Anderl von Rinn

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cantus planus
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Anderl von Rinn

Beitrag von cantus planus » Sonntag 23. Januar 2011, 14:15

Durch einen Beitrag in einem anderen Strang bin ich erstmals auf die Causa "Anderl von Rinn" aufmerksam geworden: http://de.wikipedia.org/wiki/Anderl_von_Rinn

Ich bin etwas irritiert über die Tatsache, dass ein Bischof den Festtag "streichen" ließ, man die Gebeine aus der Kirche entfernte und sogar im Sinne einer damnatio memoriae ein Gemälde übertünchen ließ.

Welche Gründe gab es eigentlich, die Anderl-von-Rinn-Verehrung zu unterbinden? Nach den im Internet verfügbaren Informationen scheint er mir ein frühes Opfer der political correctness geworden zu sein.

Auch die allzu auffällige Verbindung zum Antisemitismus und Rechtsradikalismus im Wikipedia-Artikel lässt mich erstmal ratlos zurück.

Was haltet ihr von der Sache? Hat jemand hier eine Beziehung zum Anderl?
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HeGe
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von HeGe » Sonntag 23. Januar 2011, 14:21

Prof. Heinz-Günther Schöttler hat geschrieben:Nach der Shoa kann die Theologie nicht mehr dieselbe sein wie vorher.
Noch Fragen?
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von HeGe » Sonntag 23. Januar 2011, 14:31

Ich denke aber, man muss hier unterscheiden. Die Streichung aus dem offiziellen Heiligenkalender wird vermutlich unter dem Gesichtspunkt der fehlenden historischen Belege geschehen sein, auch wenn der Zeitpunkt natürlich schon andere Einflüsse vermuten lässt. Das in den 90er-Jahren ergangene Verbot dürfte dagegen politisch motiviert gewesen sein.
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Pit
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Pit » Sonntag 23. Januar 2011, 14:57

cantus planus hat geschrieben: ...
Ich bin etwas irritiert über die Tatsache, dass ein Bischof den Festtag "streichen" ließ, man die Gebeine aus der Kirche entfernte ...
Ich bin es nicht und finde die Entscheidung des Bischofs immer noch richtig! :)
Die "Seligsprechung" oder war es eine "Heiligsprechung" wie auch die Verehrung entstand doch auf Grund der Behauptiung, das "Anderl" wäre von Juden aus rituellen Gründen (allein das ist schon unsinnig!) ermordet worden- de facto wurden die Mörder nie ermittelt!
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Marion
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Marion » Sonntag 23. Januar 2011, 15:38

Das Martyrium von Anderl von Rinn kann man wohl nicht "richtig" auslegen damit die Gefühle zu unseren älteren Brüdern so werden wie sie nun sein sollen:
Johannes Paul II 1998 hat geschrieben:Christliche Unruhestifter überfielen nicht nur heidnische Tempel, sondern - nicht ohne Einfluß gewisser Auslegungen des Neuen Testaments bezüglich des jüdischen Volkes insgesamt - bisweilen auch Synagogen. "In der Tat waren in der christlichen Welt - und ich spreche nicht von der Kirche als solcher - irrige und ungerechte Interpretationen des Neuen Testaments bezüglich des jüdischen Volkes und seiner angeblichen Schuld allzu lange Zeit im Umlauf. Sie haben Gefühle der Feindschaft diesem Volk gegenüber verursacht." Solche Interpretationen des Neuen Testaments wurden vom Zweiten Vatikanischen Konzil in ihrer Gesamtheit entschieden zurückgewiesen
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Robert Ketelhohn » Sonntag 23. Januar 2011, 19:59

cantus planus hat geschrieben:Durch einen Beitrag in einem anderen Strang bin ich erstmals auf die Causa "Anderl von Rinn" aufmerksam geworden
Sicherheitshalber darf ich jenen Beitrag auch hier zitieren:
Robert Ketelhohn hat geschrieben:
maliems hat geschrieben:
Robert Ketelhohn hat geschrieben:
anneke6 hat geschrieben:Ob Andreas Oxner (Anderl von Rinn) jemals heiliggesprochen wurde, weiß ich nicht…
Benedikt XIV. hat am 15. Dezember 1752 den im Volk bereits seit langem bestehenden
Kult des seligen Märtyrers Andreas von Rinn bestätigt und ein eigenes Meßformular
und Offizium für ihn eingeführt. Einen Monat später wurde zusätzlich ein vollkommener
Ablaß für Wallfahrten zu den Gebeinen des sel. Andreas an seinem Gedenktag, dem
12. Juli, eingeführt.

