inimicus et hostis

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
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ar26
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inimicus et hostis

Beitrag von ar26 » Sonntag 17. Juli 2016, 13:58

Ich lese gerade Carl Schmitts "Begriff des Politischen". Zu Beginn seiner Schrift geht Schmitt auf die politischen Kategorien von Freund und Feind ein. Hierzu führt er aus, daß bei dem deutschen Wort Feind eine Unterscheidung erforderlich sei. Denn anders als die deutsche Sprache kennen das altgriechische, das lateinische und auch das englische zwei verschiedene Begriffe für den Feind, nämlich den gewissermaßen privaten Feind (inimicus) und den öffentlichen Feind (hostis). Schmitt verweist hierzu auf Platon aber auch auf das Hl. Evangelium, nämlich Matth. 5,44 und Luk. 6,27. In meiner Vulgata ist dort tatsächlich ausschließlich vom inimicus die Rede. Schmitt verweist in der Fußnote auf das gegenwärtig nicht unaktuelle Beispiel des Kampfes Europas gegen die Sarazenen, die nicht inimicus sondern hostis waren.

Meine Frage, ist diese Unterscheidung im Bezug auf das Evangelium konstruiert oder gibt es kirchliche Lehraussagen, die diesen Unterschied ebenfalls konstruieren?
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Hubertus
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Hubertus » Sonntag 17. Juli 2016, 18:36

Wie meinst Du bitte? Habe die Frage nicht recht verstanden...
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ar26
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von ar26 » Sonntag 17. Juli 2016, 18:44

Hubertus hat geschrieben:Wie meinst Du bitte? Habe die Frage nicht recht verstanden...
Danke für dieses Feedback :blinker: . Ich präzisiere. In den genannten Schriftstellen geht es um die Feindesliebe. Der deutsche Begriff Feind wird dort als inimicus wiedergeben, nicht als hostis. Carl Schmitt behauptet, dies kommt daher, daß Jesus nur den persönlichen Feind meint (inimicus), nicht den politischen Feind (hostis). Meine Frage ist schlicht und einfach, ob sich in der Lehrtradition der Kirche Belege für Schmitts Behauptung finden, d.h. sieht die Kirche dies genauso.

Diese Unterscheidung findet sich im Übrigen auch in modernen Sprachen. Im englischen werden enemy und foe unterschieden, im polnischen wróg und niepryzjaciół.
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Tinius
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Tinius » Sonntag 17. Juli 2016, 18:50

Ich empfehle dir folgenden ZEIT-Artikel, wo auch auf diese Meinung Schmitts eingegangen wird.

http://www.zeit.de/feuilleton/kursbuch_166/assheuer

Besonders Seite 2 in der Mitte. Ein Trick des gnostisches Dualisten...

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ar26
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von ar26 » Sonntag 17. Juli 2016, 19:05

Nunja Tinius. Ich betrachte die ganze Sache wissenschaftlich. Insoweit könnte es sich um einen Trick handeln. Dagegen spricht aus linguistischer Sicht aber, daß sowohl in den von mir kurzfristig recherchierten englischen und polnischen Evangelienstellen jeweils die landesprachliche Entsprechung von inimicus verwendet wurde und nicht jene von hostis. Weitere neusprachliche Analysen sind jedoch gern gesehen. In soweit behalte ich mir im Rahmen des wissenschaftlichen Freiheit das Recht vor, dieser Frage nachzugehen.

Als guter Katholik werde ich aber natürlich der Hl. Mutter Kirche unterwerfen, der allein das Recht zur Auslegung der Schrift zukommt. Daher frage ich nach dem Urteil der Kirche.
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Tinius » Sonntag 17. Juli 2016, 19:26

Vielleicht hilft dir

Eberhard Schockenhoff: "Die Bergpredigt - Aufruf zum Christsein", Herder 2014

weiter.

Seite 227 ff.

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von taddeo » Sonntag 17. Juli 2016, 19:47

Das "Kirchenlateinische Wörterbuch" von Albert Sleumer, das ja laut ausführlichem Titel explizit ein Wörterbuch für den gesamten kirchlichen lateinischen Sprachgebrauch von der Vulgata über die liturgischen Bücher bis zum CIC sein will, unterscheidet bei den Bedeutungen von "inimicus" und "hostis" nicht.

