Der Gottesbeweis

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
Raphael

Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Raphael »

Berolinensis hat geschrieben:Offenkundig hast du die hier ja schon mehrfach eingeführte Unterschiedung zwischen
Gamaliel hat geschrieben:a) Der Erkennbarkeit des Daseins Gottes
b) Der Erkenntnis der Beschaffenheit Gottes
immer noch nicht rezipiert.
Maßgebliche Stimmen in diesem Forum sind der Ansicht, daß dieser Gott identisch ist:
Robert Ketelhohn hat geschrieben:Ich weise bloß darauf hin, daß Paulus auf dem Areopag selbstverständlich und ganz ausdrücklich den „Gott der Philosophen“ mit dem eigenen, dem wahren Gott identifiziert – und die Athener dann näher mit ihm bekannt macht.
Wohlgemerkt: identisch!

Im Bezug auf die Erkennbarkeit Gottes wäre daher die Unterscheidung zwischen Erkennbarkeit und Beschaffenheit von sekundärer Relevanz.

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Berolinensis
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Berolinensis »

Natürlich ist er identisch - es gibt nur einen Gott. Zu unterscheiden ist aber die Erkennbarkeit des Daseins von der Erkenntnis der Beschaffenheit Gottes - eben dieses, ein und desselben, des einzigen Gottes. Kurz gefaßt (und etwas vereinfachend): mit der bloßen Vernunft kann ich erkennen, daß Gott ist, der Glaube lehrt mich, wie er ist.

Raphael

Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Raphael »

Berolinensis hat geschrieben:Natürlich ist er identisch - es gibt nur einen Gott. Zu unterscheiden ist aber die Erkennbarkeit des Daseins von der Erkenntnis der Beschaffenheit Gottes - eben dieses, ein und desselben, des einzigen Gottes. Kurz gefaßt (und etwas vereinfachend): mit der bloßen Vernunft kann ich erkennen, daß Gott ist, der Glaube lehrt mich, wie er ist.
So weit, so gut! 8)

Der Disput entzündete sich jedoch an der Frage der Beweisbarkeit Gottes und nicht an der Frage der Erkennbarkeit Gottes.
Hier stehen sich bislang zwei Positionen (unvereinbar) gegenüber:
1. Auf der Ebene der natürlichen Vernunft ist von den Vernünftigen Gott axiomatisch zu setzen, um überhaupt ein sinnvolles Gespräch zum Thema führen zu können.
2. Gott ist bereits mit Hilfe einer abstrakten, unpersönlichen Vernunft beweisbar. Es wäre daher von den Vernünftigen sehr unvernünftig, die "These Gott" zu verwerfen.

Robert hatte dann angemerkt, daß mit der Erkennbarkeit die Beweisbarkeit kollateral inkludiert sei, ohne diese Behauptung näherhin zu begründen. Angesichts des erkennbaren Unmutes von Sempre, was die Beibringung von Begründungen anbelangt, ist dies natürlich eine grobe Fahrlässigkeit Robert's. :blinker:

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Berolinensis
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Berolinensis »

Ja, ja, schon klar. Ich wollte nur darauf hinweisen, daß deine Einwände gegen die quinque viæ des hl. Thomas fehlgehen, weil diese gar nicht das beweisen wollen, was du meinst, nämlich wie Gott ist, sondern eben nur daß Gott ist.

Ansonsten habe ich eigentlich nicht groß vor, mich an dieser Diskussion zu beteiligen, weil die Lehre der Kirche hierzu glasklar ist und hier auch schon erläutert wurde.

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Juergen
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Juergen »

Berolinensis hat geschrieben:...und hier auch schon erläutert wurde.
Wo?
Gruß Jürgen

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Berolinensis
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Berolinensis »


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Juergen
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Juergen »

Berolinensis hat geschrieben:Hier z.B.: viewtopic.php?p=395289#p395289
Dort wurde aufgezeigt, was die Kirche als wahr behauptet. - Es wurde aber nicht begründet.
Gruß Jürgen

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LePenseur
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von LePenseur »

@all:

Darf ich mich mit einer Literaturempfehlung (ich weiß, ich habe sie schon irgendwann ausgegeben, aber doppelt hält besser) in die wildwogende Diskussion werfen?

Wolfgang RÖD: "Der Gott der reinen Vernunft". Ontologischer Gottesbeweis und rationalistische Philosophie. 2009. C.H.Beck ISBN 978-3-406-58569-2. 239 Seiten, Paperback, € 14,95 inkl. MwSt.
http://www.chbeck.de/productview.aspx?p ... 8&toc=3238

Sobald alle Diskutanten das Buch ausgiebig durchstudiert haben, setzen wir uns wieder zusammen (in ein paar Wochen halt ...). Keine leicht nebenher zu lesende Lektüre, fürwahr — aber lohnend ...

P.S.: wer vermeint, daß das Problem ohnehin schon von der Kirche "glasklar" gelöst ist, braucht ja nicht mitzudiskutieren. Ich meine nur: die kirchliche Lösung ist "glasklar" wie ein Spiegel: man sieht exakt das, was dem Spiegel vorausgesetzt wird, und nix von dem, was dahinter ist ...

