Bibelübersetzungen/-ausgaben

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
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birnbaum
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Re: Bibelübersetzungen/-ausgaben

Beitrag von birnbaum » Samstag 7. September 2019, 11:18

Das ist ein guter Punkt! Danke! Aναθεματίζειν ist infinitiv präsens aktiv und von "sich" bzw. "sich selbst" ist nirgendwo die Rede.
Ich werde mal meine Sammlung durchsehen und herauszufinden versuchen, wer noch in dieser bedenklichen Tradition Luthers gleich oder ähnlich übertragen hat!
Gruß! simon

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birnbaum
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Re: Bibelübersetzungen/-ausgaben

Beitrag von birnbaum » Samstag 7. September 2019, 17:09

Stunden später....
Da hast Du was angestellt, Tinius! Habe mich jetzt festgebissen an diesem Verb. Aber so einfach, wie ich die Sache nach dem ersten Lesen deiner Post sah, wird sie wohl doch nicht.
Ich kann damit nun Stunden verbringen.... sehe nach bei den üblichen "Verdächtigen" – erstmal im nicht– katholischen Bereich – und lese bei Hermann Menge (ab 1909 bis 1949) nämliches wie bei Luther (alle verfügbaren Ausgaben). Ulrich Wilckens (1972 ff) schreibt sogar »verfluchte ihn (!)«, gibt in der Fußnote als alternative Lesart »verfluchte sich«.
»Anathematizein« kommt im NT 3 x vor, sonst in der Apg 23:12 und 14, dort laut Münchener NT:
»verpflichteten sich (selbst) unter Fluch«.
Das Nomen Anathema 5 x, in Apg 23:14 • Röm 9:3 • 1 Kor 12:3 • 16:22 • Gal 1:8.
Laut Griech.– Wörterbuch heißt "fluchen" > "blasphämein"; das wir aber im NT überwiegend im Sinne von "lästern" oder "verlästern" gebraucht.
In der Parallelstelle von Mk 14:71 = Mat 26:74 steht allerdings καταθεματιζειν (katathematizein); Rieneckers Sprachlicher Schlüssel zum NT erklärt dazu – und das ist sehr aufschlußreich –:
„verfluchen (= den Bann aussprechen), bedarf kein Objekt. Petrus will gebannt sein, wenn er lügt, und die anderen sollen es auch sein, wenn sie ihn einen Jünger heißen; das ergibt die möglichst kräftige Versicherung, noch über den Eid hinaus.“
Das gibt Petrus´ Versicherung eine andere Brisanz, läßt auch anathematizein in einem neuen Licht erscheinen. Lukas und Johannes haben diesen Fluch bzw. Verfluchung (braucht ja ein Objekt) nicht überliefert. ––
Ich schau mal weiter, welche katholischen NTs noch das "ver–" übertragen; einer ist Fridolin Stier (1989); bin gespannt, was ich noch auftue. Eine meiner wörtlichsten NT verdeutscht übrigens 14:71 folgendermaßen:

»Er aber fing an, zu bannen (= durch Bannspruch hervorzuheben)«. Bann heißt auf griechisch Anathema. Das überschreibt den Fluch......

N.B.: ανα> und κατα> sind ja Präpositionen; ein Nomen "θεμα" o. ä. find ich in meinem Wörterbuch nicht. Hast du ein besseres, um diesem Wort auf die Spur zu kommen?

Tinius
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Re: Bibelübersetzungen/-ausgaben

Beitrag von Tinius » Samstag 7. September 2019, 19:58

Es gibt einen Vorschag:
71 Der aber anfing, aufzufluchen und (zu) schwören dass: Nicht (ich) ersehe den Menschen, diesen, (von) dem (ihr) sagt.

Ja...das ist ein Bannfluch. Das ist aber gerade deshab kein Selbstverfluchen sondern quasi ein Rumgefluche, Gefluche und Rumgeschimpfe.

Martin Ebner vertritt im aktuellen Studienkommentar zur Einheitsübersetzung die Ansicht, Petrus würde hier Jesus verfluchen.

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birnbaum
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Re: Bibelübersetzungen/-ausgaben

Beitrag von birnbaum » Samstag 7. September 2019, 23:07

ANATHEMATIZEIN

Nach getaner Arbeit, das heißt, in allen NT von katholischen Autoren in meinem Regal nach dem relevanten Wortlaut, wie von Luther "verdolmetscht", nachzulesen, ergibt sich nachfolgendes Bild ähnlicher und identischer Übersetzungen von Mk 14:71:

»Er begann, sich zu verwünschen …«
wird verdeutscht von:

Johann H. Kistemaker, 1823ff
Heinrich J. Jaeck, 1844f
Benedikt Weinhart, 1899
Jakob Ecker, 1904 ff
Simon Weber, 1916
Konstantin Rösch, 1921ff
Paul Bergmann, 1928ff
Jakob Schäfer, 1934ff
Johann Perk, 1944f
Gebhard Heyder, 1986
Ludger Schenke, 2018
'_________________________

»…verwünschte er sich…«

EinheitsÜbersetzung 1972
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»Da begann er, Fluch auf sich herabzurufen…«

Karl Thieme (Herders Laienbibel), 1938
'_________________________

»…ich will verflucht sein«:

Klaus Berger & Ch. Nord, 1999f
_________________________________

»… sich zu verfluchen…«

Dominik v. Brentano, 1808
Bonifaz M. Schnappinger, 1817
Josef Dillersberger , 1938

Das Alter der Übersetzungen hat eigentlich keine Bedeutung, denn der Grundtext ist unverändert geblieben. Luthers Variante zieht sich übrigens von Anfang an bis 2016 hindurch, sogar das verschmähte "Eimertestament" von 1975 ändert den Wortlaut nicht.
Das Gros der oben aufgezählten NT ist imprimiert. Besagter Josef Dillersberger (1938), ein glühender Marienverehrer, wird sogar vom Chefideologen der St. Pius X.–Bruderschaft als Gewährsmann für sein eigenes Lukas–Ev herangezogen.
Interessant in diesem Zusammenhang ist die Variante der Urversion der Einheitsübersetzung 1972!

Ich danke Dir sehr für deinen Einwurf, denn es ist spannend und lehrreich, solche Wortstudien zu betreiben.
Auf Deine letzte Post komm ich später zurück! Da hab´ ich noch ´ne Frage!

Gesegneter Sonntag! simon

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