Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

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Jorge_
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Re: Papst Franz I.

Beitrag von Jorge_ »

Der Dialog über das „Babel-Syndrom“
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:(...) Dem Menschen wird die Schöpfung in die Hände gelegt, als Gabe.
Gott übergibt sie ihm, stellt ihm aber zugleich eine Aufgabe: Er soll die Erde beherrschen. Hier erscheint die erste Art der Unkultur. Was der Mensch empfängt, ist Rohmaterie, die er beherrschen soll, um so Kultur zu verwirklichen: ein Stück Holz zu einem Tisch umzuformen.

Aber da kommt ein Punkt, an dem der Mensch über diese Aufgabe hinausgeht, er berauscht sich zu sehr und verliert den Respekt vor der Natur. Da treten die ökologischen Probleme auf, die Erderwärmung etc. Das ist neuerliche Unkultur. Der Mensch ist Gott gegenüber und sich selbst gegenüber gefordert, sein Arbeiten in konstanter Spannung zwischen Gabe und Aufgabe zu halten.
Wenn sich der Mensch allein mit der Gabe begnügt, aber seine Aufgabe nicht macht, wird er seinem Auftrag nicht gerecht und bleibt primitiv. Wenn der Mensch sich zu sehr für die Aufgabe begeistert und die Gabe vergisst, entwickelt er eine konstruktivistische Ethik: Er meint, alles sei Frucht seiner eigenen Hände und nichts sei ihm geschenkt. Das nenne ich das Babel-Syndrom.
Anm. von Jorge_: Joseph Ratzinger nannte es das „Theorem der Machbarkeit“.
Abraham Skorka hat geschrieben:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:In der rabbinischen Literatur taucht die Frage auf, was Gott eigentlich am Turmbau von Babel missfiel. Weshalb hemmte er den Bau, indem er die Sprachverwirrung herbeiführte? Die einfachste Erklärung ist die, die sich unmittelbar aus der Lektüre des Textes ergibt: Es lag daran, dass diese Bauten, die den Himmel zu erreichen suchten, Teil eines heidnischen Kultes waren. Das beinhaltete einen Akt des Hochmuts gegenüber Gott.

Der Midrasch sagt, Gott habe sich daran gestört, dass es den Erbauern des Turms mehr bedeutete, einen Ziegelstein zu verlieren als einen Arbeiter, der aus solcher Höhe abstürzte. Das ist es, was heute passiert, es ist die Gratwanderung zwischen Gabe und Aufgabe. Es bedarf eines genau austarierten Gleichgewichts. Der Mensch muss fortschreiten, aber um wieder Mensch zu werden. Natürlich ist es Gott, der alles gesät und hervorgebracht hat, doch das Zentrum der materiellen Welt und des großen Werkes Gottes ist der Mensch.

In der Wirklichkeit, wie wir sie heute erleben, ist das einzige, worauf es ankommt, der Erfolg des ökonomischen Systems und das Letzte, worauf es ankommt, ist das Wohlbefinden aller Menschen.
Was Sie gesagt haben, ist genial. Das Babel-Syndrom birgt nicht nur die konstruktivistische Weltsicht, sondern es kommt auch zur Verwirrung der Sprachen. Das ist typisch für Situationen, in denen man die Aufgabe überbetont und die Gabe vernachlässigt. Der reine Konstruktivismus führt in solchen Fällen zu einem Mangel an [Miteinander, an] Dialog, was wiederum Aggression, Missverständnisse, Gereiztheit hervorruft ...

Wenn man Maimonides liest und Thomas von Aquin, zwei Philosophen, die nahezu Zeitgenossen waren, ist interessant zu beobachten, wie sie immer damit beginnen, sich in die Lage des Gegners zu versetzen, um dessen Position zu verstehen: Sie treten in Dialog mit dem Standpunkt des anderen.
Nach talmudischer Interpretation regierte Nimrod in Babylon als Diktator, der mit harter Hand alle unterdrückte. Deshalb sprach man nur eine Sprache, nämlich seine.

Der Tyrann befahl, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht, um sich ein Denkmal zu setzen und um auf diese Weise – darin steckt ein gewisser Hochmut – näher bei Gott zu sein. Man dachte bei dem Bauwerk also nicht an die Bedürfnisse der Menschen. Wichtig war nicht, dass alle gut leben können. Die Strafe bestand darin, dass von nun an jeder seine eigene Sprache besaß, weil sich mittels einer despotischen Sprache, die nichts Universelles mehr an sich hatte, jeder seine eigene Welt gebaut hatte.

Diese Erzählung erschreckt, ihre Aktualität ist mit Händen greifbar.

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Jorge_
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

Wunderheilungen und Privatoffenbarungen
Abraham Skorka hat geschrieben:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Ich empfinde ein natürliches Misstrauen bei Heilungswunderphänomenen, genauso bei Privatoffenbarungen, Visionen ..., solche Dinge machen mich sehr skeptisch. Gott ist nicht so eine Art Zustellservice, der ständig irgendwelche Nachrichten verschickt. Es ist etwas anderes, wenn ein gläubiger Mensch sagt, er spüre etwas.
Allerdings muss man anerkennen, dass es im Laufe der Geschichte Prophetie gegeben hat und dass sie weiterhin existiert. Und man muss Raum lassen für jemanden, den Gott zum Propheten auserwählt, mit den Merkmalen eines echten Propheten. Das sind aber in der Regel nicht die, die behaupten, sie hätten ein Kärtchen aus dem Himmel zu überbringen.

Ich muss in Buenos Aires vielen solcher Fälle die kirchliche Anerkennung verweigern, solche Dinge passieren nämlich häufiger als man denkt. Zu denken, das, was Sie oder ich im Gebet an geistlichem Trost verspüren, sei eine Prophezeiung oder eine Offenbarung für die ganze Welt, wäre äußerst naiv. Manchmal spüren die Leute Dinge, und bedingt durch Fehlinterpretationen oder auch infolge psychischer Unausgeglichenheit verwechseln das manche mit einer Prophezeiung.
Vor kurzem hatte ich eine Dame am Telefon, die eine Botschaft für alle Argentinier hatte und meinte, ich müsste die Verbreitung genehmigen, „damit wir alle gerettet werden“. Sie schickte mir die Botschaft und ich stellte fest, dass sie Unklarheiten, Ungenauigkeiten und Irrtümer enthielt. Ich sagte ihr, das könnte ich nicht autorisieren. Sie bestand darauf, sie sei mit meinem Urteil nicht einverstanden und werde die Botschaft trotzdem privat verbreiten. Es gibt Leute, die eine Art prophetische Berufung spüren.

Eine andere Frage, die Heilungen sind dagegen leichter zu beurteilen. Heute gibt es ja parapsychologische Studien und Stellungnahmen von Onkologen, die einige Dinge erklären können und die bestätigen, dass es einen Einfluss der Psyche auf die körperliche Verfassung gibt. Es gibt auch das Amt der Fürbitte des Rabbiners oder Priesters, der im Gebet um die Gesundung eines Kranken bittet, und die tritt dann ein.
Was mich persönlich am ehesten davon überzeugt, dass eine Person Heilungen im Einklang mit dem Gesetz Gottes vornimmt, ist ihre Einfachheit, die Demut, das unspektakuläre Auftreten. Anderenfalls kann sich dahinter leicht eher ein Geschäft als ein Wunder verbergen.
Ich bin ganz Ihrer Meinung.
Zuletzt geändert von Jorge_ am Samstag 6. April 2013, 01:04, insgesamt 1-mal geändert.
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umusungu
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von umusungu »

ein sehr guter Text.....

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Jorge_
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

umusungu hat geschrieben:ein sehr guter Text.....
Ich finde ihn nicht allzu spektakulär, hatte ihn aber zitiert, weil die Haltung Bergoglios zu solchen Dingen ja von Interesse sein kann.

Generell ist hier ja immer der Kontext Südamerika mit zu bedenken, das gilt bspw. auch für die Ausführungen über "Fundamentalisten" sowie auch für die folgenden Ausschnitte zum Thema der Religionsführer.

Die könnten ganz aufschlussreich sein für das Amts- und Demutsverständnis des Papstes, das im Kreuzgang zurzeit ja auch diskutiert wird. Deshalb zitiere ich aus dem Kapitel "Über die religiösen Führer" hier etwas ausführlicher. Dabei sind auch längere Zitate von Skorka unumgänglich, weil der Argumentationsgang und der Zusammenhang der Aussagen m.E. sonst nicht richtig sichtbar wird.
Bitte dabei aber zu beachten, dass Skorka-Passagen zwar teils von Bergoglio aufgegriffen werden, meist durchaus zustimmend, aber eben keinesfalls von ihm stammen. Gerade die etwas heiklen Aussagen, die man als Jude auch antichristlich wenden könnte (was Skorka aber nicht tut), werden von Bergoglio nicht aufgenommen, wenn ich den Gesprächsgang richtig interpretiere. Es ist halt ein interreligiöser Dialog und kein rein katholisches Buch.
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Jorge_
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

Zum Amtsverständnis (1)
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:Für einen Menschen, der Geistlicher werden will, ist das Schlüsselwort – da sind wir sicher einer Meinung – die Berufung. Ohne Berufung ist da nichts zu machen. Der andere Begriff, den Sie gewöhnlich betonen, ist Tradition.
Die Berufung zum Dienst für Gott entsteht in einem tiefgreifenden Prozess der Innensicht, der Introspektion. Man begibt sich auf die Suche nach sich selbst, nach seiner Beziehung zum Nächsten, nach den Botschaften, die man in der Natur wahrnimmt. Bei diesen Begegnungen mit der Existenz, die sich im Heranwachsendenalter vollziehen, wenn man auf der Suche nach dem Weg ist, den man im Leben verfolgen will, erfährt man die spirituelle Dimension Gottes. Als Frucht dieser Begegnung fassen einige den Entschluss, eine Verpflichtung gegenüber Gott einzugehen, die wie ein Superlativ alles übertrifft.

