Gregor von Nazianz

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
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Robert Ketelhohn
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Gregor von Nazianz

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Ich möchte heute beginnen, den Kirchenvater Gregor von Nazianz vorzustellen, beigenannt »der Theologe«. Beginnen wir mit dem Artikel des Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikons, verfaßt von Friedrich Wilhelm Bautz:
Friedrich Wilhelm Bautz hat geschrieben:GREGOR von Nazianz, genannt »der Theologe«, griechischer Kirchenlehrer, Heiliger, * 329 auf dem Landgut Arianz bei Nazianz (Kappadozien) als Sohn des Bischofs Gregor von Nazianz (* um 280, † 374) und seiner Gattin Nonna, † daselbst 390. - Nonna, unter deren Einfluß ihr Gatte 325 Christ geworden war, hatte den Sohn vom Herrn erbeten und ihn dann wieder dem Herrn geschenkt. G. besuchte die Schulen in Cäsarea (Kappadozien), wo er Basilius (s. Basilius von Cäsarea) kennenlernte, in Cäsarea (Palästina), in Alexandrien und endlich in Athen, wo er mit dem bald nach ihm ankommenden Basilius Freundschaft fürs Leben schloß. »Meine einzige Liebe war die Wissenschaft. Im Orient und Okzident und in Athen, der Zierde Griechenlands, habe ich sie gesucht und mit Anstrengung und lange Zeit hindurch mich um sie bemüht. Indes auch sie habe ich zu den Füßen Christi niedergelegt und dem Wort des großen Gottes unterworfen.«

Um 357 verließ G. Athen und kehrte, »fast 30 Jahre alt«, über Konstantinopel heim. 358/359 weilte er bei seinem Freund in der pontischen Einsiedelei am Iris. Um 362 wurde G. auf Wunsch der Gemeinde, aber gegen seinen Willen von seinem Vater zum Priester geweiht. Aus Unmut über die ihm angetane »Gewalt« floh er zu Basilius, kehrte aber bald nach Nazianz zurück und unterstützte seinen Vater bei der Verwaltung der Diözese. Widerstrebend ließ sich G. 372 in Nazianz durch Basilius zum Bischof der kleinen Stadt Sasima weihen, eines »verwunschenen und elenden Fleckens« zwischen Tyana und Nazianz; er trat aber das Amt nicht an. G. verließ 375 Nazianz und zog sich zu einem beschaulichen Leben nach Seleucia (Isaurien) zurück, folgte aber 379 dem Ruf nach Konstantinopel und übernahm die Leitung und Neuordnung der nizänischen Gemeinde, die unter dem arianischen Kaiser Valens (s. d.) zu einem fast verschwindend kleinen Häuflein zusammengeschmolzen war. Theodosius der Große (s. d.), der 379 zum Herrscher des Ostens erhoben worden war, schlug sofort eine antiarianische Kirchenpolitik ein: er stellte sich auf die Seite G.s, entriß den Arianern die Kirchen Konstantinopels und geleitete am 27.11. 380 G. persönlich unter militärischem Schutz in die Kathedrale, die Apostelkirche.

Das von Theodosius einberufene und im Mai 381 eröffnete 2. ökumenische Konzil zu Konstantinopel bestätigte G. als Bischof von Konstantinopel. Wegen mancherlei Wirren und Intrigen dankte er aber nach wenigen Tagen ab und nahm mit einer glänzenden Rede an die Bischöfe und das Volk Abschied von Konstantinopel, kehrte nach Nazianz zurück und betreute die noch immer verwaiste heimatliche Diözese, bis sein Vetter und Freund Eulalius 383 sein Nachfolger wurde. Dann zog er sich auf das Landgut Arianz zurück und lebte dort der Askese und literarischen Arbeiten. - G. war im arianischen Streit (318-381) einflußreicher Führer der orthodoxen (jungnizänischen) Partei. Mit Basilius dem Großen und Gregor von Nyssa (s. d.) gehörte er zu den »drei großen Kappadoziern«, die die Lehren vom Heiligen Geist und von der Trinität zum Abschluß brachten. G. war ein hervorragender Redner, Schriftsteller und Dichter. Seine Reden, Briefe und Gedichte zählen zu den besten Leistungen der altkirchlichen Literatur. - G. wird als Heiliger verehrt. Sein Fest ist der 9. Mai.
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Alexander
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Hurra!

