Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

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Caviteño
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Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Caviteño » Samstag 27. September 2014, 11:45

Der heutige Artikel in der FAZ zeigt, daß die Bundeswehr nur noch bedingt einsatzbereit ist.

Ich habe mir nicht vorstellen können, daß nur 2 - 3% der Bundeswehrhubschrauber einsatzfähig sind und die Zahlen bei Schiffen, Panzern und Kampfflugzeugen auch nicht erheblich besser aussehen.
Unter dem Arbeitstitel „Materielle Einsatzbereitschaft der Teilstreitkräfte“ präsentierten die Inspekteure von Heer, Luftwaffe und Marine vor Tagen dem Verteidigungsausschuss des Bundestags einen zehnseitigen Bericht, der die chronischen Schwächen bei einer Reihe von wichtigen Waffensystemen schonungslos offenlegt. Danach ist vor allem das Gros an Hubschraubern oder Kampfflugzeugen aus technischen Gründen nicht einsetzbar. Weil zudem teure Ersatzteile vor vier Jahren nicht bestellt wurden oder regelmäßige Inspektionen aus internen Spargründen gestrichen wurden, ist bei Einkäufern und Technikern der Bundeswehr von „kreativer Mangelverwaltung“ die Rede, heißt es in dem Bericht.
Besonders desolat ist der Zustand des militärischen Fluggeräts. Nicht nur bei der Marine, sondern auch beim Heer müssen zur Zeit die Hubschrauber vom Typ NH9 und „Tiger“ wegen technischer Defekte am Boden bleiben. Startklar sind von den 31 „Tiger“-Modellen nur zehn, von den insgesamt 33 NH9-Hubschraubern könnten im militärischen Bedarfsfall nur acht abheben. Bei den für die Hubschrauber oder die Kampfjets bestimmten Waffensystemen sieht die Lage noch schlechter aus, weil entweder die Elektronik veraltet ist oder aber die dafür nötigen bürokratischen Formalien (Anträge, Zertifizierungen) nicht erfüllt wurden.
Nach Ansicht von Managern und Militärs stellen die Informationen in dem aktuellen Mängelbericht sogar noch ein geschöntes Bild von der tatsächlichen Lage dar. Weil neue Aufträge ausbleiben und wichtige Reparaturaufträge noch in der Amtszeit des ehemaligen Verteidigungsministers Thomas de Maizière (CDU) storniert wurden, veraltet das Material zunehmend.
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/b ... 767.html

Die "Friedensdividende" wurde nach 199 bereits mehrfach "verfrühstückt" - der Bundeswehr-Etat als Steinbruch für andere Haushaltstitel benutzt. Angesichts zunehmender Spannungen dürfte der Verteidigungsetat wieder aufgestockt werden - und zwar nicht für betriebseigene Kindergärten. Die Kosten werden steigen.

Auch bei der Verkehrsinfrastruktur wurde vor wenigen Tagen von Verschleiß berichtet. Der Verkehrsminister legt zwar vollmundig ein Programm zur Sanierung der Brücken auf - das Geld reicht aber nur für 78 Brücken.

http://www.welt.de/politik/deutschland/ ... ecken.html

Überall wird (tlw. unverantwortlich) gespart, um das Ziel der Haushaltskonsolidierung zu erreichen. Gleichzeitig wird bekannt, daß man großzügig auf Mrd-Beträge verzichtet hat, um die "Griechenland-Rettung" nicht zu gefährden:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/d ... 5439.html

Es ist zu begrüßen, daß einige Medien dies noch aufgreifen - obwohl sich die Empörung der Bevölkerung in sehr engen Grenzen hält. Man hat ja auch keine Zeit - schließlich müssen die Klassenzimmer der eigenen Kinder gestrichen oder renoviert werden, denn auch dafür ist - angeblich - kein Geld da.

Tritonus
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Tritonus » Samstag 27. September 2014, 15:48

Caviteño hat geschrieben:Der heutige Artikel in der FAZ zeigt, daß die Bundeswehr nur noch bedingt einsatzbereit ist.

Ich habe mir nicht vorstellen können, daß nur 2 - 3% der Bundeswehrhubschrauber einsatzfähig sind und die Zahlen bei Schiffen, Panzern und Kampfflugzeugen auch nicht erheblich besser aussehen.
Unter dem Arbeitstitel „Materielle Einsatzbereitschaft der Teilstreitkräfte“ präsentierten die Inspekteure von Heer, Luftwaffe und Marine vor Tagen dem Verteidigungsausschuss des Bundestags einen zehnseitigen Bericht, der die chronischen Schwächen bei einer Reihe von wichtigen Waffensystemen schonungslos offenlegt. Danach ist vor allem das Gros an Hubschraubern oder Kampfflugzeugen aus technischen Gründen nicht einsetzbar. Weil zudem teure Ersatzteile vor vier Jahren nicht bestellt wurden oder regelmäßige Inspektionen aus internen Spargründen gestrichen wurden, ist bei Einkäufern und Technikern der Bundeswehr von „kreativer Mangelverwaltung“ die Rede, heißt es in dem Bericht.
Besonders desolat ist der Zustand des militärischen Fluggeräts. Nicht nur bei der Marine, sondern auch beim Heer müssen zur Zeit die Hubschrauber vom Typ NH9 und „Tiger“ wegen technischer Defekte am Boden bleiben. Startklar sind von den 31 „Tiger“-Modellen nur zehn, von den insgesamt 33 NH9-Hubschraubern könnten im militärischen Bedarfsfall nur acht abheben. Bei den für die Hubschrauber oder die Kampfjets bestimmten Waffensystemen sieht die Lage noch schlechter aus, weil entweder die Elektronik veraltet ist oder aber die dafür nötigen bürokratischen Formalien (Anträge, Zertifizierungen) nicht erfüllt wurden.
Nach Ansicht von Managern und Militärs stellen die Informationen in dem aktuellen Mängelbericht sogar noch ein geschöntes Bild von der tatsächlichen Lage dar. Weil neue Aufträge ausbleiben und wichtige Reparaturaufträge noch in der Amtszeit des ehemaligen Verteidigungsministers Thomas de Maizière (CDU) storniert wurden, veraltet das Material zunehmend.
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/b ... 767.html
[...]
1962 bewirkte ein nicht ganz unähnlicher Artikel im Spiegel ( "Bedingt abwehrbereit", http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-2567383.html ) die Verhaftung des damaligen Herausgebers und mehrerer Redakteure wegen angeblichen Landesverrats. Redaktionsräume wurden durchsucht, Aufzeichnungen der Journalisten beschlagnahmt, und es fanden tumultartige Szenen im Bundestag statt -- Konrad Adenauer unter ununterbrochenen Zwischenrufen der Opposition: "Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande".

Damals war der Spiegel allerdings noch ein mehr oder weniger geachtetes und gefürchtetes Nachrichtenmagazin mit investigativen Journalisten, und nicht das lächerliche Käseblättchen, das er heute darstellt.

Wenn heute solche Artikel in unseren Zeitungen (insbesondere Welt, FAZ und Konsorten) erscheinen, lässt das die meisten Leser ziemlich kalt. Meine erste Reaktion: Aha, schon klar. Die Jungs (bzw. aktuell die Mädels) von der Regierung wollen also gern mehr Geld für Knarren und Knallerei ausgeben, und sie beginnen jetzt, die Bevölkerung mit Hilfe ihres Werkzeugs, der sogenannten freien Presse, darauf einzustimmen. Die propagandistische Vorarbeit dazu wurde ja in den letzten Monaten bereits geleistet.

