Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
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Clemens
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Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Clemens » Freitag 1. Mai 2015, 10:21

HILFE!

Ich muss mich schnell in ein Thema einarbeiten, um einen krankheitshalber ausgefallenen Referenten zu ersetzen, in dem ich mich jedoch nicht sattelfest fühle. Das Publikum sind unstudierte ehrenamtliche Kirchenmitarbeiter, das Niveau muss also nicht akademisch sein:

Es geht um die theologische Ethik, speziell den Unterschied von moralischem Absolutismus und Konsequentialismus.
Meinem Gefühl (und meiner protestantischen Prägung) nach würde ich eher zum Konsequentialismus neigen, aber wenn ich es recht verstehe, lehrt die Kirche den moralischen Absolutismus und ich will natürlich die Lehre der Kirche darlegen und dafür werben.
Kann man auch "auf katholisch" konsequentialistische Theorien vertreten, oder ist das lehramtlich-definitiv falsch?
Gibt es gut katholische Mittelwege?
Falls nein: gibt es im Internet (vor dem Vortrag habe ich keinen Gelegenheit mehr auf einen Bibliotheksstudientag) einen auf die schnelle nachlesbaren Aufsatz, der mich vom Absolutismus überzeugt?

Schwere Frage, nehme ich an, aber vielleicht kann mir dennoch jemand helfen!

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Protasius
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Re: moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Protasius » Freitag 1. Mai 2015, 11:59

Vielleicht hilft ja dieses Handout zu einem Proseminar Einführung in den Konsequentialismus von Jörg Schroth: http://www.joergschroth.de/lv/ws02/kons/kons_h05.pdf
Der so genannte ‚Geist’ des Konzils ist keine autoritative Interpretation. Er ist ein Geist oder Dämon, der exorziert werden muss, wenn wir mit der Arbeit des Herrn weiter machen wollen. – Ralph Walker Nickless, Bischof von Sioux City, Iowa, 2009

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Clemens
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Clemens » Freitag 1. Mai 2015, 13:04

Danke für die schöne Zusammenstellung.
Mir persönlich leuchtet der Konsequentialismus viel mehr ein, als der Absolutismus.
Aber ist diese meine persönliche Meinung auch noch katholisch, oder muss ich sie ändern?
Darüber fand ich bei Schroth (natürlich) nichts.

Salmantizenser
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Salmantizenser » Freitag 1. Mai 2015, 13:20

Clemens hat geschrieben:Danke für die schöne Zusammenstellung.
Mir persönlich leuchtet der Konsequentialismus viel mehr ein, als der Absolutismus.
Aber ist diese meine persönliche Meinung auch noch katholisch, oder muss ich sie ändern?
Darüber fand ich bei Schroth (natürlich) nichts.
Na, hast Du denn in der Moraltheologie gar nichts gelernt? :narr:

Das Thema wird im KKK 1755ff abgehandelt. Demzufolge kann wohl schwerlich davon sprechen, dass eine konsequentialistische Haltung gut-katholisch ist. Ehrlich gesagt wüsste ich auch nicht, wie man als Konsequentialist die katholischen Vorstellungen von Sittlichkeit überhaupt noch teilen kann. In Veritatis splendor 75 verurteilt auch der hl. Johannes Paul II den Konsequentialismus sowie den Utilitarismus.

Nachtrag: Aus rein philosophischer Sicht beleuchtet das Prof. Oderberg hier, allerdings auf Englisch.

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Hubertus
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Hubertus » Freitag 1. Mai 2015, 13:39

Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

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Clemens
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Clemens » Freitag 1. Mai 2015, 15:29

Vielleicht muss ich mir auch noch über die korrekte Verwendung dieser Begriffe klar werden.
Trotz meiner Prägung von Jugend auf als "Verantwortungsethiker" bin ich doch noch nie wissentlich Utilitarist gewesen.
Und eine gewisse Grauzone gibt es ja anscheinend wirklich.
So finde ich nach wie vor völlig einleuchtend, dass z.B. die echte Notlüge das ethisch gebotene sein kann gegenüber dem verantwortungslosen Ausschwätzen der Wahrheit. Dagegen spricht doch (so wie ich "Lüge" verstehe) selbst KKK 1753 nicht.
Mit dem dieser Position entgegengesetzten moralischen Absolutismus tue ich mich schon schwer.

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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Hubertus » Freitag 1. Mai 2015, 15:56

Hier nochmal was von Spaemann: "Die schlechte Lehre vom guten Zweck"

Da wird das sehr anschaulich erklärt. :)



(Den Artikel hatte ich von Anfang an schon im Hinterkopf, habe ihn aber erst jetzt wiedergefunden.)
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

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Reinhard
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Reinhard » Freitag 1. Mai 2015, 16:22

Vorab: auch ich bin Konvertit aus dem Pietismus, wurde also von diesem geprägt und habe mich ausführlich damit auseinandergesetzt, wie Du weißt.

Die Begrifflichkeiten "Konsequentialismus" und "Absolutismus" waren mir bisher noch nicht begegnet. Aber wenn ich sie aus Protasius' Abstrakt richtig verstehe, dann neigt ein "guter Pietist" doch wesentlich mehr zum moralischen Absolutismus als ein Katholik !?
Das "Man muss die Wahrheit sagen, egal was es kostet", würde doch viel eher ein Pietist sagen als ein Katholik. Bei dem, gerade wenn er rheinischer Prägung ist, würde ich eher ein "et kütt erop aan" erwarten, also die Einbeziehung des Resultats.