Beitrag von Alexander »

Mann, ich höre, ich lausche, ich bin eine einzige zitternde Saite... A propos Saiten und Lyren, der hl. Gregor hat atemberaubende Gedichte geschrieben! Steht zwar schon im obigen Artikel, ich wollte es aber einfach noch einmal hinschreiben...
Herr Gott,
großes Elend ist über mich gekommen.
Meine Sorgen wollen mich erdrücken,
ich weiß nicht ein noch aus.
Gott, sei gnädig und hilf.
Gib Kraft zu tragen, was du schickst,
laß die Furcht
nicht über mich herrschen.
(D. Bonhoeffer)

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

»Theologische Reden« Gregors sind in der Reihe Fontes Christiani bei Herder erschienen:


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Gregor von Nazianz: Orationes Theologicae - Theologische Reden (griech. - dt.).

Freiburg i. Br. 1996 (Herder), 397 Seiten, gebunden, 39,00 €, ISBN 3-451-23900-0.
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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Gregor von Nazianz (aus der ersten Theologischen Rede) hat geschrieben:1. Meine Rede richtet sich an solche, die im Reden besonders gewandt sind. Um mit der Heiligen Schrift zu beginnen: „Siehe, ich komme über dich und deine Überheblichkeit“ (Jer 50,31: LXX Jer 27,31), in deiner Bildung, in deiner Art des Zuhörens und in deinem Denken. In der Tat, es gibt Leute, die ein Jucken in den Ohren (vgl. 2 Tim 4,3) und auf der Zunge, ja sogar, wie ich sehe, an den Händen verspüren, wenn sie mich reden hören, und sich „an heillosem und leerem Geschwätz und den Einwänden der fälschlich sogenannten „Erkenntnis“ (1 Tim 6,20) und an „Wortgefechten“ (1 Tim 6,4) ergötzen, die zu nichts Nützlichem führen. So bezeichnet nämlich Paulus alles Überflüssige und Unnötige in der Rede, er, der Herold und Anwalt „der knappen Rede“ (Röm 9,28), der Schüler und Lehrer von Fischern. Ach, wenn die hier Gemeinten, so wie ihre Zunge gewandt und gewaltig ist, jeweils den edelsten und treffendsten Ausdruck zu verwenden, doch auch Taten vollbrächten! Binnen kurzem wären sie vielleicht weniger Sophisten und abgeschmackte und absonderliche Wortverdreher, um, was zum Spotten Anlaß gibt, auch auf spöttische Weise zu bezeichnen.

2. Da sie vom Weg des rechten Glaubens ganz abgekommen sind, richten sie ihr Augenmerk nur noch auf das eine, was sie an Fragen „stellen oder lösen“ (Dan 5,12) können. Sie gleichen Leuten, die sich in öffentlichen Ringkämpfen in den Theatern verdingen, und zwar in Ringkämpfen, die nicht nach den Wettkampfregeln zum Sieg führen, sondern den in diesen Dingen unerfahrenen Zuschauern etwas vormachen und sie zum Beifall hinreißen. Jeder Marktplatz muß widerhallen von ihren Reden, jedes Gastmahl bis zum Ekel verdorben werden durch ihr widerwärtiges Geschwätz, jedes Fest seinen Festcharakter verlieren und voll Trübsal sein, jedes traurige Ereignis in milderem Licht erscheinen, weil es ein noch schlimmeres Schicksal, nämlich ihre Zänkereien, gibt, jedes Frauengemach, in dem sonst Einfachheit herrscht, muß von Unruhe erfüllt werden, und die Blume der Schamhaftigkeit muß in der Unüberlegtheit beim Reden dahinwelken.