P.S. Als ich bei der Bundeswehr war, habe ich die Einsatzbereitschaft auch nicht höher eingeschätzt als sie heute eingeschätzt wird. Wenn bei uns eine Material-Bestandsaufnahme lief, glühten vorher in den Zugführerzimmern die Telefone, und die Teile, die bei uns fehlten, wurden eilends heimlich am Vorabend von anderen Standorten herbeigekarrt, damit die Prüfer ihr Häkchen machen konnten. Ein geschätztes Viertel des offiziell vorhandenen Materials war nicht etwa nur funktionsunfähig, sondern existierte überhaupt nicht.

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Torsten
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Torsten » Samstag 27. September 2014, 16:06

nachdenkseiten hat geschrieben:Leere Backen

Anmerkung Jens Berger: Wir haben sicher alle noch die großmäuligen Forderungen des NATO-Generalsekretärs Fogh Rasmussen in den Ohren, der von den NATO-Staaten höhere Budgets für ihre Verteidigungshaushalte forderte. Das war die Methode Rasmussen, also die Methode Holzhammer. Die Methode von der Leyen ist wesentlich subtiler. Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie häufig in den letzten Wochen über den Ausrüstungsmangel und vermeintliche Ausfälle bei der Hardware der Bundeswehr berichtet wird? Woher haben die berichten Journalisten eigentlich die Tipps für diese Stories bekommen? Der Verdacht liegt nahe, dass diese Berichte direkt oder indirekt vom Verteidigungsministerium gesteuert sind. Dabei hat gerade die Bundeswehr ihre Erfahrung mit Ausrüstungsmängeln. Das ist keineswegs neu und auch durchaus gewollt. Sie kennen sicher den Begriff „Kriegsstärke“. [...]

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Torsten » Samstag 27. September 2014, 16:15

Tritonus hat geschrieben:P.S. Als ich bei der Bundeswehr war, habe ich die Einsatzbereitschaft auch nicht höher eingeschätzt als sie heute eingeschätzt wird. Wenn bei uns eine Material-Bestandsaufnahme lief, glühten vorher in den Zugführerzimmern die Telefone, und die Teile, die bei uns fehlten, wurden eilends heimlich am Vorabend von anderen Standorten herbeigekarrt, damit die Prüfer ihr Häkchen machen konnten. Ein geschätztes Viertel des offiziell vorhandenen Materials war nicht etwa nur funktionsunfähig, sondern existierte überhaupt nicht.
Der Verdacht, dass diese Berichte direkt oder indirekt vom BMfV gesteuert sind, liegt deshalb so nahe, weil sie nur halbe Wahrheiten transportieren. Zur ganzen Wahrheit gehört:"Es war schon immer so."

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von holzi » Samstag 27. September 2014, 16:38

Tritonus hat geschrieben:P.S. Als ich bei der Bundeswehr war, habe ich die Einsatzbereitschaft auch nicht höher eingeschätzt als sie heute eingeschätzt wird. Wenn bei uns eine Material-Bestandsaufnahme lief, glühten vorher in den Zugführerzimmern die Telefone, und die Teile, die bei uns fehlten, wurden eilends heimlich am Vorabend von anderen Standorten herbeigekarrt, damit die Prüfer ihr Häkchen machen konnten. Ein geschätztes Viertel des offiziell vorhandenen Materials war nicht etwa nur funktionsunfähig, sondern existierte überhaupt nicht.
Das kann ich auch ungefähr so aus meiner Bundeswehrzeit (1990/91) bestätigen. Von den 20 Lastwagen in meinem Transportzug waren nur maximal 10 uneingeschränkt einsatzbereit, weitere 5 vielleicht teilweise und der Rest Schrott.
Diese Nachricht wurde CO²-neutral, umweltfreundlich, aus wiederverwerteten Buchstaben von weggeworfenen E-Mails geschrieben und ist digital voll abbaubar.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Maurus » Samstag 27. September 2014, 16:41

Torsten hat geschrieben:
nachdenkseiten hat geschrieben:Leere Backen

Anmerkung Jens Berger: Wir haben sicher alle noch die großmäuligen Forderungen des NATO-Generalsekretärs Fogh Rasmussen in den Ohren, der von den NATO-Staaten höhere Budgets für ihre Verteidigungshaushalte forderte. Das war die Methode Rasmussen, also die Methode Holzhammer. Die Methode von der Leyen ist wesentlich subtiler. Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie häufig in den letzten Wochen über den Ausrüstungsmangel und vermeintliche Ausfälle bei der Hardware der Bundeswehr berichtet wird? Woher haben die berichten Journalisten eigentlich die Tipps für diese Stories bekommen? Der Verdacht liegt nahe, dass diese Berichte direkt oder indirekt vom Verteidigungsministerium gesteuert sind. Dabei hat gerade die Bundeswehr ihre Erfahrung mit Ausrüstungsmängeln. Das ist keineswegs neu und auch durchaus gewollt. Sie kennen sicher den Begriff „Kriegsstärke“. [...]
Ich kann die Argumentation von "JB" nicht nachvollziehen. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Kriegsstärke und Friedensstärke. Nur geht es in der Diskussion gar nicht um Material, das die Bw in Kriegszeiten haben sollte. Da gibt es natürlich inaktive Verbände mit eingelagertem Material. Das zur Diskussion stehende Material aber soll der Bw auch in Friedenszeiten zur Verfügung stehen. Die Ausfalllisten beim Material führen dazu, dass Einheiten mit fehlenden Fähigkeiten in Einsätze geschickt werden (wie nun die hubschrauberlose Fregatte "Lübeck". Die Bw braucht mehrere Tage, um ein paar Soldaten in den Irak zu fliegen, weil gleich zwei Maschinen dabei den Geist aufgeben. Das ist doch eine Lachnummer der Extraklasse. Das hat mit "Friedensstärke" überhaupt nichts zu tun, es handelt sich um Material, dass die Bw für ihre im Augenblick angesetzten Aufgaben und Einsätz benötigt, aber nicht zur Verfügung hat.

Die Befürchtung, dass diese Mängellisten an die Presse durchgestochen werden, um eine Rüstungsdebatte mit dem Ziel eines höhren Verteidigungsetats zu erreichen, ist meines Erachtens auch verfehlt. Zum einen bekommt die Bw ja nun erhebliche Haushaltsmittel, angesichts der Mängellisten und fehlender Einsatzbereitschaft selbst für Kleinstaufgaben wie die Verlegung von einem Dutzend Militärausbilder fragt man sich, wofür die Bw dieses Geld ausgibt. Bekannt ist auch, dass das BMVg in den letzten Jahren über 1 Mrd € nicht fristgerecht ausgegeben hat, weswegen das Geld wieder zurückfloß. Durch die Diskussion bekannt wurde, dass sowohl Verteidigungsminister zu Guttenberg als auch de Maiziere Ersatzteillieferungen storniert oder zurückgestellt haben und so die Mängelliste politisch zu verantworten haben. Derartiges muss in einer demokratischen Gesellschaft bekannt werden.
Aufgrund dieser Mängel ist auch für Regierungspolitiker klar, dass hier auch ein gravierendes Managementproblem im Ministerium besteht. Die Frage zusätzlicher Mittel ist demgegenüber sekundär. Der Verteidigungsetat ist in den letzten Jahren mehr oder weniger eingefroren gewesen, trotz erheblicher Belastungen. Dazu muss man sich nur einmal die Etatentwicklung seit 1999 (dem Jahr des Kosovokrieges) ansehen. Seitdem ist die Bundeswehr in etliche Einsätze geschickt worden, ohne dass signifikante Änderungen an der Höhe des Verteidigungshaushalts vorgenommen worden wären (jedenfalls im Vergleich zum Gesamthaushalt). Genau wie bei der Verkehrsinfrastruktur kann eine solche Politik auf Dauer nicht gut gehen. Dass die Regierung aber nun den Verteidigungshaushalt hochpeitscht, ist dennoch nicht zu erwarten, das wurde vor ein paar Wochen schon deutlich, als man zwar der NATO Zusagen hinsichtlich der 2%-Regel machte, aber zugleich erklärte, es dazu nicht kommen zu lassen. So macht man das schon seit Jahrzehnten. Die Zeit, in der der Haushalt aber quasi eingefroren war, die könnte in der Tat vorbei sein. Das war aber schon vor der Ukraine-Krise mehr oder weniger klar. Immerhin muss die Bw in den nächsten Jahren ziemlich viel Großgerät ersetzen (Hubschrauber, Flugzeuge, Fregatten etc).

