Quantenphysik als Schlüssel zur Willensfreiheit?

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.

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Udalricus
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Quantenphysik als Schlüssel zur Willensfreiheit?

Beitrag von Udalricus » Freitag 23. Februar 2007, 21:19

Ich las gerade von einer Tagung des Opus Dei mit hochkarätigen Natur-und Geisteswissenschaftlern:
http://www.opusdei.at/art.php?p=21630

Grundtenor: Durch die Quantenphysik hat der freie Wille wieder eine Chance, der Determinismus, den selbst Einstein noch propagierte ("Gott würfelt nicht") ist überholt.

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Peregrin
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Re: Quantenphysik als Schlüssel zur Willensfreiheit?

Beitrag von Peregrin » Freitag 23. Februar 2007, 22:36

Udalricus hat geschrieben:Ich las gerade von einer Tagung des Opus Dei mit hochkarätigen Natur-und Geisteswissenschaftlern:
http://www.opusdei.at/art.php?p=21630

Grundtenor: Durch die Quantenphysik hat der freie Wille wieder eine Chance, der Determinismus, den selbst Einstein noch propagierte ("Gott würfelt nicht") ist überholt.
Was heißt das für den Praktiker?
Ich bin der Kaiser und ich will Knödel.

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Walter
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Re: Quantenphysik als Schlüssel zur Willensfreiheit?

Beitrag von Walter » Freitag 23. Februar 2007, 22:37

Udalricus hat geschrieben:Ich las gerade von einer Tagung des Opus Dei mit hochkarätigen Natur-und Geisteswissenschaftlern:
http://www.opusdei.at/art.php?p=21630

Grundtenor: Durch die Quantenphysik hat der freie Wille wieder eine Chance, der Determinismus, den selbst Einstein noch propagierte ("Gott würfelt nicht") ist überholt.
Der von Einstein hier propagierte Determinismus ist allerdings schon seit mehr als 80 Jahren überholt. Einstein argumentierte 1926 in der Diskussion mit Max Born mehr aus dem Bauch heraus:
  • »Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der Alte nicht würfelt.«
Spätestens seit 1927 durch die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie von Niels Bohr und Werner Heisenberg wird in der Physik allgemein angenommen, dass es keinen strengen Determinismus auf Quantenebene gibt.

Das ist zumindest eine notwendige Bedingung für einen auch mit den Gesetzen der Physik zu vereinbarenden freien Willen. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass ein freier Wille auch tatsächlich existiert (wiederum innerhalb der physikalischen Gesetzmäßigkeiten). Etwas wirklich Neues hat dieses Seminar m. E. daher nicht hervorgebracht. So finde ich das Thema für nächstes Jahr dort auch interessanter:
  • »Gibt es in der Neurowissenschaft Platz für die Seele?«
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Sempre
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Re: Quantenphysik als Schlüssel zur Willensfreiheit?

Beitrag von Sempre » Freitag 9. September 2016, 21:59

Udalricus hat geschrieben:Ich las gerade von einer Tagung des Opus Dei mit hochkarätigen Natur-und Geisteswissenschaftlern:
http://www.opusdei.at/art.php?p=2163

Grundtenor: Durch die Quantenphysik hat der freie Wille wieder eine Chance, der Determinismus, den selbst Einstein noch propagierte ("Gott würfelt nicht") ist überholt.
Auf den Determinismus allein kam es Einstein nicht an, sondern vielmehr auf den Zusammenhang von Indeterminismus und der von ihm sogenannten spukhaften Fernwirkung in Niels Bohrs Interpretation:
Einstein hat geschrieben:Es scheint hart, dem Herrgott in die Karten zu gucken. Aber dass er würfelt und sich telepathischer Mittel bedient (wie es ihm von der gegenwärtigen Quantentheorie zugemutet wird), kann ich keinen Augenblick glauben.
Es geht um Würfeln und telepathische Mittel. Dies aber ist kein Kennzeichen der Quantenmechanik, sondern ein Kennzeichen der von Walter oben erwähnten Kopenhagener Deutung derselben. Dabei handelt es sich lediglich um eine pseudophilosophische Spinnerei, und nicht um eine physikalische Erkenntnis.

Nachdem u.a. Planck und Einstein neue Ideen zum Thema Licht und Strahlung entwickelt hatten, hatte Louis-Victor de Broglie ein Welle-plus-Teilchen-Modell vorgelegt, das gleich auch die Materie beschreiben sollte:
Louis de Broglie 1929 hat geschrieben:I thus arrived at the following overall concept which guided my studies: for both matter and radiations, light in particular, it is necessary to introduce the corpuscle concept and the wave concept at the same time. In other words the existence of corpuscles accompanied by waves has to be assumed in all cases.
Man stelle sich einen Wasserball vor, der auf der Wasseroberfläche hüpft, bei jedem Aufprall eine Welle erzeugt, wobei die gewellte Wasseroberfläche wiederum die Richtung beeinflusst, in die der Ball weiterhüpft. Bereits Isaac Newton hatte in seinen Opticks das Licht mit einem flachen Stein verglichen, den man so wirft, dass er über das Wasser hüpft.

