Es widerspricht ihr zumindest nicht. Jedoch fehlen einige der zentralen Motive der anselm'schen Satisfaktionslehre in den Gottesknechtsliedern des Deuterojesaja völlig. Da ist nirgendwo von einer verletzten Ehre Gottes die Rede, auch nicht von einer Satisfaktion, die dafür zu leisten gewesen wäre. Die Bild- und Vorstellungswelt ist ein völlig andere, auch wenn natürlich klar ist, dass der Gottesknecht die Sünden des Volkes für sie, an ihrer Stelle trägt.Pilgerer hat geschrieben:Wie passt das zur Satisfaktionslehre Anselms?overkott hat geschrieben:Ja, beispielsweise durch Gotteslästerung. Jesus vertrat die gängige theologische Meinung im Hinblick auf Lästerungen gegen den Heiligen Geist.
Die Satisfaktionslehre Anselms
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Stephen Dedalus
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Re: Die Satisfaktionslehre Anselms
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Re: Die Satisfaktionslehre Anselms
Möglicherweise gibt es bei der Lehre von der verletzten Ehre Gottes zwei Auslegungen:Stephen Dedalus hat geschrieben:Es widerspricht ihr zumindest nicht. Jedoch fehlen einige der zentralen Motive der anselm'schen Satisfaktionslehre in den Gottesknechtsliedern des Deuterojesaja völlig. Da ist nirgendwo von einer verletzten Ehre Gottes die Rede, auch nicht von einer Satisfaktion, die dafür zu leisten gewesen wäre. Die Bild- und Vorstellungswelt ist ein völlig andere, auch wenn natürlich klar ist, dass der Gottesknecht die Sünden des Volkes für sie, an ihrer Stelle trägt.Pilgerer hat geschrieben:Wie passt das zur Satisfaktionslehre Anselms?overkott hat geschrieben:Ja, beispielsweise durch Gotteslästerung. Jesus vertrat die gängige theologische Meinung im Hinblick auf Lästerungen gegen den Heiligen Geist.
a) Ist Gott selbst in Seiner Ehre verletzt worden und wurde Er durch Jesu Tod gesund? = Die Ehrverletzung hat was in Gott verändert
b) Hat die Gottes Ehre verletzende Handlung der Menschen sie selbst krank gemacht, sodass nur Jesu Tod sie von dieser Krankheit erlösen kann? = Die Ehrverletzung hat etwas in den Menschen verändert
Wenn ich an den Sündenfall zurück denke, dann war darin ein wichtiger Aspekt, dass Adam und Eva der Schlange mehr vertrauten als Gott. Das war ein Akt des Misstrauens gegenüber Gott und Seinen Geboten. Dieses Misstrauen kann als Ehrverletzung gegenüber Gott gedeutet werden, weil es Gott nicht die Ehre als gütiger und vertrauenswürdiger Gott gibt, der Er in Wahrheit ist. Aus dem gleichen Grund wurde übrigens Saul verstoßen, denn er hatte mehr auf seine Gedanken als auf Gottes Gebote vertraut, was für Gott "Götzendienst" ist (1. Samuel 15,23). Da sind wir dann auch schnell beim Thema "Theologie": sie muss im Gehorsam/Vertrauen gegenüber Gott bleiben, um Gottes Ehre nicht zu beschmutzen.
10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jesaja 35,10)
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Re: Die Satisfaktionslehre Anselms
Vergesst hier bitte nicht den Zorn Gottes bei der Beleidigung seiner Ehre. Dass man das ganze hier natürlich nicht als Wandel in Gott, sondern als Wandel des Verhältnisses von Mensch und Gott verstehen muss, dürfte wohl klar sein, oder?
Tu excitas, ut laudare te delectet, quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.