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Sempre
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Sempre »

Juergen hat geschrieben:
Berolinensis hat geschrieben:Hier z.B.: viewtopic.php?p=395289#p395289
Dort wurde aufgezeigt, was die Kirche als wahr behauptet. - Es wurde aber nicht begründet.
Die Kirche behauptet, dass ein persönlicher Gott existiert. Auf die Begründung dafür, dass das wahr ist, wurde bereits verwiesen:

1.) Existenz Gottes: siehe hier.
2.) Gott ist Person: siehe hier.

Gruß
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Sempre »

LePenseur hat geschrieben:Sobald alle Diskutanten das Buch ausgiebig durchstudiert haben, setzen wir uns wieder zusammen (in ein paar Wochen halt ...). Keine leicht nebenher zu lesende Lektüre, fürwahr — aber lohnend ...
Ich werde das nicht lesen. Ein Buch, das lediglich den ontologischen Gottesbeweis behandelt, kann kaum den Gegenstand des ersten Punktes des Antimodernisteneids widerlegen.

Falls Du Einwände gegen den kausalen Gottesbeweis hast, dann trag sie doch bitte vor.

Gruß
Sempre
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Juergen
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Juergen »

Sempre hat geschrieben:
Kirchenjahr hat geschrieben:die Frage aus der Sicht eines Skeptikers: "Wer oder was ist Gott?" Gott ist der Seiende. Am Existieren (also am Sein) selbst, zweifeln nicht mal viele Skeptiker. Ob Gott nun aber der Seiende in Person ist (ich bin) oder mehr das abstrakte Sein ist, macht doch einen riesigen Unterschied. Zumal nicht mal der kausale Gottesbeweis des hl. Thomas zwingend einen personalen Gott fordert.
Wenn Gott vernunftbegabte Personen schafft, dann muss er selbst vernunftbegabte Person (oder etwas noch höheres) sein, da niedrigere Ordnung bzw. niedrigere Formen gemäß dem Kausalgesetz keine höheren hervorbringen.
Eine kleine Ursache kann eine große Wirkung haben - da gibt es keine Symmetrie.
Gruß Jürgen

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Gamaliel
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Gamaliel »

Juergen hat geschrieben:
Sempre hat geschrieben:
Kirchenjahr hat geschrieben:die Frage aus der Sicht eines Skeptikers: "Wer oder was ist Gott?" Gott ist der Seiende. Am Existieren (also am Sein) selbst, zweifeln nicht mal viele Skeptiker. Ob Gott nun aber der Seiende in Person ist (ich bin) oder mehr das abstrakte Sein ist, macht doch einen riesigen Unterschied. Zumal nicht mal der kausale Gottesbeweis des hl. Thomas zwingend einen personalen Gott fordert.
Wenn Gott vernunftbegabte Personen schafft, dann muss er selbst vernunftbegabte Person (oder etwas noch höheres) sein, da niedrigere Ordnung bzw. niedrigere Formen gemäß dem Kausalgesetz keine höheren hervorbringen.
Eine kleine Ursache kann eine große Wirkung haben - da gibt es keine Symmetrie.
Eine große Wirkung schon, aber niemals eine größere Wirkung als die Ursache selbst. - Nemo dat quod non habet.
Sollte es das doch geben, dann bitte dringend die entsprechenden technischen Abteilungen in Deutschland informieren, die würden sich über Maschinen mit mehr als 100% Wirkungsgrad sicher freuen. ;)

LePenseur
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von LePenseur »

@Sempre:
Sempre hat geschrieben:Ich werde das nicht lesen. Ein Buch, das lediglich den ontologischen Gottesbeweis behandelt, kann kaum den Gegenstand des ersten Punktes des Antimodernisteneids widerlegen.

Falls Du Einwände gegen den kausalen Gottesbeweis hast, dann trag sie doch bitte vor.
Ohne mich jetzt in jedem Detail mit den angeführten Links identifizieren zu wollen — aber der "kausale Gottesbeweis" ist auch m.E. wirklich nicht der Stein des Weisen ...
1.)
http://kamenin.wordpress.com/2008/03/04 ... ursachung/
2.)
Das kosmologische Argument ist aus folgenden Gründen nicht schlüssig: 1) Wenn wir davon
ausgehen, dass jedes Ereignis eine Ursache haben muss, ist es widersprüchlich eine erste Ursache
anzunehmen, die keiner Verursachung bedarf. 2) Umgekehrt, wenn wir zugestehen, dass es eine
Erstursache gibt, die keiner Verursachung bedarf, ist es nicht sinnvoll anzunehmen, dass alle anderen
Ereignisse einer Ursache bedürfen. 3) Wenn wir davon ausgehen, dass alle Ereignisse einer Ursache
bedürfen, müssten wir konsequenterweise folgern, dass es eine unendlich fortgesetzte
Verursachungskette in die Vergangenheit hinein geben müsste und es demzufolge keine Erstursache
geben kann.
(zit. aus: http://www.kurtbangert.de/_downloads/al ... 537bct5gre, wo auch über die anderen gängigen Gottesbeweise gut und verständlich abgehandelt wird)

3.)
Und über Schopenhauers "Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde"
Dieser Beweis lautet folgendermaßen: "Wir finden in dieser sinnenfälligen Welt eine Ordnung der wirkenden Ursachen vor. Aber es findet sich nicht und ist auch nicht möglich, daß etwas die wirkenden Ursache seiner selbst sei, weil es dann früher als es selbst wäre, was unmöglich ist. Es ist aber nicht möglich, daß man in der Reihe der wirkenden Ursachen ins Unendliche fortschreite...Mithin ist es notwendig, eine erste Ursache anzunehmen, die alle Gott nennen."

