Stephen Dedalus hat geschrieben:An der anselmschen Satisfaktionslehre halte ich für problematisch, dass sie Aussagen über Gott macht, die nicht unbedingt biblisch begründet sind und auch nicht im Einklang mit den Vätern stehen:
Wenn diese Diskussion einen Sinn haben soll, mußt du angeben, auf welche Aussagen du dich jeweils beziehst. Sonst reden wir wahrscheinlich nicht über Anselm, sondern darüber, wie irgendwer Anselm (miß-)verstanden hat. Ich selbst habe "Warum der Gottmensch?" nur auszugsweise gelesen. Wenn aber selbst die Auszüge eher den Kritikern Anselms zuzustimmen scheinen als demjenigen, den die Kritiker kritisieren, braucht das Gespräch dringend mehr Fakten.
- Gottes Ehre ist durch die Sünden der Menschen verletzt.
ANSELM: Was entriß der Mensch Gott, als er sich vom Satan überwinden ließ?
BOSO: Fahre du fort, wie du begonnen; denn ich wüßte wahrlich nicht, was er außer dem von dir besprochenen Bösen weiter noch hätte thun können.
ANSELM: Entriß er Gott nicht, was dieser aus der Menschennatur zu machen vorhatte?
BOSO: Unleugbar.
ANSELM: Achte auf eine strenge Gerechtigkeit und urteile ihr gemäß, ob der Mensch im Verhältnis zur Sünde Gott genugthäte, wofern er nicht dasjenige, was er zufolge seiner Niederlage durch den Satan Gott entzog, durch einen Sieg über den Satan ihm ersetzte, so daß dann durch diesen Sieg der Satan verliert, Gott gewinnt, während bei der vorausgehenden Niederlage der Satan an sich riß, was Gott eignete, Gott aber zur Verlust kam.
BOSO: Genauer Zutreffendes und Gerechteres läßt sich nicht denken.
ANSELM: Hältst du dafür, daß die höchste Gerechtigkeit von dieser Gerechtigkeit Umgang nehmen konnte?
BOSO: Das getraute ich mich nicht.
ANSELM: So darf oder kann also der Mensch in keinem Falle von Gott erlangen, was ihm Gott zu geben einstens beschlossen, bis er Gott alles wiederum erstattet hat, was er ihm entzogen, so daß Gott durch ihn wiederum in seinen Besitzstand zurücktritt, sowie er durch ihn einen Verlust erfahren. Das mag indes doch auf keine andere Weise zu stande kommen, als daß gerade wie durch den überwundenen Menschen die ganze menschliche Natur verschlimmert und so zu sagen sauerteigartig zersetzt ward mittels der Sünde, bei deren Vorhandensein Gott keinen zur Vollmachung jener himmlischen Gemeinde zuläßt; so hinwieder durch den überwindenden Menschen ebenso viele von der Sünde frei werden, als jene Zahl ausfüllen sollten, zu deren Vollmachung [60] der Mensch erschaffen wurde. Solches auszuführen ist nun aber der sündhafte Mensch nicht imstande, weil doch nicht ein Sünder den anderen rechtfertigen kann.
ANSELM: So laß denn hören, was du für deine Sünde Gott entrichten wirst!
BOSO: Reue, ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz, Entsagungen und vielfache Körperbeschwernisse, ein weiches Herz zum Geben und Vergeben, endlich noch Gehorsam.
ANSELM: Und was bietest du Gott mit all' diesem?
BOSO: Nun ehre ich etwa Gott nicht, da ich aus Furcht vor ihm und aus Liebe zu ihm in Herzenszerknirschung mich aller Weltlust begebe, in mühevoller Entsagung die Genüsse und Gemächlichkeit dieses Lebens mit Füßen trete, im Geben und Vergeben, was mir gehört, hinschenke und zuletzt im Gehorsam selbst mich ihm unterwürfig mache?
