit aller Kraft und all ihrem Haß verfolgte. Ihn wollte sie zur Strecke
bringen. Kadyrow ist der Typ eines kaukasischen Potentaten, wie man ihn
in der Region oft, ja fast ausschließlich findet. Europäische – auch russi-
sche – Maßstäbe kann man hier nicht anlegen. Er herrscht im Innern nach
eigenen Regeln, nach außen steht er zur Russischen Föderation und damit
für Stabilität.
Allerdings gibt es keine Indizien, die auf eine Verwicklung Kadyrows hin-
deuten. Ebensowenig solche, die einen Mord zu dem Zweck nahelegten,
Kadyrow zu belasten. Statt dessen ergab sich vor einem Monat eine sibiri-
sche Fährte. Frau Politkowskaja hatte vor einiger Zeit durch ihre Enthül-
lungen zur Aufklärung der Verschleppung und Ermordung eines Tsche-
tschenen in Grosny beigetragen. Die Täter waren Polizisten einer Einheit,
die aus einem sibirischen autonomen Bezirk stammte und in Grosny sta-
tioniert war. Einer wurde gefaßt und inzwischen zu einer langjährigen
Zuchthausstrafe verurteilt, während die übrigen noch flüchtig sind. Man
vermutete also einen Racheakt aus Nischnewartowsk, dem Hauptort je-
nes autonomen Bezirks.
Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen dort verliefen bisher aber wohl
im Sande und erbrachten mehr Zweifel an dieser Spur denn erhärtende
Fakten. Mit andern Worten, der Fall Politkowskaja ist nach wie vor völlig
ungeklärt.
Von Alexander Litwinenko dagegen wissen wir noch nicht einmal, ob er
überhaupt ermordet wurde. Er wurde mit einem radioaktiven Isotop des
Poloniums kontaminiert, und zwar muß er es – vermutlich oral oder inha-
lativ – aufgenommen haben. Wie das geschehen sein kann, ist noch völlig
unklar. Man kann nicht so einfach Polonium schlucken – und schon gar
nicht, ohne es zu merken.
Möglicherweise ist die Inhalation von Poloniumhexafluorid die wahr-
scheinlichste Variante. Leider gibt es dazu bisher keine Aussagen von
Fachleuten. Nun ja, vermutlich möchte keiner probieren, wie Polonium-
hexafluorid riecht, wenn man es einatmet. Zunächst können wir jeden-
falls nicht mehr sagen, als daß Litwinenko auf unbekannten Wegen mit
radioaktivem Polonium kontaminiert wurde. Fremdverschulden kommt
dabei ebenso in Betracht wie absichtliches oder versehentliches Selbst-
veschulden.
Da man an mehreren Orten, an welchen Litwinenko am 1. November
angebliche Informanten traf, Spuren radioaktiven Materials gefunden hat,
scheint es, daß der Mann nicht etwa dort – wie die Presse weismachen
wollte – kontaminiert wurde, sondern daß er selbst gewissermaßen radio-
aktive Spuren hinterlassen hat. Wer herausfinden will, wie und wo die
Kontamination tatsächlich erfolgt ist, der sollte einmal Litwinenkos Itine-
rar in den Tagen vor dem 1. November rekonstruieren.
Auf der anderen Seite gilt es sich zu vergegenwärtigen, wer der Mann war.
Bis 1998 ein eher unbedeutender FSB-Offizier, trat er nach seiner Entlas-
sung mit der Behauptung ins Rampenlicht, die Führung der FSB habe ihn
beauftragt, den „Oligarchen“ Boris Beresowskij zu töten. Spätestens seit
dieser Zeit ist Litwinenko als Desinformationsagent für Beresowskij tätig.
Beweisen konnte Litwinenko diese wie auch spätere Räuberpistolen nie,
wurde aber zunächst im mehreren Prozessen in Moskau freigesprochen,
bevor er sich im Jahr 2000 einem weiteren Verfahren durch Flucht nach
London entzog. Dorthin setzte sich schließlich übrigens auch sein Auftrag-
geber Beresowskij ab, nachdem der neue russische Präsident Wladimir
Putin sich als den Oligarchen gegenüber nicht jelzin-artig willfährig erwie-
sen hatte und die Staatsanwaltschaft ungehindert gegen Beresowskijs Be-
trügereien und Geldwäsche ermitteln durfte.
Litwinenko betätigte sich unterdessen weiter als Desinformant, so durch
ein gemeinsam mit dem seit den siebziger Jahren in Amerika lebenden
Jurij Fälschtinskij veröffentlichtes Buch, welches die FSB bezichtigte, meh-
rere verheerende Attentate auf Wohnhäuser in Rußland selbst begangen
zu haben.