Wenn man dann die Aufgabe eines geistlichen Führers, eines Wegbegleiters ausübt, besteht die Herausforderung darin, Gott durch die Entschiedenheit zu dienen, mit der man sich für den Nächsten einsetzt.
Der Erzählung der Genesis zufolge hat Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen. Bild oder Abbild von jemandem zu sein bedeutet, etwas an sich zu haben, was auf den Abgebildeten verweist. Im Nächsten muss ich Gott sehen. Das ist keine theoretische Hilfskonstruktion, sondern sehr praktisch zu verstehen.

Zum anderen habe ich in den vielen Jahren Lehrtätigkeit gelernt, dass die Ausbildung des künftigen Geistlichen, der sich auf einen spirituellen Weg begibt, mit großer Sorgfalt gehandhabt werden muss. Denn leider hat uns die Geschichte gelehrt, dass viele Leute ihre spirituelle Rolle missbrauchten und sich zu Führern erhoben, die ihre Herde in ein Desaster führten, man denke an die Massaker von Waco [1993, Sektenführer David Koresh] oder Guyana [1978, Sektenführer Jim Jones]. Man muss extrem vorsichtig sein mit Menschen, die sich zu angeblichen Erlösern anderer stilisieren.
Was die Berufung angeht, bin ich derselben Ansicht, in unserer Tradition ist das ein Schlüsselwort. Wenn Gott einbricht, tut er das mit einem Ruf: „Abraham, zieh weg aus deinem Land, aus deinem Vaterhaus, und geh in das Land, das ich dir zeigen werde“ [vgl. Gen 12,1]. Gott bringt ihn auf den Weg. Gott ruft, und dasselbe sehen wir bei der Berufung der großen Führungsgestalten.
In unserer Tradition beginnt eine Sendung immer mit einer Berufung. Es gibt da einen Fall, der mich immer besonders fasziniert hat, das ist der Besessene aus der Gegend von Gerasa. Jesus treibt den Dämon aus, und danach möchte der Mann ihm nachfolgen. Aber Jesus sagt nein, er soll in seiner Heimat bleiben und seinen Leuten erzählen, was ihm geschehen ist. Jesus sagt ihm in gewisser Weise: „Verkünde deinem Volk die Wunder Gottes!“
[Anm.: Das erinnert an die Berufungen des Mose, Ezechiel u. a. Propheten]

Deshalb ist das Wort Berufung ein Schlüsselbegriff. Es kann auch Widerstände und Ablehnung der Berufenen oder der Berufung geben. Der typische Fall im Evangelium ist der des reichen Jünglings. Jesus schaute ihn mit Wohlgefallen an und sagte ihm, wenn er ihm enger nachfolgen wolle, soll er alles verkaufen, was er hat, es den Armen geben und ihm folgen. Der junge Mann wurde sehr traurig. Er tat nicht, was Jesus verlangte, denn er war sehr reich. Jesus hatte ihn eingeladen, ihn gerufen. Aber er traute sich nicht, diesen Schritt zu gehen. Eine gescheiterte Berufung. Im Evangelium sagt Jesus: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ [Joh 15,16]

Auch der andere Aspekt, den Sie erwähnt haben, ist wichtig: Zu Beginn bedarf es genauer Prüfung und Reflexion. In der christlichen Spiritualität nennen wird das die recta intentio, die Prüfung der Aufrichtigkeit der Absicht. Die Frage ist: Mit welcher Absicht kommst du? Es geht weniger darum, dass jemand in böser Absicht käme, sich einschleichen wollte oder Ähnliches. Aber es gibt unbewusste Motive, die sich später zu Fanatismus oder anderen Deformierungen auswachsen können. Im Laufe des Ausbildungsprozesses muss die aufrechte Intention schrittweise immer weiter gereinigt werden. Niemand, der eine Berufung verspürt, antwortet gleich ganz aufrichtig und rein, es ist immer alles sehr vermischt, weil wir Sünder sind.

Zuletzt geändert von Jorge_ am Montag 8. April 2013, 01:54, insgesamt 2-mal geändert.
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Jorge_
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

Zum Amtsverständnis (2)
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:Im Buch Deuteronomium [13,2-6] gibt es einen sehr interessanten Abschnitt, der zeigt, wie man einen falschen von einem wahren Propheten unterscheidet.
Der Talmud sagt, auch ein falscher Prophet kann übernatürliche Zeichen wirken und als Beweis für das ausgeben, was er behauptet. Dieser Abschnitt aus Deuteronomium ist sehr wichtig; er sagt, dass ein Prophet dann ein falscher Prophet ist, wenn er dich vom Weg Gottes abbringen will, von der Gerechtigkeit, der Achtung für das Leben, selbst wenn er eine Menge Beweise erbringt, um seinen Aussagen Kraft zu verleihen.

Nun, wie muss sich ein Gläubiger verhalten gegenüber so einem Führer, der seine Gemeinschaft – absichtlich oder nicht – ins Verderben führt, mit enormer psychologischer Macht und unter Verwendung eines religiösen Vokabulars? Es gibt verschiedene biblische Beispiele, die darüber Auskunft geben; ihre grundlegende Botschaft wäre: Vorsicht, halte dich fern von all jenen, die dein Herz zu erobern versuchen und dich in ihre Hand bekommen wollen, um deinen Geist und deinen Willen zu beherrschen!
Um auf den erwähnten Abschnitt aus dem Buch Deuteronomium zurückzukommen: Jeder einzelne muss das Wesen der Botschaft des Propheten für sich prüfen und analysieren. Stimmt sie nicht mit dem überein, was gerecht, barmherzig und gütig ist, dann ist die Botschaft falsch und muss verworfen werden.

Eines der Signale, an denen ein Gläubiger erkennen kann, ob jemand seiner inneren Freiheit Zwang antun und ihn gefangen nehmen will, ist dann gegeben, wenn dieser religiöse Führer mit absoluter Gewissheit spricht: Gott hat mir dies und das gesagt, das ist so und damit fertig. Das Gleiche gilt für Lehrer, die sich so benehmen, als wäre das, was sie sagen, perfekt und unangreifbar. Wenn das geschieht, soll man misstrauisch werden. Glaubensdinge werden in Demut übermittelt. Man muss immer Raum für den Zweifel lassen.

Im Buch des Propheten Jeremias, Kapitel 27, sagt Gott zu dem Propheten, das Volk müsse das Joch Nebukadnezzars von Babel weiter ertragen, und er befiehlt ihm, sich ein Joch auf seine Schultern zu binden als Zeichen dafür, dass das Volk keine Revolte anzetteln soll. Auf einmal tritt ein anderer Prophet auf, Hananja, der Sohn Asurs [Kap. 28], der nimmt ihm das Jochholz vom Nacken und zerbricht es. Statt ihm zu widersprechen und darauf zu beharren, dass Gott ihm etwas anderes gesagt hatte, akzeptiert Jeremias die Zeichenhandlung des Hananja, geht weg, kehrt in die Innerlichkeit zurück und spricht erneut mit Gott, der ihm bestätigt, was er ihm vorher gesagt hatte, nämlich dass das Volk das Joch der babylonischen Unterdrückung noch weiter ertragen müsse.
Das beweist zweierlei: Erstens ist Gott dynamisch und könnte seine Meinung ändern. Die Bibel sagt: „Kehrt um zu Gott, damit er sein Urteil ändert.“ Das ist die Botschaft des Buches Jona. Wir können von Gott und von seinen Mitteilungen nicht reden wie von absoluten Axiomen, vielmehr muss in die Auslegung immer der Zweifel einfließen, der Bestandteil des Glaubensaktes ist.

Die andere Lehre, die sich aus dieser Erzählung ziehen lässt, bezieht sich auf die zentrale Eigenschaft, die jeden religiösen Führer charakterisieren müsste (die einzige Tugend, die die Thora ausdrücklich dem Mose zuschreibt): die Demut. Ein religiöser Führer, der hochmütig ist, dem es an Demut fehlt, der anmaßend und mit absolutem Anspruch redet, ist kein guter religiöser Führer. Ein überheblicher Führer, der nicht bei den Menschen sein kann, der die ganze Zeit sagt „ich bin“ [etwas anderes], sollte kein religiöses Führungsamt bekleiden.
Aber es gibt solche Leute, es gibt sie. „Aber meine Dame, was soll ich denn erst sagen?“ war zu meiner Zeit ein typischer Spruch von Catita, der [notorisch schwarzseherischen und selbstbemitleidenden] Figur von Niní Marshall.

