Zwangstaufe

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
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Petur
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Zwangstaufe

Beitrag von Petur »

Hallo!

Eine Zwangstaufe kann nicht gültig sein. In der Vergangenheit wurde sie aber nicht selten praktiziert, oft sogar massenhaft. Stellen wir uns diese Situation vor: Ein heidnischer Junge im Frühmittelalter wird so "getauft", gegen seinen Willen. Später bekehrt er sich jedoch zum Christentum und wird ein tief gläubiger Nachfolger Christi, Mönch, Priester, Bischof - ohne "neue", also gültige Taufe. Er, der in Wirklichkeit kein Christ ist, aber von der Kirche als Christ betrachtet wird, weiht Priester, spendet das Sakrament der Firmung usw...
Die Zwangstaufe wurde damals noch als gültig anerkannt, heute nicht mehr. Waren jene "zwangsgetauften" Massen also nicht christlich? Waren solche Priester und Bischöfe wie oben keine wirklichen Geistlichen, waren die Sakramente, die sie spendeten, nicht gültig? Die Ungültigkeit wäre aus heutiger Sicht logisch, trotzdem scheint mir die Sache komplizierter und nicht so eindeutig zu sein. Kann man hier vielleicht den Satz "ecclesia supplet" verwenden?

Alles Gute!

Petur

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anneke6
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von anneke6 »

Aus irgendeinem Grund werde ich immer mit unorthodoxen Tauffällen konfrontiert…gerade eben wieder so eine Geschichte am laufen. Im Falle von Zwangstaufe gehöre ich auch zu denen, die zu "ungültig" tendieren, wobei FioreGraz und Clemens auf der "gültig aber illegal"—Seite stehen.
Aber ich denke, man muß unterscheiden, ob jemand nur ohne seinen Willen oder wirklich gegen seinen Willen getauft wird, in letzterem Fall also: unter lautstarkem Protest von mehreren an Händen und Füßen zum Taufbecken gezerrt. Trotzdem könnte argumentiert werden, daß die Seele selbst sich immer nach Erlösung sehnt.
Es kann in seltenen Fällen wohl vorkommen, daß jemand nicht gültig getauft wird…aber ich habe das innere Vertrauen, daß der Herr darauf acht geben wird, daß durch solche Vorfälle zumindest die apostolische Sukzession nicht unterbrochen wird — denn die Kirche soll ja bleiben bis zum Ende der Welt.
???

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Robert Ketelhohn
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Petur hat geschrieben:Eine Zwangstaufe kann nicht gültig sein. In der Vergangenheit wurde sie aber nicht selten praktiziert, oft sogar massenhaft.
Vor allem weiteren: Belege das mal.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
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Petur
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Petur »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Petur hat geschrieben:Eine Zwangstaufe kann nicht gültig sein. In der Vergangenheit wurde sie aber nicht selten praktiziert, oft sogar massenhaft.
Vor allem weiteren: Belege das mal.
Wenn der "Empfänger" das Sakrament nicht empfangen will, es also ablehnt, kann es um kein gültiges Sakrament gehen. Eine minimale Zustimmung ist unter allen Umständen nötig.

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anneke6
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von anneke6 »

Ich glaube Roberts Aufforderung bezog sich (auch) auf Deine These, daß die Zwangstaufe früher "nicht selten, oft sogar massenhaft" vollzogen wurde.
???

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Robert Ketelhohn
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Robert Ketelhohn »

In der Tat. Und zwar nicht nur „auch“, sondern genau darauf.
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Petur
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Petur »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:In der Tat. Und zwar nicht nur „auch“, sondern genau darauf.
Ich denke an derartige Beispiele:

http://de.wikipedia.org/wiki/Zwangstaufe

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Maria Walburga
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Maria Walburga »

Hmm, ich würde zu "schwebend ungültig" tendieren. Dass der Zwangsgetaufte nicht durch die Taufe ein "Zwangschrist" wird, sondern in dem Moment, wo seine innere Bekehrung einsetzt, entfaltet das Sakrament seine volle Gültigkeit.