Mit der Bulle Beatus Andreas vom 22. Februar 1755 endlich hat Benedikt XIV. das Ver-
fahren als äquipollente Seligsprechung ausführlich begründet. Anlaß war das Begehren
nach formaler Heiligsprechung des Märtyrerkindes. Benedikt bekräftigte neben der Se-
ligsprechung des Andreas von Rinn zugleich auch diejenige des sel. Simon von Trient
und erläuterte dann den weiteren Weg zu einer Heiligsprechung, wozu es allerdings in
beiden Fällen nie kam.

Mit der Darstellung der kanonistischen Fragen erörtert Benedikt in jener Bulle – weil ka-
nonisch erforderlich – auch die Fakten jener Fälle und deren historische Untersuchung
und Überlieferung. In unseren Tagen hat man, Benedikts Feststellungen ignorierend,
kirchlicherseits die Kulte verboten und teilweise die Reliquien der Märtyrer geschändet.
Danke Robert für diese Info.
Benedikt XIV. ist in seinen theologisch-kanonistischen Studien bis heute nicht erreicht worden.
Sein Wort zu diesem Fall kannte ich nicht.
pdf/beatus-andreas.latine.italice.pdf
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Linus
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Linus » Sonntag 23. Januar 2011, 21:04

cantus planus hat geschrieben:Hat jemand hier eine Beziehung zum Anderl?
Sozusagen. In der Klosterkirche meiner Unterstufenschule ist das Anderl im Hochaltarbild zu sehen.
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cantus planus
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von cantus planus » Sonntag 23. Januar 2011, 21:08

Linus hat geschrieben:
cantus planus hat geschrieben:Hat jemand hier eine Beziehung zum Anderl?
Sozusagen. In der Klosterkirche meiner Unterstufenschule
Existiert das Bild dort noch?
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Peregrin
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Peregrin » Sonntag 23. Januar 2011, 23:36

Nimmer lang, wenn hier die Adressen kundgetan werden. Auf die Abwehrkraft des Rotkäppchens darf man jedenfalls nicht bauen.
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Teste David » Sonntag 23. Januar 2011, 23:52

Aus Interesse: Bedauert hier jemand, dass die Verehrung des Anderl eingestellt wurde?

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Sempre
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Sempre » Montag 24. Januar 2011, 00:21

Teste David hat geschrieben:Aus Interesse: Bedauert hier jemand, dass die Verehrung des Anderl eingestellt wurde?
Ja.
Die Lehren der Kirche zu glauben mag manch einem Schwierigkeiten bereiten. Sie aber nach eigenem Gutdünken nachzubessern und das Resultat dann für wahr zu halten, ist infantil.

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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Robert Ketelhohn » Montag 24. Januar 2011, 00:24

Peregrin hat geschrieben:Nimmer lang, wenn hier die Adressen kundgetan werden. Auf die Abwehrkraft des Rotkäppchens darf man jedenfalls nicht bauen.
Wohl war.
HeGe hat geschrieben:vermutlich unter dem Gesichtspunkt der fehlenden historischen Belege
Belege fehlen nicht.
Teste David hat geschrieben:Aus Interesse: Bedauert hier jemand, dass die Verehrung des Anderl eingestellt wurde?
Soweit sie tatsächlich eingestellt wurde (ganz ja nicht): Ja.
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anneke6
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von anneke6 » Montag 24. Januar 2011, 00:46

cantus planus hat geschrieben:
Linus hat geschrieben:
cantus planus hat geschrieben:Hat jemand hier eine Beziehung zum Anderl?
Sozusagen. In der Klosterkirche meiner Unterstufenschule
Existiert das Bild dort noch?
In der Kathedrale von Sandomierz befinden sich bis heute diese Bilder:

Bild
Bild


Auf wen konkret sie anspielen weiß ich nicht.
???