Mir hat gut gefallen, was Sie über den Zweifel gesagt haben, denn das passt genau zu der Erfahrung, die derjenige auf lange Sicht macht, der sich bemüht, gerecht in der Gegenwart Gottes zu leben.

Die großen Lenker des Gottesvolkes waren Männer, die Raum für den Zweifel ließen. Ich komme noch einmal auf Mose zurück, die demütigste Führungsgestalt, die es auf Erden gab. Vor Gott bleibt einem gar nichts anderes übrig, als demütig zu sein, und wer Lenker des Gottesvolkes sein will, der muss Platz für Gott lassen. Er muss sich also klein machen, sich selbst einreihen mit seinem Zweifel, mit seinen inneren Erfahrungen von Dunkelheit, von Unschlüssigkeit, was er tun soll. Alles das wird ihn schließlich nach und nach reinigen.
Der schlechte Gemeindeleiter ist der Selbstgewisse, der Unflexible. Eines der Merkmale des schlechten religiösen Leiters ist die exzessive Betonung von Vorschriften, [der Hang zur Bevormundung,] ein Charakterzug, der aus seiner Selbstgewissheit herrührt.

Zuletzt geändert von Jorge_ am Montag 8. April 2013, 02:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Jorge_
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

Zum Amtsverständnis (3)
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:Der Glaube ist notwendig auf den Zweifel angewiesen. Der Glaube selbst kommt erst durch ein gewisses Gefühl von Zweifel zum Tragen. Ich ahne Gott, ich spüre ihn, ich habe oft mit ihm gesprochen, aber das Wesen des Glaubens besteht darin, auf der Suche nach ihm zu bleiben.
Ich kann mir über Gott zu 99,99 Prozent sicher sein, aber nie hundertprozentig, denn man lebt immer auf der Suche nach IHM. Für die Juden macht der Zweifel erst den Glauben aus.

Nach der Shoa fragten wir uns: Wie kann es sein, dass Gott uns allein gelassen hat? Wieso hat er nicht eingegriffen, wenn er doch die reine Gerechtigkeit ist, wenn er immer dem Gerechten, dem Leidenden nahe ist? Es sind dieselben Fragen, die sich Hiob stellte, als er Gott fragte, warum seine Kinder sterben mussten, warum er seine Gesundheit verlor, warum er alles verlor, wo er doch ein gerechter und guter Mensch war. Gottes Antwort war in gewissem Sinne: „Ich habe meine Gründe, die der Mensch, der bei seinen Zweifeln stehenbleibt, nicht erfassen kann.“
Mich hat immer der Satz Hiobs fasziniert, den ich vorhin schon zitiert habe: „Früher kannte ich dich nur vom Hörensagen, jetzt aber hat mein Auge dich gesehen“ [Ijob 42,5]. Nach einer Prüfung sieht man die Dinge mit anderen Augen, man schreitet im Verständnis fort.

Aber um auf das Thema des geistlichen Dienstes zurückzukommen: Die Demut ist eine Art Garantie für die Gegenwart Gottes. Wenn jemand selbstgewiss ist, wenn er auf alle Fragen eine Antwort besitzt, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass Gott nicht mit ihm ist.
Diese Selbstgewissheit bemerkt man bei allen falschen Propheten, bei den fehlgeleiteten religiösen Führern, die die Religion für ihr eigenes Ego benutzen. Es ist die Haltung der heuchlerischen Frommen, denn sie reden von Gott, der über allen Dingen steht, aber sie setzen seine Gebote nicht in die Praxis um. Auf sie bezieht sich Jesus, wenn er zu dem gläubigen Volk sagt: „Tut, was sie euch sagen, aber nicht, was sie tun.“ [vgl. Mt 23,3]

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Jorge_
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

Noch zum Amtsverständnis (4): Erläuterung zur Abgrenzung ggü. NGO, Heiligkeit als Führungsqualität
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:(...) Ich würde gern nochmal auf die Frage der Führung zurückkommen. Ich bin weiter der Meinung, dass sich eine religiöse Vereinigung nicht einer NGO angleichen darf.

Ein Wort, dass Sie eben benutzt haben, hat mir sehr gut gefallen: Heiligkeit. Das ist das Gebot Gottes an Abraham [vgl. wieder Genesis 17,1]. Der Begriff Heiligkeit ist so etwas wie ein Trampolin, das einen in die Transzendenz katapultiert.
In einer NGO hat das Wort Heiligkeit nichts zu suchen. Natürlich muss es auch hier einen angemessenen sozialen Verhaltenskodex geben, Ehrlichkeit, eine klare Vorstellung davon, auf welche Weise man seine Mission verfolgt, eine Philosophie nach innen. Das kann auch im Rahmen der Säkularität einer solchen Organisation hervorragend funktionieren.

Aber in der Religion führt an der Heiligkeit des Führungspersonals kein Weg vorbei.

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Eremit1994
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Eremit1994 »

Vielen Dank, Jorge! :) Lese die Auszüge mit großem Interesse
Wenn einige von Euch, die Ihr jung seid, mir zuhören, dann frage ich Euch: begeistert es Euch nicht, spürt Ihr nicht, dass Gott Euch zu dieser großen Sache ruft: in Euren Händen den Leib Christi zu halten (Papst Franziskus über das Priesteramt

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kreuzzeichen
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von kreuzzeichen »

Hallo Jorge, ich frage mich, ob dieses Buch nicht auch auf Deutsch erscheinen sollte. Du übersetzt ja so professionell - hast Du so etwas in Arbeit oder machst Du das aus Interesse an der Sache?
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veruschka
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von veruschka »

Hallo Jorge, vielen Dank für deine Übersetzung! Ich hatte schon so auf dieses Buch gewartet und dann fand ich deine Übersetzung in diesem Forum - da musste ich mich anmelden, um dir zu danken.

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Jorge_
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Re: Papst Franz I.

Beitrag von Jorge_ »

Zölibat (2)
HeGe hat geschrieben:
Jorge_ hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:In der lateinischen Kirche (Westkirche), zu der ich gehöre, können Priester nicht heiraten. In den katholischen Kirchen melkitischer, ukrainischer, russischer und griechischer Tradition ist das anders. In diesen Kirchen können Priester heiraten; Bischöfe allerdings nicht, sie müssen unverheiratet sein. Es sind übrigens ganz ausgezeichnete Priester. Manchmal ziehe ich sie auf, sage ihnen, dass sie zwar eine Frau im Haus, aber nicht bedacht haben, dass auch eine Schwiegermutter dazu gehört.
Das ist aber inhaltlich wenigstens missverständlich. Auch in den Ostkirchen dürfen Priester grds. nicht heiraten.
Hierzu passend ein weiterer Auszug zum Thema Zölibat, inkl. des schon auf Englisch veröffentlichen Abschnitts zum persönlichen Werdegang Bergoglios:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Da muss ich etwas klarstellen: Der katholische Priester westlicher Tradition heiratet nicht, in der östlichen kann er das aber tun. Allerdings heiratet man dort vor dem Empfang der Weihe; wer einmal geweiht ist, kann nicht mehr heiraten.
Und der katholische Laie, der die Fülle des Glaubens lebt, geht den gleichen Weg, den Sie gerade beschrieben haben: Er steckt bis zu den Haarspitzen in der Welt, darf sich aber nicht vom Geist der Welt leiten lassen. Das kostet große Anstrengung.

Was ist aber mit uns, den Geweihten? Wir sind so schwach, da steht immer die Versuchung mangelnder Kohärenz im Raum. Man will das Eine und das andere, möchte weder die Vorteile des Weihestandes noch die des laikalen Lebens missen.

Bevor ich ins Seminar eintrat, war ich auf diesem Weg. Aber dann, wenn man diese geistliche Erwählung pflegt, findet man Kraft auf diesem Weg. Zumindest mir geht das so, was nicht ausschließt, dass man irgendwann einmal ein Mädchen kennen lernt, das einen zum Schwanken bringt. Als Seminarist verdrehte mir ein Backfisch den Kopf, ich lernte sie bei der Hochzeit eines Onkels kennen. Mich überraschte ihre Schönheit, ihre geistige Wachheit ... und gut, ich lief einige Zeit etwas benommen umher und sie spukte mir durch den Kopf. Als ich nach dieser Hochzeit ins Seminar zurückkam, konnte ich eine ganze Woche lang nicht beten, weil in meinem Kopf immer dieses Mädchen auftauchte, wenn ich es versuchte. Ich musste ganz von vorn überlegen, was ich tat. Ich war ja immer noch frei, nur Seminarist, hätte einfach nach Hause gehen können, und tschüss.
Ich musste die Entscheidung noch einmal durchdenken. Und da habe ich erneut den geistlichen Weg gewählt – oder mich erwählen lassen.

Es wäre unnormal, wenn einem solche Dinge nicht passieren. Wenn so etwas geschieht, muss man sich neu ordnen. Man muss dann sehen, ob man aufs Neue dieselbe Entscheidung trifft, oder ob man sagt: „Nein, was ich empfinde, ist sehr schön, ich habe Angst, dass ich meinem Versprechen nachher nicht treu bleibe, ich verlasse das Seminar.“
Wenn einem Seminaristen etwas Derartiges passiert, dann helfe ich ihm dabei, in Frieden zu gehen. Er soll ein guter Christ und kein schlechter Priester werden.
Zuletzt geändert von Jorge_ am Donnerstag 11. April 2013, 17:18, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Papst Franz I.

