EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

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Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

overkott hat geschrieben:Diese Empfehlungen über den Gartenzaun sind geschichtsvergessen. Die EU ist kein Alpendorf. Repräsentative Demokratie hat etwas mit Arbeitsteilung zu tun und ist eine Frage politischer Ökonomie. Würde man Handelsverträge per Referendum abstimmen wollen, käme man in 100 Jahren zu keinem vernünftigen Ergebnis. Die britische Regierung verhält sich derzeit, wie die großen Seefahrer in den Asterix-Heften mit der schwarzen Flagge.
Wenn Du z.B. den Euro als Erfolgsgeschichte und eine Bestätigung der Vorteile einer repräsentativen Demokratie ansiehst - bitte schön. Da dürftest Du aber mit Deiner Meinung ziemlich allein sein.
Vielleicht solltest Du Dir mal Gedanken machen, warum z.B. die Schweiz mit ihren vielen Referenden nicht im Chaos versinkt, sondern sehr gut regiert wird. Die Verniedlichung als "Alpendorf" hilft da nur bedingt weiter.

Zur Reaktion deutscher Medien auf den Brexit:

Deutsche Reaktionen auf Brexit-Referendum - Gott strafe England

Brexit-Referendum - Small is beautiful

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Wann hat die Schweiz ihre Verträge mit der EU per Referendum abgestimmt?

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Britischer Notenbankchef stabilisiert durch Äußerung am Abend das Pfund auf neuem Niveau. Das Pfund behauptet sich gegen den Dollar seit einer Woche mit etwa 1,32 und hat damit von 1,50 um fast 20 Cent nachgegeben, auf 1,20 im Vergleich zum Euro. Die Angleichung an den Euro hat Rückwirkungen auf das Preisniveau im Binnenmarkt.

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

overkott hat geschrieben:Wann hat die Schweiz ihre Verträge mit der EU per Referendum abgestimmt?
Die grundlegende Entscheidung bzgl. des Beitritts zum EWR war 1992, ich hatte es bereits hier verlinkt. Der in meinem post erwähnte Artikel ist lesenswert:

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/212_4 ... 8212.html

Die letzte Abstimmung erfolgte vor wenigen Monaten und betraf die in den sog. "Bilateralen" geregelte Arbeitnehmer-Freizügigkeit. Insgesamt sind die Abstimmungen der Schweiz über ihr Verhältnis zur EU eine Erfolgsgeschichte.

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

Nachtrag:

Im allgemeinen kann man sagen, daß Volksabstimmungen, die den Beitritt zur EU oder zu einem ihrer Vorhaben betrafen, zu Ergebnissen führten, die deutlich von der Auffassung der sog. "politischen Elite" und den Medien abwichen.

Norwegen hat 1972 und 1994 den Beitritt zur EG bzw. zur EU abgelehnt. Die EU ist so unattraktiv, daß die Regierung nicht daran denkt, diese Frage ihren Bürgern erneut vorzulegen, um eine erneute Pleite zu verhindern.

Dänemark und Schweden haben einen Beitritt zum Euro abgelehnt - gegen den Wunsch der Regierungen. Die Ablehnung der europ. Verfassung durch die niederländische, der irischen und der französische Bevölkerung wurde trickreich mit dem Vertrag von Lissabon umgangen. Die darin enthaltenen Mehrheitsentscheidungen müßte D. z.B. auch in Sachen CETA akzeptieren.

Die Abstimmungen zeigen, daß die "politische Elite" und die Medien mit ihrer positiven Einschätzung der EU-Entwicklung meist nur Luftschlössern bauten. Der belächelte "Stammtisch" hatte eine Vostellung von der künftigen Entwicklung und den Auswirkungen, die der Wirklichkeit näher kamen/kommen.
Warum sollte das bei Brexit nicht auch der Fall sein? :hmm:

Ukraine will in zehn Jahren in der EU sein

Nicht nur die Balkan-Staaten wie Albanien, Montenegro usw. drängen in die EU, jetzt auch die Ukraine und die Beitrittsgespräche der Türkei mit der EU laufen....
Da kann man schon verstehen, daß sich die Bevölkerung eines Landes mit Grausen abwendet.

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Alan Posener tut sich schwer mit dem lieben Gott. Denn Alan Posener kann keinen neben sich ertragen. Zeugnisse zu schreiben, hat er nie aufgehört. Lange genug war er Lehrer für Englisch, Deutsch und Skifahren. Am liebsten verteilt er 6-en. Noch heute pubertiert der 66-jährige, reibt sich an Autorität. Benedikt XVI. pinkelte er ans Bein, warf ihm Bücher hinterher mit den Titeln: Kreuzzug gegen die Aufklärung, Der gefährliche Papst. Und Jean-Claude Juncker? Sechs. Nicht für das Amt geeignet. Posener kann das beurteilen. Denn Posener weiß fast alles. Darf deshalb er über CETA und mordio schreiben. Sicher: Handelsverträge sind dicker als Comics und haben weniger Bilder. Aber was heißt das schon? Man muss schließlich nicht alles lesen. Auch für Journalisten und Abgeordnete gibt es abstracts, die Fraktionslinie und den guten Rat eines Lobbyisten. Es sei denn, er heißt Jean-Claude Juncker. Weil David Cameron ihn nicht leiden kann und Viktor Orbán auch nicht. Beifall von ganz rechts dürfte Altkommunist Posener schnurzegal sein. Denn wenn er eins nicht leiden kann, dann ist es der galloppierende Opportunismus. :achselzuck:

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

Nix, aber absolut nix aus dem Referendum gelernt:

EU und Türkei treiben Beitrittsverhandlungen voran - Politiker reagieren entsetzt
Ungeachtet anhaltender Spannungen setzt die Europäische Union ein Zeichen der Annäherung an die Türkei. Am Donnerstag eröffneten beide Seiten einen neuen Verhandlungsbereich in den EU-Beitrittsgesprächen. Dabei geht es um Finanz- und Haushaltsbestimmungen. Damit werde der Erweiterungsprozess vorangebracht, sagte der zuständige EU-Kommissar Johannes Hahn in Brüssel.
Den Brexit-Befürwortern wurde vorgeworfen, sie hätten mit einem Beitritt der Türkei "Angst geschürt". So ganz daneben lagen sie mit ihrer Voraussage wohl nicht, denn wer glaubt daran, daß nach Abschluß der Verhandlungen ein Beitritt der Türkei "ergebnisoffen" geprüft wird. :D :freude: :kugel:
Auch ein französisches Referendum, das in diesem Fall vorgeschrieben ist, wird man trickreich umgehen. Darin hat man schließlich Erfahrung.

Vor einigen Tagen beschrieb ein Kommentator die EU in einigen Jahr(zehnt)en als einen Bogen, der von Ankara über den Balkan und Berlin nach Brüssel reicht - der ganze Rest hat die EU verlassen.

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Niels
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Niels »

Man könnte doch auch gleich mit dem IS "Verhandlungen" durchführen. Vertraglich geregelt wäre dann zum Beispiel, dass pro Jahr maximal zwanzig Städte in Europa eingenommen werden dürfen, aber nur die Hälfte der Ureinwohner derselben exekutiert werden darf. :turban: :narr:
Iúdica me, Deus, et discérne causam meam de gente non sancta

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

In gewissermaßen ist die Türkei sehr europäisch. Einige Worte stammen aus dem Französischen wie Terör oder Tünel. Auch Domates kann man verstehen.

Als wir in der Türkei waren haben wir nicht Neue Türkische Lira gesagt, sondern einfach von Teelöffel ( TL ) gesprochen. 1 Euro sind 3 Teelöffel. Tauscht man Teelöffel in Tomaten um, ergibt sich in Alanya ein europäisches Preisniveau:

http://www.alanyaproperties.com/de/turk ... -cost.html

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

Und neues Leben blüht aus der Ruine

Roger Köppel äußert sich zum Brexit und ist überhaupt nicht pessimistisch:
Die EU hat sich bei allen guten Ursprungsabsichten in den letzten zwanzig Jahren zu einem gefährlichen Mischwesen entwickelt, halb Bundesstaat, halb Staatenbund. Das spezifische Problem besteht darin, dass die EU funktionierende nationalstaatliche Institutionen durch nicht funktionierende überstaatliche Einrichtungen ersetzt hat. Das Resultat ist eine schleichende Zersetzung rechtsstaatlicher und demokratischer Prozesse im Säurebad des Supranationalismus. Die Krisenfolgen sind bekannt und sichtbar: Euro-Misere, Asyldebakel, Zusammenbruch der Aussengrenzen. Rechtsbrüche und Ausserkraftsetzungen europäischer Regeln gingen dem voraus.
(...)
Für die Deutschen ist der Bruch besonders schmerzhaft. Die EU ist für sie ein Vaterlandsersatz, sozusagen das grosse Resozialisierungs- und Rehabilitierungsprogramm nach zwei Weltkriegen, dank dem sich die Verfemten, international neugeboren, als Europäer präsentieren durften. Der Brexit löst in Deutschland naturgemäss politische Identitätsstörungen und gefühlsmässige Überreaktionen aus. Am letzten Wochenende setzte ein hysterischer Zeitungskommentar die freiheitsliebenden Brexit-Befürworter mit den Nationalsozialisten gleich, die vor der Machtergreifung Hitlers die Weimarer Republik zerstörten. Man darf solche Entgleisungen nicht überschätzen, aber sie zeigen doch, wie hier Verunsicherung in Angst und Angst in intellektuelle
Arroganz umschlägt. Wahr ist aber auch: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel reagierte bisher am besonnensten. Sie weiss, dass sich die EU einen Nervenkrieg mit London weder leisten kann noch soll. Die intelligente Physikerin, die mit ihrer Flüchtlingspolitik dem Brexit-Lager half, bleibt in einem aufgescheuchten Europa bei allen Fehlern die vernünftigste Stimme der Mässigung, die wir haben.
(...)
Der Bundesrat könnte sich an den Briten auch ein Beispiel nehmen. Sie trauen sich sogar, die Taue mit der EU zu kappen. Begraben werden Hunderte von Abkommen und Verträgen. Die Briten müssen alle ihre früheren Freihandelsabkommen neu aushandeln, weil sie mit dem EU-Beitritt vor allem via Brüssel mit der Welt verbunden waren. Sie wagen um ihrer Freiheit willen den Sprung, während der Bundesrat verzweifelt, wenn vielleicht 6 von über 200 bilateralen Verträgen, die meisten im Interesse der EU, aufgrund eines Volksentscheids gefährdet werden könnten. Zumindest wegen des EU-Forschungsabkommens «Horizon 2020» braucht die Regierung keine schlaflosen Nächte mehr zu bekommen. Der hochgespielte Forschungsvertrag verliert massiv an Wert, wenn durch den Brexit die britischen Unis austreten. Die Schweiz und England haben die besten Universitäten Europas. Niemand glaubt im Ernst, dass sich die EU den Luxus einer Verbannung dieser Hochschulen erlauben wird. Auch hier: Es kommt gut. Sofern man will.
Auch Prof. Sinn sieht in seinem heutigen Artikel im Handelsblatt (nicht online) D. und GB als den größten Verlierer des Brexits:
In Kontinentaleuropa ist Deutschland der große Verlierer, denn die Briten sind Deutschlands drittgrößte Handelspartner. Einerseits wird Deutschland die britische Konkurrenz beim Export zu spüren bekommen. Andererseits verliert es nun seinen wichtigsten Verbündeten bei der fortwährenden Abwehrschlacht gegenüber den französischen Bestrebungen, mehr staatlichen Dirigismus und weniger Freihandel zu realisieren. Durch den Brexit verliert die Koalition der freihandels- und marktorientierten Länder im Ministerrat ihre Sperrminorität (35 Prozent der Bevölkerung). Die EU droht sich zulasten der weltoffenen deutschen Wirtschaft in eine Handelsfestung zu verwandeln. Schon wegen der dramatisch veränderten Bedeutung der Sperrminoritätsklausel muss Deutschland eine Neuverhandlung des Maastrichter Vertrags verlangen. Sonst sitzt es in der Falle.
Frankreich und die südeuropäischen Länder möchten die Gunst der Stunde zunächst einmal nutzen und im Trubel der Ausstiegsgespräche so schnell wie möglich weitere Vergemeinschaftungsaktionen durchsetzen. So wollen sie unbedingt die gemeinsame Einlagenversicherung von Bankkunden umsetzen, um die nur noch mit großer Not zu verbergenden Verluste aus der Abschreibung fauler Kredite der Banken Südeuropas zu sozialisieren.
Dazu soll der dauerhafte Rettungsschirm ESM im Gegensatz zur gerade vereinbarten Bankenrichtlinie zur direkten Rekapitalisierung der maroden Banken eingesetzt werden. Außerdem soll eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung eingerichtet werden, um die chronische Arbeitslosigkeit Südeuropas durch Dauertransfers vom Norden abzufedern. Sodann will man ein kreditfinanziertes Euro-Budget unter der Kontrolle eines gemeinsamen Finanzministers einrichten, um auf diese Weise möglichst geräuschlos und ohne den Widerstand der Steuerzahler überwinden zu müssen, weitere Gemeinschaftsaufgaben zu finanzieren. Die Steuerzahler kommen später dran, wenn das Geld schon weg ist. Frankreich ist wild entschlossen, Deutschland unter dem Vorwand der schon von Kohl verlangten politischen Union dorthin zu treiben, obwohl eine politische Union zuallererst eine gemeinsame Außenpolitik und eine Zusammenlegung der Streitkräfte verlangen würde.
Prof. Sinn glaubt zwar weiterhin, daß die EU "reformfähig" sei; ich sehe das nicht so. Wahrscheinlicher erscheint mir, daß wir bald weitere Plebiszite oä erleben werden. Ob F., IT, A oder NL als erstes Land der Eurozone aus der EU aussteigt wissen wir nicht. Aber dauerhaft wird sie nicht in der bisherigen Zusammensetzung existieren können.

RomanesEuntDomus
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von RomanesEuntDomus »

Der tschechische Präsident Zeman befürwortet ein Referendum über die weitere Mitgliedschaft seines Landes in der EU und schließt auch ein Referendum über die weitere Mitgliedschaft in der NATO nicht aus. In beiden Fragen hält er es (wie Cameron bis vor wenigen Tagen) für unwahrscheinlich, daß sich eine Mehrheit für den Austritt finden lässt.

http://www.rp-online.de/politik/eu/tsch ... -1.68926
Tschechischer Präsident
Milos Zeman für ein EU-Referendum in der Tschechei

Prag. Tschechien könnte der nächste Dominostein nach dem Brexit sein: Präsident Milos Zeman befürwortet eine Volksbefragung über die EU-Mitgliedschaft seines Landes.

... Der 71-Jährige hielt auch ein Nato-Referendum für denkbar. ...