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Hubertus
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Hubertus » Sonntag 17. Juli 2016, 20:17

Schau mal auch hier: klick

Nach erster Prüfung ist das tatsächlich nicht so klar, wie Schmitt wohl meint.

So hat bspw. die LXX-Version von Jes 63,18 (Vulgata: "Quasi nihilum possederunt populum sanctum tuum : hostes nostri conculcaverunt sanctificationem tuam.") keineswegs πολέμιοί (so aber z.B. Tob 12,10, wo Vulg auch 'hostes' hat), sondern ὑπεναντίοι (Zur Wortbed. s. hier). Also gehen die Begriffe offensichtlich wirklich durcheinander und sind nicht so klar umrissen, wie Schmitt das hinstellt.
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von RomanesEuntDomus » Sonntag 17. Juli 2016, 20:44

ar26 hat geschrieben:... im polnischen wróg und niepryzjaciół.
Diese beiden Worte existieren nebeneinander und praktisch gleichklingend in vielen slawischen Sprachen, z.B. im Weißrussischen als "вораг" und "непрыяцель", im Russischen als "враг" und "неприятель" usw. Wenn man die Wortbestandteile sehr wörtlich ins Deutsche übersetzen würde, dann käme man in jedem Fall auf "Feind" und "Unfreund".

Daß allerdings die Worte die unterstellten Bedeutungsunterschiede (persönlicher Feind - politischer Feind) repräsentieren sollen, stellt eine echte Überraschung für mich dar, um es mal möglichst neutral auszudrücken.

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von RomanesEuntDomus » Sonntag 17. Juli 2016, 21:45

ar26 hat geschrieben:Im englischen werden enemy und foe unterschieden, ...
Ich finde im Internet ( http://www.dict.cc ) folgende Beispielsätze und Redewendungen für "foe":
Scratch a lover, and find a foe. [Dorothy Parker] Kratze einen Geliebten und du findest einen Feind.
They invited friend and foe. Sie luden Freund und Feind ein.
Ein Beispielsatz für "enemy":
He had many opponents, though hardly one personal enemy. Er hatte viele Gegner, dennoch kaum einen persönlichen Feind. [Friedrich Engels über Karl Marx]
Auch hier kann ich eine saubere Bedeutungstrennung zwischen "enemy" und "foe" im Sinne von "persönlicher Feind" und "politischer Feind" nicht erkennen, obwohl klar ist, daß man z.B. im militärischen Kontext eher "enemy" benutzen wird.

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ar26
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von ar26 » Sonntag 17. Juli 2016, 22:25

Vielen Dank für die Antworten. Da ich wenig Zeit habe, zunächst nur eine kurze Antwort.

@Romanes
Daß die Bedeutungen sich im englischen vermischt haben, stelle ich auch fest. Allerdings ist die Sprachverwandtschaft von enemy und inimicus klar erkennbar, ebenso wie von inimicus und nieprzyjaciół. Folglich wurden in den Übersetzungen auch diese Worte verwendet. Gleichwohl ist damit natürlich keinesfalls gesagt, daß ein Unterschied zwischen den lateinischen Begriffen, so es sie denn geben sollte, auch die landessprachlichen Begriffe erfasst. Gleichwohl vielen Dank für die Hinweise auf die ostslawischen Sprachen.

@Hubertus
Danke für die Verweise auf das AT. Klar ist wohl, daß bei Jesaja der Hostis im Schmittschen Sinne gemeint ist. Bei Tobit passen Schmitts Kategorien irgendwie nicht.

@ Taddeo, Tinius
Danke für die Hinweise.

Letztlich kann man Schmitt's Unterscheidung nur dahingehend billigen, daß ein gerechter Krieg im Sinne der kirchlichen Lehre nicht gegen die Feindesliebe verstößt. Das Sarazenen-Beispiel legt das zumindest nahe. Gleichwohl ist auch der hostis, der aus gerechtem Grund bekämpft wird, Individuum, dem Liebe entgegenzubringen ist, beispielsweise durch eine ordentliche Behandlung als Kriegsgefangener.
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von RomanesEuntDomus » Montag 18. Juli 2016, 00:50

ar26 hat geschrieben:Schmitt verweist in der Fußnote auf das gegenwärtig nicht unaktuelle Beispiel des Kampfes Europas gegen die Sarazenen, die nicht inimicus sondern hostis waren.
Leider finde ich im Netz praktisch keine Originalartikel von Schmitt mehr, so daß ich nur wenig bis gar nichts von ihm lesen kann.