Da es also dahin gekommen ist und das Übel nicht mehr aufgehalten werden kann und unerträglich geworden ist und unser „großes Geheimnis“ (1 Tim 3,16) Gefahr läuft, ein kleines Kunststück zu werden, wohlan, so sollen uns die Aufpasser so weit ertragen – uns, die wir von väterlichem Mitgefühl zutiefst bewegt und, wie der göttliche Jeremia sagt, „in unseren Sinnen zerrissen“ (Jer 4,19) sind –, daß sie unsere Rede über diesen Gegenstand ohne Zorn aufnehmen, ihre Zunge ein wenig zurückhalten und uns ihr Ohr leihen, wenn sie es vermögen. Ihr werdet dabei überhaupt keinen Nachteil zu befürchten haben. Denn entweder haben wir für „Ohren von Leuten, die hören“ (Sir 25,9), gesprochen, und das Wort hat zu eurem Nutzen Frucht gebracht – denn der „Sämann sät das Wort“ (Mk 4,14) zwar in jede Seele hinein, aber nur eine gute und wirkliche bringt Frucht (vgl. Mk 4,20) –, oder ihr seid weggegangen, nachdem ihr vor uns ausgespuckt und noch mehr Stoff zu Widerspruch und zu lästerlichen Reden gegen uns gefunden habt, um euch noch mehr zu ergötzen. Wundert euch aber nicht, wenn meine Rede euren Erwartungen nicht entspricht und ich mich nicht an eure Gepflogenheiten halte. Ihr tretet ja mit dem Anspruch auf, alles zu wissen und über alles belehren zu können, wie das allzu selbstbewußte junge Leute – um euch nicht zu beleidigen, wenn ich sage: anmaßende Dummköpfe – tun.

3. Nicht jedermanns Sache ist es, meine Lieben, über Gott zu philosophieren, nicht jedermanns Sache ist es. Die Sache ist nicht so billig und nicht für Leute, die auf der Erde kriechen. Und ich füge hinzu: Man kann auch nicht zu jeder Zeit über Gott philosophieren und auch nicht vor allen und in bezug auf alles, vielmehr gibt es eine bestimmte Zeit dafür und bestimmte Hörer und bestimmte Themen.

Es ist nicht Sache aller, denn es ist Sache von Leuten, die sich bewährt und in der Schau schon ein gutes Stück Wegs zurückgelegt haben und die davor schon ihre Seele und ihren Leib rein gemacht haben oder ganz bescheiden dabei sind, es zu tun. Denn für einen Unreinen ist es wohl nicht ohne Gefahr, Reines zu berühren, wie auch für ein krankes Auge nicht, in das grelle Sonnenlicht zu blicken.

Zu welchem Zeitpunkt? Dann, wenn wir vom Schmutz der äußeren Dinge und ihrem Gewühl frei sind, wenn unser leitender Seelenteil nicht mehr von wertlosen Trugbildern umschwirrt ist. Sonst ist es, als ob man eine schöne Schrift mit Kritzeleien oder eine wohlriechende Salbe mit Kot vermischt. Wir müssen uns in der Tat Zeit nehmen und Gott erkennen (vgl. Ps 46,11: LXX Ps 45,11) und dann, wenn der „richtige Zeitpunkt für uns gekommen ist, uns ein Urteil bilden“ (Ps 75,3: LXX Ps 74,3) über die Richtigkeit der Theologie.

Vor welchen Hörern? Vor solchen, die das Thema mit Ernst behandeln und nicht auch dieses wie alles andere zum Gegenstand seichter Unterhaltung nach dem Pferderennen, dem Theater, dem Gesang, der Befriedigung des Bauches und dessen, was darunter ist, machen, für die auch dies ein Teil ihres Genießerlebens ist, über diese Fragen zu schwätzen und spitzfindige Einwände zu machen.