Auf Basis von de Broglies Materiewellen entwickelte Schrödinger seine Gleichung, die völlig unumstritten ist. Gestritten wird nur darüber, was sie bedeutet. Anders als die Kopenhagener Deutung spricht die de Broglie Bohm Theorie von konkreten Teilchen die auch je eine eigene determinierte Trajektorie haben. Hier etwa beim Doppelspalt-Experiment:



Die Welle ist dabei etwas, das einem sonderbaren, schrödingerschen Kraftfeld gleicht. Wesentlich im Gegensatz zur Kopenhagener Deutung ist, dass die Teilchen hier auch dann existieren, wenn kein Physiker mit Doktortitel sie misst, wie John Stewart Bell anmerkte. Der Mond existiert auch, wenn keiner guckt.

Dieser Strang hier ist fast 1 Jahre alt. Seit gut zehn Jahren haben Strömungsmechaniker hübsch anzuschauende makroskopische Phänomene demonstriert, die diverse Effekte gut erkenn- und einsehbar machen, die zuvor als Eigenheiten der Quantenmechanik angesehen und etwa laut Richard Feynman unmöglich eine klassische Erklärung haben können. Darunter Selbstinterferenz eines einzelnen "Wellenteilchens", Doppelspalt-Versuch, Aufenthalt auf diskreten bevorzugten Bahnen, Emergenz von quantisiertem Spin.





Das sieht ganz so aus, als hätten die Väter der Kopenhagener Deutung leichtsinnig die Flinte zu früh ins Korn geworfen. Einstein hat sich wohl zurecht gegen sie gewehrt. Die von ihm abgelehnte spukhafte Fernwirkung gibt es zwar seit 1981 nachgewiesenermaßen. Auch sie wird aber wohl, wie schon einige andere Quantenmirakel, in nicht allzuferner Zukunft entzaubert werden. Die Quantentheorie ist unvollständig, sie muss ergänzt werden, wie Einstein nicht aufgab zu betonen.

Dann wird Schluß sein mit dem freien Willen der Opus-Dei-Anhänger aus dem Eingangsbeitrag. Alan Sokal hatte bereits 1996 gezeigt, wie dumm es laufen kann, wenn man fachfremd und unvorsichtig mit Modellen und Ideen von Physikern herumhantiert. Was Intellekt, freier Wille usf. angeht, bleibt immer noch St. Thomas von Aquin vor den alten Griechen und allen anderen die beste Wahl.
Die Lehren der Kirche zu glauben mag manch einem Schwierigkeiten bereiten. Sie aber nach eigenem Gutdünken nachzubessern und das Resultat dann für wahr zu halten, ist infantil.

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Sempre
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Re: Quantenphysik als Schlüssel zur Willensfreiheit?

Beitrag von Sempre » Sonntag 25. Februar 2018, 20:08

Erwin Schrödinger hat geschrieben:If these statistics (the statistics which, according to present-day theory, determine the behavior of the atom) are interfered with by any agent, this agent violates the laws of quantum mechanics just as objectionably as if it interfered-in pre-quantum physics-with a strictly causal mechanical law.... The net result is that quantum physics has nothing to do with the freewill problem. If there is such a problem, it is not furthered a whit by the latest developments in physics.
Science and Humanism: Physics in Our Time. Erwin Schrödinger. New York: Cambridge Univ. Press, 1952.
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Raphael
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Re: Quantenphysik als Schlüssel zur Willensfreiheit?

Beitrag von Raphael » Montag 26. Februar 2018, 07:01

Walter hat geschrieben:
Freitag 23. Februar 2007, 22:37
Das ist zumindest eine notwendige Bedingung für einen auch mit den Gesetzen der Physik zu vereinbarenden freien Willen.
Wer will denn überhaupt den freien Willen mit den Gesetzen der Physik vereinbaren? :hmm:

Wille ist doch gar kein physikalisches Phänomen. :)
Die Welt kann man nur verstehen, wenn man vor dem Kreuz von Golgatha kniet!

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Re: Quantenphysik als Schlüssel zur Willensfreiheit?

Beitrag von CIC_Fan » Montag 26. Februar 2018, 09:54

tja die Quanten Physik stellt eben die klassischen Physikalischen Gesetze bis zu einem gewissen Punkt in Frage Experimente geben ihr teilweise Recht

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