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

RomanesEuntDomus hat geschrieben:Der tschechische Präsident Zeman befürwortet ein Referendum über die weitere Mitgliedschaft seines Landes in der EU und schließt auch ein Referendum über die weitere Mitgliedschaft in der NATO nicht aus. In beiden Fragen hält er es (wie Cameron bis vor wenigen Tagen) für unwahrscheinlich, daß sich eine Mehrheit für den Austritt finden lässt.
Das wird nicht die letzte Äußerung in dieser Richtung gewesen sein.
Der Geist ist aus der Flasche, da hilft es auch nicht, wenn Sturmtief Martin den Britischen Inseln droht. Es mag zwar der Traum von Jean-Claude sein, den Austritt der Briten "unattraktiv" für evtl'e Nachfolger zu machen. Man sollte jedoch auch berücksichtigen, daß z.B. Länder wie Tschechien oder Dänemark sich gegen eine strenge "Bestrafung" wenden könnten, weil sie sich selbst die Option des Austritts offenhalten möchten. Für D. sprechen die intensiven Handels- und Kapitalbeziehungen mit GB gegen zuviel "Härte".
Im übrigen hat die EU nur ganz beschränkten Einfluß darauf, ob ein Austritt attraktiv ist oder nicht. Sollte sich die britische Wirtschaft flexibel auf die neuen Gegebenheiten einstellen, kann der Austritt mittel- und langfristig eine Erfolgsgeschichte werden. Ich persönlich zweifel nicht daran - schließlich sitzen in den Unternehmen keine Politiker. :)

Man muß auch daran denken, daß eine Regierung jetzt jederzeit die Referendums-Keule in den Verhandlungen rausholen kann, die Drohung reicht. Wie sich das z.B. auf die Verteilung der sog. "Flüchtlinge" auswirken wird (Osteuropa!) kann sich jeder vorstellen.
Im Gegensatz dazu war das Referendum in GR vor einem Jahr wirkungslos, da bei der Umsetzung sofort der gr. Staatsbankrott dann eingetreten wäre. In anderen Ländern, insbesondere wenn sie nicht im Euro-Verbund und Nettozahler sind, sieht das ganz anders aus.
Auch bei Wahlen kann das Versprechen, im Falle des Wahlerfolges ein Referendum durchzuführen, zusätzliche Stimmen bringen.

Die Kommentare, vor allem in den deutschen Medien, sind daher verständlich - es wird enger für "Brüssel" und "Europa".

Siard
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Siard »

Tschechien ist freilich in einer deutlich anderen Situation als das UK, sowohl geografisch, als auch wirtschaftlich.
England, das sich historisch nur bedingt als Teil Europas (nicht EU) betrachtet und Tschechien, das ein wichtiges europäisches Kernland ist sind im Selbstverständnis sehr unterschiedlich – aber natürlich ist nichts unmöglich. Jedoch sind auch die (wirtschaftlichen) Gefahren einer solchen Entscheidung sind jetzt viel deutlicher, als vorher.
Die Mörder sind wieder unter uns.

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

Siard hat geschrieben: England, das sich historisch nur bedingt als Teil Europas (nicht EU) betrachtet und Tschechien, das ein wichtiges europäisches Kernland ist sind im Selbstverständnis sehr unterschiedlich – aber natürlich ist nichts unmöglich. Jedoch sind auch die (wirtschaftlichen) Gefahren einer solchen Entscheidung sind jetzt viel deutlicher, als vorher.
Die EU ist nicht Europa und europäisches Kernland muß nicht zur EU gehören: Beispiel Schweiz
Die dauernde Gleichsetzung von EU und Europa ist falsch und führt zu falschen Ergebnissen. Ob die ersten Referenden in der Tschechei, den NL, in Dänemark oder in F. (nach einem Sieg von LePen) stattfinden, wissen wir nicht. Allerdings "gährt" es auch in den Kernländern.

Im Augenblick kann ich - bis auf die Berichte in der Presse - die wirtschaftlichen Gefahren nicht sehen. Ich plädiere hier für abwarten. Erstens tritt England nicht morgen aus und damit haben - zweitens - die Unternehmen ausreichend Zeit, sich darauf einzurichten. Wer sagt denn, daß die Unternehmensführer sich genauso verhalten wie Politiker, die die von der EZB i.S. Eurorettung geschenkte Zeit nicht nutzen?

BTW: Ich las einen Artikel, in dem der Verfasser die Auffassung vertrat, der (plötzliche) Boykott von Russland war weitaus schwerwiegender für die deutsche Wirtschaft als die künftige Situation bzgl. England sein wird. Es wird weiterhin Handel geben - alles andere ist Schwarzmalerei und Prof. Sinn führte heute zutreffend aus:
Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Geschwindigkeit Großbritannien in so manchen Hauptstädten Kontinentaleuropas abgeschrieben wird.
Doch das Vereinigte Königreich bleibt auch nach einem Austritt eine große Wirtschaftsnation in Europa, mit der man sich arrangieren muss. Strafaktionen gegen das britische Volk, von denen manche nun träumen, werden sich nicht auszahlen. Das Land wird genug Probleme mit sich selbst haben. Politiker, die von „Rosinenpicken“ sprechen, wenn sie dem Land nun den Freihandel mit der EU verbieten wollen, beweisen nur ihr eigenes Unverständnis.
Freihandel ist kein Nullsummenspiel. Wer ihn einschränkt, schadet sich selbst.
Quelle: Handelsblatt 01. 07. 2016 - noch nicht online

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

maliems
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von maliems »

M.W. war England im Hochmittelalter der größte Lehnsmann des Königs von Frankreich.