Über welche Gegenstände aber soll man philosophieren, und wie weit soll man gehen? Über alle, die uns zugänglich sind, und so weit die Fassungskraft und die Fähigkeit des Zuhörers geht. Sonst werden die Zuhörer vom Gewicht der Worte, wenn ich so sagen darf, niedergedrückt und mißmutig und büßen sogar ihre anfänglichen Fähigkeiten ein, ähnlich wie zu laute Stimmen dem Gehör und zu schwere Speisen dem Leib schaden oder, wenn man will, zu schwere Lasten den Trägern und zu heftige Regengüsse der Erde.
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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Gregor von Nazianz (aus der ersten Theologischen Rede) hat geschrieben:4. Ich sage nicht, daß man nicht allezeit Gottes eingedenk sein soll. Die da in allem leichtfertig und eilig sind, sollen uns nicht schon wieder im Nacken sitzen! Gottes eingedenk zu sein ist wichtiger als zu atmen, und man darf, wenn man so sagen kann, überhaupt nichts anderes tun. Auch ich gehöre zu denen, die das Wort empfehlen, welches befiehlt, „Tag und Nacht zu meditieren“ (Ps 1,2), ihn „am Abend und am Morgen und am Mittag zu künden“ (Ps 55,18: LXX Ps 54,18) und „den Herrn zu jeder Zeit zu preisen“ (Ps 34,2: LXX Ps 33,2), und, wenn der Satz des Moses zitiert werden muß, „wenn man sich niederlegt, wenn man aufsteht, wenn man eine Reise unternimmt“ (Dtn 6,7) oder was immer man tut, sich stets durch Denken an Gott auf noch größere Lauterkeit hin zu gestalten.

Wogegen ich etwas habe, ist also nicht, ständig Gottes eingedenk zu sein, sondern ständig Theologie zu treiben. Ich habe auch nichts gegen die Theologie, als ob sie etwas Gottloses wäre, sondern gegen die falsche Zeit dafür. Ich habe auch nichts gegen das Lehren, sondern nur gegen die Maßlosigkeit dabei. Bringt denn nicht eine bis zum Überdruß gehende Sättigung mit Honig Erbrechen hervor, obwohl es sich um Honig handelt? Jedes Ding hat seine Zeit (vgl. Koh 3,1), meint Salomon und meine auch ich.

Das Schöne ist nicht mehr schön, wenn es nicht auf schöne Weise geschieht, eine Blume blüht im Winter ganz und gar zur Unzeit, Männerschmuck paßt nicht zu Frauen und Frauenschmuck nicht zu Männern, Geometrie nicht zur Trauer und Tränen nicht zum Trinkgelage. Nur dort, wo es am meisten darauf ankommt, auf die richtige Zeit zu achten, sollten wir auf die rechte Zeit keine Rücksicht nehmen?

5. Nein, meine Freunde und Brüder – ich nenne euch auch dann noch Brüder, wenn ihr euch gar nicht brüderlich verhaltet –, so wollen wir nicht denken. Machen wir es nicht wie wilde und widerspenstige Pferde (vgl. Ps 32,9: LXX Ps 31,9), werfen wir den Reiter, unsere vernünftige Überlegung, nicht aus dem Sattel, entledigen wir uns nicht der Trense, der trefflich zügelnden Zurückhaltung, laufen wir doch nicht weitab von der Wendemarke entfernt! Laßt uns vielmehr innerhalb unserer Grenzen philosophieren, lassen wir uns doch nicht nach Ägypten verschleppen und nicht zu den Assyrern wegführen.

Singen wir nicht „das Lied des Herrn in fremdem Land“ (Ps 137,4: LXX Ps 136,4), das heißt vor jedem beliebigen Publikum, fremdem oder einheimischem, feindlichem oder freundlichem, wohlmeinendem oder übelgesinntem. Denn man beobachtet unser Verhalten nur allzu genau und hätte gern, daß der Funke der in uns steckenden Übel zur Flamme werde. So zündelt man und schürt die Flamme und läßt sie zum Himmel auflodern, indem man heimlich Wind macht und hineinbläst, und macht sie höher als das babylonische Feuer, das ringsherum alles niederbrannte (vgl. Dan 3,22 f).

Da sie in ihren eigenen Lehren keine Kraft haben, machen sie Jagd auf sie in unseren Schwächen. Deswegen machen sie sich wie Schmeißfliegen über Wunden über das her, was man bei uns entweder als Unglück oder als Verfehlung bezeichnen muß. Doch wenigstens wir sollten über uns selber keine falschen Vorstellungen mehr haben und das in diesen Dingen Schickliche nicht außer acht lassen. Wenn es schon nicht möglich ist, die Feindschaft zu beseitigen, dann sollten wir unter uns zumindest darüber übereinkommen, über geheimnisvolle Dinge in entsprechender Weise zu sprechen und über heilige Dinge in heiliger Weise zu reden und profanen Ohren nicht preiszugeben, was nicht auf den Marktplatz gehört. Sonst entsteht der Eindruck, daß die Anbeter von Götzen und die Verehrer schamloser Mythen und Praktiken mehr Anstand haben als wir; denn sie gäben eher ihr Blut her, als Uneingeweihten bestimmte Worte zu verraten.