Falls jemand meine wirren Gedankengänge nachvollziehen kann. ;D

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Robert Ketelhohn
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Petur hat geschrieben:
Robert Ketelhohn hat geschrieben:In der Tat. Und zwar nicht nur „auch“, sondern genau darauf.
Ich denke an derartige Beispiele:

http://de.wikipedia.org/wiki/Zwangstaufe
Der Artikel ist von vorn bis hinten erlogen. Das ist antichristliche Kirchenhetze
im Otto-von-Corvin-Stil. Wenn ich dazu komme, werde ich dazu noch was
Detaillierteres schreiben (obgleich man sich das mangels Quellenangaben im
Artikel eigentlich schenken darf).
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Petur
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Petur »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Petur hat geschrieben:
Robert Ketelhohn hat geschrieben:In der Tat. Und zwar nicht nur „auch“, sondern genau darauf.
Ich denke an derartige Beispiele:

http://de.wikipedia.org/wiki/Zwangstaufe
Der Artikel ist von vorn bis hinten erlogen. Das ist antichristliche Kirchenhetze
im Otto-von-Corvin-Stil. Wenn ich dazu komme, werde ich dazu noch was
Detaillierteres schreiben (obgleich man sich das mangels Quellenangaben im
Artikel eigentlich schenken darf).
Es ist mir genügend, wenn wir die theoretische Möglichkeit besprechen. ( Der Artikel ist zweifelsohne schwach, doch man kann über Massentaufen und Zwangstaufen auch in ernsteren Quellen lesen.) Was für ein Bischof kann also der "zwangsgetaufte" Bischof sein?

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Petur
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Petur »

Maria Walburga hat geschrieben:Hmm, ich würde zu "schwebend ungültig" tendieren. Dass der Zwangsgetaufte nicht durch die Taufe ein "Zwangschrist" wird, sondern in dem Moment, wo seine innere Bekehrung einsetzt, entfaltet das Sakrament seine volle Gültigkeit.

Falls jemand meine wirren Gedankengänge nachvollziehen kann. ;D
Dein Gedankengang ist mir sympathisch, auch ich habe an eine derartige Lösung gedacht.

Aletheia
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Aletheia »

Petur hat geschrieben:
Maria Walburga hat geschrieben:Hmm, ich würde zu "schwebend ungültig" tendieren. Dass der Zwangsgetaufte nicht durch die Taufe ein "Zwangschrist" wird, sondern in dem Moment, wo seine innere Bekehrung einsetzt, entfaltet das Sakrament seine volle Gültigkeit.

Falls jemand meine wirren Gedankengänge nachvollziehen kann. ;D
Dein Gedankengang ist mir sympathisch, auch ich habe an eine derartige Lösung gedacht.
Wer ist denn bitte "Zwangsgetauft"?

Das muss man aus der Zeit heraus erklären und verstehen.
Der Glaube, dass die Taufe heilswirksam ist, verpflichtet einen Christen dazu andere zu taufen bzw. taufen zu lassen. Angesichts der Kindersterblichkeit war das dann auch vernünftig, Kinder zu taufen.
In anderer Hinsicht, war das Christentum auch ein Mittel zur Herrschaft über sogenannte Heiden, wie die Sachsen und daher wurden als Zeichen der Eroberung eben auch Massentaufen angeordnet. So war das ja auch in Latein-Amerika und auch in Nord-Amerika.
Zuletzt geändert von Aletheia am Sonntag 29. März 2009, 14:05, insgesamt 1-mal geändert.

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Petur
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Petur »

Aletheia hat geschrieben:
Petur hat geschrieben:
Maria Walburga hat geschrieben:Hmm, ich würde zu "schwebend ungültig" tendieren. Dass der Zwangsgetaufte nicht durch die Taufe ein "Zwangschrist" wird, sondern in dem Moment, wo seine innere Bekehrung einsetzt, entfaltet das Sakrament seine volle Gültigkeit.

Falls jemand meine wirren Gedankengänge nachvollziehen kann. ;D
Dein Gedankengang ist mir sympathisch, auch ich habe an eine derartige Lösung gedacht.
Wer ist denn bitte "Zwangsgetauft"?
Hast Du die vorigen Beiträge gelesen? Dort kannst Du die Antwort finden.

