Scheidung und Wiederheirat

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Edi
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Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von Edi » Freitag 12. April 2019, 14:11

Nehmen wir an, es liegt folgender Fall vor. Ein Ehepaar lässt sich scheiden. Nach kath. Auffassung (von speziellen Fällen wie Eheannulieruung gehen wir hier nicht aus), kann es keine Wiederheirat z.B. der Frau geben und natürlich auch des Mannes geben. Ihr Mann aber heiratet erneut, die Frau nicht. Die erste Ehe gilt ja bis zum Tode eines der Ehepartner. Nehmen wir mal an, der Mann würde sterben, die Frau erfährt vom Tode ihres ehemaligen Mannes, dann müsste sie doch erneut heiraten dürfen, vorher aber nicht. Das ist doch richtig oder nicht?
Es lebt der Mensch im alten Wahn.
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taddeo
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von taddeo » Freitag 12. April 2019, 17:00

Edi hat geschrieben:
Freitag 12. April 2019, 14:11
Nehmen wir an, es liegt folgender Fall vor. Ein Ehepaar lässt sich scheiden. Nach kath. Auffassung (von speziellen Fällen wie Eheannulieruung gehen wir hier nicht aus), kann es keine Wiederheirat z.B. der Frau geben und natürlich auch des Mannes geben. Ihr Mann aber heiratet erneut, die Frau nicht. Die erste Ehe gilt ja bis zum Tode eines der Ehepartner. Nehmen wir mal an, der Mann würde sterben, die Frau erfährt vom Tode ihres ehemaligen Mannes, dann müsste sie doch erneut heiraten dürfen, vorher aber nicht. Das ist doch richtig oder nicht?
Ganz genau. Kirchlich gesehen ist sie mit dem Tod ihres Mannes Witwe geworden.

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Edi
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von Edi » Freitag 12. April 2019, 22:38

Mir fällt dazu noch eine andere Frage ein: Ein Ehepaar bekommt keine Kinder. der Mann legt aber wert darauf ein Kind zu bekommen und geht auch deswegen fremd, dann lässt sich seine Frau von ihm scheiden. Wie bewertet die Kirche so einen Fall?
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taddeo
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von taddeo » Freitag 12. April 2019, 23:00

Edi hat geschrieben:
Freitag 12. April 2019, 22:38
Mir fällt dazu noch eine andere Frage ein: Ein Ehepaar bekommt keine Kinder. der Mann legt aber wert darauf ein Kind zu bekommen und geht auch deswegen fremd, dann lässt sich seine Frau von ihm scheiden. Wie bewertet die Kirche so einen Fall?
Klare Sache: Der Mann begeht Ehebruch, wenn er fremdgeht. Es könnte ja genauso an ihm liegen, daß die Ehe unfruchtbar ist.
Wenn es "nur" an medizinischen Umständen liegt, daß es keine Kinder gibt (und nicht an Verhütung), dann sagt die Kirche eindeutig: Es gibt kein "Recht" auf eigene (leibliche) Kinder.

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Edi
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von Edi » Freitag 12. April 2019, 23:07

taddeo hat geschrieben:
Freitag 12. April 2019, 23:00
Edi hat geschrieben:
Freitag 12. April 2019, 22:38
Mir fällt dazu noch eine andere Frage ein: Ein Ehepaar bekommt keine Kinder. der Mann legt aber wert darauf ein Kind zu bekommen und geht auch deswegen fremd, dann lässt sich seine Frau von ihm scheiden. Wie bewertet die Kirche so einen Fall?
Klare Sache: Der Mann begeht Ehebruch, wenn er fremdgeht. Es könnte ja genauso an ihm liegen, daß die Ehe unfruchtbar ist.
Wenn es "nur" an medizinischen Umständen liegt, daß es keine Kinder gibt (und nicht an Verhütung), dann sagt die Kirche eindeutig: Es gibt kein "Recht" auf eigene (leibliche) Kinder.
In so einem Fall der physischen Unfruchtbarkeit könnten ja auch Kinder adoptiert werden. Demnach gibt es auch kein Recht auf Scheidung bzw, genauer gesagt auf Anullierung der Ehe aus diesen Gründen. Es sei denn es habe einer der Partner hier etwas verschwiegen ß
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von taddeo » Samstag 13. April 2019, 09:48

