Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
Agricola
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Agricola »

Bruder Donald hat geschrieben:Im gewissen Sinne ist jede Mystik auf gewisse weiße "intellektuell", wenn man damit meint, in etwas "einsichtig" zu werden.
Ich weiß nicht, ob jede Mystik etwas einsehen will. Was z. B. die indische Mystik angeht, so scheint etwa das, was wir dort als mystische Bhakti-Frömmigkeit kennen, durchaus nicht, explizit nicht an Einsicht interessiert zu sein, sondern vielmehr an liebender Hingabe. Sehr pauschal gesprochen wollen die dort eher nichts einsehen (wie im Gegensatz zu ihnen z. B. Shankara und die anderen Vedantins), sondern sich emotional „īshvara“, also dem einen personalen Gott, hingeben wie einem Geliebten. Ähnliche Strömungen findet man auch in der islamischen Mystik, in China – ich weiß z. B. nicht, was Zhuāngzǐ intellektuell einsehen wollte, das war nicht sein Thema – und natürlich im Abendland selbst. Siehe dazu eventuell so etwas wie diese ganzen Formen der Brautmystik, wobei es diesbezüglich natürlich auch darauf ankommt, wie sich die Sache konkret gestaltet. Trisagion hat es oben ja bereits schön erklärt.

Das ist nun aber gerade nicht Meister Eckharts Weg. Eine Einigung mit Gott in seinem Sinne kommt nicht durch diese Art der besonderen emotionalen Hingabe, nicht durch Devotion zustande. Und diverse Kultpraktiken, ekstatische Tänze, Gesänge und was alles häufig noch zu dieser emotional-devotionalistischen Form der Mystik gehört, könnte man seiner Ansicht nach wohl praktizieren bis man wortwörtlich schwindlig wird, aber sein Ansatz ist das eher nicht.

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Bruder Donald
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Bruder Donald »

Agricola hat geschrieben:
Mittwoch 14. April 2021, 20:23
Ich weiß nicht, ob jede Mystik etwas einsehen will.
Deswegen habe ich auch einsehen in Anführungszeichen gesetzt. Ich habe es extra breit gefasst.
Du erwähnst z. B. die Hingabe. Setzt das nicht überhaupt erst ein, wenn man die Präsenz eines Objekts "eingesehen" hat? Das Wesen der Mystik ist doch, soweit ich es verstehe, "Gott", das "Göttliche", oder wie auch immer die jeweilige Religion es nennen mag, "wahrzunehmen", zu "spüren". Nehme ich etwas wahr, dann sehe ich es (zumindest oberflächlich) ein.
Jetzt kann man natürlich weiter erörtern, wie, mit welchen Mitteln man zu dieser "Wahrnehmung" gelangt. Dann kann man die Begrifflichkeit "intellektuell" / "einsehen(d)" weiter spezifizieren.
"Intellektuell" klingt immer so nach "Wissen gewinnen", aber soweit ich das sehe, hat Meister Eckhart das damit nicht gemeint.
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Agricola
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Agricola »

Nein, nein, es ist schon eine Mystik des Intellekts (intellectus), der Vernunft (ratio) gemeint. Es ist z. B. keine Mystik des Willens (voluntas) gemeint. Es handelt sich auch um keinen Devotionalismus. „Intellektuelle Mystik“ ist wirklich eine Mystik des Intellekts und zwar bezogen auf Meister Eckhart nicht in irgendeinem Wischiwaschi-Sinn, sondern in der Bedeutung, die er dem Ausdruck „Intellekt“ in seinen Werken beilegt. Denn im intellektuellen Erkennen oder im Vollzug intellektueller Einsicht gleicht sich der Mensch Gott an, bildet er sich Gott nach, findet eine Einung mit Gott statt.[*] Was das aus seiner Sicht genau bedeutet, wird, wie geschrieben, in seinen Werken expliziert.
Bruder Donald hat geschrieben:Du erwähnst z. B. die Hingabe. Setzt das nicht überhaupt erst ein, wenn man die Präsenz eines Objekts "eingesehen" hat?
In diesem Sinne ist jede Mystik auch Willensmystik. Ich muss ja auch erst einmal etwas erkennen wollen und selbst, wenn man sich z. B. jeglicher eigenen Willensregung entäußert, muss man das zuvor auch erst einmal wollen. Das ergäbe dann einen paradoxen Vollzug, aber darum geht es ja nicht.
Bruder Donald hat geschrieben:Mystik ist doch, soweit ich es verstehe, "Gott", das "Göttliche", oder wie auch immer die jeweilige Religion es nennen mag
Ich nenne es einfach mal „das Absolute“, aber darunter verstehen nicht alle dasselbe und zwar in einem nicht-trivialen Sinne. Trivial wäre nämlich eine bloß andere Begrifflichkeit für denselben "Gegenstand", einfach ein kulturbedingt anderer mystischer Jargon. Das Problem ist m. E. nicht de dicto, sondern de re. Und was sich aus dem Problem ergibt oder wie man es lösen kann, ist wiederum eine andere Geschichte. Aber das führt hier definitiv viel zu weit.

