Belastungen Privater, sog. „
indictiones/intributiones“: Requirierung bzw. Zwangsaufkauf durch das Heer zu Zwangspreisen; Zwangsunterbringung bei der Bevölkerung (mit der Zeit wurden zwar regulierende Vorschriften hierzu erlassen, aber …).* Dann die „
annona“, Zuschlag in Naturalien zu den Steuern in Geld, später wurden die Naturalien üblich, da das Geld als Folge der Inflation fast nichts mehr wert war (völlig wertlos, wie unser derzeitiges Altpapier und die Spieljetons, konnte es natürlich nicht werden, da hier ja immer zumindest etwas Metall mit einem gewissen Wert vorlag). Dann der „
cursus publicus“, für dessen Bestückung mit Pferden, Futter für die Pferde, Erhaltung der „
stationes“, Personal etc. von den Curialen bereitzustellen war, zusätzlich Transportleistungen für den Staat (darauf geht wohl Mt V,41 zurück: „
Et quicumque te angariaverit mille passus, vade cum illo alia duo.“) und weitere Leistungen für den Staat/"die Öffentlichkeit" (s. „
munera“). Als man dann wegen der Landflucht und des Bevölkerungsschwundes nach und nach die Land- und Berufsbindung einführte, die v. a. für die Nahrungsmittelversorgung und für das Militär wichtige Berufszweige betraf (außer Bauern, auch Bäcker, Müller, Bogner etc.). Curialenpflichten, die zuvor noch ehrenhalber von reichen Stadtbürgern übernommen wurden, wurden immer unbeliebter, da sie das Vermögen der Leute aufzehrten. Man reagierte darauf, indem man regelmäßig bestimmte Leute auswählte und zum Curialendienst zwangsverpflichtete. Diese Verpflichtung wurde zwar immer wieder missachtet, was die oftmalige Wiederholung der einschlägigen Verordnungen bezeugt, auch stiegen Personen aus den untersten Schichten über Heer, Verwaltung und Klerus bis ganz oben auf, dennoch war die Situation für die Unterschicht drückend. Während die Oberschicht heterogen und gespalten blieb – u. a. misstraute und verachtete der alte Senatsadel den Aufsteigern aus dem Militär und umgekehrt –, kann man bei den Unterschichten eine Homogenisierung und Nivellierung ihrer Stellungen im Vergleich zur späten Republik und zur frühen Kaiserzeit feststellen. Die Unterschiede zwischen freien Landpächtern, die ins Kolonat, das später auch rechtlich in seiner bekannten, ausgeprägten Form fixiert wurde, obwohl ein großer Teil der Bestimmungen schon aus dem 3. Jh. stammte, abrutschten, und Sklaven, überhaupt zwischen Freien, Freigelassenen und Sklaven wurden praktisch marginalisiert. Kleine und mittelgroße Landgüter verfielen, der Besitz konzentrierte sich zunehmend bei einigen Großgrundbesitzern. Die Verbreitung des Latifundiensystems in den meisten Regionen des Imperiums bewirkte die Ausbreitung des Kolonats. Für die riesigen Landgüter wurden Massen an abhängigen Arbeitskräften benötigt und die Sklaven blieben aus, so dass man die freie Landbevölkerung an die Scholle binden musste. Diese hatten mit den immer höher werdenden Abgaben an den Staat, von dem man sich im Gegenzug immer weniger erwarten konnte (bzgl. Schutz vor Barbaren etc.), natürlich große Probleme und versuchten sich, diesen zu entziehen. Um die Abgaben überhaupt zu bekommen bzw. den Nachschub an Nahrungsmitteln, Gebrauchsgütern, Waffen etc. zu gewährleisten, bot der Staat seinen ganzen Apparat an Sicherheitskräften und Beamten auf. Wir haben haufenweise Beschwerden aus allen Gegenden, die sich über die oftmals brutalen Übergriffe berechtigterweise aufregten. Pächtern wurden z. T. Soldaten auf den Hals gehetzt oder auch Schlägertrupps. Erpressung, Willkür, Korruption und Brutalität waren verbreitet. Es nimmt daher nicht wunder, dass sich auch genügend entlaufende Sklaven, Pächter etc. auf das Verbrechertum verlegten und sich z. B. in Räuberbanden organisierten, die die staatlichen Transporte von Steuerleistungen abfingen, weswegen man auch für deren Schutz Soldaten bereitstellen musste. Es war nicht in allen Gegenden zu allen Zeiten gleich schlimm bzw. traten nicht immer in einer Gegend alle Katastrophen und Schwierigkeiten zugleich ein, alles in allem waren die Zustände aber höchst unangenehm bis katastrophal.