Paulus Minor
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Paulus Minor » Montag 24. Januar 2011, 01:45

Die Geschichte vom Anderl von Rinn ist schon recht seltsam. Da soll 1462 ein dreijähriges Kind bestialisch von Juden ermordet worden sein (nachdem der Vater es ihnen - ohne Zustimmung der Mutter - verkaufte!) und der Vater starb vor Gram auf der Stelle. Ein Christenkind von Juden hingemetzelt! Gab es daraufhin einen Aufschrei des gläubigen Volkes in Nordtirol? Nein. Gab es eine Morduntersuchung? Nein. Hat man die Täter gefasst, die sich noch auf Tiroler Gebiet befunden haben mussten? Nein. Sie sollen aus Nürnberg gewesen sein. Hat man später beim Nürnberger Rat um Auslieferung der Verdächtigen angesucht? Nein. Keinerlei Aufruhr, keinerlei Volksempörung. Gar nichts. Außer dass in einer tiroler Familie ein kleines Kind unter nicht geklärten Umständen ums Leben kam und man in der Öffentlichkeit kein Aufhebens davon machte. Und die Sippe des Kindes hat wohl eine Geschichte erfunden, um sich von der Schuld an dessen Tod freizusprechen.

Dann, erst 160 Jahre (= fünf Generationen) später, wird eine auf dieser Geschichte beruhende Legende ausgegraben und groß aufgeblasen. Von einem Mann namens Guarinioni, der mit fragwürdigen Erhebungsmethoden arbeitete. Er verarbeitete eigene Träume und zog daraus phantastische Schlussfolgerungen. Die handelnden Personen belegte er nachträglich mit erdachten Namen, die von ihm mitgeteilten Daten sind reine Fiktion. Aber man hatte endlich eine Story, um gegen die Juden hetzen zu können - und sich dabei so recht fromm zu fühlen...

Sollte man nicht den armen Anderl in Frieden ruhen lassen, statt ihn zu einem Fanal für was auch immer zu machen?

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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Peregrin » Montag 24. Januar 2011, 02:50

Paulus Minor hat geschrieben:Sollte man nicht den armen Anderl in Frieden ruhen lassen,
Ja, sollte man. Leider wurde sein Grab aber geschändet. Jetzt muß man sich natürlich fragen, wo eigentlich die Gebeine hingekommen sind? Wurden die nur anonym verscharrt, oder hat sie Msgr. Stecher gleich der Tierkörperverwertung übergeben lassen?
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ottaviani
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von ottaviani » Montag 24. Januar 2011, 09:11

sie wurden in der Pfarrkirche anonym eingemauert

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Linus
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Linus » Montag 24. Januar 2011, 09:40

cantus planus hat geschrieben:
Linus hat geschrieben:
cantus planus hat geschrieben:Hat jemand hier eine Beziehung zum Anderl?
Sozusagen. In der Klosterkirche meiner Unterstufenschule
Existiert das Bild dort noch?
Ja, ist dort nur ein unwesentlicher Teil des Hochaltarbildes.
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Pit
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Pit » Montag 24. Januar 2011, 16:23

Teste David hat geschrieben:Aus Interesse: Bedauert hier jemand, dass die Verehrung des Anderl eingestellt wurde?
Ohne wenn und aber: Nein!, nicht eine Sekunde!
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von HeGe » Montag 24. Januar 2011, 16:25

Pit hat geschrieben:
Teste David hat geschrieben:Aus Interesse: Bedauert hier jemand, dass die Verehrung des Anderl eingestellt wurde?
Ohne wenn und aber: Nein!, nicht eine Sekunde!
Wieso?
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Florianklaus
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Florianklaus » Montag 24. Januar 2011, 16:26

Sempre hat geschrieben:
Teste David hat geschrieben:Aus Interesse: Bedauert hier jemand, dass die Verehrung des Anderl eingestellt wurde?
Ja.
Warum?

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Pit
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Pit » Montag 24. Januar 2011, 16:30

ottaviani hat geschrieben:sie wurden in der Pfarrkirche anonym eingemauert
Wohl aus gutem Grund, wenn man bedenkt, daß die Kirche bereits eine Art rechtsradikaler "Wallfahrtsort" :panisch: :erschrocken: geworden war!

@Florianklaus

Das habe ich mich auch gefragt, denn warum sollte man eine rechtsradikalen Legende um ein angeblich (!) von Juden bei einem Ritualmord (schon das ist vollkommen abwegig und unsinnig!) getötetes Kind aufrechterhalten, sinnvoll wäre das nicht!
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cantus planus
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von cantus planus » Montag 24. Januar 2011, 16:36

Naja, "rechtsradikale Legende"...

Lieber Pit, man sollte schon die Sache von ihrer möglicherweise in der Tat problematischen Instrumentalisierung unterscheiden.
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Florianklaus
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Florianklaus » Montag 24. Januar 2011, 16:40

cantus planus hat geschrieben:Naja, "rechtsradikale Legende"...