Siard
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Siard »

maliems hat geschrieben:M.W. war England im Hochmittelalter der größte Lehnsmann des Königs von Frankreich.
Die ehemalige enge dynastische Verbindung Englands, Schottlands und Frankreichs ändert nichts an den letzten fast 500 Jahren.
Die Mörder sind wieder unter uns.

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

Die Folgen des Brexits für die Hochschulen werden in diesen Artikel dargestellt:
Die britischen Rektoren wissen, dass Probleme mit der EU oft als Erstes die Forscher treffen. So war es in der Schweiz nach dem Ja zur Zuwanderungsinitiative, so könnte es in zwei Jahren in Grossbritannien sein. Allzu ähnlich klangen die Worte der deutschen Bundeskanzlerin diese Woche: «Rosinenpickerei» werde sie nicht zulassen, stellte Angela Merkel klar. Ein Wort, das Schweizer Rektoren in Gesprächen mit der EU oft genug um die Ohren flog.
Nach der Abstimmung 2014 strich die EU ihre Fördergelder und warf die Schweiz aus dem Austauschprogramm Erasmus. Hiesige Hochschulen mussten im Verhandlungsmarathon Hunderte bilaterale Verträge mit Partneruniversitäten abschliessen, damit Schweizer Studenten weiterhin ein Austauschsemester in England, Spanien oder Frankreich absolvieren konnten.
So soll es den Briten nicht ergehen. Schon vor dem Brexit-Referendum baten die Engländer Schweizer Forscher um Rat, was sie bei einem Austritt erwartet. Nun sollen Kooperationen den Weg weisen. «Die Universitäten müssen an vordersten Front kämpfen und den Rest des Landes führen, wenn es um internationale Kooperationen geht», sagt der Londoner Rektor Arthur.
(...)
Auf der anderen Seite droht die EU ihre besten Universitäten zu verlieren. Eindrücklich dokumentiert dies die Liste der ERC-Grants: Gelder, die der Europäische Forschungsrat zwischen 2007 und 2015 für Grundlagenforschung auf Spitzenniveau vergibt. Nummer 1 ist Oxford, gefolgt von Cambridge und London. Auf Platz 4 liegt die ETH Lausanne, auf 5 die ETH Zürich.
Es ist natürlich legitim seine Interessen auch mit harten Bandagen (= Mittelstreichungen) zu vertreten. Nur sollte man dann auch darüber berichten. Kommt es wirklich zum Brexit und handelt die EU so wie im Fall "Schweiz", dürfte sie selbst zu den Leidtragenden gehören. Schlecht auch für die Studenten aus der EU und der Schweiz. Sie müssen dann höhere Studiengebühren an britischen Universitäten entrichten:
Zu den Verlierern zählen auch Schweizer, die in England studieren wollen.
Nach aktuellem Stand müssen sie 2019 – wenn Grossbritannien aus der EU ausgetreten ist – höhere Gebühren zahlen, weil eine Sonderregel für alle Studenten in Europa wegfällt. Bisher zahlten sie 4000 bis 9000 Pfund für zwei Semester. Ab 2019 müssen sie wohl denselben Betrag wie ihre Kommilitonen aus Asien oder Indien überweisen: zwischen 20 000 und 25 000 Pfund.

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Nach elf Jahren auf der Brücke der Tories hat Capt'n Cameron beschlossen: We are prepared to go down like Gentlemen!



Als Blogger, der Großbritannien nach dem Referendum retten will, geht es einem wie diesem Herrn: The Fixed-term Parliament Act is the rope I was looking for.


Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

@ overkott:
Ist es eigentlich so schwierig, sich von den Untergangsvorhersagen der Brexit-Gegner zu lösen und positiv in die Zukunft zu schauen?
Das wurde angesichts der sog. "Flüchtlingskrise" doch auch von der Bevölkerung verlangt. Wer erinnert sich nicht an das "Wir schaffen das" der Kanzlerin..?!

Raphael

Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Raphael »

Caviteño hat geschrieben:@ overkott:
Ist es eigentlich so schwierig, sich von den Untergangsvorhersagen der Brexit-Gegner zu lösen und positiv in die Zukunft zu schauen?
Das wurde angesichts der sog. "Flüchtlingskrise" doch auch von der Bevölkerung verlangt. Wer erinnert sich nicht an das "Wir schaffen das" der Kanzlerin..?!
Herr Overkott schafft eher Dich als "wir" "das"! :blinker:

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Caviteño hat geschrieben:@ overkott:
Ist es eigentlich so schwierig, sich von den Untergangsvorhersagen der Brexit-Gegner zu lösen und positiv in die Zukunft zu schauen?
Das wurde angesichts der sog. "Flüchtlingskrise" doch auch von der Bevölkerung verlangt. Wer erinnert sich nicht an das "Wir schaffen das" der Kanzlerin..?!
Aus Bonner Perspektive betrachten wir die Entwicklung der Europäischen Union als einen offenen Prozess, in dem der Eintritt und Austritt von Mitgliedsländern möglich ist. Dabei ist unsere Vorstellung: Soviel EU wie nötig, so wenig wie möglich. Im Hinblick auf mehr Effizienz müssen wir die EU-Kommission um ein Drittel abbauen und das EU-Parlament preiswerter gestalten. Die Bezüge der Abgeordneten müssen sich an der Kompetenz orientieren. Ein EU-Parlamentarier sollte nicht mehr als ein Stadtverordneter beziehen zuzüglich Reisekosten. Die Spesen sind so zu dimensionieren, dass das Preisniveau an den EU-Standorten keine obszöne Höhe erreicht. Entscheidungsprozesse im EU-Parlament müssen durch Koalitionsdisziplin durchsichtiger werden. Die Bürger brauchen konkrete Abstimmungsergebnisse in Zahlen, um eine propagandistische Berichterstattung über diffuse Mehrheitsverhältnisse im EU-Parlament zu beenden.