Von daher würde ich gefühlsmäßig doch sagen, dass Deine Neigung zum Konsequentialismus eher Deiner katholischen Neuprägung zuzuordnen ist als Deiner pietistischen Vergangenheit.

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Clemens
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Clemens » Freitag 1. Mai 2015, 16:50

Danke, Hubertus, Spaemann hat mir tatsächlich (in beiden Versionen) weitergeholfen.

Vielleicht, Reinhard, war ich ja kein guter Pietist. Ich war auch nie konsequenter Konsequenzialist.
Aber ich habe mich im Sinne Webers (fast) immer der Verantwortungsethik näher empfunden, als der Gesinnungsethik.
Mir war aber auch bis jetzt nicht wirklich klar, dass der Konsequenzialist die katholische Lehre (meist) nicht auf seiner Seite hat. Vielleicht wissen die Rheinländer das ja auch nicht?

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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Salmantizenser » Freitag 1. Mai 2015, 16:59

Rheinische Redensarten oder eine Kölner Lebenswirklichkeit würde ich nun wirklich nicht als Quell der sittlichen Wahrheit heranziehen ...

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Reinhard
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Reinhard » Freitag 1. Mai 2015, 17:55

Wenn ich mir KKK 1750 angucke (soweit muss man da schon zurück gehen !), dann steht da die (polemische) Einseitigkeit von Spaemann nicht drin.

Diese Einseitigkeit erscheint mir vielmehr eine Reaktion von Spaemann, eine Antwort auf einen innerkirchlichen Relativismus zu sein, der seinerzeit in Mode gekommen ist.

Ob diese Polemik gegen einen Mißstand in der augenblicklichen Situation angebracht ist, das wäre anhand der Zielsetzung des Vortrags zu überlegen.
Spaemanns Polemik als "die katholische Lehre" zu verallgemeinern wäre auf jeden Fall einseitig mit einer Neigung zum Legalismus, dem Katechismus zuwider.

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overkott
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von overkott » Samstag 16. Mai 2015, 12:04

Natürlich kann man Jesus nicht als Gottes Sohn verehren, wenn man seine Theologie und Morallehre nicht ernst nimmt. Entsprechend sollte man gerade diese Fragen im Spiegel der Evangelien diskutieren, noch bevor man sich einem Katechismus zuwendet, der im Dienst der Evangelien stehen und diese nicht ersetzen sollte. Den belesenen Gläubigen dürfte es nicht überraschen, bei Jesus beide Positionen zu finden: den moralischen Absolutismus sowie den Konsequentialismus. Dabei geht es um die Unbedingtheit des Gewissens und die Relativität von Gesetzen. Das hat etwas mit einer abstrakten und konkreten Betrachtung zu tun. Abstrakt betrachtet, hat das Gute immer absoluten Vorrang vor dem Bösen und entsprechend das höhere Gute immer absoluten Vorrang vor dem niedrigeren Guten. Konkret darf man dabei das Gleichnis vom verlorenen Schaf nicht falsch verstehen. Eine Herde zu verlieren, um ein Schaf zu retten, wäre unklug. Im konkreten Fall geht es also um eine Folgenabschätzung: Ist das Risiko für die Herde relativ klein?
Zuletzt geändert von overkott am Samstag 16. Mai 2015, 12:33, insgesamt 1-mal geändert.

Isidor_von_Sevilla
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Isidor_von_Sevilla » Donnerstag 21. Mai 2015, 07:19

Reinhard hat geschrieben:Das "Man muss die Wahrheit sagen, egal was es kostet", würde doch viel eher ein Pietist sagen als ein Katholik.
Diese Maßgabe ist mE jedoch mehr auf den kategorischen Imperativ des Immanuel Kant zurückzuführen als allgemein auf den Pietismus als religiöser Strömung innerhalb des Protestantismus.
Reinhard hat geschrieben:Bei dem, gerade wenn er rheinischer Prägung ist, würde ich eher ein "et kütt erop aan" erwarten, also die Einbeziehung des Resultats.
Die Einbeziehung des Resultates ist da weniger im Blick!
Es kommt mehr darauf an, ob denn der Fragende überhaupt einen Anspruch darauf hat, die Wahrheit zu erfahren. Hat er keinen Anspruch, bekommt er auch die Wahrheit nicht zu hören, wobei der Auskunftgebende ja nicht lügen muß (Der Zweck heiligt niemals die Mittel!), sondern schlicht die Auskunft verweigert.
Reinhard hat geschrieben:Von daher würde ich gefühlsmäßig doch sagen, dass Deine Neigung zum Konsequentialismus eher Deiner katholischen Neuprägung zuzuordnen ist als Deiner pietistischen Vergangenheit.
Aus dem Begriff "gefühlsmäßig" ist wohl zu schliessen, daß Du Dir selbst nicht so ganz sicher bist, oder?

Der katholisch Gläubige handelt nach dem Motto: Tue recht und den Rest lass den Herrgott erledigen! Er handelt also ohne die moralische Überhöhung des kategorischen Imperativs, sondern schlicht und einfach so, daß ihn sein Gewissen nicht verurteilen muß.
Es gibt auch solche, die wohl die Sprache verehren, nicht aber DAS WORT anbeten!

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overkott
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von overkott » Donnerstag 21. Mai 2015, 13:46

Unfug ist unklug.

Isidor_von_Sevilla
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Re: Moralischer Absolutismus vs. Konsequentialismus

Beitrag von Isidor_von_Sevilla » Donnerstag 21. Mai 2015, 13:59

overkott hat geschrieben:Unfug ist unklug.
Dann schreib ihn nicht in dieses Forum!
Es gibt auch solche, die wohl die Sprache verehren, nicht aber DAS WORT anbeten!

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