Aletheia
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Aletheia »

Petur hat geschrieben: Hast Du die vorigen Beiträge gelesen? Dort kannst Du die Antwort finden.
Ja - ich habe das jetzt ergänzt. Aber dennoch stellt sich die Frage, wer denn heute zwangsgetauft ist.
Und natürlich stellt sich die Frage, ob jemand der getauft ist, aber nicht an Christus glaubt, Christ ist.
Die Frage ist dann grundlegender - was ist die Wirkung eines Sakraments, wenn der Betreffende an die Wirkung nicht glaubt.
Nun - da das Sakrament gespendet wird, also ein Spender an das Sakrament auch glauben muss - und es zudem ein Zeichen der Wirkmacht Gottes ist - also sowohl vom Spender und vom Empfänger unabhängig ist - ist die Taufe gültig.
Dabei spielt die Frage der Gültigkeit in der Kirche vor allem eine Rolle bezüglich des angewandten Ritus und der Taufformel. Das sind dann ja auch die Gründe, weshalb die Kirche die Taufe der Mormonen nicht als gültig anerkennt.

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asderrix
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von asderrix »

Aletheia hat geschrieben:Aber dennoch stellt sich die Frage, wer denn heute zwangsgetauft ist.

Ich weiß dass es provokant klingt, schmeißt ruhig virtuelle Steine. :P
Die Antwort auf diese Frage lautet: Jeder unmündige der getauft wurde!

Und natürlich stellt sich die Frage, ob jemand der getauft ist, aber nicht an Christus glaubt, Christ ist.
Echt, für mich stellt sich diese Frage nicht, da die Annahme, dass die Taufe heilsnotwendig ist, nicht Inhalt des christlichen Glaubens ist, wie er in der Bibel gelehrt wird.
Jedes Gedächtnismahl sagt: Das Beste kommt noch!

Aletheia
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Aletheia »

asderrix hat geschrieben:
Aletheia hat geschrieben:Aber dennoch stellt sich die Frage, wer denn heute zwangsgetauft ist.

Ich weiß dass es provokant klingt, schmeißt ruhig virtuelle Steine. :P
Die Antwort auf diese Frage lautet: Jeder unmündige der getauft wurde!

Und natürlich stellt sich die Frage, ob jemand der getauft ist, aber nicht an Christus glaubt, Christ ist.
Echt, für mich stellt sich diese Frage nicht, da die Annahme, dass die Taufe heilsnotwendig ist, nicht Inhalt des christlichen Glaubens ist, wie er in der Bibel gelehrt wird.
Du klingst nicht provokant, weil das ja nichts neues ist.

Wenn die Taufe nicht heislnotwendig ist, wozu soll dann überhaupt noch getauft werden - sei er mündig oder unmündig?
Was ist dann der Sinn von Taufe?

Juergen
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Re: Zwangstaufe

Beitrag von Juergen »

Zwangstaufe eines türkischen Kindes in Mühlhausen an der Enz im Jahr 1689
“Es hat sich aber zugetragen, d[aß] zwar mir Pfarrern vor dem Taufstein unbewußt war ein türkisches Kind, solle mit obgesetzten zweyen Zwillingen mitgetauft und zu einem Christen gemacht werden, dessen Eltern, Vater und Mutter, geborene Türken waren, die türkische Mutter sich aber deswegen heftig gewägert (gewehrt) und sich durchaus dazu nicht verstehen wollen, daß ihr Kind sollte getauft werden. Bis die Herren Officiere in Abwesenheit ihres Manns, der ohne des Fourage geritten, solches durch eine Soldatenfrau mit Gewalt aus ihrem Quartier nehmen lassen, die es dann in die Kirche vor den Taufstein gebracht und mit obermeldten Zwillingen getauft und den christlichen Namen aus Befehl der Herren Officierers Hans Adam Mühlhausser gegeben worden. Eltern: Waren geborene türkische Eltern, deren Namen mir unbekannt. Waren unter dem Churbayerischen Arzischen Regiment Dragonersleuth.”


Sachen gab's. :roll:
Gruß Jürgen

Dieser Beitrag kann unter Umständen Spuren von Satire, Ironie und ähnlich schwer Verdaulichem enthalten. Er ist nicht für jedermann geeignet, insbesondere nicht für Humorallergiker. Das Lesen erfolgt auf eigene Gefahr.

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