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

overkott hat geschrieben:
Caviteño hat geschrieben:@ overkott:
Ist es eigentlich so schwierig, sich von den Untergangsvorhersagen der Brexit-Gegner zu lösen und positiv in die Zukunft zu schauen?
Das wurde angesichts der sog. "Flüchtlingskrise" doch auch von der Bevölkerung verlangt. Wer erinnert sich nicht an das "Wir schaffen das" der Kanzlerin..?!
Aus Bonner Perspektive betrachten wir die Entwicklung der Europäischen Union als einen offenen Prozess, in dem der Eintritt und Austritt von Mitgliedsländern möglich ist. Dabei ist unsere Vorstellung: Soviel EU wie nötig, so wenig wie möglich.
Das hören wir doch schon seit Jahren. Was hat sich getan?
Ich will die ganzen Einzelvorschriften (von der Glühlampe über das Ölkännchen in Pizzerien bis zur einheitlichen Bankberatung mit Protokoll) hier nicht aufführen. Man glaubt noch an eine Anpassung der EU, eine Rückkehr zum immer wieder beschworenen "Subsidiaritätsprinzip". Wann ist das in den letzten Jahrzehnten einmal geschehen? Worauf stützt sich dieser Glaube? Im Grunde doch nur auf das Prinzip "Hoffnung".

Hier - ganz frisch - ein weiteres Beispiel für "nichts dazu gelernt aus dem Brexit":

Martin Schulz fordert „echte europäische Regierung“
Der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz fordert als Konsequenz aus dem Brexit-Referendum den Umbau der Europäischen Kommission zu „einer echten europäischen Regierung“. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Montagsausgabe) schreibt Schulz, diese EU-Regierung solle „der parlamentarischen Kontrolle des Europaparlaments und einer zweiten Kammer, bestehend aus Vertretern der Mitgliedstaaten, unterworfen“ sein.
Das sei den Menschen aus ihren Nationalstaaten bekannt und werde „politische Verantwortlichkeit auf der EU-Ebene transparenter machen“. Unzufriedenheit mit der EU führe dann nicht mehr dazu, schreibt Schulz in der F.A.Z., dass sie grundsätzlich in Frage gestellt werden. Vielmehr könnten die Bürger „durch Wahlen eine europäische Regierung durch eine andere ersetzen“.
Ich will keine europäische Regierung, in der z. B. ein Finanzminister aus Italien für die Haushaltsplanung verantwortlich ist und ein Grieche für die Arbeitsgesetze. Ich will nicht, daß die Südländer mit Mehrheitsvoten über meine Lebensverhältnisse entscheiden. Mir reicht voll und ganz ein Italiener als Leiter der Zentralbank, der mit Nullzinsen und sog. Geldpolitik IT und die übrigen Südländer stützt und dabei die Sparguthaben in Nordeuropa entwertet.

Ich habe auch kein Problem damit, z.B. an dt.-französischen Grenze oder am Flughafen Fiumicino meine Identifikationspapiere vorzuzeigen und in IT mit Lira oder in ES mit Peseten zu bezahlen.
Warum soll D. eigentlich als Mitglied der EU besser den Stürmen der Globalisierung trotzen können als es das als Nationalstaat könnte? Man muß doch nur auf die Beispiele Schweiz, Norwegen, Südkorea, Singapur, Taiwan (letzteres im übrigen kaum intern. anerkannt) usw. schauen, um zu begreifen, daß man nicht in einer "großen" Gemeinschaft sein muß. Es ist schon traurig, daß dieses Mantra der EU nachgebetet wird, ohne es zu hinterfragen.

Wenn die Entwicklung der Europäischen Union tatsächlich - wie Du schreibst - als "offener Prozeß" angesehen würde, müßte es auch möglich sein, die zahlreichen Fehlentwicklungen (hier nur: Schengen und Euro) wieder aufzuheben. Man hat eine gemeinsame Grenzsicherung bzw. eine einheitl. Währung versucht, aber es hat nicht funktioniert.
Tatsächlich geht es aber nach dem alten Sozialistenmotto: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Das ist kein "offener Prozeß", das ist ein Zug, der in den Abgrund fährt. Immer weiter zu einer "immer enger werdenden" Union. Wenn Du das willst, dann schreib es auch.