In Rußland wurden solche Geschichten nie ernstgenommen, erst recht
nicht, seit bekannt ist, daß Litwinenkos Auftraggeber Beresowskij die
terroristischen Separatisten im Kaukasusraum nachhaltig unterstützt und
teilweise finanziert hat.
Litwinenkos Hauptspielwiese war denn auch die mutmaßlich von Bere-
sowskij ausgehaltene terroristische Propagandaseite chechenpress.info.
Nicht umsonst lebte er in London in derselben Straße wie der ebenfalls
britische und Beresowskijs Gastfreundschaft genießende tschetschenische
Chefterrorist Achmed Sakajew.
Zu Beresowskijs Lakaien gehört auch Andrej Lugowoj, mit dem sich Lit-
winenko am 1. November in London traf; er diente früher in Beresowskijs
Moskauer Fernsehsender, um anschließend einen Beresowskijschen Propa-
gandasender in Georgien aufzubauen.
Alexander Goldfarb schließlich, der Litwinenko nach dessen Einlieferung
ins Londoner Krankenhaus von der Presse abschirmte und als dessen
Sprachrohr auftrat – er gab auch den angeblichen Abschiedsbrief bekannt,
den er nach Litwinenkos Diktat geschrieben haben will –, leitet heute die
von Beresowskij gegründete „Stiftung für bürgerliche Freiheiten“, die vor
allem institutionelle Gelder in die politische Subversion in Rußland pumpt.
Er war bereits in den siebziger Jahren nach Israel ausgewandert und über
Deutschland nach Amerika weitergezogen. Anfang der neunziger Jahre
übernahm er in Moskau die Leitung der dortigen politischen Stiftung von
Georg Soros, seit 1995 steht er zudem in Beresowskijs Dienst.
So weit die Einblicke in Boris Beresowskijs Netzwerk. – Klar ist, daß das
Resultat von Litwinenkos spektakulärem Tod im sehr zupaß kommt: Der
Ansehensverlust und der diplomatische Schaden, den die russische Regie-
rung davonträgt, entspricht seinen Zielen. Nicht umsonst hat er eigens
eine PR-Agentur engagiert, die den Fall Litwinenko vermarktete und der
Presse die fetten Schlagzeilen gegen Rußland und Putin vorgefertigt ser-
vierte.
Auch diejenigen in westlichen Regierungen, die seit geraumer Zeit wieder
Kalter Krieg spielen und Rußland strategisch ebenso wie medial zu umzin-
geln und gegen die Wand zu treiben versuchen, reiben sich die Hände.
Freilich ist damit der Schuldige noch nicht gefunden. Litwinenko als Bau-
ernopfer im Dienst der Propaganda? Oder eine interne Abrechnung? Aus-
schaltung eines Lakaien, der zuviel wußte? Oder eher eine Panne? War Lit-
winenko Polonium-Kurier, der unvorsichtig mit dem Stoff hantierte, der
eigentlich andern Zwecken galt – vielleicht der eindrucksvollen Bekräfti-
gung der „Terrorgefahr“, in welcher wir angeblich leben? – Wie gesagt,
man sollte versuchen, Litwinenkos Bewegungen in den Tagen vor dem 1.
November aufzuklären. Dann – wenn überhaupt – wird man der Wahr-
heit näherkommen.
in diesen Tagen. Der Leichnam der ermordeten russsischen Journalistin
Anna Politkowskaja – bekannt für ihre regierungsfeindliche Haltung – ist
erst wenige Wochen unter der Erde, da wird erneut ein russischer Regie-
rungsgegner umgebracht: der in London lebende Alexander Litwinenko.
Und diesmal noch spektakulärer: Der Mann wurde radioaktiv verseucht
und ging elend daran zugrunde. Den Schuldigen, so lesen wir in unserer
Presse, hat er noch selber benannt: Wladimir Putin war’s, der Präsident
der Russsichen Föderation, so tönt Litwinenkos „Abschiedsbrief“, und so
suggerieren es die Schlagzeilen der Presse, wie schon im Fall der Anna
Politkowskaja.
Eine finstere Verschwörung des russischen Geheimdiensts FSB auf Befehl
des Präsidenten – der ja selbst einst für die FSB tätig war –: klare Sache,
keine Frage, ganz wie in alten Zeiten. Der böse Russe geht um und liqui-
diert die armen, lieben Dissidenten.
So weit die Verschwörungstheoretiker. Kommen wir zu den Fakten. Eins
fällt als erstes auf: Beide Todesfälle waren hervorragend terminiert. Anna
Politkowskaja mußte vergangenen Oktober drei Tage vor Putins Besuch
bei Angela Merkel sterben. Im November untermalte Litwinenkos Agonie
das Gipfeltreffen Putins mit den Staats- und Regierungschefs der Europäi-
schen Union.