Beitrag von Jorge_ »

Zölibat (3)

Passend hierzu: http://www.kreuzgang.org/viewtopic.php?p=66636#p66636
(Ebenfalls ein Teil der schon auf Englisch im Netz verfügbaren Passage)
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Wenn einer meiner Priester zu mir kommt und mir sagt, eine Frau sei von ihm schwanger geworden, versuche ich ihn zu beruhigen, damit er Frieden findet, und ihm nach und nach zu verdeutlichen, dass das Naturrecht seinem Recht als Priester vorgeht. Das bedeutet, er soll sein Amt niederlegen und sich um dieses Kind kümmern, selbst wenn er sich entscheiden sollte, die betreffende Frau nicht zu heiraten. Denn dieses Kind hat nicht nur das Recht auf eine Mutter, sondern auch darauf, einen Vater zu Gesicht zu bekommen.
Ich kümmere mich um all seine Papiere in Rom, aber er muss ganz ausscheiden. Wenn mir dagegen ein Priester sagt, er hat sich hinreißen lassen, einen Fehltritt gehabt, dann helfe ich ihm dabei, sich zu bessern. Es gibt Priester, die sich bessern, andere nicht. Manche teilen es ihrem Bischof leider nicht einmal mit.
Was bedeutet das: sich bessern?
Sie sollen Buße tun, ihr Zölibat einhalten. Das Doppelleben tut uns nicht gut, ich mag das nicht, es ist ein Nährboden für Falschheit. Manchmal konfrontiere ich sie: „Wenn du es nicht aushalten kannst, entscheide dich!“
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

Zum Umgang mit Fällen von Kindesmissbrauch
(Ebenfalls ein Teil der schon auf Englisch im Netz verfügbaren Passage)
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:Ich möchte an dieser Stelle ganz klar festhalten: Es ist eine Sache, wenn sich ein Priester in eine Frau verliebt und sich dazu bekennt, eine ganz andere Sache sind dagegen die Fälle von Kindesmissbrauch. So etwas muss von Grund auf ausgemerzt werden, das ist sehr schwer wiegend. Wenn zwei erwachsene Menschen ein Verhältnis haben, sich lieben, ist das etwas ganz anderes.
Ja, aber sie sollen sich bessern.

Dass der Kindesmissbrauch eine Folge des Zölibats wäre, ist vom Tisch. Bei mehr als siebzig Prozent der Kindesmissbrauchsfälle kommen die Täter aus dem familiären und nachbarschaftlichen Umfeld: Großväter, Onkel, Stiefväter, Nachbarn. Das Problem hängt nicht mit dem Zölibat zusammen. Wenn ein Priester pädophil ist, dann ist er das schon, bevor er Priester wird.
Wenn aber so etwas geschieht, ist Nachsicht völlig fehl am Platz. Man kann nicht aus einer Machtposition heraus das Leben eines anderen Menschen zerstören.

In meiner Diözese ist mir das nie passiert, aber einmal rief mich ein Bischof an und fragte, was in so einer Situation zu tun sei. Ich sagte ihm, er müsse dem Betreffenden die Befugnisse entziehen, ihm die Ausübung des priesterlichen Amtes verbieten und ein kanonisches Verfahren bei dem für die Diözese zuständigen Kirchengericht einleiten. Für mich ist das die gebotene Reaktion, ich halte nichts von Positionen, die einer Art Korpsgeist das Wort reden, um Schaden vom Image der Institution abzuwenden. Diese Lösung wurde glaube ich manchmal in den USA vertreten: betroffene Seelsorger in eine andere Pfarrei versetzen. Das ist eine Dummheit, denn der Betreffende schleppt das Problem weiter mit sich herum, von einem Ort zum nächsten.
Korpsgeist führt zu solchen Konsequenzen, deshalb bin ich gegen diese Ansätze. Kürzlich wurden in Irland Fälle aufgedeckt, die schon rund zwanzig Jahre her waren. Der jetzige Papst hat klipp und klar gesagt: „Null Toleranz mit diesem Verbrechen.“ Ich bewundere den Mut und die Geradlinigkeit von Benedikt XVI. in dieser Frage.

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Re: Papst Franz I.

Beitrag von Jorge_ »

Fundamentalismus, Korruption, Klerikalismus, Sozialpolitik (1)

Im Folgenden poste ich in drei Teilen einen Abschnitt, in dem die Diskutanten (wie häufiger in den Gesprächen) thematisch ein wenig springen und „vom Hölzchen aufs Stöckchen“ kommen. Anfangs geht es nochmal um das Thema „Fundamentalismus“.
Abraham Skorka hat geschrieben:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:Es gibt ein Buch eines sehr bekannten französischen Forschers, Gilles Kepel, mit dem Titel Die Rache Gottes [Original: The revenge of God (1994), frz. 1996, dt. 2001]. Darin behandelt der Autor den islamischen Fundamentalismus, aber vorher spricht er auch über den jüdischen und christlichen Fundamentalismus. Er analysiert politische und konjunkturelle Verläufe und zeigt, wie das Auftreten des Fundamentalismus an die verschiedenen Krisen – zum Beispiel die Ölkrise in den siebziger Jahren – gekoppelt ist. Er behandelt das Phänomen aus soziologischer Sicht. Ausgehend von der massenpsychologischen Theorie lässt sich hier eine Art Logik oder Erklärung dafür finden.

Im Judentum haben wir das Phänomen des Fundamentalismus auch. Hier ist zum Beispiel die Ermordung von Itzhak Rabin [4. Nov. 1995] zu nennen, das schmerzhafteste Kapitel. Man soll Gott in Freiheit ehren und dabei den anderen achten. Gott sagt, ich soll den Nächsten ebenso respektieren wie mich selbst.

Wenn ein Jude sein tägliches Gebet verrichtet, beginnt er es mit den Worten: „Herr, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs ...“ – Weshalb muss man das Wort ‚Gott’ vor jedem Patriarchen wiederholen?
Weil jeder von ihnen auf andere Weise mit IHM in Beziehung trat. Niemand darf eigenmächtig die Wahrheit über einen anderen definieren. Man muss lehren, hinführen, ermuntern, dann aber bringt jeder diese Wahrheit auf seine Weise zum Ausdruck, im Einklang mit seinem ehrlichen Empfinden, etwas, was der Fundamentalismus verabscheut.
Diese restaurationistische Form des Fundamentalismus ist auch deswegen Opium, weil er einen vom lebendigen Gott entfernt. Das Opium ist ein Götze, das dich dir selbst entfremdet, wie jeder Götze. Man reduziert Gott auf ein Wesen, das man mithilfe von Vorschriften manipulieren kann: „Wenn ich das tue, wird es mir gut ergehen, wenn ich dies tue, wird mir nichts fehlen.“ Es ist eine Art, sich Wohlergehen, Erfolg und Glück zu erkaufen. Aber das ist nicht mehr der lebendige Gott, der dich auf dem Weg begleitet.
Der Fundamentalismus geht auch darüber hinaus. Mit ihm verbunden ist das Werten und Urteilen über andere. Weil der andere nicht so lebt, wie ich glaube, dass Gott sagt, dass man leben soll, darf ich ihn töten. Das ist die Extremform eines Fundamentalismus, der sich zum Hass bekennt.

Und natürlich haben Sie ganz recht, es ist eine andere Art von Opium oder Rauschgift, von Entfremdung. Wie viele Leute, die Geld haben, gehen zu Wunderheilern, Sehern, Kabbalisten und glauben, wenn sie bestimmte Dinge tun, hätten sie Erfolg im Leben.

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(2)
Abraham Skorka hat geschrieben:Ich nehme an, in der katholischen Kirche wird es ähnlich sein wie im Judentum, wo manche Leute dem Rabbiner Unsummen für gute Werke spenden, für Schulen, für Waisenkinder, für die Rettung von Straßenkindern ... Aber die Idee, die dahinter steht, ist: Man gibt es dem Rabbiner, weil der einen besonderen Draht zu „dem da oben“ hat und seinen Einfluss geltend machen soll, damit meine Geschäfte besser laufen. Als ob Gott käuflich wäre.
Bergoglio berichtet nun von einer Episode aus seiner Zeit als Ordensvikar, als Kriminelle versuchten, kirchliche Kassen zur Geldwäsche zu missbrauchen, indem sie Priestern einen Teil des Geldes als „Spende“ für gute Zwecke anboten, und fährt dann fort mit dem Thema

„Klerikalismus“: partizipativer vs. patriarchalischer Führungsstil
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Was wir als Priester und Bischöfe vermeiden müssen, ist, in Klerikalismus zu verfallen, das ist eine geistliche Fehlhaltung.

Die katholische Kirche ist das ganze gläubige Volk, einschließlich der Priester. Ein Geistlicher, der das Wort Gottes verkündet oder sich die Anliegen des ganzen Gottesvolkes zu eigen macht, spricht prophetisch, mahnt, unterweist als Katechon [„katechetisiert“] von der Kanzel aus.
Wenn nun ein Geistlicher eine Diözese oder eine Pfarrei leitet, soll er seine Gemeinde anhören, Entscheidungen im Gespräch reifen lassen und die Gemeinde in diesem Stil führen. Wenn er dagegen gebieterisch auftritt, gewissermaßen nach dem Motto: „Hier bestimme ich“, verfällt er dem Klerikalismus.