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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

Clemens Fuest, der Nachfolger von Prof. Sinn im ifo-Institut, hat sich mit der Frage beschäftigt, wie die EU sich angesichts des Brexits verhalten soll:

Eine Anleitung zur Schadensbegrenzung

Er plädiert darin für Besonnenheit und weist auf folgendes hin:
Wie sollte die EU die Austrittsverhandlungen gestalten, und welches Ergebnis sollte sie anstreben? Derzeit fordern viele, den Briten den Zugang zum europäischen Binnenmarkt künftig so schwer zu machen wie möglich, damit der Schaden für die britische Wirtschaft hinreichend groß ausfällt.
Dass dadurch auch im Rest der EU Kosten entstehen und Arbeitsplätze zerstört werden, wird in Kauf genommen. Das Ziel besteht darin, ein Exempel zu statuieren. Es soll andere Mitgliedstaaten davon abschrecken, auszutreten.
Diese Strategie würde den Zerfall der EU beschleunigen, statt ihn aufzuhalten. Es zeichnet sich bereits ab, dass die britische Wirtschaft infolge der Austrittsentscheidung leidet. Wenn andere Mitgliedstaaten den Briten folgen, dann sicherlich nicht, weil ein EU-Austritt ohne ökonomische Risiken möglich erscheint.
Eine Lehre aus dem britischen Referendum besteht darin, dass drohende ökonomische Nachteilen austrittswillige Wähler kaum abschrecken. Populisten wie Nigel Farrage haben im britischen Wahlkampf behauptet, die EU sei eine skrupellose Organisation, die alles niedermacht, was sich dem Ausbau ihrer Macht entgegenstellt.
Großbritannien für seinen Austritt zu bestrafen würde bedeuten, ihm recht zu geben. Das wäre Wasser auf die Mühlen der EU-Gegner in anderen Mitgliedstaaten. Wenn die EU so unattraktiv wäre, dass sie ihre Mitglieder nur mit Drohungen bei der Stange halten könnte, dann hätte sie keine Zukunft, und zwar zu Recht. Glücklicherweise ist das nicht der Fall.
Nur Freihandel bringt allen Vorteile - leider ist es schwierig, diese Kenntnis allen zu vermitteln.

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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Duzen Sie sich mit Herrn Schulz?

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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

overkott hat geschrieben:Duzen Sie sich mit Herrn Schulz?
Natürlich - wenn er hier im Forum ist.

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Die Kanzlerin überzeugt derzeit durch ihren unaufgeregten Eindruck, während EU-Repräsentanten einerseits drängeln, sich andererseits bei Reformen drücken. Letzteres gilt auch für den Kommissionschef. Natürlich hat die Kanzlerin Recht, dem Kommissionschef auf die Finger zu schauen, weil ein Rechtsgutachten aus dem Ärmel gezogen nicht notwendigerweise richtig ist. Wenn die Kanzlerin mal Herrn Morgenstern um eine Rechtsgutachten bittet, wird er ihr die Sicht des Kanzleramts liefern. Gleichwohl wäre es albern, beim Euro-Rettungsschirm Kompetenzen des Bundestags abzugeben, beim Handelsvertrag CETA aber durch den Bundestag Punkt und Komma korrigieren zu lassen. Der Kommissionschef ist noch drei Jahre im Amt und kann wie die Kanzlerin voraussichtlich noch gut zehn Jahre Politik machen. Wer mit dem Kommissionschef unzufrieden ist, muss mindestens eine Vorstellung haben, wer es besser machen könnte. Lambsdorf etwa hat zur Zeit keine Mehrheit im Regal und Singhammer spricht nicht so gut Lëtzebuergesch.

RomanesEuntDomus
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von RomanesEuntDomus »

overkott hat geschrieben:Die Kanzlerin überzeugt derzeit ...
... niemanden außer ihren Hofstaat und ein paar Fanboys.

Daß sie überhaupt noch im Amt ist, hat sie wahrscheinlich nur den beiden Tatsachen zu verdanken, daß 1) sie sich rechtzeitig jeden denkbaren Konkurrenten oder intelligenten und halbwegs integren potentiellen Nachfolger aus der eigenen Partei vom Hals geschafft hat, und daß 2) in den letzten Jahren mit der AfD ein Popanz gezüchtet und durch die Medien so lange aufgebauscht worden ist, bis er groß und häßlich genug war, um als Feindbild und Aggressionsableiter für alle gemäßigten bürgerlichen Kräfte dienen zu können.
overkott hat geschrieben:Der Kommissionschef ist noch drei Jahre im Amt und kann wie die Kanzlerin voraussichtlich noch gut zehn Jahre Politik machen ...
... und anschließend können die beiden dann gemeinsam die Reste zusammenkehren und das Licht ausmachen.

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

RomanesEuntDomus hat geschrieben:
overkott hat geschrieben:Die Kanzlerin überzeugt derzeit ...
... niemanden außer ihren Hofstaat und ein paar Fanboys.
Man darf das nicht so persönlich sehen, sondern muss einfach beurteilen, was von der Kanzlerin zu erwarten war und was sie geleistet hat. Da kann man in der aktuellen Krise nur sagen, dass sie das Steuer sicher in der Hand hält. Cameron dagegen hat die Möglichkeit, sich noch zu fangen. Dazu muss er seine Partei nur vom Willen zum Erfolg überzeugen. Das Referendum war keine Entscheidung über einen Zeitplan, noch hat es Ewigkeitscharakter. Im Grunde ist die Mehrheit des Referendums so dünnes Eis, dass Cameron darauf einbrechen könnte.