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Torsten » Samstag 27. September 2014, 17:07

Maurus hat geschrieben:Die Ausfalllisten beim Material führen dazu, dass Einheiten mit fehlenden Fähigkeiten in Einsätze geschickt werden (wie nun die hubschrauberlose Fregatte "Lübeck". Die Bw braucht mehrere Tage, um ein paar Soldaten in den Irak zu fliegen, weil gleich zwei Maschinen dabei den Geist aufgeben. Das ist doch eine Lachnummer der Extraklasse. Das hat mit "Friedensstärke" überhaupt nichts zu tun, es handelt sich um Material, dass die Bw für ihre im Augenblick angesetzten Aufgaben und Einsätz benötigt, aber nicht zur Verfügung hat.
Dass es sich um Inszenierungen und Dramatisierungen handeln könnte, das kommt dir nicht in den Sinn? Vielleicht bist du ja die Lachnummer, weil du den Mist unserer freien Presse abkaufst?

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Torsten » Samstag 27. September 2014, 17:19

Maurus hat geschrieben:Die Bw braucht mehrere Tage, um ein paar Soldaten in den Irak zu fliegen, weil gleich zwei Maschinen dabei den Geist aufgeben. Das ist doch eine Lachnummer der Extraklasse.
Die Maschinen geben sich die Klinke in die Hand (Einsatz.Bundeswehr)

Das ist vom 11. November 2013. Die Situation muss sich ja wirklich dramatisch verändert haben ..

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Maurus » Samstag 27. September 2014, 17:31

Torsten hat geschrieben:
Maurus hat geschrieben:Die Ausfalllisten beim Material führen dazu, dass Einheiten mit fehlenden Fähigkeiten in Einsätze geschickt werden (wie nun die hubschrauberlose Fregatte "Lübeck". Die Bw braucht mehrere Tage, um ein paar Soldaten in den Irak zu fliegen, weil gleich zwei Maschinen dabei den Geist aufgeben. Das ist doch eine Lachnummer der Extraklasse. Das hat mit "Friedensstärke" überhaupt nichts zu tun, es handelt sich um Material, dass die Bw für ihre im Augenblick angesetzten Aufgaben und Einsätz benötigt, aber nicht zur Verfügung hat.
Dass es sich um Inszenierungen und Dramatisierungen handeln könnte, das kommt dir nicht in den Sinn?
Vielleicht leben wir auch in der Matrix...tja nee. Ohne Handfestes kommt mir das in der Tat nicht in den Sinn. Außerdem deckt sich das ja durchaus mit eigenen Erfahrungen in dem Verein. Und die Nutzer hier haben offenbar ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Sache passt ins Bild.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Maurus » Samstag 27. September 2014, 17:35

Torsten hat geschrieben:
Maurus hat geschrieben:Die Bw braucht mehrere Tage, um ein paar Soldaten in den Irak zu fliegen, weil gleich zwei Maschinen dabei den Geist aufgeben. Das ist doch eine Lachnummer der Extraklasse.
Die Maschinen geben sich die Klinke in die Hand (Einsatz.Bundeswehr)

Das ist vom 11. November 2013. Die Situation muss sich ja wirklich dramatisch verändert haben ..
Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass du die freie (*hüstel*) Presse hierzulande kritisch beäugst, aber irgendwelche Einsatzberichtchen aus der Presseabteilung der Bw unkritisch übernimmst. Darüberhinaus ist mir schon klar, dass die Bw logistisch mehr leisten kann, als nun bei der mißglückten Verlegung der Militärausbilder in den Irak. Wieviel dabei aber schief geht und welche "Kreativität" (so nennt man bei der Bw offenbar jetzt das Ausschlachten von Maschinen, um andere einsatzfähig zu halten) dazu nötig ist, das steht auf einem ganz anderen Papier.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Torsten » Samstag 27. September 2014, 17:38

Die Sache wird öffentlich gemacht, wenn es ins Bild passt. Und dabei wird übertrieben. Nicht einfach nur, um mehr Geld lockerzumachen. Da würde das Volk sowieso nicht gefragt. Die Matrix versucht dich dahingehend zu bearbeiten, dass du Ruhe hältst, ja dich mit der Sache gemein machst und identifizierst.

Tritonus
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Tritonus » Samstag 27. September 2014, 17:46

Maurus hat geschrieben:Die Bw braucht mehrere Tage, um ein paar Soldaten in den Irak zu fliegen, weil gleich zwei Maschinen dabei den Geist aufgeben. Das ist doch eine Lachnummer der Extraklasse.
Na immerhin, denn sonst gibt es ja wenig zu lachen. Erst fehlt die demokratische Legitimation, dann geht auch noch der Flieger kaputt ... :kugel:
Maurus hat geschrieben:... Einheiten mit fehlenden Fähigkeiten in Einsätze geschickt werden ... Seitdem ist die Bundeswehr in etliche Einsätze geschickt worden ...
Nur mal so als Gedankensplitter: Wenn mir 1978, also während meiner Zeit bei der BW, jemand glaubhaft vorhergesagt hätte, dass eine deutsche Bundesregierung in nicht allzu ferner Zukunft wieder Soldaten irgendwohin schicken wird, und zwar ohne dass unser Land angegriffen wird, dann hätten ich und meine Kameraden geglaubt, dass so eine Horrorvorstellung in Deutschland nur mit Hilfe eines Staatsstreichs, der Einrichtung eines diktatorischen Regimes und der völligen Verblödung des deutschen Volkes möglich sein würde. So kann man sich irren, man braucht gar keinen Staatsstreich dazu.

Die Bundeswehr ist durch die sogenannten Auslandseinsätze der große Verlierer. Zumindest was den Rückhalt in der deutschen Bevölkerung angeht. (Denn die Bevölkerung ist mit großer Mehrheit gegen solche Auslandseinsätze, wie nicht zuletzt die völlig unerwartete Wiederwahl Schröders im Jahr 2003 gezeigt hat, der sich die Thematik geschickt und ausnahmsweise mal im Sinne des Volkswillens zunutze gemacht hat.)

Eine Armee, die unser Land gegen mögliche Angriffe verteidigt, die unterstütze ich, und da mische ich sogar kräftig mit, wenn's denn sein muss, entsprechend der Formel "... das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen ...", die ich vor Jahrzehnten gesprochen habe.

Eine Armee, die im Regierungsauftrag ohne Rückhalt in der Bevölkerung irgendwo in der Weltgeschichte herumtravelt, das ist niemals "meine" Armee, das sind für mich im besten Fall irgendwelche Regierungsmitglieder-Privat-Söldner, und die sollen gefälligst selbst sehen, wie sie zurechtkommen. Von mir aus auch gerne als Lachnummer für den Rest der Welt.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Maurus » Samstag 27. September 2014, 17:50

Torsten hat geschrieben:Die Sache wird öffentlich gemacht, wenn es ins Bild passt.
Ach wo. Dem Spiegel ist es doch seit Jahrzehnten ein Vergnügen, dass Dauerversagen bei Beschaffungsvorhaben sowie die Einsatzmängel bei beschafftem Material zu dokumentieren. So soll es ja auch sein.
Torsten hat geschrieben:Und dabei wird übertrieben.
Gut, meinetwegen. Ich bitte um entsprechende Belege.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Torsten » Samstag 27. September 2014, 17:53

tagesschau hat geschrieben:Zieht von der Leyen Konsequenzen?