---
[*] Das ist auch der Ort, wo diese ganzen oben erwähnten Unterscheidungen durchschlagen, diese Unterscheidungen von wegen nicht-diskursiver intellektueller Vollzug, also nicht von Begriff zu Begriff fortschreitend, dennoch ein intellektueller Vollzug usw. usf. Was das heißt, auf welcher Basis so etwas vonstatten gehen kann, das erläutert Eckhart eben.

Trisagion
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Trisagion »

Bruder Donald hat geschrieben:
Mittwoch 14. April 2021, 19:00
Im gewissen Sinne ist jede Mystik auf gewisse weiße "intellektuell", wenn man damit meint, in etwas "einsichtig" zu werden. Was ist dann bei Eckhart so speziell, wenn man seinem "Stil" das Prädikat "intellektuell", verpasst? Was ist damit gemeint? Wenn ich was damit anfangen kann, werde ich mich gerne näher mit Eckharts Schriften befassen.
Also, für mich persönlich ist Eckharts Mystik "intellektuell" weil seine Rede immer ein gewisses geistiges Niveau hat. Eckhart folgen erfordert Aufmerksamkeit und Mitdenken.

Aber worum es ihm eigentlich geht, jedenfalls in seinen Predigten und Unterweisungen, ist überhaupt nicht eine Art "Summa Theologiae" nur irgendwie mystisch. Meister Eckhart predigt vielmehr eine christliche Mystik des Alltäglichen. Er sucht die Einheit mit Gott nicht um das Außergewöhnliche zu finden, auch nicht irgendeine besondere göttliche Einsicht, sondern damit ihm das gewöhnliche Leben tatsächlich und praktisch heilig werden kann. Wie macht man das, "heilig" auf dem Markt einkaufen gehen? Er ist eine ziemlich unverwechselbare Stimme (jedenfalls im Christentum).

Hier sagt Professor Bernard McGinn, ein bekannter Experte, ein paar sehr passende Worte.

Agricola
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Agricola »

Noch ein schriftlicher Nachtrag zu McGinn:
"McGinn, Bernard: Die Mystik im Abendland. Band 4: Fülle. Die Mystik im mittelalterlichen Deutschland (1300–1500). Freiburg i/B.: Herder 2008, 172." hat geschrieben:
Was in Gott ist, ist die puritas essendi, die Eckhart mit dem intelligere gleichsetzt In diesen scholastischen quaestiones entwickelt Eckhart jedoch noch nicht ein zentrales Thema seiner nachfolgenden Lehre und Predigt, nämlich, dass es der als „Grund“ verstandene Intellekt des Menschen sei, in dem man eine die Analogie übersteigende Verbindung mit Gott finde.
Die Konsequenzen dieses Verständnisses des intelligere für die Beziehung zwischen Gott und Mensch entwickelte Eckhart deutlich in seinen deutschen Predigten ab dem Sommer 1303, in dem er nach Deutschland zurückgerufen worden war, um das Amt des Provinzials für die neuerrichtete Ordensprovinz Saxonia zu übernehmen […] Eine Anzahl Predigten aus Eckharts Amtszeit als Provinzial (1303–1311) findet sich in der Sammlung mit dem Titel Paradies der vernünftigen Seele (Paradisus anime intelligentis) […] Die 32 Predigten Eckharts, die sich darin finden, geben die Richtung für eine kühne Botschaft über die Beziehung zwischen dem Intellekt des Menschen und Gott vor. In der entscheidenden Predigt Eckharts Pr. 9 (Par. an. n. 33) sagt der Meister noch einmal ganz deutlich, dass Gott jenseits von Sein und Gutsein sei [ganz neuplatonisch] und gibt sodann die Auslegung, mit dem in Sir 50,7 genannten „Tempel Gottes“ sei der Intellekt des Menschen (vernünftlichkeit) gemeint. Er sagt: „Nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft, … die da lebt im Erkennen einzig ihrer selbst, nur in sich selbst verharrend dort, wo ihn nie etwas berührt hat; denn da ist er allein in seiner Stille.“
Mit den großen Summen und dem thomistischen Programm hat der ganze "Ansatz" allerdings tatsächlich wenig zu tun.