Edi hat geschrieben:
Freitag 12. April 2019, 23:07
taddeo hat geschrieben:
Freitag 12. April 2019, 23:00
Edi hat geschrieben:
Freitag 12. April 2019, 22:38
Mir fällt dazu noch eine andere Frage ein: Ein Ehepaar bekommt keine Kinder. der Mann legt aber wert darauf ein Kind zu bekommen und geht auch deswegen fremd, dann lässt sich seine Frau von ihm scheiden. Wie bewertet die Kirche so einen Fall?
Klare Sache: Der Mann begeht Ehebruch, wenn er fremdgeht. Es könnte ja genauso an ihm liegen, daß die Ehe unfruchtbar ist.
Wenn es "nur" an medizinischen Umständen liegt, daß es keine Kinder gibt (und nicht an Verhütung), dann sagt die Kirche eindeutig: Es gibt kein "Recht" auf eigene (leibliche) Kinder.
In so einem Fall der physischen Unfruchtbarkeit könnten ja auch Kinder adoptiert werden. Demnach gibt es auch kein Recht auf Scheidung bzw, genauer gesagt auf Anullierung der Ehe aus diesen Gründen. Es sei denn es habe einer der Partner hier etwas verschwiegen ß
Im Prinzip ja. Es kommt halt auf die Fallkonstellation an:
- Ist die Ehe unfruchtbar, weil einer oder beide Partner organisch/medizinisch unfruchtbar sind? Dann ist die nächste Frage, ob einer der beiden das schon vor der Heirat wußte und dem anderen absichtlich verschwiegen hat. In diesem Fall wäre eine Annullierung wegen arglistiger Täuschung möglich. - Wenn keiner der beiden das vorher wußte und auch nie danach gefragt hat, dann ist eine Annullierung aussichtslos, weil ein Irrtum über eine Eigenschaft der Person keine Eheungültigkeit zur Folge hat. (Ob man eine klare Beweisführung hinkriegen würde, daß die Eigenschaft der Fruchtbarkeit direkt und hauptsächlich mit der Eheschließung angestrebt wurde, so daß dieser Irrtum nach can. 1097 §2 doch eine Ungültigkeit zur Folge hätte, ist mehr als fraglich.)
- Ist die Ehe unfruchtbar, weil ein Partner (evtl. ohne das Wissen des anderen) konsequent verhütet hat, um Kinder generell auszuschließen, dann käme eine Annullierung wegen Ausschluß der Nachkommenschaft in Betracht.

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ar26
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von ar26 » Sonntag 21. April 2019, 15:51

Hallo Taddeo. Ich meine, ich hätte im Münsteraner Kommentar mal gelesen, dass die Rota einen Eigenschaftsirrtum bei unerkannter Unfruchtbarkeit bei einen afrikan. Paar einmal anerkannt hätte. Argument: Die Fruchtbarkeit sei hier aus kulturellen Gründen so wesentlich und die Ehe gerade deswegen angestrebt worden. Vlt. hat irgendwer diesen Kommentar im Zugriff und kann mein Gedächtnis "nachprüfen".
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taddeo
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von taddeo » Sonntag 21. April 2019, 19:47

ar26 hat geschrieben:
Sonntag 21. April 2019, 15:51
Hallo Taddeo. Ich meine, ich hätte im Münsteraner Kommentar mal gelesen, dass die Rota einen Eigenschaftsirrtum bei unerkannter Unfruchtbarkeit bei einen afrikan. Paar einmal anerkannt hätte. Argument: Die Fruchtbarkeit sei hier aus kulturellen Gründen so wesentlich und die Ehe gerade deswegen angestrebt worden. Vlt. hat irgendwer diesen Kommentar im Zugriff und kann mein Gedächtnis "nachprüfen".
Ich kann mal im MK nachschauen, aber das dauert bis Anfang Mai.

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Gamaliel
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von Gamaliel » Sonntag 21. April 2019, 20:44

ar26 hat geschrieben:
Sonntag 21. April 2019, 15:51
Vlt. hat irgendwer diesen Kommentar im Zugriff und kann mein Gedächtnis "nachprüfen".
Gratuliere, Prüfung bestanden, dein Gedächtnis funktioniert super. :doktor:

Hier ein kl. "Ostergeschenk" an dich aus dem aus dem Münsterischen Kommentar zu c. 1097, Randnummer 11:
„habitueller Irrtum“

In einer Rota-Entscheidung vom 24.2.1983 coram Stankiewicz (SRRDec 1983, 42-53, Nr. 8), wird ein Fall aus Afrika behandelt, in dem ein Mann die Nichtigkeit seiner Ehe behauptet, weil er von der Fruchtbarkeit seiner Braut ausgegangen war, diese aber keine Kinder bekommen konnte. In dem Urteil wird es für zulässig gehalten anzunehmen, dass alle Männer die Vorstellung haben, ihre Bräute seien fruchtbar. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, denen zufolge die Ehe zu dem Zweck geschlossen werde, aus ihr Kinder zu haben, rechtfertigten eine solche Annahme:

„Das trifft vor allem in diesem Falle zu, in dem die Denkweise der Afrikaner über die Ehe ernst zu nehmen ist, die «die Fruchtbarkeit fordert» nach den Empfehlungen und Beschlüssen des Symposiums der Bischofskonferenzen Afrikas und Madagaskars von 1981, denn «das Verlangen nach Kindern, in Afrika üblich, erscheint häufig absolut» (F.J. Urrutia, Pastoralis matrimonialis et familiaris in Africa VI Congressus Generalis SECAM, in: Periodica 71, 1982, p. 259).