Mit anderen Worten: Alles hat eine kausale Ursache, warum es existiert. Wenn man den Gedanken aber konsequent durchdenkt, müßte man unendlich fortschreiten in der Abfolge der Kausalität, was man aber aus einem unerfindlichen Grund nicht könne. Darum müßte es eine erste Ursache geben und diese sei zufälligerweise Gott.

Der Schwachpunkt des Beweises liegt natürlich auf der Hand. Wenn man davon ausgeht, daß alles eine Ursache hat, muß man logischerweise in der Kausalitätskette unendlich zurückgehen. Thomas nützt die Feststellung nichts, daß man es nicht könne - diese reicht Schopenhauer nicht aus! Wenn man der Vernunft folgt, ist es notwendig; alles andere wäre ein Widerspruch in sich. Denn die Annahme, daß alles eine Ursache hat, läßt sich nicht vernünftig mit der Annahme einer ersten Ursache in Einklang bringen; denn diese "erste" Ursache müßte doch wohl auch eine Ursache haben, wenn die Annahme, daß alles eine Ursache hat, stimmt.

Daß die Kette der Kausalität sich in infinitum fortsetzt, führt Schopenhauer ebenfalls aus. Wie oben näher beschrieben, entspringt das Gesetz der Kausalität (auch: Satz des zureichenden Grunde des Werdens) aus der ersten Klasse der Objekte, den empirischen, vollständigen, anschaulichen; Kausalität steht a priori in uns fest. Kausalität ist die Abfolge von Ursache und Wirkung; wobei jede Ursache, die eine Wirkung auslöst, wiederum eine Wirkung einer vorhergehenden Ursache sein muß und zwar, wie auch Thomas meint, jede. Damit wird die Kausalitätskette notwendig anfangslos. Sie läßt sich also nicht für theologische Zwecke gebrauchen: "Das Gesetz der Kausalität ist also nicht so gefällig, sich brauchen zu lassen, wie ein Fiaker, den man, angekommen, wo man hingewollt, nach Hause schickt. Vielmehr gleicht es dem von Göthe's Zauberlehrling belebten Besen, der, ein Mal in Aktivität gesetzt, gar nicht wieder aufhört zu laufen und zu schöpfen;..." (aus § 20)

Zur Verdeutlichung der Hinfälligkeit des Beweises sei die Argumentation von Bertrand Russell angeführt. Russell meint ebenfalls, daß die Beweiskette: Alles hat eine Ursache und die erste Ursache der Welt ist Gott sofort die Frage naheliegt, welche Ursache denn Gott hätte; denn wenn die erste Annahme stimmt und alles eine Ursache hat (was auch Thomas meint), dann muß dies wohl auch Gott betreffen - sofern es ihn gibt. Den von den Theologen daraufhin immer vorgebrachten Einwand, daß eben Gott keine Ursache benötigt (auf diese ungeheuerliche Behauptung sind wir von Kindesbeinen an schon so dressiert, daß uns der Widerspruch zum gesunden Kausalitätsdenken gar nicht mehr auffällt), vergleicht Russell sehr treffend mit der Ansicht der Inder, die Welt werde von vier Elephanten getragen. Fragt man die Inder, wer denn die vier Elephanten trägt, antworten sie, daß dies eine große Schildkröte täte. Wenn man sie weiterhin fragt, worauf dann die Schildkröte steht, werden sie zornig und wollen nicht mehr darüber reden (vgl.Russell: Warum ich kein Christ bin).
(zitiert nach http://horvath.members.1012.at/schop.htm)

Reicht das für den Anfang?

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Robert Ketelhohn
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Siehe auch da: http://kreuzgang.org/viewtopic.php?f=4& ... um#p352573

Im übrigen sind Russells Bemerkungen dämlich. Denn bei der von ihm kritisierten Argumentation handelt es sich nicht um eine Gleichung mit Unbekannter, für welche dann – wie ’s Kaninchen aus dem Zylinder gezaubert – Gott eingesetzt wird, sondern diese Unbekannte wird philosophisch erkannt und dann als „Gott“ benannt, womit der Gläubige vom Philosophen etwas über seinen Gott erfährt, nicht umgekehrt.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

LePenseur
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von LePenseur »

@Robert Ketelhohn:
Nun, Russels Bemerkung ist m.E. keineswegs "dämlich" (ich bin, mit Verlaub, eher geneigt, das vorschnelle Abwerten seiner Argumente so zu bezeichnen).

Was Ihren Verweis auf viewtopic.php?f=4&t=10920&p=352573&hilit=ad+infinitum#p352573 betrifft, so denke ich , daß hier ein Gutteil von antiker bis newton'scher Weltsicht im euklid'schen Raum dahintersteckt, m.a.W.: klassische Physik, welche spätestens seit Einstein und Planck einigermaßen fragwürdig geworden ist.

Darüber sollen sich aber eher die Berufenen, die theoretischen Physiker, den Kopf zerbrechen ...