Leider sehen wir manchmal Führungsformen bei Priestern, die dem Anspruch nicht gerecht werden, im Namen Gottes die Eintracht zu suchen.

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(3)
Stellung der Religion zur sozialen Frage
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:(...) Wenn ich von der Kanzel über Argentinien spreche, tue ich das sehr allgemein und vermeide direkte Schuldzuweisungen. Wir alle sind mitschuldig an dem, was zurzeit geschieht. Es kann nicht sein, dass ein Land, das Lebensmittel für 3 Millionen Menschen produzieren kann, nicht in der Lage ist, seine 38 Millionen Einwohner zu ernähren. Das ist das Zeichen eines Werteverfalls.

Ich sehe ständig Interessen, die miteinander ringen, dagegen nur wenig Einsatz für das Wohl des Nächsten. Ich weise dann darauf hin, dass sich dieser Kampf nur um Macht und Einfluss dreht, und dass diesen Interessengruppen ihre Machtposition wichtiger ist als das Interesse des Einzelnen.
Vor einigen Jahren haben die französischen Bischöfe einen Hirtenbrief geschrieben mit dem Titel Réhabiliter la politique. Sie hatten bemerkt, dass die Politik erneuert werden musste, weil sie ein sehr schlechtes Ansehen genoss. Ich glaube, für uns [in Argentinien] gilt dasselbe. Der schlechte Ruf des politischen Geschäfts muss überwunden werden, Politik ist im Grunde eine höhere Form von Nächstenliebe auf gesellschaftlicher Ebene.
Anmerkung:
Réhabiliter la politique ist eine am 23. März 1999 veröffentlichte Erklärung der Kommission für Soziales der französischen Bischöfe, der Titel bedeutet sinngemäß etwa: die Politik wieder stark machen, durch erneuerte Ausrichtung am Gemeinwohl.

Zsfg. (frz.): http://www.croire.com/Definitions/Vie-c ... -politique

Ein thematisch hier gut passender Auszug lautet:
Réhabiliter la politique (Nr. 9) hat geschrieben:Das politische Gemeinwesen besteht um des Gemeinwohls willen, das mehr ist als die Summe der individuellen oder kollektiven Partikularinteressen, die sich häufig widersprechen. Es umfasst "die Summe aller jener Bedingungen gesellschaftlichen Lebens, die den Einzelnen, den Familien und gesellschaftlichen Gruppen ihre eigene Vervollkommnung voller und ungehinderter zu erreichen gestatten" (Gaudium et spes, Nr. 74). Ziel einer unablässigen Suche sollte deshalb das sein, was der Mehrzahl der Menschen dient, und das, was den Ärmsten und Schwächsten gestattet, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Dabei sind nicht nur die Interessen der gegenwärtigen Generationen ins Auge zu fassen, sondern – im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung – gleichermaßen jene der künftigen Generationen.
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Christliche Soziallehre und theologische Bedeutung der Armen

Zum gleichen Thema schreibt Bergoglio an anderer Stelle in dem Buch:
Abraham Skorka hat geschrieben:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Zum zweiten Begriff, den Sie erwähnt haben [nämlich Zedaka, das jüdische Wohltätigkeitsgebot], der mit der Gerechtigkeit zusammenhängt, dieser Punkt wurde im Christentum von der Soziallehre der Kirche her entwickelt. Es hat sehr lange gedauert, bis der Begriff der sozialen Gerechtigkeit in das Lehrgebäude integriert werden konnte; heute ist er allenthalben anerkannt.

Wenn man das Handbuch der katholischen Soziallehre aufschlägt, ist man erstaunt darüber, was dort alles angeprangert wird. Zum Beispiel die Verurteilung des Wirtschaftsliberalismus: Alle meinen, die Kirche sei gegen den Kommunismus, in Wirklichkeit wendet sie sich gegen dieses System mit der gleichen Schärfe wie gegen den heutigen Wirtschaftsliberalismus, den Raubtierkapitalismus. Der ist genauso wenig christlich, für uns nicht akzeptabel.

Wir müssen nach Chancengleichheit und gleichen Rechten streben, für soziale Vergünstigungen kämpfen, für menschenwürdige Renten, Urlaub, Ruhezeiten, Koalitionsfreiheit etc. All diese Fragen bilden den Komplex der sozialen Gerechtigkeit.
Es darf keine unfreiwillige Armut geben, und – das möchte ich besonders hervorheben – es gibt keine schlimmere Armut als die, sich sein Brot nicht verdienen zu können, von der Würde der Arbeit ausgeschlossen zu sein.

Es gibt da eine Anekdote, die die Position der Kirche zu diesem Thema vielleicht verdeutlichen kann: Bei einer der vielen Christenverfolgungen verlangte der Kaiser vom heiligen Laurentius, der als Diakon in Rom wirkte, ihm binnen kürzester Frist die Schätze der Kirche auszuliefern. Ein paar Tage später trat der Heilige zum festgesetzten Termin zusammen mit einer Gruppe von Armen vor den Herrscher und sagte: „Hier, das sind die Schätze der Kirche.“

Diese Sichtweise müssen wir bewahren, denn immer, wenn wir uns davon entfernen – sei es als Institution insgesamt oder als einzelne, kleine Kommunität – verleugnen wir den Kern unseres eigenen Wesens [als Christen]. Wir rühmen uns der Schwäche unseres Volkes, dem wir [zugleich] helfen, vorwärtszukommen. Die Armen sind der Schatz der Kirche, sie gilt es zu behüten; ohne diese Vision errichten wir eine Kirche des Mittelmaßes, eine laue, kraftlose Institution. Unsere wahre Stärke muss das Dienen sein.

Man kann Gott nicht anbeten, wenn unser Geist dem Bedürftigen keinen Raum bietet. Ich glaube, das haben wir gemeinsam.
Absolut.
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Die Armenpriester und der „Slum-Papst“

Villas nennt man in Argentinien die Elendviertel in den Randgebieten der Metropole. Zu den curas villeros, ihrer Geschichte und der in ihren Kreisen entwickelten und von Kard. Bergoglio altiv geförderten „Theologie des Volkes“ vgl. den NZZ-Artikel „Priester in den Slums von Buenos Aires“. Nach seiner Wahl wurde Papst Franziskus in Argentinien als papa villero („Slum-Papst“) gefeiert.
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Historisch gesehen sind die Armenpriester („curas villeros“), die in die Elendsviertel gehen, in Argentinien ein relativ junges Phänomen. Das dürfte ungefähr in den vierziger Jahren angefangen haben, und es dauerte eine Zeit, bis sich das durchsetzte, denn für die Hierarchie der Kirche war es etwas Neues.

Wahr ist auch, dass eine Reinigung des Religiösen vom Politischen notwendig war, denn manchmal waren beide Aspekte in unangemessener Weise miteinander vermischt, was Misstrauen hervorrief. In dem Maße, in dem die Priester, die sich dieser Arbeit widmeten, ihre Zugehörigkeit zur Kirche stärker herausstellten, indem sie die Volksfrömmigkeit förderten, kam es zu einer Annäherung und es gab mehr Verständnis vonseiten der Hierarchie. Momentan allerdings wird der Erzbischof von Buenos Aires mancherorts beschuldigt, die Priester in den Armenvierteln zu bevorzugen.

Nun ist dies keine ganz neue Erscheinung: Don Bosco (1) wirkte in Norditalien und in der Cerdanya bei den ganz einfachen Leuten, und auch das rief Misstrauen bei den Bischöfen hervor. Von Don Cafasso (2) und Don Orione (3) gar nicht zu reden. Das waren Wegbereiter in der Arbeit mit den Bedürftigen, die ihrer Zeit voraus waren. In gewisser Weise zwangen sie die kirchlichen Autoritäten zu manchen Veränderungen.

Auch hierzulange haben die curas villeros einen Mentalitätswandel und eine Änderung im Verhalten der kirchlichen Gemeinschaften herbeigeführt.

Anmerkungen:
(1) Hl. Johannes Bosco (1815-1888), Gründer der Salesianer
(2) Hl. Joseph Cafasso (1811-1860), Theologe und Gefängnisseelsorger
(3) Hl. Luigi Orione (1872-1940), Armenpriester und Ordensgründer
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Gleichgeschlechtliche Ehe und Adoption (1)
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Wir wissen, dass das Phänomen der Homosexualität zu Zeiten epochaler Veränderungen stets zunahm. Aber in unserer Zeit wird zum ersten Mal das rechtliche Problem einer Gleichstellung mit der Ehe diskutiert, was ich für einen Anti-Wert und einen anthropologischen Rückschritt halte.

Ich sage das deswegen, weil es über die religiöse Fragestellung hinausgeht, es ist eine anthropologische Frage. Bei einer Verbindung privater Natur gibt es keine Dritten und keine Gesellschaft, die davon betroffen wären. Wenn man ihr jedoch den Status einer Ehe einräumt und die Partner zur Adoption von Kindern befähigt, könnte es betroffene Kinder geben.