Angesichts der Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr plant Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach einem Bericht personelle Konsequenzen. Nach Informationen des Fachblogs "Augen geradeaus!" will von der Leyen jetzt den Chef des Bundeswehr-Beschaffungsamtes, Harald Stein, von seinen Aufgaben entbinden. Als Nachfolger sei der bisherige stellvertretende Inspekteur der Streitkräftebasis, Generalleutnant Erich Pfeffer, vorgesehen, schreibt Blog-Autor Thomas Wiegold. Gegenüber Wiegold sagte ein Ministeriumssprecher: "Diese Information kann nicht bestätigt werden".
Jetzt wird noch ein Bauer "geopfert" (er wird es als Teil seiner soldatischen Pflichterfüllung sehen, und einem sorglosen Ruhestand entgegen), und dann kann Geld in die Hand genommen werden.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Torsten » Samstag 27. September 2014, 17:55

Maurus hat geschrieben:Gut, meinetwegen. Ich bitte um entsprechende Belege.
Du meinst Beweise? Die kann ich dir nicht bieten.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Maurus » Samstag 27. September 2014, 18:11

Tritonus hat geschrieben:
Maurus hat geschrieben:... Einheiten mit fehlenden Fähigkeiten in Einsätze geschickt werden ... Seitdem ist die Bundeswehr in etliche Einsätze geschickt worden ...
Nur mal so als Gedankensplitter: Wenn mir 1978, also während meiner Zeit bei der BW, jemand glaubhaft vorhergesagt hätte, dass eine deutsche Bundesregierung in nicht allzu ferner Zukunft wieder Soldaten irgendwohin schicken wird, und zwar ohne dass unser Land angegriffen wird, dann hätten ich und meine Kameraden geglaubt, dass so eine Horrorvorstellung in Deutschland nur mit Hilfe eines Staatsstreichs, der Einrichtung eines diktatorischen Regimes und der völligen Verblödung des deutschen Volkes möglich sein würde. So kann man sich irren, man braucht gar keinen Staatsstreich dazu.
Vielleicht war das auch einfach eine zeitbedingte Denke. So wie sich weltpolitische Voraussetzungen ändern, kann sich auch dies ändern. Die Europäer habensich daran gewöhnt, dass die Amerikaner für sie immer die Kastanien aus dem Feuer holen. Das ist halt nicht in alle Ewigkeit so. Daran war 1978 - zum Höhepunkt der Ost-West-Konfrontation - wohl kaum zu denken.
Tritonus hat geschrieben:Die Bundeswehr ist durch die sogenannten Auslandseinsätze der große Verlierer. Zumindest was den Rückhalt in der deutschen Bevölkerung angeht. (Denn die Bevölkerung ist mit großer Mehrheit gegen solche Auslandseinsätze, wie nicht zuletzt die völlig unerwartete Wiederwahl Schröders im Jahr 2003 gezeigt hat, der sich die Thematik geschickt und ausnahmsweise mal im Sinne des Volkswillens zunutze gemacht hat.)
Das sehe ich ähnlich. Allerdings hat gerade Schröder die Bw in etlich Einsätze geschickt, ohne dass sich das im Verteidigungsetat spürbar niedergeschlagen hätte. Im Gegenteil: Nach 1999 ist der Verteidigungsetat sogar erstmal geschrumpft. Die Verteidigungspolitik der Regierungen seit 1994 kann daher als etwas eigenwillig bezeichnet werden. Einerseits wollte man eine weltweit einsetzbare Armee, andererseits durfte das nichts kosten, und eine entsprechende Unterstützung für die Soldaten, die man ja in den Einsatz geschickt wurde, entfiel ebenso. Nobel ist das nicht.
Tritonus hat geschrieben:Eine Armee, die unser Land gegen mögliche Angriffe verteidigt, die unterstütze ich, und da mische ich sogar kräftig mit, wenn's denn sein muss, entsprechend der Formel "... das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen ...", die ich vor Jahrzehnten gesprochen habe.
Sehe ich ähnlich. Ich frage mich aber, ob dies nur Szenarien umfasst, bei denen der Feind schon vor der Türe steht. Da bin ich ehrlich gesagt nicht so sicher. Allerdings erfordert ein solcher Interventionismus präzisere Regeln und Strategien, als dies bislang der Fall war. Die Frage ist, ob die Politiker daraus lernen.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Maurus » Samstag 27. September 2014, 18:12

Torsten hat geschrieben:
Maurus hat geschrieben:Gut, meinetwegen. Ich bitte um entsprechende Belege.
Du meinst Beweise? Die kann ich dir nicht bieten.
Und Indizien?

Caviteño
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Caviteño » Samstag 27. September 2014, 20:22

Es ging mir nicht nur um die Investitionen bei der Bundeswehr, sondern um Ersatzinvestitionen überhaupt in diesem Land.
Im deutschen Schienennetz drohen wegen der veralteten Infrastruktur Brückensperrungen. "Ja, leider sind wir nicht mehr weit davon entfernt", sagte Bahn-Chef Rüdiger Grube der "Wirtschaftswoche".
"Im Schnitt hält eine Brücke hundert Jahre lang. Fast jede dritte der 25. Eisenbahnbrücken in Deutschland ist aber älter", sagte Grube. "Bei 14 Brücken besteht dringender Sanierungsbedarf".
Mit der derzeitigen Finanzausstattung sei aber nur die Sanierung von 125 Brücken pro Jahr möglich. "Das Geld reicht nicht. Und die Folgen einer Sperrung wären dramatisch."
(...)
Den Sanierungsstau bei der Bahn bezifferte Grube in der "Wirtschaftswoche" auf inzwischen 3 Milliarden Euro. "Allein ein Drittel unserer 3397 Stellwerke stammt noch aus Kaiserzeiten. Das Durchschnittsalter liegt bei 47 Jahren", sagte der Bahn-Chef.
http://www.welt.de/wirtschaft/article12 ... ecken.html

In den 7'iger Jahren gebaute U-Bahn-Linien im Ruhrgebiet droht die Einstellung, weil die Sanierungskosten für die Tunnel nicht geschultert werden können:

http://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/ ... .bild.html
http://www.derwesten.de/staedte/muelhei ... 67818.html

Man beruft sich immer auf die "künftigen Generationen" - aber man hinterläßt ihnen überwiegend nur marode Infrastruktur. Man fährt auf Verschleiß, denkt bis zum Ende des Haushaltsjahres und die Zukunft interessiert niemanden - obwohl das Gegenteil in den Sonntagsreden verkündet wird.

In den oben angeführten "Kaiserzeiten" wurde gebaut, ähnlich in den Nachkriegsjahren. Heute - bei viel höheren Steuereinnahmen soll - angeblich - noch nicht einmal Geld für den Erhalt der Infrastruktur bzw. die Sanierung der Gebäude vorhanden sein, obwohl die Gebietskörperschaften die höchsten Steuereinnahmen der Geschichte erzielen und laufend neue Steuer erheben.

Das kann doch nicht richtig sein....

PS:
Was die Bundeswehr betrifft - hier ein weiterer Artikel:

Bundeswehr kann NATO-Zusagen nicht einhalten

Wenn dann ab 215ff die Verteidigungsausgaben erhöht werden und gleichzeitig die Steuereinnahmen sinken (kein Aufschwung läuft ewig), wird es zu Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen kommen....

Tritonus
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Tritonus » Sonntag 28. September 2014, 00:22

Caviteno hat geschrieben:Man beruft sich immer auf die "künftigen Generationen" - aber man hinterläßt ihnen überwiegend nur marode Infrastruktur. Man fährt auf Verschleiß, denkt bis zum Ende des Haushaltsjahres und die Zukunft interessiert niemanden - obwohl das Gegenteil in den Sonntagsreden verkündet wird.