Diesmal waren die Umstände sogar noch spektakulärer, so daß maximale
öffentliche Aufmerksamkeit und Dauerpräsenz in den Medien garantiert
waren.
Damit können wir auf die klassische Kriminalistenfrage „cui bono – wem
zum Vorteil?“ bereits eine erste Antwort geben: gewiß nicht Rußland. Für
Rußland und seine Regierung bedeuten die Fälle Politkowskaja und Litwi-
nenko den größtmöglichen Schaden am Ansehen in der westlichen Öffent-
lichkeit und am Erfolg seiner diplomatischen Bemühungen in den aktuel-
len Problemfeldern.
Die Schuldigen sind also jedenfalls anderswo zu suchen. Wo, das ist in
Wahrheit noch völlig unklar. Aber sammeln wir ein paar Spuren. Über
den Mord an der Politkowskaja hieß es in Rußland gleich: Das war Ram-
san Kadyrow (der Sohn des ermordeten tschetschenischen Präsidenten
und jetzige starke Mann Tschetscheniens) – oder jemand, der will, daß
alle Welt Kadyrow für den Auftraggeber halte.
Denn kein anderer als Kadyrow war es, den Frau Politkowskaja seit lan-
gem mit aller Kraft und all ihrem Haß verfolgte. Ihn wollte sie zur Strecke
bringen. Kadyrow ist der Typ eines kaukasischen Potentaten, wie man ihn
in der Region oft, ja fast ausschließlich findet. Europäische – auch russi-
sche – Maßstäbe kann man hier nicht anlegen. Er herrscht im Innern nach
eigenen Regeln, nach außen steht er zur Russischen Föderation und damit
für Stabilität.
Allerdings gibt es keine Indizien, die auf eine Verwicklung Kadyrows hin-
deuten. Ebensowenig solche, die einen Mord zu dem Zweck nahelegten,
Kadyrow zu belasten. Statt dessen ergab sich vor einem Monat eine sibiri-
sche Fährte. Frau Politkowskaja hatte vor einiger Zeit durch ihre Enthül-
lungen zur Aufklärung der Verschleppung und Ermordung eines Tsche-
tschenen in Grosny beigetragen. Die Täter waren Polizisten einer Einheit,
die aus einem sibirischen autonomen Bezirk stammte und in Grosny sta-
tioniert war. Einer wurde gefaßt und inzwischen zu einer langjährigen
Zuchthausstrafe verurteilt, während die übrigen noch flüchtig sind. Man
vermutete also einen Racheakt aus Nischnewartowsk, dem Hauptort je-
nes autonomen Bezirks.
Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen dort verliefen bisher aber wohl
im Sande und erbrachten mehr Zweifel an dieser Spur denn erhärtende
Fakten. Mit andern Worten, der Fall Politkowskaja ist nach wie vor völlig
ungeklärt.
Von Alexander Litwinenko dagegen wissen wir noch nicht einmal, ob er
überhaupt ermordet wurde. Er wurde mit einem radioaktiven Isotop des
Poloniums kontaminiert, und zwar muß er es – vermutlich oral oder inha-
lativ – aufgenommen haben. Wie das geschehen sein kann, ist noch völlig
unklar. Man kann nicht so einfach Polonium schlucken – und schon gar
nicht, ohne es zu merken.
Möglicherweise ist die Inhalation von Poloniumhexafluorid die wahr-
scheinlichste Variante. Leider gibt es dazu bisher keine Aussagen von
Fachleuten. Nun ja, vermutlich möchte keiner probieren, wie Polonium-
hexafluorid riecht, wenn man es einatmet. Zunächst können wir jeden-
falls nicht mehr sagen, als daß Litwinenko auf unbekannten Wegen mit
radioaktivem Polonium kontaminiert wurde. Fremdverschulden kommt
dabei ebenso in Betracht wie absichtliches oder versehentliches Selbst-
veschulden.
Da man an mehreren Orten, an welchen Litwinenko am 1. November
angebliche Informanten traf, Spuren radioaktiven Materials gefunden hat,
scheint es, daß der Mann nicht etwa dort – wie die Presse weismachen
wollte – kontaminiert wurde, sondern daß er selbst gewissermaßen radio-
aktive Spuren hinterlassen hat. Wer herausfinden will, wie und wo die
Kontamination tatsächlich erfolgt ist, der sollte einmal Litwinenkos Itine-
rar in den Tagen vor dem 1. November rekonstruieren.
Auf der anderen Seite gilt es sich zu vergegenwärtigen, wer der Mann war.