Denn nach den Sitten und Gewohnheiten des Ortes «ist die Ehe nicht ein Vertrag zweier Individuen aufgrund einer Entscheidung, die von personaler Liebe getragen ist, sondern eine Abrede zweier Familien, die von der ganzen Familie eingegangen wird. Die Fruchtbarkeit wird aber als Bedingung der wahren Ehe angesehen» (ebd. pp. 256-257).

Es verwundert daher nicht, wenn das «Documentum laboris» die folgende Empfehlung vorgelegt hat: «Angesichts der verschiedenen Meinungen wird empfohlen, dass die Kirche noch einmal neu die Sterilität bedenkt, dass sie als trennendes Ehehindernis angesehen wird» (258).

Diese Beschlüsse sind aber von großer Bedeutung bei der billigen und gerechten Einschätzung des Eigenschaftsirrtums über die Fruchtbarkeit der Kontrahenten bei der Ehe der Afrikaner, die nämlich als unerlässliche Bedingung, mindestens aber als direkt und hauptsächlich gewollte Eigenschaft in jeder Ehe anzutreffen ist.“

Diese Entscheidung verwendet zwar die dritte Regel des Alphons von Liguori, stellt aber auf die Norm des can. 1083 § 2, 1° CIC/1917 ab, auf den error redundans in errorem personae, der als eine Form des Personirrtums verstanden wurde. Ähnlich ordnet eine Entscheidung der RR vorn 26.3.1987 coram Davino (-> oben Rdn. 2) Eigenschaften, die eine Person unter sozialem, moralischem, kulturellem und juridischem Gesichtspunkt identifizieren es ging auch hier um Jungfräulichkeit -, als Irrtum nach 1097 § 1 ein, auch wenn die Eigenschaft nicht directe et principaliter intendiert wurde, während 1097 § 2 dann eingreife, wenn die Eigenschaft nicht aus sich heraus objektiv, sondern nur subjektiv die Person identifiziere.

Bei klarer Unterscheidung des Ansatzpunktes in den beiden Normen muss festgehalten werden, dass es in 1097 § 2 nicht um personbestimmende Eigenschaften in objektivem Sinne geht - zu einer entsprechend erweiternden Lesart des 1097 § 1 -> oben Rdn. 2 -, sondern um die Einbeziehung der Forderung nach einer Eigenschaft in den Ehewillen. Diese Forderung als in bestimmten Kulturen vermutlich immer gegeben anzunehmen, ist problematisch. Eine solche Art „habitueller Irrtum“ kann nur anerkannt werden, wenn ihm im Geiste des konkreten Nupturienten eine Vorstellung entsprach, nicht aber, wenn dieser nur nicht wusste, dass seine Braut unfruchtbar war. „Wer sich mit einer Sache im Vorfeld der Ehe nicht auseinandersetzt, kann nach der Eheschließung nicht geltend machen, dass er sich über diese Sache im Irrtum befunden habe“ (Lorenz Wolf [Literaturverzeichnis Ill vor 1055] 568)
Zuletzt geändert von Hubertus am Sonntag 21. April 2019, 21:15, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Automatisch erzeugten, störenden Smiley entfernt.

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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von taddeo » Sonntag 21. April 2019, 20:50

Ja super, das ist ein Service!

(Zu prüfen wäre allerdings, ob dieses Urteil nach der Rechtslage des CIC 1983 noch als Maßstab anwendbar wäre - es ist ja auf Grundlage des CIC 1917 ergangen.)

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ar26
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Re: Scheidung und Wiederheirat

Beitrag von ar26 » Dienstag 23. April 2019, 22:58

Danke lieber Gamaliel für das Zitat. Ebenfalls Dank lieber Taddeo für den Hinweis, dass das Urteil auf Basis des '17er CIC erging. Das hatte ich seinerzeit nämlich nicht realisiert. Mir ist das in Erinnerung geblieben, weil mir das Ergebnis nicht gefiel. Hieran hat sich nichts geändert.
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