ANSELM: Indem du Gott bloß erstattest, was du ohnehin schuldest, auch wenn du nicht [55] gesündiget hättest, darfst du das nicht in Ansatz bringen für jene Schuld, welcher du durch die Sünde verfallen. All' das von dir Angeführte aber bist du Gott ohnehin schuldig. Denn einen so hohen Grad muß die Liebe erreichen in diesem Leibesleben und die mit Gebet verbundene Sehnsucht, an den Ort deiner Bestimmung zu gelangen; der Schmerz ferners, noch nicht dorthin gelangt zu sein, und die Furcht, vielleicht nie dahin zu gelangen: daß all' deine Freude auf das beschränkt sein muß, was dir Erleichterung oder Aussicht verheißt, dorthin zu gelangen. Denn nimmer verdienst du zu besitzen, was du nicht an sich liebst und begehrst und über dessen Nichtbesitz oder auch nur möglichen Verlust du keinen Schmerz empfindest. Hierher gehört denn auch, daß man die Bequemlichkeit und die weltlichen Ergötzlichkeiten, welche das Gemüt von der wahren Ruhe und Ergötzlichkeit so leicht abziehen, vermeide; es sei denn, inwieweit du erkennst, daß sie dem Streben nach Erreichung deiner Bestimmung nicht hinderlich sind. Mildthätigkeit ferners mußt du nicht weniger pflichtschuldig bezeigen, indem du wohl erkennst, das Geschenkte stamme nicht sowohl von dir selber als von jenem her, dessen Diener du zusamt dem Beschenkten bist; und nun lehrt dich die Natur, deinem Mitknechte, d.h. dem Nebenmenschen, zu thun, was du willst, daß er dir thue; auch soll, wer nicht geben will, was er hat, vergeblich erharren, was er nicht hat. Bezüglich der Versöhnlichkeit aber behaupte ich einfach, eine Rache steht dir durchaus nicht zu, wie wir bereits oben ausgeführt, da weder du dein, noch jener, der dir ein Unrecht zugefügt hat, dein oder sein Eigentümer ist, ihr vielmehr beide Knechte des Einen Herrn seid, welcher aus dem Nichts euch hervorbrachte; rächst du dich aber an deinem Mitknechte, so maßest du dir freventlich ein Urteil über ihn an, was dem Herrn und Richter aller allein zu befinden zusteht. Und vollends im Gehorsame, was gibst du Gott damit, das du ihm nicht zuvor schuldest, nach dem du seinem Befehle alles schuldest, was du bist und hast und kannst?
BOSO: Da wage ich jetzt freilich nicht mehr, in den angegebenen Punkten zu sagen, daß ich Gott schenke, was ich ihm ohnehin schulde.
ANSELM: Was [56] wirst du also Gott zahlen für deine Sündenschuld?
BOSO: Wenn ich mich selbst und all' mein Können, auch für den Fall, daß ich nicht sündige, Gott schulde, damit ich nicht sündige; so übriget mir nichts, was ich für meine Sündenschuld ihm erstatten könnte.
Gott kann seine Ehre unmöglich verlieren; denn entweder tilgt der Sünder seine Schuld freiwillig, oder er wird gegen seinen Willen von Gott dazu gezwungen. Entweder leistet der Mensch die Gott schuldige Unterwürfigkeit freiwillig, indem er nicht sündigt, oder das, was er sündigt, tilgt; oder aber Gott unterwirft sich ihn gegen seinen Willen, indem er ihn züchtigt und dadurch als seinen Herrn sich bekundet, woferne der Mensch freiwilliger Anerkennung sich weigert.
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- Verletzte Ehre kann durch ein blutiges Opfer eines anderen wiederhergestellt werden.
Wieso blutig? Anselms ganze Argumentation dreht sich um Schuld und Sterblichkeit: Kein Sterblicher kann Gott sein Leben freiwillig schenken, denn aufgrund seiner Schuld hat er es ohnehin schon verwirkt. Allein wessen Natur nicht dem Tod unterworfen ist hat diese Freiheit.
ANSELM: Jenes vermag aber nur zu geschehen, wenn jemand Gott für die Sünde des Menschen etwas entrichtet, das größer ist als alles, was außer Gott vorhanden.
BOSO: So scheint es ausgemacht.
ANSELM: Ebenso muß auch derjenige, welcher Gott von dem Seinigen etwas wird geben können, was alles unter Gott Stehende übertrifft, notwendig größer sein, als alles, was nicht Gott ist.
BOSO: Das wagte ich nicht in Abrede zu stellen.
ANSELM: Nichts steht jedoch über allem, was Gott nicht ist, außer Gott.
BOSO: Sehr wahr.
ANSELM: Mithin kann nur Gott solche Sühne leisten.
BOSO: Das folgt mit Notwendigkeit.
ANSELM: Und doch sollte sie niemand leisten, als der Mensch, da sonst nicht der Mensch die Genugthuung leistet!.