Hier haben wir Meister Eckhart eher unter akademischen Gesichtspunkten besprochen, wie er aus welchen Gründen zu klassifizieren ist. Wichtiger war aber auch ihm zufolge ganz klar etwas ganz anderes, nämlich die Anwendung dessen, was er lehrte, der Vollzug, wie ich das nenne.

In diesem Sinne: Ein Lebmeister ist besser als viele Lesmeister.

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Bruder Donald
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Bruder Donald »

Trisagion hat geschrieben:
Mittwoch 14. April 2021, 22:10
Meister Eckhart predigt vielmehr eine christliche Mystik des Alltäglichen. Er sucht die Einheit mit Gott nicht um das Außergewöhnliche zu finden, auch nicht irgendeine besondere göttliche Einsicht, sondern damit ihm das gewöhnliche Leben tatsächlich und praktisch heilig werden kann.
Hmm... :hmm:
Beim Wort "Vernunft" denke ich nicht nur ans "Denken", sondern wird fällt da auch der Begriff "Ordnung" ein. Wenn Gott also (Welt-)Vernunft ist, dann ist er auch (Welt-)Ordnung. Gewinnt der Mensch jetzt "Einsicht" in diese Vernunft/Ordnung durch mystische Praxis, wirkt sich das (bestenfalls) "ordnend" auf das Leben aus.
Ich meine damit kein kognitives Erkennen eines Plans, sondern ein ganzheitliches "eingehen" in ein geordnetes und ordnendes "System". Der Schwerpunkt liegt dann eben nicht in einem emotionalen Ergriffen-Sein oder Gefühl, sondern in der Entwicklung intuitiven Wissens, Denkens und Handelns. Mir schwirrt der Begriff "funktional" im Kopf, aber das geht wohl etwas an dem gesagten vorbei. Ganz trocken formuliert: Man übt sich ein, ein Zahnrädchen im Uhrwerk zu sein. Das meine ich nicht negativ. Man ist damit glücklich, Teil des Ganzen zu sein und es wird dabei weder Beziehung noch Individualität negiert, ja, noch nicht einmal Gefühl, aber Ekstase ist (falls überhaupt) nebensächlich.
Kommt das in etwa so hin, was man unter "intellektueller Mystik" verstehen könnte?
Agricola hat geschrieben:
Mittwoch 14. April 2021, 22:35
In diesem Sinne: Ein Lebmeister ist besser als viele Lesmeister.
Gut gesagt. :ja: Und eine gute Referenz zu dem Gespräch im anderen Thread, über Zukunft und (Über-)Leben des Christentums/Katholizismus.
Agricola hat geschrieben:
Mittwoch 14. April 2021, 21:49
Was das heißt, auf welcher Basis so etwas vonstatten gehen kann, das erläutert Eckhart eben.
In welchen Schriften genau erläuter er das? Trisagion hat ja schon paar Schriften angesprochen, hast auch eine Empfehlung?

Ich bin grundsätzlich freudig überrascht. Ich stelle mir ja eine kleine Bibliothek über theoretisches und praktisches Christentum zusammen. Bis zu diesem Gespräch hier hätte ich niemals in Betracht gezogen, Gedankengut von und über Meister Eckhart in meine Sammlung einzufügen. So viel hat es schon mal gebracht.
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Trisagion
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Trisagion »

Bruder Donald hat geschrieben:
Donnerstag 15. April 2021, 01:30
Kommt das in etwa so hin, was man unter "intellektueller Mystik" verstehen könnte?
:achselzuck: Es mag Donald'sche Mystik sein, und als solche vermutlich "intellektuell" nach meine vagen Auslassungen zu "Charaktereigenschaften und wie die sich auf Mystik in Ansatz, Rezeption und Lehre durchschlagen", und vielleicht auch "intellektuell" nach Agricolas präziseren akademischen Gesichtspunkten was die philosophischen Grundlagen angeht, obwohl Du da sicher noch ein paar konzeptionelle Glaubensbekenntnisse nachliefern müsstest.