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Juergen
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Juergen »

Gamaliel hat geschrieben:
Juergen hat geschrieben:
Sempre hat geschrieben:
Kirchenjahr hat geschrieben:die Frage aus der Sicht eines Skeptikers: "Wer oder was ist Gott?" Gott ist der Seiende. Am Existieren (also am Sein) selbst, zweifeln nicht mal viele Skeptiker. Ob Gott nun aber der Seiende in Person ist (ich bin) oder mehr das abstrakte Sein ist, macht doch einen riesigen Unterschied. Zumal nicht mal der kausale Gottesbeweis des hl. Thomas zwingend einen personalen Gott fordert.
Wenn Gott vernunftbegabte Personen schafft, dann muss er selbst vernunftbegabte Person (oder etwas noch höheres) sein, da niedrigere Ordnung bzw. niedrigere Formen gemäß dem Kausalgesetz keine höheren hervorbringen.
Eine kleine Ursache kann eine große Wirkung haben - da gibt es keine Symmetrie.
Eine große Wirkung schon, aber niemals eine größere Wirkung als die Ursache selbst. - Nemo dat quod non habet.
Wenn Du den Satz "Nemo dat quod non habet." retten willst, muß Du z.B. annehmen, daß in jeder Zigarettenkippe zumindest potentiell ein Waldbrand steckt.
Gruß Jürgen

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Gamaliel
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Gamaliel »

Juergen hat geschrieben:Wenn Du den Satz "Nemo dat quod non habet." retten willst, muß Du z.B. annehmen, daß in jeder Zigarettenkippe zumindest potentiell ein Waldbrand steckt.
Überhaupt nicht. Die Wirkung der Kippe ist z.B. ein Blatt zu entzünden, dieses Blatt entzündet kausal weitere Objekte in der Umgebung, die aufgrund höheren Brennwertes wieder anderes entzünden,... der Wald brennt, also nicht einzig als Wirkung der weggeworfenen Kippe. Alle Ursachen zusammen, sind hinreichende Ursache für den Waldbrand...

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Robert Ketelhohn
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Juergen hat geschrieben:Wenn Du den Satz "Nemo dat quod non habet." retten willst, muß Du z.B. annehmen, daß in jeder Zigarettenkippe zumindest potentiell ein Waldbrand steckt.
Nein, sondern im Wald.

Nachtrag: Sehe gerade, Gamaliel hat schon zutreffend erwidert.
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Juergen
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Juergen »

Gamaliel hat geschrieben:
Juergen hat geschrieben:Wenn Du den Satz "Nemo dat quod non habet." retten willst, muß Du z.B. annehmen, daß in jeder Zigarettenkippe zumindest potentiell ein Waldbrand steckt.
Überhaupt nicht. Die Wirkung der Kippe ist z.B. ein Blatt zu entzünden, dieses Blatt entzündet kausal weitere Objekte in der Umgebung, die aufgrund höheren Brennwertes wieder anderes entzünden,... der Wald brennt, also nicht einzig als Wirkung der weggeworfenen Kippe. Alle Ursachen zusammen, sind hinreichende Ursache für den Waldbrand...
Zumindest lese ich daraus, daß die "Wirkung Waldbrand" was "größeres" ist als die "Ursache Zigarettenkippe".
Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, werden nur weitere Zwischenursachen eingeführt, um das "Mehr" zu erklären. Es ist aber völlig egal, ob ich ein, zwei oder eine Million Zwischenursachen einfüge: es bleibt dabei das ein "Mehr" entsteht; ob das schlagartig oder langsam passiert ist prinzipiell irrelevant.

Aber wenn Du darauf bestehst, daß es doch so ist, können wir das auch auf die Schaffung der "vernunftbegabten Person" beziehen. Dann wäre es möglich, daß eine kleine Mikrobe mit wenig Verstand (=Zigarettenkippe) eine andere anstößt (Blatt), die wiederum und wiederum.... bis am Ende die "vernunftbegabte Person" (Waldbrand) herauskommt...
Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Juergen hat geschrieben:Wenn Du den Satz "Nemo dat quod non habet." retten willst, muß Du z.B. annehmen, daß in jeder Zigarettenkippe zumindest potentiell ein Waldbrand steckt.
Nein, sondern im Wald.
So scheint zwar eher ein Schuh draus zu werden, es führt aber nicht aus dem Problem heraus, wenn ich die Möglichkeit in den Wald verlege.

Im Wald steckt die Möglichkeit abzubrennen und im Wald steckt auch die Möglichkeit durch eine Zigarettenkippe entzündet zu werden.
Nun kommt so eine Zigarettenkippe daher und überführt die Möglichkeit zum Waldbrand in die Wirklichkeit des Waldbrandes.
Mithin hat steckt also in der Zigarettenkippe die Möglichkeit einen möglichen Waldbrand in einen wirklichen Waldbrand zu überführen. Damit sind wir bei dem plakativen Satz, daß in jeder Zigarettenkippe zumindest potentiell ein Waldbrand steckt.
Gruß Jürgen

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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Berolinensis »

Ich sehe nicht so ganz, wohin das führen soll. Man kann m.E. den Satz "in der Kippe steckt der Waldbrand" durchaus zugestehen. Denn beides ist wesensmäßig das gleich nämlich Feuer, nur einmal klein, einmal groß, je nach dem Brennmaterial, das zur Verfügung steht. Das heißt aber noch lange nicht, daß eine Ursache eine wesensmäßig andere Wirkung herbeiführen kann, daß also etwas Unvernünftiges etwas Vernünftiges bewirken kann. Das ist dann ein Kategoreinunterschied.