Was ich allerdings so alles über ihn lesen kann, lässt mich zu der vorläufigen Arbeitshypothese kommen, daß er eine künstliche Trennung zwischen "hostis" und "inimicus" dringend benötigt und deshalb förmlich herbeizwingt, um kommende ungeheure Verbrechen vor den spärlichen Resten seines christlichen Gewissens zu rechtfertigen.

Offensichtlich nicht nur in einer Fußnote, sondern in mehreren seiner späteren Schriften zum Thema verweist Schmitt nämlich auf den Feind, den er wirklich im Sinn hat, und das sind keineswegs die Sarazenen des Mittelalters.

Ich zitiere mal aus einer typischen Google-Fundstelle zum Thema "Carl Schmitt" und hebe den Begriff "Feind" optisch hervor. (Das Buch heißt "Rechtsextreme Ideologien in Geschichte und Gegenwart")
Zu den Juristen, die die "Nürnberger Rassengesetze" emphatisch begrüßten, gehörte Carl Schmitt, seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Unmittelbar nach dem Reichsparteitag veröffentlichte er einen kurzen Aufsatz unter dem Titel "Die Verfassung der Freiheit" in der Deutschen Juristenzeitung, in welchem er hervorhob, dass diese Gesetze gegen die "Feinde und Parasiten Deutschlands", ... gerichtet seien.

... Dass die Bezeichnung "Feinde und Parasiten Deutschlands" auf die Juden bezogen war, lässt sich früheren wie späteren Äußerungen Schmitts entnehmen. ... Schon in einem seiner frühesten nationalsozialistischen Artikel vom 12.März 1933 "Das gute Recht der deutschen Revolution", in welchem er sich auf die Seite der neuen Machthaber stellte, verwies Schmitt auf die zentrale Bedeutung der Identifizierung und Bekämpfung des Judentums als "Fremdem" im Rahmen der "nationalen Revolution". Erforderlich sei nunmehr die Unterscheidung von "Gleichartigem" und "Artfremden", um die politische Einheit und die "eigenvölkische Art der kommenden deutschen Geschlechter" zu sichern, denn "Tausende von Fremden durften den Namen ändern, der sie kenntlich gemacht hätte, und bekamen die behördliche Erlaubnis, harmlose Deutsche mit vertrauenserweckenden Namen zu täuschen". Fortan gelte es wieder zu
unterscheiden, "vor allem Freund und Feind richtig [zu] unterscheiden".

Die Unterscheidung von Freund und Feind hatte Schmitt bereits 1932 in seiner Schrift "Der Begriff des Politischen" als Inbegriff politischen Denkens bestimmt. Hier definiert er den Feind als den "Anderen", den "Fremden". In der Neuauflage dieser Schrift im Jahre 1933, ..., wurde aus dem "Anderen" der, im völkischen Sinne, "Andersgeartete".

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Tinius » Montag 18. Juli 2016, 08:03

Danke für diese Hinweise.
Die widerliche Denkweise des Herrn Carl Schmitt ist natürlich bekannt.
Die Pervetierung seines Denkens zeigt sein dauernder Dualismus und seine wirre Beschäftigung mit dem "Bösen".
Es lief bei ihm logischerweise darauf hinaus, einem "hostis" unchristlich begegnen zu können.

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von ar26 » Montag 18. Juli 2016, 10:24

@Romanes
Ohne Schmitt in Schutz nehmen zu wollen, darauf kommt es mir eigentlich nicht an, gebe ich zu Bedenken, daß sein Einfluss auf die heutige Rechts und Staatslehre durchaus noch spürbar ist. Sein Diktum, daß souverän sei, wer den Ausnahmezustastand beherrscht, hat sich gerade am Wochenende erneut bewahrheitet.

Worum es mir geht, ist eine Annäherung an das Diktum des ehemaligen Verfassung Richters Böckenförde, wonach der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Das geht mE auf Schmitt zurück.
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Sempre » Dienstag 19. Juli 2016, 03:35

ar26 hat geschrieben:Worum es mir geht, ist eine Annäherung an das Diktum des ehemaligen Verfassung Richters Böckenförde, wonach der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Das geht mE auf Schmitt zurück.
Eric Voegelin ist der Mann, der erklärt, warum BXVI., Böckenförde, Schmitt, Heidegger, Rahner, Hegel und die ganze Nomenklatura vor und nach den 12 Jahren dumm wie Bohnenstroh ist bzw. war.

