Docta Ignorantia

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
Konstanz
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Docta Ignorantia

Beitrag von Konstanz » Dienstag 19. Februar 2019, 19:04

Seine für die Folgezeit bis heute maßgebliche Ausprägung erhielt der Ausdruck docta ignorantia von Nikolaus von Kues, der ihm in seiner Philosophie eine zentrale Rolle zuwies und das erste seiner philosophisch-theologischen Hauptwerke so betitelte. Nikolaus knüpfte an die negative Theologie des Pseudo-Dionysius an.

In De docta ignorantia verwarf Nikolaus im Sinne der negativen Theologie alle positiven Aussagen über Gott als unangemessen und insofern irreführend. Wie Bonaventura wendete er sich Gott nicht zu, indem er den Anspruch erhob, Wissen über ihn zu besitzen oder erreichen zu können, sondern indem er Wissen über sein eigenes Nichtwissen erlangte und damit eine über sich selbst „belehrte Unwissenheit“. Im Unterschied zu Augustinus und Bonaventura schilderte er jedoch die Belehrung, welche der Unwissende empfängt, nicht als reine Gnade Gottes, sondern als Frucht von Bemühungen des menschlichen Geistes, der sich auf der Suche nach Wahrheit und Weisheit selbst transzendiert.

Die von Nikolaus entwickelte „Regel der belehrten Unwissenheit“ besagt, dass man nie durch Betrachtung von etwas, was quantitativ oder qualitativ vermehrt bzw. gesteigert oder vermindert werden kann, zur Erkenntnis eines absoluten Maximums gelangen kann. Der menschliche Verstand (ratio) kann sich jedoch seiner Natur nach nur mit vermehrungs- oder verminderungsfähigen, also relativen Objekten befassen, da seine Tätigkeit ein Vergleichen von Bekanntem mit Unbekanntem ist. Im Zuständigkeitsbereich des Verstandes, unter den steigerungsfähigen konkreten Gegenständen, gibt es nur Grade der Annäherung, keine absolute Gleichheit und keine Genauigkeit. Gott als das Absolute und Unendliche ist dem Verstand somit prinzipiell unzugänglich.

Höher als der Verstand steht nach Nikolaus’ Überzeugung die Vernunft (intellectus), da sie in der Lage ist, die Grenzen der Verstandestätigkeit zu erkennen. Doch auch sie ist endlich und kann daher nach De docta ignorantia ebenfalls nicht zu wirklicher Gotteserkenntnis vordringen; den paradoxen Zusammenfall der Gegensätze in Gott, die coincidentia oppositorum, erfasst sie nicht wirklich. Da sie aber zugleich „etwas Göttliches“ ist, kann sie immerhin die göttliche Wahrheit gleichsam „sehen“ und „berühren“. Später, in De coniecturis (um 1442), in den im Zeitraum 1445–1447 verfassten kleinen Schriften und besonders in De visione dei (1453) gelangte Nikolaus zu einer optimistischeren Einschätzung der Möglichkeiten der Vernunft.

Paradoxerweise meinte Nikolaus, dass ein über sein Nichtwissen belehrter Mensch „das Unbegreifliche unbegreifenderweise umfassen“ könne. Während er hinsichtlich der Gotteserkenntnis die Aussichtslosigkeit aller rationalen Bemühungen betonte, betrachtete er die Welterkenntnis als Prozess, als einen nicht zum Ende gelangenden Vorgang der Annäherung an die Wahrheit, der mit einer Steigerung der Erkenntniskräfte verbunden sei: „Je tiefer wir in dieser Unwissenheit belehrt sein werden, desto mehr werden wir uns der Wahrheit selbst nähern.“
(Quelle)

Trotz dieser Überlegungen zu der nicht vorhandenen Möglichkeit einer Definition Gottes sind Näherungen angezeigt. Gewährleistet wird dies von der Botschaft Jesu, daß Gott die Liebe sei; um nicht zu sagen: IST!

Der Aufstieg zu diesen Aussagen auf Gott hin wird durch ein geordnetes Universum ermöglicht. Denn es ist zu konstatieren: Der Mensch lebt in genau diesem geordneten Universum!
Allerdings ist ebenfalls zu konstatieren, daß es zweierlei Ordnung gibt.
Zunächst eine materielle Ordnung, die Untersuchungsgegenstand der Naturwissenschaften ist; darüber hinaus aber auch eine geistige Ordnung, die in den Geisteswissenschaften zum Gegenstand der Untersuchungen wird. Diese doppelte Ordnung des Universums sei Kosmos genannt und ist von dem Universum selber zu unterscheiden. Der Kosmos ist prinzipiell unsichtbar, jedoch für den Menschen geistig erfaßbar und damit nicht gegenstandslos für alle Geschöpfe, die sich ihrer Bestimmung gemäß im Universum bewegen.

Eine Sonderstellung innerhalb der Geisteswissenschaften nimmt die Theologie ein, die eine Art Metawissenschaft der Geisteswissenschaften ist. In ihr höchstselbst kann der Mensch zu der Wahrheit durchstoßen, welche dann wiederum - mehr oder weniger zwangsläufig - zur Maxime des eigenen Lebens wird.
Wenn die recht Gläubigen und die Rechtgläubigen aus der Kirche vertrieben worden sind, wird der Herr wiederkommen und seiner Herrschaft wird kein Ende sein!