In den oben angeführten "Kaiserzeiten" wurde gebaut, ähnlich in den Nachkriegsjahren. Heute - bei viel höheren Steuereinnahmen soll - angeblich - noch nicht einmal Geld für den Erhalt der Infrastruktur bzw. die Sanierung der Gebäude vorhanden sein, obwohl die Gebietskörperschaften die höchsten Steuereinnahmen der Geschichte erzielen und laufend neue Steuer erheben.

Das kann doch nicht richtig sein....
Ich stimme Dir weitgehend zu. Künftige Generationen ... damit bin ich völlig einverstanden. Nur hätte man dann in den "Kaiserzeiten" und vor allem danach Straßenbrücken und andere Bauwerke eben nicht vorwiegend aus Stahl- und Spannbeton bauen dürfen. Stahlbeton und der Gedanke an künftige Generationen -- das schließt sich gegenseitig weitgehend aus. Schon damals war Fachleuten klar, dass die Lebensdauer vergleichsweise sehr gering sein wird. Ich erinnere mich noch recht gut an verschiedene Zeitungsartikel aus den 197ern, in denen eine durchschnittliche Lebensdauer derartiger Bauwerke von maximal 5 bis 7 Jahren prognostiziert wurde. Und in den 8ern griff mein damaliger Prof im Fach "Technische Mechanik" in seinen Vorlesungen ab und zu mit Vergnügen den scherzhaften Slogan "Schade, dass Beton nicht brennt!" auf, und zwar keineswegs nur aus optisch-ästhetischen, sondern vor allem aus technisch-praktischen Erwägungen.

Und spätestens seit den 199ern wusste man allerorts ziemlich genau, dass man speziell in den "Kaiserzeiten" für viel Steuergelder eine ganze Menge extrem kurzlebiger ... ääähm ... sagen wir mal ganz deftig ... "Scheiße gebaut" hatte.

Siehe dazu z.B. den knapp 2 Jahre alten Artikel http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-928226.html :
Ein gewisses Gottvertrauen

Es bröselt, rostet und reißt - viele Brücken in Deutschland sind vorzeitig verschlissen. Die Fehler entstanden im Bauboom nach dem Zweiten Weltkrieg [...]

[...]Die Studie, deren Veröffentlichung über einen Vorabdruck zum Dienstgebrauch nicht hinauskam, gelangte zu dem Ergebnis, daß alle 55 inspizierten "Durchlaufträgerbrücken im Hohlkastenquerschnitt" durchschnittlich alle zwölf Meter Risse aufwiesen. Gerissen waren zudem sämtliche Koppel- und Arbeitsfugen der Brückenträger.

Die gemessenen Rißbreiten hätten, so Schreck, eigentlich eine "sofortige Sperrung dieser Brücken" erforderlich gemacht. Doch die Bauherren und die Erbauer steuerten trotzig dagegen. [...]
Das alles wäre (da die früher übliche Todesstrafe für Handwerker, die auf Kosten der Allgemeinheit so richtig gemeingefährlichen Mist bauen, seit einigen Jahrhunderten abgeschafft ist) zu diesem Zeitpunkt noch kein großes Drama gewesen, wenn man wenigstens rechtzeitig aus den Erkenntnissen Folgerungen gezogen hätte. Menschen machen eben Fehler, dafür sind sie aber lernfähig, sollte man meinen. Warum wird aber bis jetzt immer noch genau so weitergebaut?

Tritonus
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Tritonus » Sonntag 28. September 2014, 10:17

Nochmal zur Bundeswehr:
Marode Bundeswehr: Experten rügen von der Leyens peinliche Inszenierungen

[....] Der Bund der Steuerzahler fordert dagegen eine durchgreifende Reform. „Der Zustand unserer Streitkräfte ist katastrophal, die Bundeswehr nur noch bedingt einsatzfähig und ihr Umgang mit Geld fragwürdig“, kritisierte Verbandspräsident Reiner Holznagel in FOCUS. 213 habe das Ministerium 1,8 Milliarden Euro für militärische Beschaffungen gar nicht erst ausgegeben. Zugleich hätten die Personal- und Verwaltungskosten aber das Plansoll überschritten: „Im Verteidigungsministerium muss dringend besser gewirtschaftet werden“, so Holznagel.[...]

( http://www.focus.de/politik/deutschland ... 65521.html , Unterstreichung von mir )
Für 1,8 Milliarden Euro (allein für das Jahr 213) hätte man doch einiges anschaffen bzw. instandsetzen können, falls das teure Personal nur den Mumm und die nötige Fachkenntnis gehabt hätte, irgendwelche halbwegs sinnvollen Entscheidungen zu treffen, oder?

Was das Schienennetz der Deutschen Bahn betrifft, liest bzw. las man ähnliches. Über Jahre hinweg (bis 28, soweit ich mich erinnere) wurden die bereitgestellten Bundesmittel für den Ausbau und die Erhaltung des Schienennetzes von der Bahn-Tochter "DB-Netz" nicht annähernd vollständig abgerufen und deshalb natürlich auch nicht eingesetzt. Anscheinend bestand kein Bedarf, und alles war in bester Ordnung.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Caviteño » Sonntag 28. September 2014, 11:27

Tritonus hat geschrieben:
Für 1,8 Milliarden Euro (allein für das Jahr 213) hätte man doch einiges anschaffen bzw. instandsetzen können, falls das teure Personal nur den Mumm und die nötige Fachkenntnis gehabt hätte, irgendwelche halbwegs sinnvollen Entscheidungen zu treffen, oder?

Was das Schienennetz der Deutschen Bahn betrifft, liest bzw. las man ähnliches. Über Jahre hinweg (bis 28, soweit ich mich erinnere) wurden die bereitgestellten Bundesmittel für den Ausbau und die Erhaltung des Schienennetzes von der Bahn-Tochter "DB-Netz" nicht annähernd vollständig abgerufen und deshalb natürlich auch nicht eingesetzt. Anscheinend bestand kein Bedarf, und alles war in bester Ordnung.
Na ja, 1,8 Mrden € hören sich gewaltig an - aber wie in diesem Artikel beschrieben wird, kann man mit 1 Mrd € gerade einmal 78 Brücken sanieren und wenn ich mir die Anschaffungskosten für ein Kampfflugzeug anschaue ist der Betrag auch "überschaubar".

Aber es sind ja nicht nur die Eisenbahn- und Autobahnbrücken, auch die Wasserstraßen und die Schleusen müssen dringend saniert werden:
Besonders deutlich ist die Überalterung beim Schiffs- und Schienenverkehr. Das Durchschnittsalter der Schienenstellwerke liegt bei 93 Jahren. Die Hälfte aller Schleusen in Deutschland ist mehr als 8 Jahre alt.
Auf dem Nord-Ostsee-Kanal, einer der meistgenutzten Wasserstraßen der Welt, entstehen Wartezeiten von bis zu zehn Stunden, weil über Monate hinweg nur eines der beiden 1 Jahre alten Schleusenbecken bei Brunsbüttel funktioniert.
Auch dass die Schleuse komplett ausfällt, kommt vor. Reedereien müssen ihre Schiffe dann um Dänemark herum schicken, statt 1 Kilometer ist die Strecke 9 Kilometer lang.
Laut einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) sehen inzwischen 64 Prozent aller Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit durch die marode Infrastruktur beeinträchtigt.
Besonders Branchen wie die Chemieindustrie, die Gefahrengüter transportieren, sind von den Schäden betroffen. "Wenn die Infrastruktur verfällt, kann das besondere Herausforderungen hinsichtlich der Transportsicherheit zur Folge haben", sagt Gerd Deimel, Sprecher der Initiative Verkehrsinfrastruktur des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI).
Und kaputte Brücken und Schienen kosten die Chemieunternehmen viele Millionen Euro. "Wenn Lieferungen zu spät kommen, können etwa Produkte ihre Aggregatzustände verändert haben, was zu einem höheren Energieeinsatz und damit zu höheren Kosten führt", sagt Deimel.
(Hervorhebung von mir)