Voegelins Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft an der Ludwig Maximilians Universität München

Wiki: Eric Voegelin
Die Lehren der Kirche zu glauben mag manch einem Schwierigkeiten bereiten. Sie aber nach eigenem Gutdünken nachzubessern und das Resultat dann für wahr zu halten, ist infantil.

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Raphael » Mittwoch 20. Juli 2016, 06:16

Voegelin versucht lediglich eine rein innerweltliche Erklärung geschichtlicher Prozesse vorzulegen, ohne einen wirklich transzendenten Bezug des Menschen als existentiell zu akzeptieren.
Voegelin ist wie Habermas letztlich in seiner religiösen Unmusikalität gefangen.
Wenn der Humanismus den Menschen an die erste Stelle setzt,
dann ist der Anti-Humanismus eine gerechtfertigte Ideologie!

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Sempre » Mittwoch 20. Juli 2016, 19:46

ar26 hat geschrieben:Worum es mir geht, ist eine Annäherung an das Diktum des ehemaligen Verfassung Richters Böckenförde, wonach der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Das geht mE auf Schmitt zurück.
Dem Diktum liegt vermutlich eine allgemeinere Überlegung zugrunde:
Mag. Christian Machek, Dissertation: Die Rückkehr zu den Ursprüngen der politischen Philosophie, Die katholische Soziallehre, Leo Strauss und Eric Voegelin als Repräsentanten des klassischen Naturrechts in der Auseinandersetzung mit dem modernen Denken hat geschrieben:Das „moderne“ Denken wird seit seinen Anfängen von Kritik wie von ihrem Schatten begleitet. Ihre Legitimität wurde ebenso vehement bestritten, wie sie verteidigt wurde. Im Kern besagt die Kritik, „dass die Moderne ihre eigenen Voraussetzungen, die in noch älteren Epochen verwurzelt seien, zerstöre” (17). Die Moderne habe den Menschen dadurch von sich selbst entfremdet und sei in Irrationalität geendet. Es waren nicht zuletzt die Katholische Kirche, aber auch Denker wie Leo Strauss und Eric Voegelin, die Kritik an den modernen Strömungen der Philosophie formulierten und ihr das naturrechtliche Denken entgegensetzten.

(17) Robert Spaemann: Das Ende der Modernität, in derselbe: Moderne oder Postmoderne, S. 42. Es war Friedrich Nietzsche (1884-1900), der als einer der ersten gesehen hat, dass die Aufklärung ihre eigene metaphysische Basis, den Glauben an die Göttlichkeit der Wahrheit, tendenziell zerstöre. Für den Bereich der Wirtschaft hat Joseph Schumpeter (1883-1950) darauf aufmerksam gemacht, dass die moderne Wirtschaftsweise von Residuen lebt, die sie tendenziell abbaut: Wenn das ökonomische Prinzip des größtmöglichen Gewinns bei geringstmöglichem Einsatz das indiviuelle Ethos aufsaugt, geht bald nichts mehr. Vgl. Robert Spaemann: Einsprüche, S.11.
Die Lehren der Kirche zu glauben mag manch einem Schwierigkeiten bereiten. Sie aber nach eigenem Gutdünken nachzubessern und das Resultat dann für wahr zu halten, ist infantil.

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Sempre » Mittwoch 20. Juli 2016, 20:01

Raphael hat geschrieben:Voegelin versucht lediglich eine rein innerweltliche Erklärung geschichtlicher Prozesse vorzulegen, ohne einen wirklich transzendenten Bezug des Menschen als existentiell zu akzeptieren.
Was meinst Du mit "wirklich transzendenter" Bezug? Warum sollte Vögelin Fakten "als existentiell akzeptieren"?

Raphael hat geschrieben:Voegelin ist wie Habermas letztlich in seiner religiösen Unmusikalität gefangen.
Was soll "religiöse Unmusikalität" sein? Wohl ein Begriff aus der Sphäre des modernen, irrationalen und gefühlsgesteuerten Menschen.

Erich Vögelin gehörte den Lutheranern an und bezeichnete sich selbst als „vornizäanischen“ Christen.
Die Lehren der Kirche zu glauben mag manch einem Schwierigkeiten bereiten. Sie aber nach eigenem Gutdünken nachzubessern und das Resultat dann für wahr zu halten, ist infantil.