"Predigt 32 - Beati pauperes spiritu, quia ipsorum est regnum coelorum (Matth. 5, 3)" aus dem Insel-Taschenbuch "Deutsche Predigten und Traktate" von Josef Quint wird hier sehr schön vorgelesen.

Einfach mal vierzehn Minuten zuhören. Ich denke ein Beispiel macht vieles klarer...
Bruder Donald hat geschrieben:
Donnerstag 15. April 2021, 01:30
Bis zu diesem Gespräch hier hätte ich niemals in Betracht gezogen, Gedankengut von und über Meister Eckhart in meine Sammlung einzufügen. So viel hat es schon mal gebracht.
:daumen-rauf:

Agricola
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Agricola »

Bruder Donald hat geschrieben:In welchen Schriften genau erläuter[t] er das?
Vornehmlich in seinen „Quaestiones Parisiensis“, die möglicherweise allesamt während seiner ersten Pariser Lehrtätigkeit 1302/03 entstanden. Das Verfahren dort ist eine reduktive Analyse, nach der das komplexe, bewegliche, veränderliche und vielheitliche Sein(ende) auf ein Einfaches, Unbewegliches, Invariantes und Einheitliches zurückgeführt wird. Dies aber ist die göttliche Vernunft. Wie sie genau beschaffen ist und all das folgt.

Das, was Meister Eckhart als Universitätslehrer entwickelte, taucht bei ihm aber natürlich auch in andern Zusammenhängen auf – in seiner Schriftauslegung, in seinen Predigten –, ferner sind die Pariser Quaestionen komplementär zu dem zu sehen, was er in seinem Propositionenwerk entwickelte. Es geht ihm wohl letztlich um dasselbe, jedoch in anderer Hinsicht, mit einer andern Methode. Im Letztgenannten verfährt er, an Proklos angelehnt, more geometrico, geht also von allgemeinen Axiomen aus (also eher ein deduktives Vorgehen). In den Pariser Quaestionen dagegen ist die „resolutio“ die Methode der Wahl, die oben genannte (reduktive) Analyse (also eher ein induktives Vorgehen). Was er jeweils in diesen – etwas anachronistisch gesprochen – akademischen Schriften entwickelt, sind seine denkerischen Grundlagen, allerdings als die „Metaphysik des Lebemeisters“ (Theo Kobusch).

Ich persönlich würde damit (und mit seinen Schriftauslegungen) nicht anfangen, da man, selbst, wenn man nicht irgendetwas in die Schriften reinliest, also seinen eigenen Projektionen erliegt, noch immer größte Schwierigkeiten hat, sie zu verstehen, zumal als Teile eines Gesamtwerks.[*] In seinen Predigten und Unterweisungen wurde z. T. viel daraus verarbeitet. Trisagion hat ja bereits etwas dazu gesagt:
Trisagion hat geschrieben:Er wollte mit seinen Worten Leute auf den rechten Weg bringen. Ein anderer Zugang zu seinen Werken ist ihm zuzuhören, als ob man Teil des Publikums gewesen wäre. Gelegentlich muß man da ein bißchen Wissen mitbringen, damit man Dinge aus einer doch recht anderen Zeit nicht falsch versteht. Aber das hält sich in Grenzen, denn dies waren eben keine akademischen Veranstaltungen an der Universität von Paris.

Bruder Donald hat geschrieben:Trisagion hat ja schon paar Schriften angesprochen, hast auch eine Empfehlung?
Ich ich würde die Werkausgabe aus dem „Deutsche Klassiker Verlag“ empfehlen. Dort hat man Text und Übersetzung der Stuttgarter Ausgabe (ohne kritischen Apparat) von allem, was man als normaler Mensch benötigt. Die Stuttgarter bzw. kritische Gesamtausgabe dagegen bekommt man vollständig doch eher schwer (und nicht billig), benötigt man aber auch nicht. Es sei dann natürlich, man ist ein akademischer Eckhart-, Scholastik-, Philosophiegeschichte- oder Mystikforscher wie Professor McGinn und mag nicht ständig in die Bibliothek rennen. Es gibt dann sicher noch mal speziell ein paar Schriften, die man hervorheben könnte, wie z. B. die sehr früh entstandene (noch vor der Pariser Zeit) „Rede der unterscheidunge“. Diese ist höchst praktisch orientiert.