http://www.welt.de/wirtschaft/article13 ... eativ.html

Die anstehenden Sanierungskosten sind so hoch, daß noch nicht einmal eine Umschichtung von den Rentengeschenken in Investitionsvorhaben ausreichen würde:
Viel wäre schon erreicht, wenn die Politik die sprudelnden Steuereinnahmen nicht für Rentengeschenke, sondern für Infrastrukturinvestitionen ausgeben würde.
Seit mehr als einem Jahrzehnt verzeichnet Deutschland Jahr für Jahr einen Substanzverlust bei der öffentlichen Infrastruktur von bis zu 18 Milliarden Euro.
"Deshalb müssen weitere Umverteilungsgeschenke unterbleiben und Haushaltsspielräume für öffentliche Investitionen genutzt werden", fordert Eric Schweitzer, Chef des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK).
Doch selbst wenn Geld im Haushalt umgeschichtet werden würde, es würde nicht reichen, um den Investitionsstau aufzulösen. 7,2 Milliarden Euro beträgt die "Investitionslücke" laut der Studie einer namhaften Kommission allein im Bereich Verkehr – pro Jahr.
Quelle: s.o.

Natürlich denkt man daran, wieder zu tricksen und eine private Betreibergesellschaft zu gründen. Das könnte auch die Staatsschuldenquote senken:
Eine private Gesellschaft, so die Hoffnung auch in Deutschland, könnte effizienter sein als Vater Staat, da sie betriebswirtschaftlich arbeitet und Projekte über einen längeren Zeitraum planen könnte.
(...)
Ihr würde das wirtschaftliche Eigentum an den Straßen übertragen, gleichzeitig sollten die Einnahmen aus der Lkw-Maut in diese Gesellschaft fließen. Der große Vorteil für den Staat: Investitionen könnten aus der Schuldenquote rausgerechnet werden – es wäre deutlich leichter, die Maastricht-Kriterien zu halten.
Quelle: s.o.

Tricksereien wohin man sieht: Egal ob man die Infrastruktur verfallen läßt, um das Geld sofort in Sozialprojekten auszugeben oder die Infrastruktur dann outsourct, damit die Schulden nicht auf die Maastricht-Quote angerechnet werden - seriöse Politik sieht anders aus.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Vir Probatus » Sonntag 28. September 2014, 11:29

Tritonus hat geschrieben:Nochmal zur Bundeswehr:
Marode Bundeswehr: Experten rügen von der Leyens peinliche Inszenierungen

[....] Der Bund der Steuerzahler fordert dagegen eine durchgreifende Reform. „Der Zustand unserer Streitkräfte ist katastrophal, die Bundeswehr nur noch bedingt einsatzfähig und ihr Umgang mit Geld fragwürdig“, kritisierte Verbandspräsident Reiner Holznagel in FOCUS. 213 habe das Ministerium 1,8 Milliarden Euro für militärische Beschaffungen gar nicht erst ausgegeben. Zugleich hätten die Personal- und Verwaltungskosten aber das Plansoll überschritten: „Im Verteidigungsministerium muss dringend besser gewirtschaftet werden“, so Holznagel.[...]

( http://www.focus.de/politik/deutschland ... 65521.html , Unterstreichung von mir )
Für 1,8 Milliarden Euro (allein für das Jahr 213) hätte man doch einiges anschaffen bzw. instandsetzen können, falls das teure Personal nur den Mumm und die nötige Fachkenntnis gehabt hätte, irgendwelche halbwegs sinnvollen Entscheidungen zu treffen, oder?

Was das Schienennetz der Deutschen Bahn betrifft, liest bzw. las man ähnliches. Über Jahre hinweg (bis 28, soweit ich mich erinnere) wurden die bereitgestellten Bundesmittel für den Ausbau und die Erhaltung des Schienennetzes von der Bahn-Tochter "DB-Netz" nicht annähernd vollständig abgerufen und deshalb natürlich auch nicht eingesetzt. Anscheinend bestand kein Bedarf, und alles war in bester Ordnung.
Kommt jetzt die Stehlampe in der Soldatenstube etwa doch nicht ? Unsere Bundesursula wollte es den Jungs doch gemütlich machen.
„Die Kirche will herrschen, und da muss sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe, reich dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der unteren Massen.“ (J.W. von Goethe)

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Sarandanon » Sonntag 28. September 2014, 11:48

Maurus hat geschrieben: Dazu muss man sich nur einmal die Etatentwicklung seit 1999 (dem Jahr des Kosovokrieges) ansehen. Seitdem ist die Bundeswehr in etliche Einsätze geschickt worden, ohne dass signifikante Änderungen an der Höhe des Verteidigungshaushalts vorgenommen worden wären (jedenfalls im Vergleich zum Gesamthaushalt). Genau wie bei der Verkehrsinfrastruktur kann eine solche Politik auf Dauer nicht gut gehen. Dass die Regierung aber nun den Verteidigungshaushalt hochpeitscht, ist dennoch nicht zu erwarten, das wurde vor ein paar Wochen schon deutlich, als man zwar der NATO Zusagen hinsichtlich der 2%-Regel machte, aber zugleich erklärte, es dazu nicht kommen zu lassen. So macht man das schon seit Jahrzehnten. Die Zeit, in der der Haushalt aber quasi eingefroren war, die könnte in der Tat vorbei sein. Das war aber schon vor der Ukraine-Krise mehr oder weniger klar. Immerhin muss die Bw in den nächsten Jahren ziemlich viel Großgerät ersetzen (Hubschrauber, Flugzeuge, Fregatten etc).
Ich wage nicht zu beurteilen, ob der Etat nun ausreicht oder nicht. Von der Tendenz her vermtl. nicht. Allerdings muss man sagen, dass dieser Wehretat bzgl. Materialbeschaffung von der Politik und der deutschen und europäischen Wirtschaft schon jahrzehntelang als Investitionsausbeutungsmaschine benutzt wird. Und das nicht immer im sinnvollen Rahmen. Da wurden überteuerte Entwicklungsvorhaben in Gang gebracht über Waffensysteme, die man auch günstig im Ausland (auch im nicht-eurpäischen) hätte einkaufen können. Damit inbegriffen waren "Meisterleistungen" (Ironie aus) an fachlichem Sachverstand von hohen Beamten und "Politikern in Uniform". Von Korruption will ich mal gar nicht reden. Und eine Besserung ist diesbzgl. mMn nicht in Sicht - zu groß sind die Verlockungen auf allen Seiten.

Beispiele (hier nur Marine): MH 90, Korvette 130, Fregatte Kl. 124, kein Nachfolger für die Sea Lynx Helikopter. Die Ersatzteilvesorgung zB bei teurem Großgerät wie Sensoren und Effektoren fuktioniert so: Damit zB zwei Fregatten Kl. 124 einsatzbereit sein sollen, wird die dritte materiell gefleddert. Das bringt das Personal an der Basis an den Rand der Verzweiflung.

Das Problem ist allerdings nicht neu. Immer wieder und seit Jahren melden die Einheiten Missstände bzgl. Ausrüstung und Ersatzteile. Was jetzt dazu allerdings ziemlch lächerlich wirkt ist der Versuch, dahinter eine Verschwörung zur Erhöhung des Wehretats zu entdecken. Das ist absoluter Humbuck.

