Erkenntnisse der Jesus-Forschung auf den Prüfstand

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
Ralf
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Erkenntnisse der Jesus-Forschung auf den Prüfstand

Beitrag von Ralf » Montag 13. Oktober 2003, 23:21

Zuletzt geändert von Ralf am Samstag 5. Februar 2005, 10:03, insgesamt 1-mal geändert.
Hier im Kreuzgang-Forum ist es weit verbreitet, Gericht über die Bischöfe als Hirten der Kirche zu halten. Manch einer dünkt sich besonders schlau und autoritativ. Man sollte das nicht allzu ernst nehmen.

ivanhoe
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Re: Erkenntnisse der Jesus-Forschung auf den Prüfstand

Beitrag von ivanhoe » Montag 13. Oktober 2003, 23:46

Ralf hat geschrieben:1. Hat sich Jesus (damit meine ich den "erdenwandelnden" Jesus) selbst messianische Titel gegebn und Sohn Gottes genannt?
"Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange noch willst du
uns hinhalten? Wenn du der Messias bist, sag es uns offen!
Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt
nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen
Zeugnis für mich ab..."
(Joh 10:24-25)

"Jesus aber schwieg. Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich
beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der
Messias, der Sohn Gottes?
Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun
an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf
den Wolken des Himmels kommen sehen."
(Mt 26:63-64)

"Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch
und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel."
(Mt 16:17)

auch wenn Jesus, sich selbst nicht Messias oder Sohn Gottes nennt, bestätigt er das und von seinem Vater im Himmel spricht.


Ralf hat geschrieben:2. Wieso muss man überhaupt zwischen einem historsich-geschichtlichen und nachösterlichen Jesus unterscheiden?
wer sagt, daß man muß?
Zuletzt geändert von ivanhoe am Dienstag 14. Oktober 2003, 00:13, insgesamt 1-mal geändert.

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Dienstag 14. Oktober 2003, 00:11

Ralf hat geschrieben:»da ja da dran die ganze Erlösung hängt«
Genau.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

mk

Beitrag von mk » Mittwoch 15. Oktober 2003, 12:05

Hallo Ralf,
ich kann Dir leider auch keine Antwort auf diese fragen geben. Aber ich finde, Du hast hier wesentliche Anfragen an die Leben-Jesu-Forschung (um diesen m.E. sachlich angemessenen Begriff zu verwenden, auch wenn er ja andererseits nur einen bestimmten historischen Forschungsabschnitt bezeichnet) auf den Punkt gebracht. Meiner Meinung nach kann man aber aus historischer Sichtweise auf Deine "Beispielfrage" 1 schlicht keine Antwort geben - dafür, wie der "historische Jesus" sich selbst bezeichnet hat, gibt es nun mal keine Quellen (zumindest nicht, daß ich wüßte), und die Evangelien SIND nun mal bereits aus der Sicht des Glaubens geschrieben, da kommt man nicht drum rum - aber die Tatsache, d a ß sie von bereits GLaubenden und den Glauben verbreiten wollenden Menschen geschrieben wurden, ist für mich ein deutlicher Hinweis darauf, daß es für eben diesen Glauben, aus dem heraus man Jesus sicher auch mit Ehrentiteln wie Messias bezeichnen kann, in der Person Jesu ("historisch" u n d "auferweckt/nachösterlich") ein "fundamentum in re" gegeben hat und gibt.
Aus der Sicht der historischen Forschung muß man eben wegen der glaubenstiftenden Kraft des Osterereignisses (die "es", was immer es historisch auch gewesen ist, ja offenbar hatte) zwischen dem hitorischen und dem nachösterlichen Jesus unterscheiden - Jesus wurde ja danach vermutlich anders wahrgenommen als vorher. Aber als von diesem Glauben ergriffener Mensch muß man diese Unterscheidung nicht machen (wie ja schon die bibl. Schriften (von Glaubenden verfaßt!)Zeugnis von dieser Kontinuität und Einheit in der Person Jesu zu geben versuchen), weil man ja von der Besonderheit seiner Sendung (durch die Auferweckung von Gott(vater) bestätigt) überzeugt ist.
Ja, mehr kann ich jetzt leider auch nicht dazu sagen.

Magnus

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cathol01
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Beitrag von cathol01 » Freitag 26. Dezember 2003, 16:40

Hallo Ralf.

In den Evangelien wird ja eine Fülle von christologischen Titeln verwendet (Christus, Sohn Gottes, Messias, Menschensohn, Sohn Davids, neuer Mose, Lamm Gottes, ...). Die wichtigsten sind wohl Gottessohn, Menschensohn und Messias. Es ist in der Tat so, dass der historische Jesus von sich selbst nur als Menschensohn gesprochen hat und insgesamt sehr sparsam mit der Verwendung von solchen Würdeprädikaten in Bezug auf sich selbst umgegangen ist - dies aber nicht aus dem Grund, dass er überzeugt gewesen wäre, er würde diese Titel nicht verdienen, sondern im Gegenteil genau deswegen, weil er der festen Überzeugung war, dass er MEHR war als alle diese christologischen Titel es ausdrücken können. Man kann sagen, dass es schon beim historischen Jesus eine IMPLIZITE CHRISTOLOGIE gibt, auch wenn er selbst sich wohl nicht als Christus bezeichnet hat. Er ruft zur bedingungslosen Nachfolge. Er hält mit Sündern Mahl und vergibt ihnen ihre Schuld, handelt also wie Gott. Er setzt sein Wort über die Tora. Und deshalb ist auch der Gegensatz historischer Jesus - Christus des Glaubens kein eigentlicher Gegensatz. Es gibt da keinen Graben. Das Christusbekenntnis der Kirche ist durchaus legitim. Trotzdem darf man den historischen-irdischen Jesus und den Christus des Glaubens nicht in einen Top werfen. Ich brauche ja wohl nicht zu sagen, dass in den Evangelien nicht alles echt historisch ist. Dennoch finden wir am leichtesten in den Evangelien (hauptsächlich in den synoptischen) einen Zugang zum historischen Jesus. Ein historisches Interesse ist darin trotz allem enthalten. Man könnte mit J. Schlosser von einer schöpferischen Glaubenstreue der Evangelisten sprechen. Die Evangelisten haben nichts schlichtweg erfunden, sind aber mit dem vorhandenen Material relativ frei umgegangen. Deshalb sind die Evangelien auch eher Glaubenszeugnisse als Biographien.

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