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Konkret hat also die Kanzlerin einfach erkannt, viele freuen sich zu früh auf den Untergang. Noch ist England nicht verloren. Das Referendum war eine Ansage, die man sich gut überlegen sollte. Die Absage an eine EU vor den Reformen ist klar zu erkennen. Am besten sollte man kein Öl in die Zeitungen gießen, sondern jetzt erst einmal im Sommerurlaub die Gezeiten genießen. Bis September dürften sich die Tories sortiert haben. Auch die EU macht schon mal weiter.

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overkott
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von overkott »

Britische Rechtsanwälte drängen auf eine parlamentarische Entscheidung zum Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft. Am Sonntag legte eine Londoner Kanzlei im Namen nicht genannter Unternehmen eine entsprechende Erklärung vor. Sie will einem europapolitischen Alleingang der Regierung vorbeugen. Das Referendum sei rechtlich nicht bindend, ein entsprechendes Regierungshandeln ohne parlamentarische Entscheidung zum Artikel 50 EU-Vertrag ungesetzlich. Die Mehrheit der Parlamentarier hat sich vorab für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, eine knappe Mehrheit der Bürger im Referendum dagegen.

Caviteño
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Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Caviteño »

overkott hat geschrieben:
RomanesEuntDomus hat geschrieben:
overkott hat geschrieben:Die Kanzlerin überzeugt derzeit ...
... niemanden außer ihren Hofstaat und ein paar Fanboys.
Man darf das nicht so persönlich sehen, sondern muss einfach beurteilen, was von der Kanzlerin zu erwarten war und was sie geleistet hat. Da kann man in der aktuellen Krise nur sagen, dass sie das Steuer sicher in der Hand hält.
Krise? - wenn, dann Plural: Krisen

Im übrigen fehlt der Hinweis, daß sie die Ursache der Krisen ist:
Euro"krise" - ohne ihren Verzicht auf die bail-out-Klausel wäre GR schon lange außerhalb der Eurozone;
Flüchtlings"krise" - sie hat durch ihre Grenzöffnungspolitik die Krise verursacht;
Brexit"krise" - abgesehen davon, daß es sich wohl kaum um eine Krise handelt, wenn ein Land von seinem vertraglichen Recht Gebrauch macht und einen Volksentscheid vollziehen will: Ein ganz wesentlicher Punkt für die Entscheidung waren die Bilder an den Grenzen, die durch der Grenzöffnung durch Frau Merkel ausgelöst wurden. Wenn man einerseits das vermeintliche "knappe" Ergebnis anführt, sollte man auch nicht vergessen, wie dieses Ergebnis zustande kam.

Fazit:
Frau Merkel arbeitet sich daran ab, die "Krisen" zu lösen, die es ohne sie nicht gäbe. Man könnte auch davon sprechen, das sie ihr eigenes ABM-Programm aufgelegt hat, obwohl es im eigenen Land genug zu tun gäbe.

Raphael

Re: EU am Scheideweg - wie geht es weiter?

Beitrag von Raphael »

Caviteño hat geschrieben:Krise? - wenn, dann Plural: Krisen

Im übrigen fehlt der Hinweis, daß sie die Ursache der Krisen ist:
Euro"krise" - ohne ihren Verzicht auf die bail-out-Klausel wäre GR schon lange außerhalb der Eurozone;
Flüchtlings"krise" - sie hat durch ihre Grenzöffnungspolitik die Krise verursacht;
Brexit"krise" - abgesehen davon, daß es sich wohl kaum um eine Krise handelt, wenn ein Land von seinem vertraglichen Recht Gebrauch macht und einen Volksentscheid vollziehen will: Ein ganz wesentlicher Punkt für die Entscheidung waren die Bilder an den Grenzen, die durch der Grenzöffnung durch Frau Merkel ausgelöst wurden. Wenn man einerseits das vermeintliche "knappe" Ergebnis anführt, sollte man auch nicht vergessen, wie dieses Ergebnis zustande kam.

Fazit:
Frau Merkel arbeitet sich daran ab, die "Krisen" zu lösen, die es ohne sie nicht gäbe. Man könnte auch davon sprechen, das sie ihr eigenes ABM-Programm aufgelegt hat, obwohl es im eigenen Land genug zu tun gäbe.
Was wäre bspw., wenn man die Gelder, die man als Hilfsgelder nach Griechenland geschickt hat, in Form eines Investitionsprogrammes in die deutsche Infrastruktur gesteckt hätte. Und mit Infrastruktur sind nicht nur Autobahnen, Wasser- und Schienenwege sowie Brücken gemeint, sondern auch die Schulgebäude, die vor sich hin verrotten, daß sei tlw. aufgrund von baulichen Mängeln nicht mehr nutzbar sind.

Volkswirtschaftlich gesehen geht es immer um die Verteilung von knappen Ressourcen und da hat Frau Merkel in erkennbarer Weise die völlig falschen Prioritäten. :daumen-runter:

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