Jeder Mensch braucht einen männlichen Vater und eine weibliche Mutter, die ihm bei der Ausbildung seiner Identität helfen.
Erster öffentlicher Auftritt gegen die Einführung der „Homo-Ehe“
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Ich betone noch einmal, dass unsere Meinung über die Heirat zwischen Personen des gleichen Geschlechts nicht auf religiösen Überzeugungen fußt, sondern eine anthropologische Basis hat.

Als der Gouverneur von Buenos Aires, Mauricio Macri, auf Rechtsmittel gegen das erstinstanzliche Urteil einer Richterin, die eine solche Hochzeit gestattet hatte, verzichtete, hatte ich das Gefühl, etwas sagen zu müssen, um zur Orientierung beizutragen: Ich sah mich in der Pflicht, meine Meinung zu äußern. Es war das erste Mal in achtzehn Jahren bischöflicher Tätigkeit, dass ich einen Amtsträger öffentlich kritisierte.

Wenn man die beiden Erklärungen nachliest, die ich formuliert habe, wird man sehen, dass ich zu keinem Zeitpunkt über Homosexuelle gesprochen habe und meine Äußerungen keinerlei abwertende Bezugnahmen auf sie enthalten. In der ersten Erklärung sagte ich, das Urteil der Richterin sei bedenklich, weil es eine gewisse Loslösung vom Gesetz beinhaltete. Ein erstinstanzliches Gericht kann nicht einfach eine Bestimmung des Zivilgesetzbuches aufheben oder umdeuten, und das tat dieses Urteil.
Außerdem machte ich auf den Besorgnis erregenden Umstand aufmerksam, dass hier ein Regierungschef, der zum Wächter über die Rechtmäßigkeit bestellt ist, die Anfechtung dieses Richterspruchs verboten hatte. Macri sagte mir, das entspreche eben seinen Überzeugungen. Ich respektiere seine Ansichten, aber ein Regierungschef darf seine persönlichen Überzeugungen nicht zum Gesetz machen.

Zu keinem Zeitpunkt habe ich despektierlich von Homosexuellen gesprochen, vielmehr bezog sich meine Einlassung auf eine rechtliche Frage.

Zuletzt geändert von Jorge_ am Donnerstag 11. April 2013, 20:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Gleichgeschlechtliche Ehe und Adoption (2)

Zum Thema der Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:Gewöhnlich wird ja argumentiert, ein Kind wachse doch besser bei einem aus zwei Personen des gleichen Geschlechts bestehenden Paar auf als in einem Waisenhaus oder Kinderheim.

Beide Situationen sind nicht optimal. Das Problem ist, dass der Staat nicht das tut, was er tun müsste. Man muss sich die Fälle der Kinder anschauen, die in bestimmten Einrichtungen untergebracht sind, wo das Letzte, was da gemacht wird, Hilfe zur Wiedereingliederung ist.* Es muss Nichtregierungsorganisationen, Verbände, Kirchen oder sonstige Träger geben, die sich ihrer annehmen. Auch müsste das Adoptionsverfahren gestrafft werden – diese Verfahren dauern ja ewig –, damit diese Kinder ein Zuhause bekommen können.

Aber ein Versagen des Staates an einer Stelle rechtfertigt kein Versagen des Staates an anderer Stelle. Man muss das Thema grundlegend angehen. Statt ein Ehegesetz zu verabschieden, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption ermöglicht, sollte man die Adoptionsgesetzgebung selbst verbessern, die übertrieben bürokratisch ist und zudem in ihrer jetzigen Ausgestaltung die Korruption begünstigt.

*) Bergoglio denkt hier offenbar an staatliche Unterbringungsanstalten für straffällige oder verwahrloste Kinder und Jugendliche, die eher Gefängnissen oder Abschiebeheimen gleichen als einer Jugendhilfeeinrichtung.
Zuletzt geändert von Jorge_ am Donnerstag 11. April 2013, 22:25, insgesamt 1-mal geändert.
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Gleichstellung der Religionen im öffentlichen Raum

Kardinal Bergoglio änderte das Procedere beim feierlichen Tedeum zur Begehung des argentinischen Nationalfeiertags:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:
Card. Jorge Bergoglio hat geschrieben:
Abraham Skorka hat geschrieben:Einmal wies mich ein Priester in Mar del Plata darauf hin, die Tatsache, dass nicht alle Religionen bei den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag vertreten waren, sei nur eine Tradition, das könnte sich ändern. Das blieb mir im Gedächtnis haften.
Ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern: In meiner Anfangszeit als Erzbischof ging ich an den Nationalfeiertagen nach dem Tedeum zusammen mit dem Nuntius hinunter zum Präsidenten und wir begleiteten ihn bis zur Tür. Sie alle, die Vertreter der anderen Religionen, blieben allein oben stehen, Sie sahen aus wie Schaufensterpuppen.

Diesen Brauch habe ich geändert: Jetzt geht der Präsident nach oben und begrüßt alle Religionsvertreter. Das war ein Schritt in die Richtung, die Sie vorgeschlagen haben.

Seit der Feier in Salta im Jahr 2009 ist die Zeremonie zweigeteilt: Jetzt wird nicht nur das klassische Tedeum angestimmt, der traditionelle Dankgesang an Gott, eingerahmt von der Predigt des Primas und dem katholischen Gebet, sondern auch die Vertreter der anderen Religionen tragen ihre Gebete vor. Es gibt jetzt mehr Partizipation.
Für mich sind diese Gesten sehr wertvoll, es ist eine Form, die Bedeutung des interreligiösen Dialogs zu unterstreichen.
Ihre Arbeit in dieser Richtung ist auch sehr wichtig. Ich vergesse nicht, wie Sie mich zweimal eingeladen haben, in Ihrer Synagoge zu beten und zu sprechen. Und ich habe Sie eingeladen, vor meinen Seminaristen über Werte zu sprechen.
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Niels
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Niels »

Grusel, grusel! :panisch:
Nolite timere, pusillus grex, quia complacuit Patri vestro dare vobis regnum.

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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

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Niels hat geschrieben:Grusel, grusel! :panisch:
Falls das Gruseln der Vorstellung von gemeinsam oder auch bloß nebeneinander vollzogenen Gebeten zusammen mit Andersgläubigen gilt, habe ich allerdings tatsächlich den Eindruck, der jetzige Papst teilt die Furcht vieler traditioneller Katholiken und evangelikaler Christen vor einer relativistischen Religionsvermischung durch gemeinsame Gebetsauftritte nicht. Ich persönlich habe die Kritik an inter- oder multireligiösen Akten (Stichwort Assisi) auch nie wirklich nachvollziehen können und fand die extremen Reaktionen darauf im traditionalistischen Spektrum und auch im Kreuzgang immer völlig unbegreiflich. Auch Joseph Ratzingers differenziertere Analyse dieses Themas (speziell in Glauben, Wahrheit, Toleranz, S. 87-90) überzeugt mich letztlich nicht, weil er das Ganze nur aus dem Blickwinkel der Angst vor „Relativierung“ betrachtet und darum übervorsichtig bleibt.

Auf den Gedanken, dass gemeinsames Hinwenden zum lebendigen Gott, der größer ist als wir alle zusammen, den eigenen Glauben irgendwie relativieren oder in Frage stellen könnte, wäre ich ehrlich gesagt ohne die konservative Kritik an Assisi etc. von mir aus auch gar nicht gekommen. Es geht ja nicht darum, die falschen Dogmen, Gottesbilder oder Götter des Andersgläubigen anzuerkennen oder für gleich richtig wie unseren Glauben zu halten. Man muss dem anderen nur den guten Willen zugestehen, sich auf der Suche nach dem wahren Gott zu befinden und sich diesem auf seine (mitunter defizitäre) Weise zuwenden zu wollen.
Deshalb erschreckt mich die (m.E. abergläubische) Meinung mancher Christen besonders, wonach andere Religionen irgendwelche tatsächlich existierenden Dämonen anbeteten und man sich durch gemeinsame Akte quasi zum Komplizen der Teufelsanbetung mache. Wer so denkt, erkennt beim Andersgläubigen gewissermaßen „kein gutes Haar“ mehr, und das ist nach meinem Empfinden nicht christlich (man denke an den guten Samariter und an die Hunde, die die unter den Tisch gefallenen Essensreste wegfressen) und widerspricht natürlich auch dem Anliegen von Nostra Aetate.

Positiv aus Ratzingers Theologie mitgenommen habe ich den m.E. sehr wichtigen Ansatz, andere Religionen und Glaubensrichtungen nicht pauschal als „auch ganz toll“ zu qualifizieren (das wäre euphorisch und öffnete einem echten Relativismus Tür und Tor), sondern differenziert zu schauen, was davon auf Christus weisen und mit unserem Gebet kompatibel sein kann und was nicht. Eine solche Betrachtung kann dann auch durchaus zu unterschiedlichen Antworten führen, ob man mit jemandem gemeinsam oder nebeneinander beten kann oder lieber die Finger davon lässt.
Bei den Juden, um die es in den nächsten von mir übersetzten Ausschnitten aus dem Buch Sobre el cielo y la tierra geht, erübrigt sich diese Frage eigentlich fast schon, da wir geistlicherweise selber nichts anderes als Anhänger des jüdischen Gottes sind. Hier wäre gemeinsame Gottesverehrung nur dann kritisch, wenn sich der jüdische Part explizit jesusfeindlich gibt oder wenn der christliche Part explizite Judenfeindschaft pflegt. Beides war in der Geschichte häufiger der Fall. Gespräche wie die zwischen Bergoglio und Skorka tragen dazu bei, dass das nicht so bleiben muss.