---
[*] Im Propositionenwerk liegt eine platonisierende Transzendentalienlehre vor, in der gilt: „Deus est esse“, jedoch in einem ganz bestimmten Sinne. In den Pariser Quaestionen dagegen gilt: „Deus est intelligere“, es scheint auch keinen einheitlichen Seinsbegriff zu geben. Wie sich das miteinander vereinbaren lässt, kann man erklären (s. die knappen, nicht ganz perfekt gelungenen Bemerkungen weiter oben), aber wenn man das einfach so liest, ganz unbedarft, versteht man überhaupt nicht was das soll. Ja mehr noch, manche würden meinen, der Typ widerspricht sich doch und verwerfen alles als Unsinn. Andere geheimnissen irgendwelche den Verstand übersteigenden Mysterien in ihn hinein. Beides ist seiner nicht angemessen.

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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Trisagion »

Agricola hat geschrieben:
Donnerstag 15. April 2021, 13:26
Ich ich würde die Werkausgabe aus dem „Deutsche Klassiker Verlag“ empfehlen.
Anmerkung: diese Ausgabe wurde von mir auch oben schon erwähnt, denn Eckharts Werke sind eben in der Reihe "Bibliothek des Mittelalters" erschienen. Zwei Bände (Predigten; Traktate, Lateinische Werke), im Schuber.

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Bruder Donald
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Bruder Donald »

Trisagion hat geschrieben:
Donnerstag 15. April 2021, 03:59
Einfach mal vierzehn Minuten zuhören. Ich denke ein Beispiel macht vieles klarer...
Die Predigt erinnert mich an die Parabel von Augustinus und dem Knaben am Meer. Bei Eckhart hört es sich für mich so an, als sei ein Mensch ein Gefäß gefüllt mit Wasser. Wir müssen unser Wasser auskippen, um das Meer, Gott, einfließen zu lassen.
Der Mensch muss sich entleeren, "entledigen". Was das jetzt mit "intellektuell" zu tun hat, erschließt sich mir allerdings nicht.

Ich hadere wohl am Verständnis der Begrifflichkeit von "Intellekt" und "intellektuell". Soweit ich es aber verstanden habe, geht es bei Eckhart um ein "intuitives Erkennen" (nous, intellectus, Vernunft), nicht zu verwechseln mit einem "diskursiven Denken" (dianoia(?), ratio(?), Verstand)*.
Wenn der Mensch sich aber des Wollens, Wissens und Habens entleeren soll, wie steht es dann mit der Bereitschaft zum "intuitiven Erkennen" aus? Gut, das erschließt sich wohl bei mehr als nur einer Predigt lesen, aber viel klarer hat es für mich jetzt nicht unbedingt gemacht. Einen Aha-Moment hatte ich jetzt erstmal nicht.

Agricola hat geschrieben:
Mittwoch 14. April 2021, 21:49
In diesem Sinne ist jede Mystik auch Willensmystik.
Was ist mit "Willensmystik" gemeint? Habe ich noch nie gehört. Hast du dafür ein (bestenfalls christliches) Beispiel (z. B. Lehrer oder mystische Schule)?


*So verstehe ich jedenfalls auch die Unterscheidung bei Nikolaus Cusanus, der ja ein Kenner Eckharts Gedankenguts war.
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Trisagion »

Bruder Donald hat geschrieben:
Freitag 16. April 2021, 01:46
Wenn der Mensch sich aber des Wollens, Wissens und Habens entleeren soll, wie steht es dann mit der Bereitschaft zum "intuitiven Erkennen" aus? ... Einen Aha-Moment hatte ich jetzt erstmal nicht.
So nah, und doch so fern... :)

Du hast noch vor kurzem erwähnt, daß Du Dich von Bernhard von Clairvaux hast inspirieren lassen. Der ist aber ein Vertreter christlicher Liebes/Willensmystik. Also vielleicht eher damit mal versuchen? Primär wohl der Kommentar zum Hohelied und "Über die Gottesliebe".