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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Juergen »

Berolinensis hat geschrieben:Das heißt aber noch lange nicht, daß eine Ursache eine wesensmäßig andere Wirkung herbeiführen kann, daß also etwas Unvernünftiges etwas Vernünftiges bewirken kann. Das ist dann ein Kategoreinunterschied.
Könntest Du mal "wesensmäßig andere Wirkung" definieren.


Mit dem elektrischen Strom, kann man eine Bewegung erzeugen oder ein Zimmer beleuchten oder Kaffee kochen.
Ist das alles "wesensmäßig" das gleiche, weil es jedesmal um Energie und deren Umwandlung geht.
Falls ja, dann muß man natürlich auch sagen, daß alles, was materiell in der Welt existiert, nur eine Energieform ist.
Zuletzt geändert von Juergen am Dienstag 8. Juni 2010, 13:49, insgesamt 1-mal geändert.
Gruß Jürgen

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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Gamaliel »

Juergen hat geschrieben:Zumindest lese ich daraus, daß die "Wirkung Waldbrand" was "größeres" ist als die "Ursache Zigarettenkippe".
Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, werden nur weitere Zwischenursachen eingeführt, um das "Mehr" zu erklären.
Es gibt werde ein "Mehr", noch etwas "größeres", noch werden irgendwelche Zwischenursachen eingeführt. Eine glimmende Kippe, ist eine glimmende Kippe und ein brennender Wald ist ein brennender Wald. Du kannst Dich gerne bei einem Physiker,... erkundigen, ob die Energie einer Kippe ausreicht, um einen ganzen Wald in Asche zu verwandeln. Es ist für jedermann völlig klar, daß das nicht der Fall ist. Nur wenn weitere Energie zur Verfügung steht, eben in Form von Geäst, Sauerstoff,... kann als Endprodukt der Wald eingeäschert vorgefunden werden.
Du verwendest hier irgendeinen untypischen Ursachenbegriff, der mit dem der Wirkursache der Philosophie nicht ident ist. Möglicherweise verwechselst Du Wirkursache mit der zeitlich am Anfang einer Gesamthandlung stehenden Ursache. :achselzuck:
Berolinensis hat geschrieben:Man kann m.E. den Satz "in der Kippe steckt der Waldbrand" durchaus zugestehen.
Nur in einem uneigentlichen, nicht philosophischen Sinn.
Berolinensis hat geschrieben:Das heißt aber noch lange nicht, daß eine Ursache eine wesensmäßig andere Wirkung herbeiführen kann, daß also etwas Unvernünftiges etwas Vernünftiges bewirken kann. Das ist dann ein Kategoreinunterschied.
Richtig.

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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Juergen »

Gamaliel hat geschrieben:Du verwendest hier irgendeinen untypischen Ursachenbegriff, der mit dem der Wirkursache der Philosophie nicht ident ist. Möglicherweise verwechselst Du Wirkursache mit der zeitlich am Anfang einer Gesamthandlung stehenden Ursache. :achselzuck:
Wie definiert denn Aristoteles im 2. Buch der Physik die Wirkursache? :hmm: Definiert er sie nicht als erste Quelle für eine Veränderung? :hmm:
Gruß Jürgen

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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von LePenseur »

Darf ich in die Diskussion noch einen zufällig gerade gefundenen Artikel einwerfen?

http://www.zmm.cc/ExistenzSimulation.pdf

und, ausführlicher:

http://www.zmm.cc/Wesen.pdf Besonders plausibel erschien mit bei dem letzteren Artikel der Schluß der Zusammenfassung:
Mit „fides quaerens intellectum“ wird in wünschenswerter Klarheit gesagt,
daß Glaube ungenügend ist, denn er sucht etwas, dessen er bedarf. Gottesbeweise
sind nicht der intellektuelle Gehalt eines Glaubens, der, wenn er klar und deutlich
wäre, statt Quelle des Zweifels zu sein, den ein Beweis zu überwinden der Hoffnung
stärkstes Motiv scheint, nie auf einen Beweis hoffen würde. Wessen er zu bedürfen
scheint, ist Wahrheit. Glaube besitzt an sich keine Wahrheit, geht nicht von
Wahrheit aus, produziert keine. Aber er hätte sie gern, als Luxus. Nicht weil er auf
sie angewiesen wäre, er kommt völlig ohne Wahrheit aus, doch in seiner Würde
stünden ihm einige wahre Aussagen als Dekor gut an.
So sehr Gottesbeweise philosophisch und logisch Interesse finden, ihre
Wahrheit ist ohne Inhalt, ihr Inhalt wahrheitsinvariant, inversatil bezüglich dessen,
was der Fall ist, ohne Progredienz, frei von Erkenntnis. Betrachtet man sie als
theologale Beiträge, so bedeutet ihre formale Wahrheit, daß die Logik der Theologie
schon Strukturen, vorgefertigte wahrheitsfähige Formen zur Verfügung stellt,
die, Beliebiges eingesetzt, immer wahre Aussagen liefern. Dieses Beliebige ist,
auch wenn als theologisch deklariert, für Wahrheit unerheblich. Was in der Theologie
überhaupt wahr sein kann, ist logisch wahr. Aus eigener Kraft schafft sie es
nicht.
Ungeachtet dessen stehen die Gottesbeweise in der Theologie ohne Vergleich
da. Sie sind Theorien, Minimaltheorien zwar, die aber eben deswegen zur
übrigen Theologie, Dezisionen, Offenbarungen, Visionen und Magie, einen auffälligen
Gegensatz markieren, einzig und allein ihrer Wahrheit wegen. Darin liegt ihr
Wert. Das ist ihr philosophischer Rang.
Die Bedeutung der Gottesbeweise ist deshalb als hoch zu bewerten, weil
sie in einem praktisch wahrheitsfreien Kontext stehen. Die Theologie liefert sonst
keine wahren Aussagen. Auf diesem Hintergrund muß man Gottesbeweise sehen.
Ihnen gelingt es, wahre Aussagen aufzustellen, die den Ausdruck „Gott“ enthalten.
Das ist ohne Beispiel, auch wenn es nicht ihr Skopos ist, Gott zu beweisen. Sie repräsentieren
das Gegenteil einer irrationalem Durchschnitt verpflichteten Ideologie.
Trotzdem gelangt die in ihnen sich zeigende Orientierung an Wahrheit, grundlegend
für jede Wissenschaft, nicht zu Erkenntnis. Gottesbeweise tragen zu Erkenntnis
nichts bei, haben in Hinsicht auf Erkenntnis keinen Wert. Sie unterscheiden
sich diesbezüglich von ihrem religiösen Kontext nicht.

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Sempre
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Sempre »

LePenseur hat geschrieben:Reicht das für den Anfang?
Ja, sehr gut!

Ich fange mal mit Punkt Zwo an. Zu den anderen später.
LePenseur hat geschrieben:
Das kosmologische Argument ist aus folgenden Gründen nicht schlüssig: 1) Wenn wir davon ausgehen, dass jedes Ereignis eine Ursache haben muss, ist es widersprüchlich eine erste Ursache anzunehmen, die keiner Verursachung bedarf. 2) Umgekehrt, wenn wir zugestehen, dass es eine Erstursache gibt, die keiner Verursachung bedarf, ist es nicht sinnvoll anzunehmen, dass alle anderen Ereignisse einer Ursache bedürfen. 3) Wenn wir davon ausgehen, dass alle Ereignisse einer Ursache bedürfen, müssten wir konsequenterweise folgern, dass es eine unendlich fortgesetzte Verursachungskette in die Vergangenheit hinein geben müsste und es demzufolge keine Erstursache
geben kann.
(zit. aus: http://www.kurtbangert.de/_downloads/al ... 537bct5gre, wo auch über die anderen gängigen Gottesbeweise gut und verständlich abgehandelt wird)
Die Einwände des Autors ziehen nicht. Er hat offenbar den Gedankengang des Beweises nicht verstanden.

Wir beobachten Ursache-Wirkungsketten. Mithilfe allerlei geschickter Eingriffe und Manipulationen der Ursache-Wirkungsketten stellen wir sicher, dass unsere Beurteilung zutrifft. Wir haben natürlich nicht die Möglichkeit, alles überall zu überprüfen, gelangen aber zu sehr großer Sicherheit. Bis heute hat nirgendwo niemand einen gegenteiliges Beispiel nachgewiesen.

Nun stellen wir die uns recht und billig erscheinende, zu beweisende Behauptung auf: alles ist immer und überall Teil eines Ursache-Wirkungsgeflechts.

Der Beweis zeigt nun logisch einwandfrei, dass es (mindestens) einer unverursachten Ursache bedarf. Dieses Ergebnis überrascht und ärgert uns natürlich, denn wir hatten ja behauptet, dass es solches nicht gibt. Der Beweis beweist, dass unsere Behauptung falsch ist und er korrigiert sie gleich auch:

Wir sollten vernünftigerweise annehmen, dass das von uns beobachtete Ursache-Wirkungsgeflecht nicht frei von mindestens einer zusätzlichen Erstursache ist. Falls es genau eine Erstursache geben sollte, freut sich der Deist. Falls mehr als eine, der Theist.

Damit laufen die Einwände völlig ins Leere - es sind Strohmänner.

Die Behauptung der unendlichen Kette ist falsch, da der Beweis für jede beliebige Anzahl von Kettengliedern gilt. Er trifft keinerlei Einschränkung, was die Anzahl an Kettengliedern angeht. Daraus folgt, dass auch eine unendliche Kette einen Anfang hat, bzw. dass eine Kette nur in Richtung Zukunft unendlich sein kann.

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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Sempre »

@LePenseur

Nun zu Punkt Eins:
Neben vielen wilden Behauptungen erwähnt der Autor konkret gegen den kausalen Gottesbeweis lediglich lapidar einen der oben bereits entlarvten Strohmänner. Auch er hat den Gedankengang des Beweises nicht verstanden.