BOSO: Nichts, was mir gerechter schiene.
ANSELM: Ist somit, wie feststeht, die Notwendigkeit gegeben, daß in betreff des Menschen jene obere Gemeinde zur Vollendung geführt werde, und kann solches nicht statthaben, ohne daß die vorbesprochene Sühne vorausgehe, welche niemand leisten kann – außer Gott, und niemand leisten soll – außer der Mensch; so muß der, welcher sie wirklich leistet, offenbar Gott-Mensch sein.
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- Gott braucht dieses blutige Opfer, um versöhnt zu werden.
Das zweite "blutig" will ich übersehen, aber wie du so leichtfertig das Wort "brauchen" verwendest, um ein Buch zu kritisieren, das ganze Kapitel damit zubringt, gegen die geringste Spur der Notwendigkeit im Handeln Gottes anzugehen, ist schwer nachzuvollziehen.
Die Problematik, um die es geht und die Anselm auch tatsächlich diskutiert, ist die
Angemessenheit: ob es nicht ziemlicher wäre, Sünden einfach zu ignorieren.
ANSELM: Vernimm nun noch, weshalb es Gott nicht ziemt, so zu handeln!
BOSO: Ich bin ganz Ohr.
ANSELM: Nichts ist weniger zulässig in der Ordnung der Dinge, als daß das Geschöpf dem Schöpfer die gebührende Ehre entziehe und nicht wieder erstatte, was es entzieht.
BOSO: Sehr klar.
ANSELM: Nichts aber wird mit mehr Unrecht gedultet, als was ganz und gar nicht geduldet werden soll.
BOSO: Auch das ist einleuchtend.
ANSELM: Du wirst also nicht sagen, Gott dürfte dulden, was offenbar das Ungerechteste wäre, daß nämlich das Geschöpf Gott zu erstatten unterließe, was es genommen.
BOSO: Das läßt sich am wenigsten in Abrede stellen.
ANSELM: Ferner, wenn es nichts Größeres oder Besseres gibt als Gott; dann auch nichts Gerechteres als jene höchste Gerechtigkeit, welche seine Ehre in der Weltordnung wahrt, und welche schließlich mit Gott selbst zusammenfällt.
BOSO: Was könnte klarer sein?
ANSELM: Nichts wahrt Gott folglich mit mehr Recht, als die Ehre seiner Würde.
BOSO: Einverstanden.
ANSELM: Scheint mir nun, daß er sie fleckenlos wahrte, wenn er sich dieselbe entreißen ließe, ohne auf ihre Rückerstattung zu dringen, ja ohne nur den Entreißenden zu ahnden?
BOSO: Das getraute ich mir nicht zu behaupten.
ANSELM: So muß denn die entrissene Ehre wieder erstattet werden, oder Bestrafung erfolgen; anderen Falles müßte Gott gegen sich selber ungerecht oder nach beiden Seiten hin unmächtig sein, was auch nur zu denken sündbar wäre.
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Hier scheint mir doch mittelalterlich-germanisches (?) Rechtsdenken in einem Maße Pate gestanden zu haben, das das biblisch-altkirchliche Denken überlagert.
In der Formulierung natürlich. Aber worum geht es im Kern, als um die Rückerstattung von etwas, das geschuldet wird? Und das ist die schlechthinnige biblische Metapher.
Ist es notwendig, einen zweifelhaften Begriff der 'Ehre' Gottes zu verwenden, wenn wir sagen, dass wir im Opfer Christi mit ihm versöhnt werden? Ich meine nein.
Ich stelle fest, daß du selbst keine metaphorische Alternative für die Distanz zwischen Gott und der gefallenen Schöpfung anbietest. Es mag bessere geben, aber der völlige Verzicht auf die ganze Ebene ist sicherlich nicht altkirchlich.
[...]dass man den Blick auf die Tatsache lenkt, dass in Jesus Gott sich ja selbst für die Sünden der Menschen hingibt. Es handelt sich daher weniger darum, dass Gott ein fremdes Opfer fordert, sondern um einen Akt der Selbsthingabe.
Womit sich der Kreis schließt, denn dieser Satz liest sich für mich eher wie eine Zusammenfassung von Anselms "cur deus homo" als eine Kritik daran. Gott leistet, was der Mensch leisten sollte, aber zu leisten außerstande ist.