Denken wir daran: Wie es bei der Kleidung, der Lebensweise, dem Lachen und der Art zu gehen einer gewissen Zurückhaltung bedarf, so auch beim Wort und beim Schweigen; denn wir verehren doch zusammen mit den anderen Namen und Kräften Gottes auch das Wort. Wenn wir schon streiten wollen, sollten wir auch dabei gewisse Regeln einhalten.
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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Gregor von Nazianz (aus der ersten Theologischen Rede) hat geschrieben:6. Warum bekommt jemand, der Ausdrücke wie „Zeugung“ und „Schöpfung Gottes“, „Gott aus dem Nicht-Seienden“, „Trennung“, „Teilung“, „Auflösung“ bloß spitzfindig unter die Lupe nimmt, dieselben überhaupt zu hören? Warum machen wir unsere Ankläger zu unseren Richtern? Warum legen wir unseren Feinden Schwerter in die Hände? Wer Ehebruch und Knabenliebe empfiehlt, die Leidenschaften verehrt, sich mit seinen Gedanken nicht über den Leib hinaus zu erheben vermag, sich gestern und vorgestern noch selbst Götter gebildet hat, und zwar solche, die für schlimmste Dinge bekannt sind, wie wird der deiner Meinung nach die Rede über diese Begriffe aufnehmen und mit welchem Verständnis? Etwa nicht materiell? Nicht schändlich? Nicht grobschlächtig? Nicht entsprechend seiner Gewohnheit? Wird er deine Theologie nicht dazu benutzen, seine eigenen Götter und Leidenschaften zu verteidigen?

Wenn wir selbst diese Begriffe mißbrauchen, werden wir jene kaum dazu bringen, mit uns zu philosophieren. Und wenn sie schon von sich aus „findig im Bösen“ (Röm 1,30) sind, wann könnten sie sich dann des Bösen enthalten, zu dem wir ihnen Gelegenheit geben? Das ist die Folge des Krieges, den wir miteinander führen. Das ist die Folge davon, daß einige mehr für das Wort kämpfen, als es dem Wort gefällt. Es ergeht ihnen wie Rasenden, die Feuer an ihre eigenen Häuser legen oder ihre eigenen Kinder zerfleischen oder ihre Eltern verstoßen, weil sie sie für Fremde halten.
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Gregor von Nazianz (aus der ersten Theologischen Rede) hat geschrieben:7. Nachdem wir also Fremdes vom Hören des Wortes ferngehalten und die große Legion, die in den Abgrund stürzt, zur Schweineherde fortgeschickt haben (vgl. Mk 5,9-13; Lk 8,30–33), geht es jetzt zweitens darum, auf uns selber zu schauen und, wie bei einem Standbild, an dem Theologen in uns zu feilen, bis er zu höchster Schönheit gelangt ist. Folgendes wollen wir zuerst überlegen: Was soll dieses Wetteifern um das Wort, dieses zügellose Reden? Was soll diese neuartige Krankheit und Unersättlichkeit? Warum haben wir auf einmal die Hände in den Schoß gelegt und unsere Zungen bewaffnet? Sollen wir nicht mehr die Gastfreundschaft gutheißen? Sollen wir nicht mehr Bewunderung aufbringen für die Bruder- und Gattenliebe, Jungfräulichkeit und Armenfürsorge, für Psalmengesang, Nachtwachen und Bußtränen?