Auf anderer Ebene gilt das oben Gesagte ähnlich auch für den interkonfessionellen Bereich (ich sage das, weil zu den im Bericht Bergoglios über das Tedeum am Nationalfeiertag erwähnten Religionsvertretern wohl auch die Vertreter anderer christlicher Bekenntnisse gehören).

Die Diskussion dazu gehört natürlich eher in den Assisi-Strang. Aber bei den mir bislang zugänglichen Äußerungen Bergoglios habe ich eigentlich immer eher mein Unverständnis wiederzufinden geglaubt und kaum etwas von der Besorgnis eines Glaubensabfalls spüren können. Vielleicht ist da also ein gewisses Umdenken auf der Tradi-Seite angezeigt.
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

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Der „witzige“ Papst

Gestern nahmen papstkritische Medien den Beginn eines Schreibens von Papst Franz von Ende März an seine Bischofskollegen in Argentinien zum Anlass für eine besorgte Kurzmeldung, die offenbar Zweifel wecken wollte, ob der Papst sein Amt auch wirklich ernstnimmt. Rorate caeli sprach von „a witty pope“ (nannte ihn also, wenn ich das richtig verstehe, einen „witzigen Papst“ oder, salopp gesagt, einen „Scherzkeks“).
Auch gloria.tv übernahm die Meldung, blendete die humorige Dimension in der redaktionellen Überschrift aber aus und scheint aus dem lakonischen Tonfall des Papstes Rückschlüsse auf ein defizitäres Amtsverständnis ziehen zu wollen. Selbst die Mehrheit der Rorate-Kommentatoren sah in der selbstironischen Bezeichnung des Papstamtes als „kürzlich übernommene Verpflichtung“ aber keinen wirklichen Grund zur Beunruhigung.

Das Schreiben des Papstes von vor drei Wochen hatte im spanischsprachigen Raum ein beachtliches Echo, auch außerhalb Argentiniens. Inhaltlich überschneidet sich vieles mit den Aussagen der ebenfalls Ende März (fast zeitgleich mit dieser Botschaft) mit Billigung des Papstes durch den Kardinal von Havanna veröffentlichten Rede, die Bergoglio vor der Papstwahl vor dem Kardinalskollegium hielt.

In der durch einen vertrauten Tonfall gekennzeichneten Papstbotschaft an die argentinischen Bischöfe gibt es neben einer Reihe speziell auf Argentinien zielender Aussagen auch ein paar andere Aspekte, die in der Wahlrede so nicht auftauchen. Vor allem hat Bergoglio diesen Brief tatsächlich bereits nach seiner Wahl geschrieben. Das Dokument kann daher durchaus Aufschlüsse über das Amtsverständnis bzw. den Erfahrungshintergrund und Denkhorizont Bergoglios liefern und etwas über seinen inneren Zustand in den ersten Wochen nach dem Konklave verraten. Allein am ersten Satz darf man das aber natürlich nicht festmachen.

Daher stelle ich hier mal eine deutsche Übersetzung der gesamten Grußbotschaft ein. Natürlich wirft auch dieser (sehr kurze) Brief nur ein kleines Schlaglicht auf die Geisteswelt des Papstes und muss nicht unbedingt als programmatische Publikation gelesen werden.
Zuletzt geändert von Jorge_ am Freitag 19. April 2013, 20:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

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Brief von Papst Franziskus an die 105. Vollversammlung der Argentinischen Bischofskonferenz
Papst Franziskus hat geschrieben:Liebe Mitbrüder,

ich sende diese Grußworte, auch um mich dafür zu entschuldigen, dass ich bedingt durch „kürzlich übernommene Verpflichtungen“ (klingt das gut?) leider nicht anwesend sein kann. Im Geiste bin ich bei Euch und bitte den Herrn, Euch in diesen Tagen intensiv zu begleiten.

Einen Wunsch möchte ich äußern: Ich würde mich freuen, wenn Ihr als Bezugsrahmen für die Arbeiten der Vollversammlung das Schlussdokument von Aparecida und Navega mar adentro [1] nehmen würdet. Darin finden sich die Orientierungen, die wir in diesem Augenblick der Geschichte brauchen. Vor allem bitte ich Euch, mit besonderer Sorge auf das Wachstum in der kontinentalen [i.e. „inneren“, nicht überseeischen] Mission mit ihren zwei Aspekten zu achten: programmatische und paradigmatische Mission. Die gesamte Pastoral soll unter dem missionarischen Gedanken stehen. Wir müssen aus uns selbst herausgehen, uns aufmachen in die Peripherie, zu allen Randexistenzen gehen und in der Parrhäsie [2] wachsen.

Eine Kirche, die nicht hinausgeht, wird auf kurz oder lang krank von der stickigen Atmosphäre ihres Eingeschlossenseins. Es ist auch wahr, dass einer Kirche, die hinausgeht, dasselbe passieren kann wie einem Menschen, der auf die Straße geht: Sie kann einen Unfall haben. Vor diese Alternative gestellt möchte ich ganz offen sagen, dass mir eine verunglückte Kirche tausendmal lieber ist als eine kranke Kirche. Die typische Krankheit einer in sich verschlossenen Kirche ist die Selbstbezogenheit, die Nabelschau, das Verkrümmtsein in sich selbst [3], wie jene Frau aus dem Evangelium [Lk 13,11]. Es ist eine Art Narzißmus, der uns in spirituelle Mondänität [„Verweltlichung“] und versnobten Klerikalismus [4] führt und uns so die Erfahrung der „süßen und tröstlichen Freude zu evangelisieren“ [Paul VI.] raubt.

Ich wünsche Euch allen diese Freude, die so vielfältig an das Kreuz gebunden ist, die uns aber heilt vom Groll, von der Traurigkeit und vom klerikalen Eigenbrötlertum des zölibatären Einzelkämpfers[5]. Diese Freude hilft uns dabei, jeden Tag fruchtbarer zu werden, indem wir uns im Dienst am heiligen Gottesvolk aufopferungsvoll verbrauchen und verausgaben. Diese Freude wird immer weiter wachsen in dem Maße, in dem wir die pastorale Wende [wörtl. „Umkehr“] ernstnehmen, die die Kirche von uns verlangt.

Danke für alles, was Ihr tut, und für alles, was Ihr künftig tun werdet. Der Herr befreie und bewahre uns davor, unseren Episkopat mit dem Goldflitter der Weltlichkeit [„Mondänität“] zu behängen, mit Geld und mit einem „marktschreierischen“ Klerikalismus. Die Muttergottes wird uns den Weg der Demut zeigen in dieser stillen und tapferen Arbeit, die der apostolische Eifer vorantreibt.

Ich bitte Euch inständig, für mich zu beten, damit ich nicht abhebe und darauf zu hören vermag, was Gott will, und nicht, was ich will. Ich bete für Euch.

Eine brüderliche Umarmung und einen besonderen Gruß an das gläubige Volk Gottes, das Euch anvertraut ist. Ich wünsche Euch eine gesegnete und glückliche Osterzeit.
Jesus segne Euch und die heilige Gottesmutter beschütze Euch.

Brüderlich Euer ...

Im Vatikan, den 25. März 2013

Anmerkungen:
(1) Navega mar adentro = „Fahr aufs Meer hinaus!“ = „Duc in altum!“ (Lk 5,4)
(2) Parrhäsie = Freimut, offene Rede, ungeschönte Worte, „kühne Redefreiheit“, von grch. parrhesia (παρρησία).
(3) an. lat. incurvatus in se ipsum
(4) Original: clericalismo sofisticado
(5) Original: solteronía clerical, wörtl. „klerikales Junggesellentum“. Die Übersetzung mit „klerikales Eigenbrötlertum des zölibatären Einzelkämpfers“ ist ein wenig umschreibend-interpretierend und geht vllt. etwas zu weit, in dem Wort solteronía steckt aber sowohl der Eigenbrötler als auch der ewige Junggeselle (solterón) drin, also der mürrische, etwas eigenartige Kauz, der jedenfalls unverheiratet ist.

Hinweis zum Zitat von der „süßen und tröstlichen Freude des Evangelisierens“:
Papst Paul VI. hat geschrieben:Bewahren Wir also das Feuer des Geistes. Hegen Wir die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums, selbst wenn Wir unter Tränen säen sollten. Es sei für uns – wie für Johannes den Täufer, für Petrus und Paulus, für die anderen Apostel und die vielen, die sich in bewundernswerter Weise im Lauf der Kirchengeschichte für die Evangelisierung eingesetzt haben – ein innerer Antrieb, den niemand und nichts ersticken kann. Es sei die große Freude Unseres als Opfer dargebrachten Lebens.