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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Sempre »

@LePenseur

Schließlich zu Punkt Drei:
LePenseur hat geschrieben: 3.)
Und über Schopenhauers "Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde"
Dieser Beweis lautet folgendermaßen: "Wir finden in dieser sinnenfälligen Welt eine Ordnung der wirkenden Ursachen vor. Aber es findet sich nicht und ist auch nicht möglich, daß etwas die wirkenden Ursache seiner selbst sei, weil es dann früher als es selbst wäre, was unmöglich ist. Es ist aber nicht möglich, daß man in der Reihe der wirkenden Ursachen ins Unendliche fortschreite...Mithin ist es notwendig, eine erste Ursache anzunehmen, die alle Gott nennen."

Mit anderen Worten: Alles hat eine kausale Ursache, warum es existiert. Wenn man den Gedanken aber konsequent durchdenkt, müßte man unendlich fortschreiten in der Abfolge der Kausalität, was man aber aus einem unerfindlichen Grund nicht könne. Darum müßte es eine erste Ursache geben und diese sei zufälligerweise Gott.

Der Schwachpunkt des Beweises liegt natürlich auf der Hand. Wenn man davon ausgeht, daß alles eine Ursache hat, muß man logischerweise in der Kausalitätskette unendlich zurückgehen. Thomas nützt die Feststellung nichts, daß man es nicht könne - diese reicht Schopenhauer nicht aus! Wenn man der Vernunft folgt, ist es notwendig; alles andere wäre ein Widerspruch in sich. Denn die Annahme, daß alles eine Ursache hat, läßt sich nicht vernünftig mit der Annahme einer ersten Ursache in Einklang bringen; denn diese "erste" Ursache müßte doch wohl auch eine Ursache haben, wenn die Annahme, daß alles eine Ursache hat, stimmt.

Daß die Kette der Kausalität sich in infinitum fortsetzt, führt Schopenhauer ebenfalls aus. Wie oben näher beschrieben, entspringt das Gesetz der Kausalität (auch: Satz des zureichenden Grunde des Werdens) aus der ersten Klasse der Objekte, den empirischen, vollständigen, anschaulichen; Kausalität steht a priori in uns fest. Kausalität ist die Abfolge von Ursache und Wirkung; wobei jede Ursache, die eine Wirkung auslöst, wiederum eine Wirkung einer vorhergehenden Ursache sein muß und zwar, wie auch Thomas meint, jede. Damit wird die Kausalitätskette notwendig anfangslos. Sie läßt sich also nicht für theologische Zwecke gebrauchen: "Das Gesetz der Kausalität ist also nicht so gefällig, sich brauchen zu lassen, wie ein Fiaker, den man, angekommen, wo man hingewollt, nach Hause schickt. Vielmehr gleicht es dem von Göthe's Zauberlehrling belebten Besen, der, ein Mal in Aktivität gesetzt, gar nicht wieder aufhört zu laufen und zu schöpfen;..." (aus § 20)

Zur Verdeutlichung der Hinfälligkeit des Beweises sei die Argumentation von Bertrand Russell angeführt. Russell meint ebenfalls, daß die Beweiskette: Alles hat eine Ursache und die erste Ursache der Welt ist Gott sofort die Frage naheliegt, welche Ursache denn Gott hätte; denn wenn die erste Annahme stimmt und alles eine Ursache hat (was auch Thomas meint), dann muß dies wohl auch Gott betreffen - sofern es ihn gibt. Den von den Theologen daraufhin immer vorgebrachten Einwand, daß eben Gott keine Ursache benötigt (auf diese ungeheuerliche Behauptung sind wir von Kindesbeinen an schon so dressiert, daß uns der Widerspruch zum gesunden Kausalitätsdenken gar nicht mehr auffällt), vergleicht Russell sehr treffend mit der Ansicht der Inder, die Welt werde von vier Elephanten getragen. Fragt man die Inder, wer denn die vier Elephanten trägt, antworten sie, daß dies eine große Schildkröte täte. Wenn man sie weiterhin fragt, worauf dann die Schildkröte steht, werden sie zornig und wollen nicht mehr darüber reden (vgl.Russell: Warum ich kein Christ bin).
(zitiert nach http://horvath.members.1012.at/schop.htm)
Auch hier wieder derselbe Strohmann.

Es ist Resultat der logischen Schlussfolgerung, dass die Erstursache selbst unverursacht sein muss. Daher wird niemand -es sei denn er sei arg unverständig- nach der Ursache der Erstursache fragen. Die Erstursache ist ja keine willkürliche Behauptung. Wir setzen ja gerade die Idee einer Kausalkette an, die nur Ursache-Wirkungsglieder und keine Erstursachen hat. Dann untersuchen wir die Kette und stellen fest: das kann es nicht geben. Es muss eine unverursachte Erstursache geben. Das ist damit bewiesen. Da es bewiesen ist, ist die Frage nach einer Ursache der Erstursache bereits abschließend geklärt und braucht nicht neu aufgeworfen zu werden.