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Bruder Donald
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Bruder Donald »

Trisagion hat geschrieben:
Freitag 16. April 2021, 03:21
So nah, und doch so fern...
Tja, hab's wohl nicht so mit Intellekt... :breitgrins:
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Trisagion »

Bruder Donald hat geschrieben:
Freitag 16. April 2021, 10:40
Trisagion hat geschrieben:
Freitag 16. April 2021, 03:21
So nah, und doch so fern...
Tja, hab's wohl nicht so mit Intellekt... :breitgrins:
Nicht doch, darin bist Du nah. So knapp drei Zentimeter vor dem Verstehen. 8) Deine Analyse ist korrekt, Deine Schlußfolgerung richtig. Eckhart geht es nicht um intuitive Erkenntnis, sondern um Theosis, um nicht zu sagen, Gottverschmelzung. Nun beschreiben wir Gott gerne als "intuitiv erkennend", weil Gott definitiv nicht "nachdenkt" und funktional gesehen "allwissend" ist. Aber das ist eine menschliche Analogie, Gottes Wissen ist keine Fakultät sondern ein Aspekt seines Sein und Schaffen. Wenn Du also "vergöttlich" bist, erkennst Du seiend und bist erkennend in Tätigkeit. Aber Erkennen ist nicht mehr etwas was Du hast und einsetzt, es ist nur noch ein Aspekt Deines tätigen Seins, etwas was jemand der Dich betrachtet argumentativ abtrennen kann, aber in Dir ist nur noch die Einheit der Seele mit Gott. (Und nicht falsch verstehen, es ist nicht gemeint, daß mit der Vergöttlichung Matrix-mäßig das gesamte Wissen Gottes in den Menschen integriert wird. Eckhart wußte faktisch gesehen nie mehr als eben ein gebildeter Mensch des Mittelalters. Es geht um das Wie, nicht um das Was.) Warum ist das "intellektuelle" Mystik? Nun, Du bist meinen Erläuterungen gefolgt und hast hoffentlich verstanden was ich Dir sagen wollte. In alledem, sprach ich von Deinem gefühlten Verhältnis zu Gott? Habe ich davon geredet, wie sich Dein Wille und Gottes Wille harmonisieren können? Habe ich an Deine Liebe zu Gott appelliert? Habe ich Deine Liebe zu Menschen als Analogie benutzt um die Theosis zu motivieren? Nichts davon. Nun ist Meister Eckhart selbstverständlich nicht gegen diese Dinge, im Gegenteil, er würde sagen, daß wenn Du vereinigt mit Gott bist, Du ihn perfekt liebst und seinen Willen tust. Aber das ist in gewissem Sinne das Resultat, nicht der Weg.

Bei Eckhart macht sich der Mensch ledig, bis er bereit ist mit Gott verheiratet zu sein. In der Liebsmystik verheiratet sich der Mensch mit Gott, bis er bereit ist seiner selbst ledig zu sein. Du mußt schwinden, damit Gott in Dir wachsen kann. Der Intellekt nichtet das was nicht Gott ist, der Wille ergreift das was Gott ist. Aber darin, daß sich die Mystiker uneins im Weg sind sind sie doch eins: alle sagen Dir, daß das was Du normalerweise versucht, also sowohl Intellekt als auch Wille, als auch Körper, als auch Dinge, als auch ... (alles übrigens auch mögliche "Wege"), Dich nicht an die Grenze zu Gott führt. Wenn Du an den Rand kommen willst, und schauen willst was dahinter liegt, mußt Du extrem arbeiten.

In welchem Sinne bist Du aber "ferne"? Ich hatte nicht den Eindruck, daß Eckhart Dich besonders mitgerissen hat. Aber das funktioniert nicht. Du mußt Dein "Extrem" finden, finden was Dich mitreist und zur Praxis führt. Ansonsten bleibt das alles fades Wortspiel.

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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Agricola »

Granum sinapis (übers. v. Werner Beierwaltes) hat geschrieben:In dem Anfang
hoch über dem Begriff
ist stets das Wort.
Reicher Hort, in dem
stets Anfang Anfang gebar!
Brust des Vaters,
aus der mit Lust
das Wort stets floß!
Doch hat der Schoß
das Wort behalten, das ist wahr.

Von Zweien eine Flut,
der Liebe Glut,
der Zweien Band,
den Zweien erkannt,
fließt der gar süße Geist
ganz gleich,
untrennbar.
Die Drei sind Eins.
Weißt du ihr Wesen? Nein.
Es weiß sich selbst am besten.