Lieber Pit, man sollte schon die Sache von ihrer möglicherweise in der Tat problematischen Instrumentalisierung unterscheiden.
Glaubst Du denn, daß tatsächlich ein Ritualmord stattgefunden hat? Wenn nicht, welchen Grund sollte es dann für eine Verehrung geben?

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cantus planus
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von cantus planus » Montag 24. Januar 2011, 16:44

Florianklaus hat geschrieben:Glaubst Du denn, daß tatsächlich ein Ritualmord stattgefunden hat? Wenn nicht, welchen Grund sollte es dann für eine Verehrung geben?
Mir wäre persönlich kein solches Ritual bekannt. Wie es zu dieser Deutung kam, ist unklar.

Mein Problem ist eher die lange Überlieferung und die Anerkennung der Wallfahrt durch einen Papst. Das einfach von heute auf morgen zu kassieren ist schwierig. Eher hätte man die Legende vorsichtig bereinigen sollen. Ich halte es für theologisch problematisch, eine so lange Verehrung, die eine Anerkennung als Fürbitter am Throne des Herrn beinhaltet, für falsch zu erklären.

Wie ich schon eingangs sagte: ich selbst habe zu Anderl von Rinn keine Beziehung, und bin auch der Verehrung desselben nie begegnet. Daher betrachte ich das Ganze recht nüchtern unter theologischem Aspekt.
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Gamaliel
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Gamaliel » Montag 24. Januar 2011, 17:00

Pit hat geschrieben:Wohl aus gutem Grund, wenn man bedenkt, daß die Kirche bereits eine Art rechtsradikaler "Wallfahrtsort" :panisch: :erschrocken: geworden war!
Was darf ich mir denn unter 1.) "einer Art" 2.) "rechtsradikaler Wallfahrtsort" im Hinblick auf die katholische Kirche in Judenstein konkret vorstellen?

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Clemens
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Clemens » Montag 24. Januar 2011, 17:02

Auch ich gehe davon aus, dass die Hintergrundlegende zu diesem Heiligen auf Lüge und Betrug beruht.
Dass sogar Päpste darauf hereingefallen sind, ist bedauerlich, ein emotionales oder rationales Problem, das auch zuzugeben und zu korrigieren, habe ich aber nicht (bin halt auch trotz allem protestantisch sozialisiert).

Im Gegenteil: einer Kirche, die die AvR-Verehrung weitertreibt, mich anzuschließen, hätte ich erhebliche Probleme; dass sich die RKK davon distanziert, bin ich heilfroh.

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Gamaliel
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Gamaliel » Montag 24. Januar 2011, 17:09

Clemens hat geschrieben:Auch ich gehe davon aus, dass die Hintergrundlegende zu diesem Heiligen auf Lüge und Betrug beruht.
Dass sogar Päpste darauf hereingefallen sind, ist bedauerlich, ein emotionales oder rationales Problem, das auch zuzugeben und zu korrigieren, habe ich aber nicht (bin halt auch trotz allem protestantisch sozialisiert).
Aus Interesse: Welche historischen Tatsachen führen Dich zu der Annnahme, daß wir es hier mit 1.) einer Lüge und 2.) einem Betrug zu tun haben?


Clemens hat geschrieben:Im Gegenteil: einer Kirche, die die AvR-Verehrung weitertreibt, mich anzuschließen, hätte ich erhebliche Probleme; dass sich die RKK davon distanziert, bin ich heilfroh.
Dann dürfen wir also mit Deiner unmittelbar bevorstehenden Konversion rechnen?

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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von taddeo » Montag 24. Januar 2011, 17:16

cantus planus hat geschrieben:
Florianklaus hat geschrieben:Glaubst Du denn, daß tatsächlich ein Ritualmord stattgefunden hat? Wenn nicht, welchen Grund sollte es dann für eine Verehrung geben?
Mir wäre persönlich kein solches Ritual bekannt. Wie es zu dieser Deutung kam, ist unklar.