Bis 1998 ein eher unbedeutender FSB-Offizier, trat er nach seiner Entlas-
sung mit der Behauptung ins Rampenlicht, die Führung der FSB habe ihn
beauftragt, den „Oligarchen“ Boris Beresowskij zu töten. Spätestens seit
dieser Zeit ist Litwinenko als Desinformationsagent für Beresowskij tätig.
Beweisen konnte Litwinenko diese wie auch spätere Räuberpistolen nie,
wurde aber zunächst im mehreren Prozessen in Moskau freigesprochen,
bevor er sich im Jahr 2000 einem weiteren Verfahren durch Flucht nach
London entzog. Dorthin setzte sich schließlich übrigens auch sein Auftrag-
geber Beresowskij ab, nachdem der neue russische Präsident Wladimir
Putin sich als den Oligarchen gegenüber nicht jelzin-artig willfährig erwie-
sen hatte und die Staatsanwaltschaft ungehindert gegen Beresowskijs Be-
trügereien und Geldwäsche ermitteln durfte.
Litwinenko betätigte sich unterdessen weiter als Desinformant, so durch
ein gemeinsam mit dem seit den siebziger Jahren in Amerika lebenden
Jurij Fälschtinskij veröffentlichtes Buch, welches die FSB bezichtigte, meh-
rere verheerende Attentate auf Wohnhäuser in Rußland selbst begangen
zu haben.
In Rußland wurden solche Geschichten nie ernstgenommen, erst recht
nicht, seit bekannt ist, daß Litwinenkos Auftraggeber Beresowskij die
terroristischen Separatisten im Kaukasusraum nachhaltig unterstützt und
teilweise finanziert hat.
Litwinenkos Hauptspielwiese war denn auch die mutmaßlich von Bere-
sowskij ausgehaltene terroristische Propagandaseite chechenpress.info.
Nicht umsonst lebte er in London in derselben Straße wie der ebenfalls
britische und Beresowskijs Gastfreundschaft genießende tschetschenische
Chefterrorist Achmed Sakajew.
Zu Beresowskijs Lakaien gehört auch Andrej Lugowoj, mit dem sich Lit-
winenko am 1. November in London traf; er diente früher in Beresowskijs
Moskauer Fernsehsender, um anschließend einen Beresowskijschen Propa-
gandasender in Georgien aufzubauen.
Alexander Goldfarb schließlich, der Litwinenko nach dessen Einlieferung
ins Londoner Krankenhaus von der Presse abschirmte und als dessen
Sprachrohr auftrat – er gab auch den angeblichen Abschiedsbrief bekannt,
den er nach Litwinenkos Diktat geschrieben haben will –, leitet heute die
von Beresowskij gegründete „Stiftung für bürgerliche Freiheiten“, die vor
allem institutionelle Gelder in die politische Subversion in Rußland pumpt.
Er war bereits in den siebziger Jahren nach Israel ausgewandert und über
Deutschland nach Amerika weitergezogen. Anfang der neunziger Jahre
übernahm er in Moskau die Leitung der dortigen politischen Stiftung von
Georg Soros, seit 1995 steht er zudem in Beresowskijs Dienst.
So weit die Einblicke in Boris Beresowskijs Netzwerk. – Klar ist, daß das
Resultat von Litwinenkos spektakulärem Tod im sehr zupaß kommt: Der
Ansehensverlust und der diplomatische Schaden, den die russische Regie-
rung davonträgt, entspricht seinen Zielen. Nicht umsonst hat er eigens
eine PR-Agentur engagiert, die den Fall Litwinenko vermarktete und der
Presse die fetten Schlagzeilen gegen Rußland und Putin vorgefertigt ser-
vierte.
Auch diejenigen in westlichen Regierungen, die seit geraumer Zeit wieder
Kalter Krieg spielen und Rußland strategisch ebenso wie medial zu umzin-
geln und gegen die Wand zu treiben versuchen, reiben sich die Hände.
Freilich ist damit der Schuldige noch nicht gefunden. Litwinenko als Bau-
ernopfer im Dienst der Propaganda? Oder eine interne Abrechnung? Aus-
schaltung eines Lakaien, der zuviel wußte? Oder eher eine Panne? War Lit-
winenko Polonium-Kurier, der unvorsichtig mit dem Stoff hantierte, der
eigentlich andern Zwecken galt – vielleicht der eindrucksvollen Bekräfti-
gung der „Terrorgefahr“, in welcher wir angeblich leben? – Wie gesagt,
man sollte versuchen, Litwinenkos Bewegungen in den Tagen vor dem 1.
November aufzuklären. Dann – wenn überhaupt – wird man der Wahr-
heit näherkommen.