Augustinus Conf. I. 1
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Stephen Dedalus
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Re: Die Satisfaktionslehre Anselms
Nein, das wäre nicht der Gedanke Anselms. Die Ehrverletzung bezieht sich auf die 'äußere Ehre Gottes' (gloria dei externa), sie ändert nichts an Gottes Wesen oder seiner Person. Wer sündigt, tut nicht Gott etwas Schlechtes an, sondern verletzt das Ansehen Gottes und mißachtet öffentlich seine Autorität.Pilgerer hat geschrieben: Möglicherweise gibt es bei der Lehre von der verletzten Ehre Gottes zwei Auslegungen:
a) Ist Gott selbst in Seiner Ehre verletzt worden und wurde Er durch Jesu Tod gesund? = Die Ehrverletzung hat was in Gott verändert.
Ich denke, Raphaels Formulierung trifft den Gedanken Anselms am besten:b) Hat die Gottes Ehre verletzende Handlung der Menschen sie selbst krank gemacht, sodass nur Jesu Tod sie von dieser Krankheit erlösen kann? = Die Ehrverletzung hat etwas in den Menschen verändert
Die Ehrverletzung Gottes setzt eine göttliche und ewige Ordnung ins Ungleichgewicht. Diese Ordnung muß durch das Erbringen einer Sühneleistung (Satisfaktion) wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.
Ich denke nicht, dass der Gedanke einer Menschlichen Krankheit und ihrer Heilung sich bei Anselm findet. Auch geht es weniger um die personale Kategorie von 'gestörter Beziehung' und Heilung dieser Störung. Bei Anselm steht der juristische Gedanke im Vordergrund.
Meine Frage wäre noch, ob sich für den anselm'schen Grundgedanken, Sünde sei in erster Linie eine Verletzung der Ehre Gottes (gloria Dei), direkte Belege im AT finden. Eine rasche Durchsicht meiner Konkordanz hat keine Treffer ergeben. Zwar ist viele Male von der Ehre Gottes die Rede, aber nicht im Zusammenhang eines Verlustes dieser Ehre durch die Sünden der Menschen.
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Re: Die Satisfaktionslehre Anselms
Vielleicht liest du das Buch einfach mal:Stephen Dedalus hat geschrieben:Ich denke nicht, dass der Gedanke einer Menschlichen Krankheit und ihrer Heilung sich bei Anselm findet. Auch geht es weniger um die personale Kategorie von 'gestörter Beziehung' und Heilung dieser Störung. Bei Anselm steht der juristische Gedanke im Vordergrund.
quis enim explicet quam necessarie quam sapienter factum est
ut ille qui homines erat redempturus
et de via mortis et perditionis ad viam vitae et beatitudinis aeternae
docendo reducturus
cum hominibus conversaretur (bar 3,38)
et in ipsa conversatione cum eos doceret verbo qualiter vivere deberent
se ipsum exemplum praeberet?
Denn wer erklärt, wie notwendig, wie weise es geschah,
daß der, der die Menschen erlösen
und vom Wege des Todes und Verderbens zum Weg des Lebens und der ewigen Seligkeit
durch die Belehrung zurückführen sollte,
mit den Menschen umging
und in ebendiesem Umgange, wenn er sie durch das Wort darüber belehrte, wie sie leben sollten,
sich selbst als Beispiel darbot?
exemplum autem se ipsum quomodo daret infirmis et mortalibus
ut propter iniurias aut contumelias aut dolores aut mortem
a iustitia non recederent
si ipsum haec omnia sentire non agnoscerent?
Wie aber sollte er sich als Beispiel für die Kranken und Sterblichen hingeben,
daß sie nicht wegen Ungerechtigkeiten oder Schmach oder Schmerzen oder Tod
von der Gerechtigkeit abließen,
wenn sie nicht anschaulich erkennen könnten, daß er selber all dies empfinde?