Sollen wir unseren Leib nicht mehr durch Fasten zähmen (vgl. 1 Kor 9,27)? Sollen wir uns nicht mehr durch das Gebet zu Gott aufmachen? Sollen wir nicht mehr das Schwächere dem Stärkeren unterordnen, ich meine „den Staub“ (Gen 2,7) dem Geist, wie alle, welche die Mischung richtig beurteilen? Sollen wir nicht mehr aus dem Leben eine Einübung in den Tod machen? Sollen wir nicht mehr Beherrscher unserer Leidenschaften werden, eingedenk unserer Geburt von oben? Sollen wir nicht mehr den anschwellenden, wilden Zorn bändigen, den Hochmut, der uns zu Fall bringt, die grundlose Trauer, die ungezügelte Lust, das unzüchtige Lachen, den ungeordneten Blick, das unersättliche Hören, das maßlose Reden, das abwegige Denken, sollen wir nicht mehr alles bändigen, was der Böse bei uns gegen uns verwendet, der nach den Worten der Schrift versucht, dem Tod „durch unsere Fenster“ (Jer 9,20), das heißt: durch unsere Sinne, Eingang zu verschaffen?

Ganz im Gegenteil, sogar den Leidenschaften der anderen haben wir freie Bahn gegeben, so wie Könige bei der Siegesfeier Gefangene freilassen, wenn sie uns nur zunicken und sich gegen Gott um so frecher und weniger fromm aufführen. Und wir geben für eine unschöne Tat einen üblen Lohn, für Gottlosigkeit Freizügigkeit beim Reden.
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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Gregor von Nazianz (aus der ersten Theologischen Rede) hat geschrieben:8. Gleichwohl will ich dir, du schwatzsüchtiger Dialektiker, ein paar kleine Fragen stellen. „Du aber antworte mir“ (Job 38, 3), sagt derjenige zu Job, der mitten aus dem Sturm und den Wolken seine Stimme erhebt. Gibt es viele Wohnungen bei Gott (vgl. Joh 14,2), wie man dich lehrt, oder nur eine? – Viele, wirst du natürlich zugestehen, und nicht nur eine. – Müssen alle bezogen werden, oder die einen wohl, die anderen nicht, so daß es auch solche gibt, die leer bleiben und umsonst vorbereitet wurden? – Alle müssen bezogen werden; denn keines der Werke Gottes wurde grundlos gemacht. – Kannst du mir sagen, welche Vorstellung du von dieser Wohnung hast? Hältst du sie für die Ruhe und die Herrlichkeit dort oben, die für die Seligen bereitliegt (vgl. Kol 1,5; 2 Tim 4, 8), oder für etwas anderes? – Für nichts anderes als dies. – Da wir hier also einer Meinung sind, wollen wir auch noch folgendes untersuchen: Gibt es etwas, was uns diese Wohnungen verschafft – wie ich behaupte –, oder nicht? – Ganz gewiß gibt es das. – Was ist es denn? – Es sind die verschiedenen Lebensweisen und Lebenspläne, von denen nach dem Maß des Glaubens die einen hierhin, die anderen dorthin führen (vgl. Röm 12, 6). Wir nennen sie auch „Wege“. – Muß man nun alle diese Wege gehen oder nur einige von ihnen? – Wenn es ein und derselbe fertigbringt, sollte er alle gehen, wenn nicht, dann möglichst viele, wenn auch das nicht, dann wenigstens einige, und wenn auch das nicht, dann wäre es meiner Meinung nach schon etwas Großes, einen Weg auf ausgezeichnete Weise zu gehen. – Da hast du gut geantwortet. Wie aber, wenn du jetzt hörst, daß es nur einen Weg gibt und daß dieser eng ist (vgl. Mt 7,14), was bedeutet deiner Meinung nach dieses Wort? – Es gibt nur einen wegen der Tugend; denn es gibt nur eine Tugend, auch wenn sie sich in mehrere aufteilt; er ist eng (vgl. Mt 7,14) wegen des Schweißes, den er kostet, und weil er nicht von vielen begangen wird im Vergleich zu der Menge derer, die in die entgegengesetzte Richtung gehen, und zwar all derer, die auf dem Weg des Lasters voranschreiten. – So sehe auch ich das. Wenn sich das aber so verhält, mein Bester, warum lehnt ihr dann unsere Lehre als zu dürftig ab, gebt selber aber alle anderen Wege auf und stürzt euch kopfüber nur noch auf diesen einen, den der Wissenschaft und Theorie, wie ihr selbst meint, den der Wortstreiterei und Schaumschlägerei, wie ich sage. Paulus soll euch zurechtweisen, er, der euch diesbezüglich bittere Vorwürfe macht, nachdem er die Gnadengaben aufgezählt hat, wenn er sagt: „Sind etwa alle Apostel, alle Propheten“ (1 Kor 12,29) und so weiter.
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Gregor von Nazianz (aus der ersten Theologischen Rede) hat geschrieben:9. Doch bleiben wir dabei: Du bist etwas Höheres, du stehst über allen anderen, sogar über den Wolken, wenn du meinst. Du schaust Unschaubares, du hörst „Unhörbares“ (2 Kor 12, 4), du wirst nach Elias in die Lüfte erhoben (vgl. 2 Kön 2,11), du wirst nach Moses der Schau Gottes gewürdigt (vgl. Ex 3,2; 19,20; 33,18-23) und bist nach Paulus im Himmel (vgl. 2 Kor 12, 2). Warum machst du indes auch alle anderen am selben Tag noch zu Heiligen und weihst sie durch Handauflegung zu Theologen, hauchst ihnen gleichsam deine Gelehrsamkeit ein und schaffst riesige Versammlungen von unwissenden Gelehrten? Weshalb umgarnst du mit deinen Spinngeweben schlichte Menschen, als ob das etwas besonders Weises und Großes wäre? Warum störst du Wespennester gegen den Glauben auf? Warum stampfst du uns einen ganzen Schwarm von Dialektikern aus dem Boden, wie das die Mythen vor langer Zeit von den Giganten berichten Warum hast du, was es an Leichtsinn und Unmännlichkeit unter Männern gibt, wie einen Haufen Unrat in einem einzigen Sturzbach vereinigt, sie durch deine Schmeichelreden noch mehr verweichlicht und aus ihnen eine neuartige Werkstatt der Gottlosigkeit geschaffen, indem du nicht ungeschickt aus ihrer Dummheit Nutzen ziehst?