Von den Zuständen der Zeit zeichnen heidnische (z. B. Herodian) wie christliche Quellen (z. B. St. Cyprian) ein düsteres Bild:
[i]Ad Demetrianum[/i] I,3 hat geschrieben:Du hast behauptet, w i r hätten die Schuld und uns müsse all das zugerechnet werden, was jetzt die Welt erschüttert und bedrängt, weil eure Götter von uns nicht verehrt würden. In dieser Beziehung mußt du, der du von göttlicher Erkenntnis keine Ahnung hast und der Wahrheit ferne stehst, in erster Linie wissen, daß die Welt bereits alt geworden ist, daß sie nicht mehr in ihrer früheren Kraft steht und sich nicht mehr derselben Frische und Stärke erfreut, in der sie ehemals prangte. Auch wenn wir schweigen und keine Belege aus den heiligen Schriften und den göttlichen Verkündigungen beibringen, so redet schon die Welt selbst eine deutliche Sprache, und sie bezeugt ihren eigenen Untergang durch den sichtlichen Verfall aller Dinge1 . Nicht mehr reicht im Winter des Regens Fülle aus, um die Samen zu nähren, nicht mehr stellt sich im Sommer die gewohnte Hitze ein, um das Getreide zur Reife zu bringen, nicht mehr kann sich der Frühling seiner früheren Milde rühmen, und auch der Herbst spendet uns die Früchte der Bäume nicht mehr in so reicher Menge. Weniger wird aus den durchwühlten und erschöpften Bergen an Marmorplatten gewonnen, weniger Schätze an Silber und Gold liefern die bereits ausgebeuteten Bergwerke, und die ärmlichen Adern versiegen noch mehr von Tag zu Tag. Mehr und mehr erlahmt und ermattet auf den Fluren der Landmann, auf dem Meere der Schiffer, im Felde der Soldat; es schwindet die Uneigennützigkeit auf dem Markte, die Gerechtigkeit vor Gericht, in der Freundschaft die Eintracht, in den Künsten die Fertigkeit, in den Sitten die Zucht. Glaubst du denn, etwas Alterndes könne wieder solch kräftiges Wesen annehmen, wie es früher in seiner noch frischen und üppigen Jugend zu blühen vermochte? Abnehmen muß alles, was seinem Ende schon ganz nahe ist und dem Untergang und Abschlüsse sich zuneigt. So sendet die Sonne bei ihrem Untergang Strahlen mit weniger hellem und feurigem Glänze aus, so wird des Mondes Scheibe wieder dünner, wenn sich sein Lauf dem Ende nähert und seine Hörner verblichen sind, und der Baum, der einst grün und ertragreich gewesen, wird später, wenn seine Äste verdorren, unfruchtbar und durch das Alter entstellt, und auch die Quelle, die ehedem aus überströmenden Adern reichlich hervorsprudelte, wird altersschwach und versiegt und läßt kaum mehr in kleinen Tropfen ihr Naß heraussickern. Das ist der Grundsatz, der für die Welt aufgestellt ist Das ist Gottes Gesetz, daß alles, was entstanden ist wieder vergeht, und alles, was gewachsen ist, altert, daß das Starke schwach, das Große klein wird und, wenn es dann schwach und klein geworden ist, sein Ende nimmt.
[i]Ad Demetrianum[/i] II,17 hat geschrieben:Um von den alten Zeiten ganz zu schweigen und auf die oftmals wiederholten Strafgerichte zum Schutze der Verehrer Gottes mit gar keinem rühmenden Wort zurückzukommen, so kann schon ein Ereignis der jüngsten Vergangenheit als Beweis genügen. Erst vor kurzem ist so schnell und bei aller Schnelligkeit doch so nachdrücklich die Rache für uns vollzogen worden durch den Zusammensturz des Reiches, durch die Einbuße an Macht, durch die Opfer an Kriegern und durch die Verluste an Heerlagern.
Genauere Kenntnisse der Umstände sind hilfreich, die Krise und ihre Ursachen zu bestimmen bzw. wie die Abwärtsspirale später noch einmal abgefangen wurde. Man muss angeben, was genau man mit Dekadenz und was man mit Krise meint. Gerade der Dekadenzbegriff ist vergleichsweise weit und unbestimmt und kann u. U. in ganz unterschiedlichen Kontexten (andere Kultur, Gesellschaftsstruktur und Zeit) und unter anderen zugrunde liegenden Wertungen (die besten Beispiele sind die Differenzen zwischen Anhängern Gibbons und Nietzsches und christl. Dekadenztheoretikern) jeweils komplett unterschiedliche Phänomene einschließen. Wenn man möglichst allgemeine, zeitübergreifende Begriffsmerkmale angibt, die auf alle Kulturen zutreffen können, sind diese notwendigerweise inhaltsärmer, abstrakt und formal.**
Es wurde schon auf Nietzsche verwiesen und Dekadenz als das Wählen dessen, „
was einem schadet“ bestimmt. Für sich genommen ist das einfach etwas vage und es ist fraglich, inwieweit es wirklich Völker und Kulturen gibt, die systematisch, vllt. sogar noch ausschließlich das wählen, was ihnen schadet. Bei Nietzsche steht allerdings noch mehr:
[i]Ecce homo[/i], 6 & 7 hat geschrieben:6.
Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment — wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, — Alles verletzt. Mensch und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief, die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art Ressentiment selbst. […] Das begriff jener tiefe Physiolog Buddha. Seine „Religion“, die man besser als eine Hygiene bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen — erster Schritt zur Genesung. „Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende“: das steht am Anfang der Lehre Buddha’s — so redet nicht die Moral, so redet die Physiologie. — Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem schädlicher als dem Schwachen selbst, — im andern Falle, wo eine reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums ist. […]
7.
Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch. Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein — das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehört ebenso nothwendig zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. […]
Diese Verweise auf den Wehrinstinkt, die Wehrhaftigkeit,
könnte im Zusammenhang mit dem Untergang des röm. Reichs tatsächlich weiterhelfen. Oben wurde von mir nicht umsonst Geiserichs Eroberung Nordafrikas erwähnt. Allenthalben lässt sich die mangelnde Wehrhaftigkeit der Reichsbewohner beobachten. Bezeichnend auch, dass die Römer gefangene Germanen als Wehrbauern an den Grenzen ansiedelten oder sie sonst wie als Soldaten verwendeten, während umgekehrt die Germanen gefangene röm. Provinzialen ihr Land bestellen ließen, während sie selbst in den Krieg zogen.
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* Das Heer wurde natürlich immer wichtiger, überhaupt scheint es, als wäre in dieser Zeit, aufgrund der genannten Umstände, der Staat teilweise nur noch für das Heer da gewesen und nicht das Heer für den Staat. So sollen die letzten Worte Septimi Severi an seine Söhne lt. Cassius Dio gelautet haben:
[i]‘Ῥωμαϊκὴ ἱστορία[/i] 76,15,2 hat geschrieben:ὁμονοεῖτε, τοὺς στρατιώτας πλουτίζετε, τῶν ἄλλων πάντων καταφρονεῖτε.
[Bleibt im Einvernehmen, bereichert die Soldaten, und kümmert euch wenig um alles andere.]
** Ein gewisses Problem bei Nietzsches Dekadenzbegriff scheint mir allerdings der zu sein, dass er metaphysisch ist. Er ist so weit, allgemein und prinzipiell gefasst, dass immer alles verfällt, was er auch selbst schreibt:
[i]Der Wille zur Macht[/i] I,3,40 hat geschrieben:Die Erscheinung der décadence ist so nothwendig, wie irgend ein Aufgang und Vorwärts des Lebens: man hat es nicht in der Hand, sie abzuschaffenen.
Man kommt eigentlich nicht darum herum. Was vielfach als Ursache für die Dekadenz angegeben wird, ist bei Nietzsche Folge und Symptom, u. a.:
[i]Der Wille zur Macht[/i] I,3,42 & 43 hat geschrieben:Folgen der décadence: das Laster – die Lasterhaftigkeit; die Krankheit – die Krankhaftigkeit; das Verbrechen – die Criminalität; das Cölibat – die Sterilität; der Hysterismus – die Willensschwäche; der Alkoholismus; der Pessimismus; der Anarchismus; die Libertinage (auch die geistige). Die Verleumder, Untergraber, Anzweifler, Zerstörer.
43.
Zum Begriff »décadence«.
1)Die Skepsis ist eine Folge der décadence: ebenso wie die Libertinage des Geistes.
2) Die Corruption der Sitten ist eine Folge der décadence (Schwäche des Willens, Bedürfniß starker Reizmittel –).
4) Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der décadence.
5) Der »Gute« und der »Schlechte« sind nur zwei Typen der décadence: sie halten zu einander in allen Grundphänomenen.
6) Die sociale Frage ist eine Folge der décadence.
etc.
Einen Erklärungswert mit greifbaren Ergebnissen für den Niedergang von Kulturen und den gesellschaftlichen Verfall, hat das aber in dieser Form nicht unbedingt und gerade das wäre von größtem Interesse. So kategorisiert der Anthropologe und Historiker Joseph A. Tainter „decadence“ auch als eine „mystical explanation“.