Und übrigens: Auch bzgl. der Betreuung der Soldaten und der dazugehörenden Infrastruktur gibt es einen Investitionsstau. Hier wurden ebenfalls Entwicklungen verpasst. Die letzte Anpassung gab es mit der "Kaserne 2000" (ein Projekt aus den 90ern). Dh was die Ministerin dort angefasst hat, war auch ein wichtiges Element, auch wenn die Gewichtung nun im Kontext ziemlich verfehlt aussieht.

Das sollte man trotzdem nicht lächerlich machen. Es nützt nämlich nichts, wenn man darauf pocht, die Materiallage deutlich zu verbessern und dahingehend jedoch den Faktor Mensch aus den Augen verliert, so wie es schon jahrelang geschehen ist. d.M war da übrigens ein "Meister" seines Fachs. Nicht nur deswegen hat die Bw mittlerweile gewaltige Personalprobleme. Mit Deutsch-Michels Stammtischansichten wie "10-Mann-Stuben-Bad-WC-auf-dem-Flur-reicht-für-dieses-Art-Mensch-aus" und "Internetanschluss-gibts-nicht-weil-viel-zu teuer- und- das-braucht-der-anständige-Soldat-sowieso-nicht" lockt man keine neuen Rekruten mehr aus Mamas Hotel heraus und die Bestandssoldaten fühlen sich verar...t.
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Torsten » Sonntag 28. September 2014, 12:50

Sarandanon hat geschrieben:Das Problem ist allerdings nicht neu. Immer wieder und seit Jahren melden die Einheiten Missstände bzgl. Ausrüstung und Ersatzteile. Was jetzt dazu allerdings ziemlch lächerlich wirkt ist der Versuch, dahinter eine Verschwörung zur Erhöhung des Wehretats zu entdecken. Das ist absoluter Humbuck.
Wir erleben in der Ukraine gerade einen der gefährlichsten Konflikte der letzten Jahrzehnte. Ausgelöst nicht einfach nur durch einen Mangel an Diplomatie und der Missachtung der Interessen Russlands, sondern durch deren offene Verletzung, begleitet von (kriegerischen) Sanktionen. Momentan herrscht dort ein brüchiger Waffenstillstand. Aber jetzt laufen auch nicht die diplomatischen Fäden heiß, oder findet eine öffentliche Diskussion über die Ursachen der Krise dort statt, sondern wir erfahren, wie schlecht es um die ausrüstung der Bundeswehr steht, und dass sie kaum in der Lage ist, ihren NATO-Verpflichtungen nachzukommen. Also im Ernstfall.

Bevor du hier absoluten Humbug unterstellst, solltest du das mal bedenken.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Tritonus » Sonntag 28. September 2014, 12:51

Sarandanon hat geschrieben:Mit Deutsch-Michels Stammtischansichten wie "10-Mann-Stuben-Bad-WC-auf-dem-Flur-reicht-für-dieses-Art-Mensch-aus" und "Internetanschluss-gibts-nicht-weil-viel-zu teuer- und- das-braucht-der-anständige-Soldat-sowieso-nicht" lockt man keine neuen Rekruten mehr aus Mamas Hotel heraus und die Bestandssoldaten fühlen sich verar...t.
Stammtischansichten? Nicht so ganz, denn "10-Mann-Stuben-Bad-WC-auf-dem-Flur" ist doch wohl ungefähr das, was "Deutsch-Michel" mehrheitlich, egal ob er jetzt 35 oder 70 Jahre alt ist, bei der Bundeswehr selbst erleben durfte. Und "diese Art Mensch" nannte sich Staatsbürger in Uniform, und er sollte, falls es nötig gewesen wäre, Angriffe auf unser Land abwehren. Deswegen lautet der Name auch "Bundeswehr" (und nicht "olivgrüne Profi-Truppe für weltweite Gastspiele zur besonderen Verfügung der bundesdeutschen Politik-Elite" oder ähnliches).

Mit tausend tollen Maßnahmen wie Internetanschluss (Zimmerservice, Minibar, Wellnessbereich ...) allein bekommt die Bundeswehr keinen einzigen meiner Söhne. Das Entscheidende, was ihr m.E. fehlt, ist nicht der Service, sondern die Legitimation dafür, was sie tut. Ich persönlich habe, als sich das mit den Auslandseinsätzen abzeichnete, den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, und zwar viele Jahre nach meiner eigentlichen Dienstzeit (als "Zetti" übrigens). Mit so einer Armee habe ich (und alle, die ich kenne) nichts mehr am Hut. Die sollen machen, was sie wollen, aber gefälligst ohne mich und meine Söhne.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Maurus » Sonntag 28. September 2014, 12:56

Sarandanon hat geschrieben:
Maurus hat geschrieben: Dazu muss man sich nur einmal die Etatentwicklung seit 1999 (dem Jahr des Kosovokrieges) ansehen. Seitdem ist die Bundeswehr in etliche Einsätze geschickt worden, ohne dass signifikante Änderungen an der Höhe des Verteidigungshaushalts vorgenommen worden wären (jedenfalls im Vergleich zum Gesamthaushalt). Genau wie bei der Verkehrsinfrastruktur kann eine solche Politik auf Dauer nicht gut gehen. Dass die Regierung aber nun den Verteidigungshaushalt hochpeitscht, ist dennoch nicht zu erwarten, das wurde vor ein paar Wochen schon deutlich, als man zwar der NATO Zusagen hinsichtlich der 2%-Regel machte, aber zugleich erklärte, es dazu nicht kommen zu lassen. So macht man das schon seit Jahrzehnten. Die Zeit, in der der Haushalt aber quasi eingefroren war, die könnte in der Tat vorbei sein. Das war aber schon vor der Ukraine-Krise mehr oder weniger klar. Immerhin muss die Bw in den nächsten Jahren ziemlich viel Großgerät ersetzen (Hubschrauber, Flugzeuge, Fregatten etc).
Ich wage nicht zu beurteilen, ob der Etat nun ausreicht oder nicht. Von der Tendenz her vermtl. nicht. Allerdings muss man sagen, dass dieser Wehretat bzgl. Materialbeschaffung von der Politik und der deutschen und europäischen Wirtschaft schon jahrzehntelang als Investitionsausbeutungsmaschine benutzt wird. Und das nicht immer im sinnvollen Rahmen. Da wurden überteuerte Entwicklungsvorhaben in Gang gebracht über Waffensysteme, die man auch günstig im Ausland (auch im nicht-eurpäischen) hätte einkaufen können. Damit inbegriffen waren "Meisterleistungen" (Ironie aus) an fachlichem Sachverstand von hohen Beamten und "Politikern in Uniform". Von Korruption will ich mal gar nicht reden. Und eine Besserung ist diesbzgl. mMn nicht in Sicht - zu groß sind die Verlockungen auf allen Seiten.