Du hörst immer noch nicht auf, dem, was ich sage, zu widersprechen? Zählt für dich nur eine Sache? Muß deine Zunge unbedingt über dich herrschen? Kannst du die Geburtswehen des Wortes nicht aushalten? Viele andere ehrenwerte Gegenstände stehen dir doch zur Verfügung! Auf sie hin lenke deine krankhafte Sucht, und es wird dir Nutzen bringen!
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Gregor von Nazianz (aus der ersten Theologischen Rede) hat geschrieben:10. Falle doch über das Schweigen des Pythagoras her, die orphischen Bohnen oder die neuere Großtuerei um die Formel „er selbst hat es gesagt“. Falle über die Ideen Platons her, die Inkarnationen und Wanderungen unserer Seelen, die Wiedererinnerungen und die unschönen Liebschaften, die durch die schönen Leiber hin-durch zur Seele führen sollen. Falle über die Gottlosigkeit des Epikur her, seine Atome und seine unphilosophische Lust, über die kleinliche Vorsehung des Aristoteles, die Künstlichkeit seines Vorgehens, seine nach Sterblichkeit klingenden Worte über die Seele und den bloß menschlichen Charakter seiner Lehren, über den Hochmut der Stoa und über die Gier und Roheit der Kyniker. Falle her über die Leere und die Fülle" und über das Geschwätz, das sie über Götter und Opfer, über Götterbilder und über gute und schädliche Dämonen" und das sie über Wahrsagerei, Beschwörungen von Göttern und von Seelen und die Macht der Gestirne erzählen.

Wenn du dies alles jedoch für nicht diskussionswürdig hältst, weil es deiner Meinung nach unbedeutend ist und schon oft erforscht wurde, und dich deinen eigenen Angelegenheiten zuwenden willst und dort einen ehrenwerten Gegenstand suchst, so kann ich dir auch da weite Gebiete eröffnen. Philosophiere doch über die Welt oder die Welten, über die Materie, über die Seele, über die guten und über die bösen geistigen Wesen, die Auferstehung, das Gericht, die Vergeltung, die Leiden Christi. In diesen Dingen ist ein Erfolg nicht ohne Nutzen, ein Mißerfolg jedoch ohne Gefahr. Was Gott selbst angeht, so werden wir ihm jetzt kaum nahe kommen, etwas später vielleicht vollkommener, in Christus Jesus selbst, unserem Herrn, dem „die Herrlichkeit ist in alle Ewigkeit“ (Offb 1,6). Amen.
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