Gruß
Sempre
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Juergen hat geschrieben:Wie definiert denn Aristoteles im 2. Buch der Physik die Wirkursache?
Der Heini ist mir wurscht! :P
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Sempre »

LePenseur hat geschrieben:@Robert Ketelhohn:
Nun, Russels Bemerkung ist m.E. keineswegs "dämlich" (ich bin, mit Verlaub, eher geneigt, das vorschnelle Abwerten seiner Argumente so zu bezeichnen).
Eben noch trugst Du Einwände gegen die Beweisführung des hl. Thomas vor. Inzwischen weist Du selbst auf den Kantianer (und Franziskaner?) Dr. Christoph Zimmer hin, der zeigt, dass alle Gottesbeweise des hl. Thomas logisch einwandfrei sind (http://www.zmm.cc/ [5]).

LePenseur hat geschrieben:Besonders plausibel erschien mir [...]:
Dr. Christoph Zimmer (http://www.zmm.cc/ hat geschrieben: [...]
So sehr Gottesbeweise philosophisch und logisch Interesse finden, ihre Wahrheit ist ohne Inhalt, ihr Inhalt wahrheitsinvariant, inversatil bezüglich dessen, was der Fall ist, ohne Progredienz, frei von Erkenntnis. Betrachtet man sie als theologale Beiträge, so bedeutet ihre formale Wahrheit, daß die Logik der Theologie schon Strukturen, vorgefertigte wahrheitsfähige Formen zur Verfügung stellt, die, Beliebiges eingesetzt, immer wahre Aussagen liefern. Dieses Beliebige ist, auch wenn als theologisch deklariert, für Wahrheit unerheblich. Was in der Theologie überhaupt wahr sein kann, ist logisch wahr. Aus eigener Kraft schafft sie es nicht.
[...]
Hinter diesen Behauptungen verbirgt sich die Lehre Immanuel Kants. Zimmer begründet sie selbst nicht, er beruft sich auf die „Critik der reinen Vernunft“:
Dr. Christoph Zimmer (http://www.zmm.cc/ hat geschrieben: Zu sagen, ein Gottesbeweis ist logisch gültig, heißt, daß er wahr ist, auch wenn Gott nicht existiert.
[...]
KANTS Kritik [bezieht sich] nicht auf Fehler in der formalen Logik bestimmter scholastischer Argumente, sondern auf den Glauben, es könne auf analytische Weise die Existenz eines Gegenstandes bewiesen werden.
Das bezieht sich auf Kants Kritik an ontologischen Gottesbeweisen. Solche will ich gar nicht verteidigen.

Gruß
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von LePenseur »

@Sempre:
Nun stellen wir die uns recht und billig erscheinende, zu beweisende Behauptung auf: alles ist immer und überall Teil eines Ursache-Wirkungsgeflechts.
"Billig", und zwar im Sinne von allzu billig, ist die Behauptung in der Tat! Und "billig" bedeutet zugleich teuer — allzu teuer sogar! Denn dadurch ist die Willensfreiheit des Menschen ebenso vom Tisch wie der Zufall (inkl. Atom-, insbes. Quantenphysik, würde ich mal schätzen).

Denn wenn es Willenfreiheit gibt, dann ist jede freie Willensentscheidung (z.B. ob ich heute in meinem Stammlokal ein Schnitzel oder einen Schweinsbraten esse) eben nicht Teil eines "Ursache-Wirkungsgeflechts", da mein freier Wille hier bereits die Erstursache darstellt. Ebenso ist die konkret gezogene Lottozahl "23" als Zufallszahl nicht Teil eines "Ursache-Wirkungsgeflechts", denn das ist zwar jede beliebige Lottozahl, aber nur insoweit ihre Ziehung die Ursache im Ziehungsvorgang hat als numerisch unbestimmte Lottozahl, aber keine ist dadurch determiniert (sonst wäre sie nämlich keine Zufallszahl). Sodaß die Eigenschaft, die Zahl "23" zu sein, keinem "Ursache-Wirkungsgeflecht" zuzuordnen ist.

Wenn Sie alles ausnahmslos als kausal verursacht ansehen, dann landen Sie beim deterministischen Weltbild, wie es ein Moslem oder Atheist es nicht besser könnte!

Zugleich ist es keineswegs ein Nicht-verstanden-haben, wenn jemand Ihr Postulat (und mehr ist es nicht!), daß alles eine unverursachte Erstursache haben müsse, nicht teilt. Denn Sie haben nicht bewiesen (und können es m.E. auch gar nicht), daß eine z.B. unendliche Ursachenkette logisch unmöglich ist. Und damit fiele der gesamte "kausale" Gottesbeweis ohnehin in sich zusammen.

Raphael

Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von Raphael »

Scholastisch wird zwischen causa prima und causa secunda unterschieden.

Die Entscheidung zur Bestellung eines Schnitzels hat demzufolge als "Ursache" die causa secunda, weil der Mensch mit einem freien Willen geschaffen wurde.

Im Gottesbeweis (Wobei ich nachwievor an dem Begriff "Beweis" Anstoß nehme! 8) ) geht es um die causa prima!

LePenseur
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Re: Antimodernisteneid und "natürliches Licht der Vernunft"

Beitrag von LePenseur »

Die Unterscheidung in causæ primæ und secundæ können wir für dieses Problem einmal beiseitelassen — hier geht nur ganz abstrakt um die Frage: "muß jede (sic!) Kausalkette logisch notwendig eine unverursachte Erstursache haben oider nicht".

Koll. Sempre meint "ja", ich meine "nein".

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