Beispiele (hier nur Marine): MH 90, Korvette 130, Fregatte Kl. 124, kein Nachfolger für die Sea Lynx Helikopter. Die Ersatzteilvesorgung zB bei teurem Großgerät wie Sensoren und Effektoren fuktioniert so: Damit zB zwei Fregatten Kl. 124 einsatzbereit sein sollen, wird die dritte materiell gefleddert. Das bringt das Personal an der Basis an den Rand der Verzweiflung.
Allerdings, das ist die zweite große Baustelle. Das Ministerium lässt sich von der Industrie für dumm verkaufen (recht gerne sogar, denn es winken lukrative Anschlussverwendungen). Daher halte ich es auch für Alarmzeichen, wenn sich die Rüstungsindustrie jetzt schon wieder die Hände reibt, ob der Mängelliste. Die Ministerin sollte viel öfter damit drohen, erprobtes Material im Ausland zu kaufen.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Edi » Sonntag 28. September 2014, 13:00

Sarandanon hat geschrieben: Ich wage nicht zu beurteilen, ob der Etat nun ausreicht oder nicht.
Ich letztlich auch nicht, aber wenn man den entsprechenden Etat in Frankreich betrachtet, der ähnlich hoch ist wie in der Bundesrepublik... In Frankreich, das militärisch an vielen Konflikten beteiligt ist und war, hat man bisher nichts von solchen gravierenden Mängeln gehört.
Möglicherweise wird bei uns auch zu viel Geld für die Bürokratie der BW ausgegeben und wie man schon an der Drohnengeschichte gesehen hat, auch anderweitig viel Geld zum Fenster hinaus geworfen.
Es lebt der Mensch im alten Wahn.
Wenn tausend Gründe auch dagegen sprechen,
der Irrtum findet immer freie Bahn,
die Wahrheit aber muss die Bahn sich brechen.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Sarandanon » Sonntag 28. September 2014, 13:23

Tritonus hat geschrieben:Stammtischansichten? Nicht so ganz, ...

Deswegen lautet der Name auch "Bundeswehr" (und nicht "olivgrüne Profi-Truppe für weltweite Gastspiele zur besonderen Verfügung der bundesdeutschen Politik-Elite" oder ähnliches).

Mit tausend tollen Maßnahmen wie Internetanschluss (Zimmerservice, Minibar, Wellnessbereich ...) allein bekommt die Bundeswehr keinen einzigen meiner Söhne. D...
Das Stammtischniveau dieser Diskussionen um die Betreuung der Soldaten wird dadurch allerdings nicht besser. Auch die Situation rund um die materielle Ausrüstung ebenfalls nicht. Wäre die Bw nach dem Kalten Krieg die "LV-Armee" geblieben, würde diese sehr wahrscheinlich noch viel schlechter aussehen und eine Landesverteidigung noch viel weniger realisierbar. Aber auch ich sehe die Auslandseinsätze durchaus kritisch. Denn allzu oft sind diese von politischer Profilierungssucht und blindem Aktionismus geprägt. Allein der Afghanistaneinsatz war anfangs dadurch geprägt, dass man erstmal Truppen schickte, um sich danach Gedanken um Ausbildung und Ausrüstung zu machen. Politische Präsenz zeigen ging vor Sicherheit der Soldaten.
Zuletzt geändert von Sarandanon am Sonntag 28. September 2014, 13:37, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Maurus » Sonntag 28. September 2014, 13:29

Edi hat geschrieben:
Sarandanon hat geschrieben: Ich wage nicht zu beurteilen, ob der Etat nun ausreicht oder nicht.
Ich letztlich auch nicht, aber wenn man den entsprechenden Etat in Frankreich betrachtet, der ähnlich hoch ist wie in der Bundesrepublik... In Frankreich, das militärisch an vielen Konflikten beteiligt ist und war, hat man bisher nichts von solchen gravierenden Mängeln gehört.
Möglicherweise wird bei uns auch zu viel Geld für die Bürokratie der BW ausgegeben und wie man schon an der Drohnengeschichte gesehen hat, auch anderweitig viel Geld zum Fenster hinaus geworfen.
Der französische Wehretat ist wesentlich größer als der deutsche, 213 lag er bei 61,2 Mrd USD (D: 48,8 Mrd USD): http://de.statista.com/statistik/daten/ ... rausgaben/

Relativiert wird das allerdings dadurch, dass Frankreich Atomwaffen besitzt und auch atomgetriebene Kriegsschiffe. Das ist ziemlich teuer.

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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Sarandanon » Sonntag 28. September 2014, 13:35

Edi hat geschrieben:Ich letztlich auch nicht, aber wenn man den entsprechenden Etat in Frankreich betrachtet, der ähnlich hoch ist wie in der Bundesrepublik... In Frankreich, das militärisch an vielen Konflikten beteiligt ist und war, hat man bisher nichts von solchen gravierenden Mängeln gehört.
Da muss ich Dich leider enttäuschen. Auch in Frankreich und Großbritanien sind in Abhängigkeit mit den dortigen Industriestrukturen viele Fehler passiert bzgl. Beschaffung und Entwicklung. Ich kann jedoch keine Vergleiche zur deutschen Situation anstellen. Das Ausmaß mag evt. nicht so groß gewesen sein. Außerdem werden in anderen NATO-Nationen derlei Sauen selten durchs mediale Dorf getrieben. Grundsätzlich ist auch die öffentliche Haltung in diesen Nationen zur eigenen Armee eine grundsätzlich andere als hierzulande. Dort gibt es bsw nicht dieses Ausmaß an Diskussion zu Auslandseinsätzen. Auch wird dort die Verbesserung der persönlichen Situation von Soldaten grundsätzlich positiv gesehen. In unserem Lande neigt man im Umgang mit dem Staatsbürger in Uniform eher zu Gehässigkeiten. Was hier sogar durchaus als politisch korrekt gilt, denn ein Deutscher sollte ja nie wieder als Soldat zu Waffen greifen.
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Sarandanon » Sonntag 28. September 2014, 13:45

Torsten hat geschrieben:Aber jetzt laufen auch nicht die diplomatischen Fäden heiß, oder findet eine öffentliche Diskussion über die Ursachen der Krise dort statt, sondern wir erfahren, wie schlecht es um die ausrüstung der Bundeswehr steht, und dass sie kaum in der Lage ist, ihren NATO-Verpflichtungen nachzukommen. Also im Ernstfall.
Da kannst Du Dich bei unserem deutschen Journalismus bedanken, dem es ersteinmal wichtig ist, mit welchen Themen er denn jetzt am besten die Auflagen steigern und wen er evt. als Minister stürzen kann. Da würde ich an Deiner Stelle als "VT" eine mediale Verschwörung und keine politische vermuten. Und das solltest Du vielleicht mal bedenken.
Torsten hat geschrieben:Bevor du hier absoluten Humbug unterstellst, solltest du das mal bedenken.
Du kannst ja Deinen Anti-West-Politik-Kurs hier gerne vertreten. Aus jedem medialen Ereignis aber gleich eine Verschwörung zu konstruieren werde ich weiterhin als Humbuck bezeichnen.
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Re: Fehlende Ersatzinvestitionen - Verschleiß überall

Beitrag von Edi » Sonntag 28. September 2014, 13:47

Maurus hat geschrieben:
Edi hat geschrieben:
Sarandanon hat geschrieben: Ich wage nicht zu beurteilen, ob der Etat nun ausreicht oder nicht.
Ich letztlich auch nicht, aber wenn man den entsprechenden Etat in Frankreich betrachtet, der ähnlich hoch ist wie in der Bundesrepublik... In Frankreich, das militärisch an vielen Konflikten beteiligt ist und war, hat man bisher nichts von solchen gravierenden Mängeln gehört.
Möglicherweise wird bei uns auch zu viel Geld für die Bürokratie der BW ausgegeben und wie man schon an der Drohnengeschichte gesehen hat, auch anderweitig viel Geld zum Fenster hinaus geworfen.
Der französische Wehretat ist wesentlich größer als der deutsche, 213 lag er bei 61,2 Mrd USD (D: 48,8 Mrd USD): http://de.statista.com/statistik/daten/ ... rausgaben/

Relativiert wird das allerdings dadurch, dass Frankreich Atomwaffen besitzt und auch atomgetriebene Kriegsschiffe. Das ist ziemlich teuer.
Ich hatte da andere Infos, nämlich daß der franz. Etat ähnlich hoch ist wie der deutsche, also um die 32 bis 35 Milliarden Euro. Vielleicht aber war bei diesen Zahlen der Atomwaffenanteil schon herausgerechnet.
Zuletzt geändert von Edi am Sonntag 28. September 2014, 13:47, insgesamt 1-mal geändert.
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