Weiter:
http://12koerbe.de/pan/curdeus6.htm
Re: Die Satisfaktionslehre Anselms
Könnte diese Ehrverletzung auch durch Reue und Umkehr oder Buße getilgt werden oder ist dafür die Strafe unbedingt notwendig? Einerseits folgt nach Jakobus aus der Sünde der Tod, also die Strafe auf die Beleidigung Gottes. Andererseits nimmt im Gleichnis der gute Vater den verlorenen Sohn wieder zuhause auf, ohne dass dafür jemand Strafe tragen muss.Stephen Dedalus hat geschrieben:Nein, das wäre nicht der Gedanke Anselms. Die Ehrverletzung bezieht sich auf die 'äußere Ehre Gottes' (gloria dei externa), sie ändert nichts an Gottes Wesen oder seiner Person. Wer sündigt, tut nicht Gott etwas Schlechtes an, sondern verletzt das Ansehen Gottes und mißachtet öffentlich seine Autorität.
Findet die Eherverletzung Gottes bei jeder Sünde statt oder nur bei bestimmten Formen der Sünde? Immerhin gibt es in den Geboten Israels in manchen Fällen die Möglichkeit der Wiedergutmachung oder Entschädigung.
Ist dieses Prinzip von Gott geschaffen - nämlich dass es Sühneleistung geben muss - oder ist es eine Art Naturgesetz, das aus der Logik der Schöpfung von allein resultiert?Stephen Dedalus hat geschrieben:Die Ehrverletzung Gottes setzt eine göttliche und ewige Ordnung ins Ungleichgewicht. Diese Ordnung muß durch das Erbringen einer Sühneleistung (Satisfaktion) wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.
Im AT geht es häufig darum, dass Gott uns aufgrund seiner Ehre erlöst: "ihr werdet erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich so an euch handle zur Ehre meines Namens und nicht nach euren bösen Wegen und verderblichen Taten, du Haus Israel, spricht Gott der HERR." (Hesekiel 20,44). Demnach wird die Ehre Gottes auch dadurch wieder hergestellt, dass er nach seinen guten, höheren Wegen handelt als Menschen es tun.Stephen Dedalus hat geschrieben:Meine Frage wäre noch, ob sich für den anselm'schen Grundgedanken, Sünde sei in erster Linie eine Verletzung der Ehre Gottes (gloria Dei), direkte Belege im AT finden. Eine rasche Durchsicht meiner Konkordanz hat keine Treffer ergeben. Zwar ist viele Male von der Ehre Gottes die Rede, aber nicht im Zusammenhang eines Verlustes dieser Ehre durch die Sünden der Menschen.
Bei Maleachi geht es eher um die Verletzung der göttlichen Ehre durch bestimmtes Handeln:
"Bin ich Herr, wo fürchtet man mich?, spricht der HERR Zebaoth zu euch Priestern, die meinen Namen verachten. Ihr aber sprecht: »Wodurch verachten wir denn deinen Namen?«
7 Dadurch dass ihr opfert auf meinem Altar unreine Speise. Ihr aber sprecht: »Womit opfern wir dir denn Unreines?« Dadurch dass ihr sagt: »Des HERRN Tisch ist für nichts zu achten.«" (Kapitel 1)
"2 Wenn ihr's nicht hören noch zu Herzen nehmen werdet, dass ihr meinem Namen die Ehre gebt, spricht der HERR Zebaoth, so werde ich den Fluch unter euch schicken und verfluchen, womit ihr gesegnet seid; ja, verfluchen werde ich euren Segen, weil ihr's nicht wollt zu Herzen nehmen."
Zum Thema Sühne passt im Alten Testament auch der Bereich der Sündopfer (besonders in 3. und 4. Mose), das bedeutete, dass ein unschuldiges und fehlerloses Tier für die schuldigen Menschen sterben musste, um ihre Sünde zu sühnen. "die Leviten sollen ihre Hände auf den Kopf der jungen Stiere legen, und der eine soll zum Sündopfer, der andere zum Brandopfer dem HERRN dargebracht werden, um für die Leviten Sühne zu schaffen." (4. Mose 8,12)
10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jesaja 35,10)