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Fragesteller » Donnerstag 21. Juli 2016, 15:02

Sempre hat geschrieben:
ar26 hat geschrieben:Worum es mir geht, ist eine Annäherung an das Diktum des ehemaligen Verfassung Richters Böckenförde, wonach der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Das geht mE auf Schmitt zurück.
Eric Voegelin ist der Mann, der erklärt, warum BXVI., Böckenförde, Schmitt, Heidegger, Rahner, Hegel und die ganze Nomenklatura vor und nach den 12 Jahren dumm wie Bohnenstroh ist bzw. war.

Voegelins Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft an der Ludwig Maximilians Universität München

Wiki: Eric Voegelin
Ach, Sempre. Ich kenne Voegelin gar nicht, und die kritisierten Namen auch nur sehr unzureichend. Aber das Denken ist ein viel zu schwieriges Geschäft, als dass irgendein Voegelin kommen könnte und klar und deutlich nachweisen, dass alle Zeitgenossen "dumm wie Bohnenstroh" sind. Die laborieren alle an ihren Aporien, sagen hin und wieder absurde Sachen, teils könnte und sollte man ihnen - z. B. mit vormodernen Rezepten - auf die Sprünge helfen, aber an den philosophischen Superhelden, der all das auf einen Schlag beseitigt, glaube ich nicht. Diese Aporien drängen sich ja auch problemgeschichtlich auf, erwachsen gerade aus einer folgerichtigen Weiterentwicklung vormodernen Denkens und wurden nicht von irgendwelchen Modernisten aus Dummheit oder bösem Willen erdacht. Würde mich freuen, wenn Voegelin sinnvolle Ansätze böte (ich meld mich, wenn ich in ein paar Jahren mal Zeit gehabt haben werde, da hineinzusehen :) ), aber solche schwarz-weißen Anpreisungen stimmen mich immer ein wenig skeptisch.

(Raphaels Subjektivismen zu dissen scheint mir übrigens relativ sinnvoll. :daumen-rauf: :daumen-rauf: :daumen-rauf: )

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Raphael
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Raphael » Donnerstag 21. Juli 2016, 15:52

Fragesteller hat geschrieben:(Raphaels Subjektivismen zu dissen scheint mir übrigens relativ sinnvoll. :daumen-rauf: :daumen-rauf: :daumen-rauf: )
Mich zu dissen ist immer relativ sinnvoll, denn der Sinn für das Absolute ist schließlich außer Mode gekommen! 8)
Wenn der Humanismus den Menschen an die erste Stelle setzt,
dann ist der Anti-Humanismus eine gerechtfertigte Ideologie!

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Re: inimicus et hostis

Beitrag von Sempre » Donnerstag 21. Juli 2016, 22:43

Fragesteller hat geschrieben:Ach, Sempre. Ich kenne Voegelin gar nicht, und die kritisierten Namen auch nur sehr unzureichend. Aber das Denken ist ein viel zu schwieriges Geschäft, als dass irgendein Voegelin kommen könnte und klar und deutlich nachweisen, dass alle Zeitgenossen "dumm wie Bohnenstroh" sind. Die laborieren alle an ihren Aporien, sagen hin und wieder absurde Sachen, teils könnte und sollte man ihnen - z. B. mit vormodernen Rezepten - auf die Sprünge helfen, aber an den philosophischen Superhelden, der all das auf einen Schlag beseitigt, glaube ich nicht. Diese Aporien drängen sich ja auch problemgeschichtlich auf, erwachsen gerade aus einer folgerichtigen Weiterentwicklung vormodernen Denkens und wurden nicht von irgendwelchen Modernisten aus Dummheit oder bösem Willen erdacht. Würde mich freuen, wenn Voegelin sinnvolle Ansätze böte (ich meld mich, wenn ich in ein paar Jahren mal Zeit gehabt haben werde, da hineinzusehen :) ), aber solche schwarz-weißen Anpreisungen stimmen mich immer ein wenig skeptisch.
Dein Urteil von wegen einer folgerichtigen Weiterentwicklung vormodernen Denkens würde durch Eric Voegelin sicher erschüttert werden. Er empfiehlt eine radikale Befreiung von der Systematik modernen Denkens.
Eric Voegelin, Die Neue Wissenschaft der Politik hat geschrieben:das vorliegende Buch rührt in der Tat an die heiligsten Güter von Millionen von Menschen, die an die eine oder andere Ideologievariante glauben. Ich mag es bedauern, viele zu verletzen und empören, aber ändern lässt sich daran nichts - magis amica veritas.
Leo Strauss beschreibt den Sachverhalt etwa so: Die Griechen saßen in Platons Höhle, und ihre Philosophen schafften es bis ans Sonnenlicht. Die Philosophen der Aufklärung suchten einen zweiten Ausgang und landeten in einem stockfinstren Keller unterhalb der Höhle. Den Zugang, den sie gebuddelt hatten, haben sie dann auch noch zugemauert.