Die Verbindung der Drei
bringt tiefes Erschrecken,
diesen Kreis
hat Verstand nie begriffen:
hier ist eine Tiefe ohne Grund.
Schach und Matt
der Zeit, den Formen, dem Ort!
Der Wunder Ring
ist Ursprung,
ganz unbewegt steht sein Punkt.

Des Punktes Berg
besteige ohne Werk,
Vernünftigkeit!
Der Weg trägt dich
in eine wunderbare Wüste,
die breit, die weit,
ohne Maß da liegt.
Die Wüste hat
weder Zeit noch Ort,
ihre Weise, die ist sonderbar.

Der Wüste Gut
durchschritt nie ein Fuß,
geschaffener Verstand
kam nie dahin:
Es ist, und doch weiß niemand, was (es ist).
Es ist hier, es ist da,
es ist fern, es ist nah,
es ist tief, es ist hoch,
es ist [dennoch] so,
daß es weder dies noch das ist.

Es ist licht, es ist hell,
es ist ganz dunkel,
es ist ohne Namen,
es ist unerkannt,
von Anfang und auch Ende frei,
es steht still,
ist bloß, ohne Kleid.
Wer kennt sein Haus?
Der komme heraus
und sage uns, welches seine Gestalt sei.

Werde wie ein Kind,
werde taub, werde blind!
Dein eigenes Sein
muß Nichts werden,
alles Etwas, alles Nichts treibe hinweg!
Laß Ort, laß Zeit,
meide auch das Bild!
Geh ohne Weg
den schmalen Steg,
so findest du der Wüste Spur.

Meine Seele,
geh aus, Gott ein!
All mein Etwas sind
in Gottes Nichts,
sinke in die grundlose Flut!
Fliehe ich von dir,
Du kommst [dann] zu mir.
Verliere ich mich,
so finde ich dich,
o überseiendes Gut!

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Bruder Donald
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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Bruder Donald »

Ich verlinke für alle Interessierten eine Webseite, die viele/alle Schriften, Traktate und Predigten Meister Eckharts enthält. Original-Texte in Mittelhochdeutsch und Latein, daneben hochdeutsche Übersetzung. Offenbar ist die Seite für den wissenschaftlichen Gebrauch gedacht.
Daneben noch Hintergrundinformationen zur Biografie, Zeitgeschichte, Wirkung usw.
Prüft alles und behaltet das Gute! (1. Thess 5,21)

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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Trisagion »

Bruder Donald hat geschrieben:
Freitag 16. April 2021, 22:49
Ich verlinke für alle Interessierten eine Webseite, die viele/alle Schriften, Traktate und Predigten Meister Eckharts enthält. Original-Texte in Mittelhochdeutsch und Latein, daneben hochdeutsche Übersetzung. Offenbar ist die Seite für den wissenschaftlichen Gebrauch gedacht. Daneben noch Hintergrundinformationen zur Biografie, Zeitgeschichte, Wirkung usw.
Es ist die Hobbyseite eines Herrn Eckhart Triebel, Bauingenieur.

Womit nichts gegen die Nützlichkeit und Richtigkeit des Inhalts gesagt sein soll, offensichtlich handelt es sich um eine Fleißarbeit für die man echt nur dankbar sein kann. Aber hinter diesem Werk steht weder ein Wissenschaftler noch eine wissenschaftliche Abteilung, soweit ich das sehe, und sie wird nicht unabhängig geprüft ("peer review") - in dieser Hinsicht also "cum grano salis".

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Re: Meister Eckhart heute - Immer noch Haeretiker?

Beitrag von Bruder Donald »

Trisagion hat geschrieben:
Freitag 16. April 2021, 11:47
Bei Eckhart macht sich der Mensch ledig, bis er bereit ist mit Gott verheiratet zu sein. In der Liebsmystik verheiratet sich der Mensch mit Gott, bis er bereit ist seiner selbst ledig zu sein. Du mußt schwinden, damit Gott in Dir wachsen kann. Der Intellekt nichtet das was nicht Gott ist, der Wille ergreift das was Gott ist.
Danke, ich denke, das macht es mir klarer. :)
Trisagion hat geschrieben:
Freitag 16. April 2021, 11:47
Ich hatte nicht den Eindruck, daß Eckhart Dich besonders mitgerissen hat.
Nö, erstmal nicht. Aber dank der Webseite kann ich mich ja etwas durchlesen.
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