Mein Problem ist eher die lange Überlieferung und die Anerkennung der Wallfahrt durch einen Papst. Das einfach von heute auf morgen zu kassieren ist schwierig. Eher hätte man die Legende vorsichtig bereinigen sollen. Ich halte es für theologisch problematisch, eine so lange Verehrung, die eine Anerkennung als Fürbitter am Throne des Herrn beinhaltet, für falsch zu erklären.
Das Ganze erinnert mich stark an die Geschichte der sogenannten "Deggendorfer Gnad". Diese Wallfahrt war auch Jahrhunderte alt und wurde doch 1992 von Bischof Manfred Müller (gegen starke Widerstände im Ort) endgültig eingestellt, nachdem eine Dissertation zweifelsfrei bewiesen hatte, daß sie jeder historischen Grundlage entbehrte.
Der angebliche jüdische Hostienfrevel, der angeblich zum Bau der Grabkirche geführt hatte, hatte niemals stattgefunden. Im Gegenteil, die katholischen Deggendorfer hatten aus Finanzgründen einfach die Juden der Stadt erschlagen, vertrieben und zwangsenteignet, um ihre Schulden loszuwerden. Die Grabkirche war möglicherweise als "Sühnekirche" für das schlechte Gewissen gedacht gewesen, bevor man darauf kam, mit der Hostiengeschichte und einer passenden Wallfahrt noch viel mehr Kapital aus der ganzen unappetitlichen Geschichte zu schlagen.

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Clemens
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Clemens » Montag 24. Januar 2011, 17:26

Gamaliel hat geschrieben:
Clemens hat geschrieben:Auch ich gehe davon aus, dass die Hintergrundlegende zu diesem Heiligen auf Lüge und Betrug beruht.
Dass sogar Päpste darauf hereingefallen sind, ist bedauerlich, ein emotionales oder rationales Problem, das auch zuzugeben und zu korrigieren, habe ich aber nicht (bin halt auch trotz allem protestantisch sozialisiert).
Aus Interesse: Welche historischen Tatsachen führen Dich zu der Annnahme, daß wir es hier mit 1.) einer Lüge und 2.) einem Betrug zu tun haben?


Clemens hat geschrieben:Im Gegenteil: einer Kirche, die die AvR-Verehrung weitertreibt, mich anzuschließen, hätte ich erhebliche Probleme; dass sich die RKK davon distanziert, bin ich heilfroh.
Dann dürfen wir also mit Deiner unmittelbar bevorstehenden Konversion rechnen?
Zur ersten Frage: die sind hier im Thread (soeben auch von Taddeo) bereits skizziert worden.
Zur zweiten: sobald wie möglich. Ich kann es kaum erwarten, aber es sind noch eine ganze Reihe Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
Von allen Gottesgaben ist die Intelligenz am gerechtesten verteilt. Jeder ist zufrieden mit dem, was er hat und freut sich sogar, dass er mehr hat, als die anderen.

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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von HeGe » Montag 24. Januar 2011, 17:46

Clemens hat geschrieben:Zur zweiten: sobald wie möglich. Ich kann es kaum erwarten, aber es sind noch eine ganze Reihe Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
:klatsch: :freude:
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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von ottaviani » Montag 24. Januar 2011, 17:47

Einige kurze Bemerkungen zur Sache Rinn
1.) irgendwelche Nazis sind erst durch das "Verbot" von Mgr Stecher auf das Anderl aufmerkam geworden und seit dem gab es dort jedes Jahr leider auch solche Herrschaften
2.) ein Bischof wie Mgr Stecher der sich von der jüdischen Organiisation Bnai Brith am Fronleichnahmsfest 1990 mit einem Orden auszeichnen läßt und deshaln nicht die Prozession halten konnte (so wurde mir berrichtet spricht bände
Es ist aber sehr schön daß durch die Ereignisse mitte der 80er Jahre das Anderl weit über Rinn hinaus bekannt wurde und der Verehrer Kreis von Jahr zu Jahr wächst
Meine verstorbene Großmutter hatte bei der Vertreibung 1945 aus Pressburg eine Frau aus Tirol kennen gelern die ihr ein Bild mit Gebet zum seligen Anderl schenkte meine Oma war davon überzeugt daß das Fügung war und sie mit ihhren Kindern die Vertreibung unbeschadet überstanden hat wir verehren natürlich das anderl weiterhin egal was Mgr Stecher sagt oder verbietet bis zu ihrem Tod 1987 war meine Ggroßmutter jedes Jahr in Rinn und ich bemühe mich auch nach Möglichkeit jedes Jahr da zu sein

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Re: Anderl von Rinn

Beitrag von Niels » Montag 24. Januar 2011, 17:48

HeGe hat geschrieben:
Clemens hat geschrieben:Zur zweiten: sobald wie möglich. Ich kann es kaum erwarten, aber es sind noch eine ganze Reihe Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
:klatsch: :freude:
:daumen-rauf: :freude: :klatsch:
Nolite timere pusillus grex, quia complacuit Patri vestro dare vobis regnum.

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