Was das Bohnenstroh angeht, so ist das nicht auf die Intelligenz der einzelnen modernen Denker zu beziehen, sondern auf deren Fehlkonstruktionen und intellektuelle Schwindeleien. Voegelin attestiert den modernen Denkern Realitätsverlust und spricht von einer intellektuellen Gnosis bzw. einer Psychopathologie des modernen Zeitalters. Er ist kein philosophischer Superheld, der eine Misere beseitigt, er zeigt vielmehr eine solche auf und empfiehlt, bei den Denkern der Vergangenheit wiederanzuknüpfen.

Es braucht auch keinen philosophischen Superhelden, um intellektuelle Schwindler zu entlarven. Ein Katholik kann bereits aus den Verurteilungen der Päpste (Aeterni patris, Quanta cura, Pascendi dominici gregis, Humani generis), die sich in den Keller unterhalb der Höhle begeben und dort Wahnsinn, seuchenartigen Irrtum, geistige Missgeburt und dergleichen vorgefunden haben, lernen, dass die ganze moderne Philosophie des Scheins (JPII) von Grund auf faul ist. Dabei geht es nicht um Aporien am Rande, sondern um Widersprüche an der Wurzel sowie um Eingang in die selbstverschuldete Unmündigkeit, die zwischen Gut und Böse nicht mehr zu unterscheiden vermag (Friedrich Romig).

Kurz zwei Beispiele:

Den Historizisten ist alles menschliche Denken historisch und somit nicht in der Lage, irgendetwas Ewiges zu erfassen. Nur ihr eigenes Denken ist ausgenommen. Voegelin: Die historische Schule widerspricht sich und ist absurd.

Den Positivisten folgend ist nur wissenschaftliche Erkenntnis echte Erkenntnis. Die Möglichkeiten ihrer Wissenschaft sind dabei durch die Methode eingeschränkt und Werturteile sind ausgeschlossen. Folglich sind die Positivisten nicht in der Lage das Böse, das Gemeine, das Unsinnige usf. von dem jeweiligen Gegenteil zu unterscheiden. Einem politischen Philosophen ist aber die Bewertung der Stichhaltigkeit von Werturteilen höchstes Anliegen.

Eric Voegelin: Gnostische Politik, in: Der Gottesmord hat geschrieben:Die klassischen und christlichen Traditionen sind heute zurückgedrängt; sie sind schwer geschädigt und diskreditiert durch Jahrhunderte der anti-philosophischen und anti-christlichen Intellektuellenpropaganda; aber sie sind durchaus nicht tot. [...] verglichen mit der Zeit um 1900 haben wir heute wieder eine Wissenschaft von Mensch in Gesellschaft und Geschichte, die sich Wissenschaft nennen darf, ohne Spott zu erregen. Aber der Sozialeinfluss dieser wiedergewonnenen intellektuellen und geistigen Disziplin ist noch sehr gering, übertäubt durch das Marktgeschrei der politischen Intellektuellen und ihre Anhangs in wohlbefestigten Positionen – akademischen, parteilichen, gewerkschaftlichen, verlegerischen, journalistischen und anderen gesellschaftlichen Bollwerken. Es wird viel Zeit, Überredung, Arbeit und wahrscheinlich auch Anwendung von Gewalt brauchen, um diese zerstörenden Faktoren auch nur soweit zurückzudrängen, dass sie nicht noch mehr Unheil anrichten, als sie schon angerichtet haben. Aber die Aufgabe ist nicht hoffnungslos.
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Re: inimicus et hostis

Beitrag von incarnata » Freitag 5. August 2016, 03:52

Typisches Beispiel für einen hostis: Feind-Todfeind-Partei"freund".Sollte dennoch christlich behandelt
werden-schon aus Parteiraison :blinker:
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende
Licht aus der Höhe.......(Lk1,76)

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