Lycobates hat geschrieben: ↑Sonntag 8. November 2020, 09:57
Das ist auch irrelevant.
Sie sind unentschuldbar.
ad Rom. 1,18-22.
Das ist nicht ganz korrekt. Römer 1,18-22 bezeugt die Erkennbarkeit Gottes aus der Natur heraus, und somit indirekt die Möglichkeit eines "Gottesbeweises" metaphysischer Art. Aber es bezeugt nicht die Notwendigkeit, Jesus Christus als fleischgewordenen Sohn Gottes anerkennen zu müssen. Es ist im Gegenteil allgemein akzeptierte theologische Lehre, daß die Trinität und Menschwerdung Gottes nur durch Offenbarung, nicht durch Naturbeobachtung, ableitbar ist. Die Stelle in Römer 1,18-22 sagt uns nur etwas über das geistige Verfehlen der Atheisten und eventuell einiger Heiden, aber nicht über z.B. das Verfehlen der Juden oder Muslime (die ja Gott soweit er aus der Natur zu erkennen ist akzeptieren).
Soweit ich weiß, ist sowhl die Existenz als auch der selbst geäußerte Anspruch Jesus "Gott" zu sein unumstritten, auch bei den "Ungläubigen". Selbstverständlich gibt es auch Leute die behaupten, daß Jesus schlicht eine komplett erfundene Figur ist, oder wenigstens, daß das Neue Testament Jesus diese Behauptung angedicht hat. Aber es gibt keine ernstzunehmenden Zweifel aus dem Lager der akademischen Forschung. Muslime, weil sie einerseits Jesus als rechtgläubigen Propheten des Islams annehmen müssen aber andererseits nicht die Behauptung seiner Gottheit akzeptieren können, sind gezwungen zu behaupten, daß große Teile des Neuen Testaments später verfälscht wurden. Aber das ist eine rein ideologische Position: weder gibt es dafür irgendwelche Hinweise, noch scheint es im Angesicht der Viezahl von frühen Quelle möglich, noch glaubt da irgendein nicht-muslimischer Historiker daran. Rabbinische Juden sehen Jesus im Wesentlichen als durchgeknallten Sektenführer, dessen jüdisch inspirierter Kult sich leider als enorm populär erwiesen hat. Ich weiß nicht, ob es da eine systematische Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament gibt, es scheint mir mehr um Interpretationen des Alten Testaments / Talmud zu gehen, und um Fragen ob christliche Lehren damit kompatibel sind. Der geistige Angriff von rabbinischen Juden auf das Christentum ist jedenfalls deutlich heftiger als wir das so mitkriegen, aber halt inner-jüdisch und insofern meist unsichtbar für uns. Ich habe irgendwo ein apologetisches Buch der "One for Israel" Leute, daß sich mit Dutzenden typischer Argumente beschäftigt.
Im allgemeinen sehen die Ungläubigen die christliche Überlieferung bzgl. Jesus als irgendwo zwischen Halluzination, PTSD, Selbsttäuschung oder schlicht gewollten Betrug und Lüge um die christliche Sekte beinander zu halten. Offensichtlich sehen die, die nicht an Gott glauben, auch alle Geschichten über Wunder als Unsinn an. Das von Christen oft (anderen Christen gegenüber...) vorgetragene Argument, daß das Martyrium der Jünger etwas bzgl. der Wahrheit des Glaubens beweist, wird als eher lachhaft gesehen. Es ist halt wohlbekannt, daß Sekten ihre Anhänger zu allem möglichen Unsinn verführen können, inklusive "suicide by cop" (Selbstmord durch Polizei, will sagen, durch Aneinandergeraten mit gewaltbereiten Autoritäten).
Ich stimme dem übrigens zu. Ich sehe die
Beweiskraft des Neuen Testaments (und zeitnaher Quellen) als nahe null an, wenn man es ohne jeden Glauben nur als historisches Dokument liest. Und das gilt sogar, wenn man annimmt, daß es komplett "wahr" im Sinne der Autoren geschrieben wurde (also keine absichtlichen Verfälschungen enthält), jedenfalls außerhalb der Beschreibung von Wundern. Ich finde darin nichts, was nicht entweder anderweitig erklärbar ist oder schlicht abstreitbar ist. Und bzgl. Wunder liegt es in der Natur der Dinge, daß alle anderen Erklärungen wahrscheinlicher sind als das beschriebene Wunder selber: Mißverständnis, Fehlbeobachtung, Übertreibung, Selbsttäuschung, Halluzination, Täuschung, Betrug, Lüge,... All diese Dinge für Geschehnisse in der Antike auszuschließen, wird niemals gelingen.
Die frühe Entwicklung des Christentums ist sicher außerordentlich, vielleicht sogar geschichtlich und soziologisch einzigartig. Aber es gibt keinen schlagenden Beweis, daß sie
übernatürlich war, außerhalb des Glaubens. In letzter Analyse geht es darum, ob man beweisen kann, daß Jesus echt tot war, und wiederauferstanden ist (nicht irgendwie durch menschliche oder natürliche Einwirkung wiederbelebt wurde). Ich glaube, daß das der Fall ist. Aber ich glaube nicht, daß das beweisbar ist.