(Apostolisches Schreiben Evangelii Nuntiandi vom 8. Dez. 1975, Nr. 80)
In der deutschen Fassung des Dokumentes ist das Wort „süß“ (dolce) mit „innig“ wiedergegeben.
In dem am 2. Februar 2011 veröffentlichten Vorbereitungsdokument (Lineamenta) zur Bischofssynode über die Neuevangelisierung (abgehalten im Oktober 2012) wird der Gedanke der „süßen Freude“ aus EN 80 aufgegriffen und diesmal auch in der deutschen Fassung wörtlich übersetzt, dort heißt es ganz am Schluss unter Nr. 25 („Die Freude zu evangelisieren“):
Lineamenta hat geschrieben:Gehen wir also die neue Evangelisierung mit Begeisterung an. Lernen wir die süße und tröstliche Freude zu evangelisieren, auch wenn die Verkündigung eine Aussaat unter Tränen zu sein scheint (vgl. Ps 126, 6). »Es sei für uns ... « [es folgt das restliche Zitat aus EN 80 wie oben].
Zuletzt geändert von Jorge_ am Freitag 19. April 2013, 23:30, insgesamt 4-mal geändert.
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„Fahr aufs Meer hinaus!“

Um dem möglichen Eindruck zuvorzukommen, bei der Aufforderung „Fahr aufs Meer hinaus!“ (Navega mar adentro) handele es sich um selbst fabriziertes „Pastoralgeschwurbel“, noch folgende Hintergrundinfos dazu:
Eduardo A. González hat geschrieben:„Navega mar adentro“ [lat. Duc in altum!] ist ein Dokument der argentinischen Bischofskonferenz, mit dem die „Pastoralen Leitlinien“ von 1990 aktualisiert worden sind. (...)

„Navega mar adentro“ ist der Titel eines Dokuments zur Aktualisierung der „Pastoralen Leitlinien für die Neuevangelisierung“, das im Mai 2003 von der Vollversammlung der argentinischen Bischöfe verabschiedet wurde. (...)

Der Titel „Fahr hinaus ins tiefe Wasser“ ist dem Evangelium nach Lukas entnommen (5,3-4), der berichtet: „Jesus stieg in eines der Boote, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Ufer wegzufahren; dann setzte er sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Als er aufgehört hatte zu reden, sagte er zu Simon: Fahre hinaus ins tiefe Wasser, und werft eure Netze zum Fang aus!“

„Duc in altum!“ ist auch der Titel des Schlussabsatzes des Apostolisches Schreibens Novo Millennio Ineunte, wo Johannes Paul II. schreibt: „Gehen wir voll Hoffnung voran! Ein neues Jahrtausend liegt vor der Kirche wie ein weiter Ozean, auf den es hinauszufahren gilt. Dabei zählen wir auf die Hilfe Jesu Christi“ (Novo Millennio Ineunte, Nr. 58).

Der Gedanke, mit einem Schiff, das die Kirche repräsentiert, hinaus auf hohe See zu fahren, um den missionarischen Auftrag zu verwirklichen, symbolisch dargestellt als Fischzug inmitten der Schwierigkeiten in einem stürmischen und aufgewühlten Meer der Geschichte, ist eine sehr alte Metapher. Sankt Bonifatius, der in England geboren wurde und als Missionar in Deutschland wirkte, schrieb schon im 8. Jahrhundert: „Die Kirche fährt über das Meer dieser Welt wie ein großes Schiff und wird von den Wogen – das sind die Anfechtungen des Lebens – hin und hergeworfen. Wir dürfen das Schiff nicht verlassen, wir müssen es lenken.“

Die Älteren, die noch Mitglied der Katholischen Aktion in Argentinien waren, werden sich erinnern, dass „Mar adentro“ [„Aufs Meer hinaus!“] auch der Titel eines Buches war, das dort in den 50er Jahren benutzt wurde, um das Basisapostolat durch Apostolatszellen im sozialen Lebensumfeld zu entwickeln. Darin heißt es: „So wie das offene Meer das Aktionsfeld für ein Schiff darstellt, so findet die Mission des [katholischen] Aktivisten ihre Erfüllung in erster Linie im Schoß der Gesellschaft.“ (...)


Aus einem Artikel in der arg. Zeitschrift Vida Pastoral (Nr. 243, Jg. 2003)
"El humor obscurece la verdad, endurece el corazón, y entorpece el entendimiento."

Eremit1994
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Re: Papst Franz I.

Beitrag von Eremit1994 »

Ich möchte hier die Ansprache des Papstes im Wortgottesdienst vor der italienischen Bischofskonferenz mit Credo vom 23.5.13, weil sie mich sehr beeindruckt hat. Bei manchen Sätzen stockt einem geradezu der Atem. Ich empfinde sie nicht nur an die Bischöfe, sondern an jeden Christen gerichtet. Am Ende ein sehr emotionales, von ihm formuliertes Mariengebet.


Liebe Mitbrüder im Bischofsamt,

die biblischen Lesungen, die wir gehört haben, regen uns zum Nachdenken an. Mich haben sie sehr zum Nachdenken gebracht. Daraus ist eine Meditation geworden - für uns Bischöfe und zuerst für mich selbst, einen Bischof wie ihr. Diese Gedanken möchte ich mit euch teilen.

Es ist bedeutsam und es freut mich besonders, dass unser erstes Treffen genau hier stattfindet: an dem Ort, der nicht nur das Grab Petri bewahrt, sondern auch das lebendige Gedächtnis seines Glaubenszeugnisses, seines Dienstes an der Wahrheit, seiner Hingabe für die Frohe Botschaft und für die Kirche bis hin zum Martyrium.

Heute Abend wird dieser Confessio-Altar [der Hauptaltar von Sankt Peter] zu unserem See von Tiberias, an dessen Ufern wir diesen überraschenden Dialog zwischen Jesus und Petrus hören, mit den Anfragen an den Apostel. Das muss aber auch in unseren Herzen – als Bischöfe – nachklingen.

„Liebst du mich“; „Bist du mein Freund?“ (Joh 21:15ff)

Die Frage ist an einen Mann gerichtet, der sich trotz seiner feierlichen Erklärungen von Angst ergreifen lassen hat und geleugnet hat.

„Liebst du mich“; „Bist du mein Freund?“

Die Frage richtet sich an mich und an jeden von euch, an uns alle: Wenn wir es vermeiden, hastig und oberflächlich zu antworten, dann drängt diese Frage uns, nach innen zu schauen, sie wirft uns auf uns selbst zurück.

„Liebst du mich“; „Bist du mein Freund?“

Der, der die Herzen erforscht (Röm 8:27) wird zum Bettler um Liebe und er stellt uns die einzig wirklich wesentliche Frage,
Voraussetzung und Bedingung dafür, seine Schafe zu weiden, seine Lämmer, seine Kirche. Jeder Dienst ist auf diese Vertrautheit mit dem Herrn gegründet; in Ihm zu leben ist das Maß unseres kirchlichen Dienstes, der sich ausdrückt in unserer Verfügbarkeit für den Gehorsam, im sich Erniedrigen, wie wir im Brief an die Philipper über die völlige Hingabe gehört haben (Phil 2:6-11).

Im Übrigen ist die Konsequenz aus der Liebe für den Herrn, für Ihn alles hinzugeben – wirklich alles, bis zum eigenen Leben: Das ist es, was unseren Hirtendienst auszeichnen muss; das ist der Lackmustest, der zeigt, mit welcher Tiefe wir das uns Gegebene umarmt haben, auf Jesu Anruf antwortend, und der uns zeigt, wie sehr wir mit den Menschen und der Gemeinschaft verbunden sind, die uns anvertraut worden sind. Wir sind nicht der Ausdruck einer Struktur oder einer organisatorischen Notwendigkeit: Auch mit dem Dienst der Autorität sind wir aufgerufen, Zeichen für die Anwesenheit und für das Wirken des auferstandenen Herrn zu sein, und so die Gemeinschaft in brüderlicher Liebe aufzubauen.

Das soll nicht selbstverständlich sein: Wenn sie nicht ständig genährt wird, schwächt sich auch die größte Liebe ab und sie erlischt. Nicht von ungefähr ermahnt uns der Apostel Paulus: „Gebt Acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Bischöfen bestellt hat, damit ihr als Hirten für die Kirche Gottes sorgt, die er sich durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben hat.“ (Apg 2:28)

Die fehlende Wachsamkeit lässt, wie wir wissen, den Hirten lau werden; sie lässt ihn abgelenkt sein, vergesslich und sogar unduldsam werden; sie verführt ihn mit der Aussicht auf Karriere, sie schmeichelt dem Geld und den Kompromissen mit dem Geist der Welt; sie macht faul, lässt den Hirten zum Funktionär werden, zu einem Geistlichen, der mit sich selbst beschäftigt ist, mit der Organisation und den Strukturen, anstatt mit dem wahren Wohl des Volkes Gottes. Er läuft so Gefahr, wie der Apostel Petrus den Herrn zu verleugnen, auch wenn er formal in seinem Namen handelt und spricht; er verdunkelt die Heiligkeit der hierarchischen Mutter Kirche, macht sie weniger fruchtbar.

Lieber Brüder, wer sind wir vor Gott? Was sind unsere Prüfungen? Von denen haben wir viele, jeder von uns hat seine eigenen. Was will uns Gott durch diese sagen? Was trägt und unterstützt und dabei, diese zu überwinden?

Wie für Petrus kann uns diese bohrende und wiederholte Frage Jesu traurig stimmen und uns sehr deutlich bewusst die Schwäche der Freiheit vor Augen führen, gefährdet von tausend inneren und äußeren Einflüssen, die häufig Verwirrung schaffen, Frustration und sogar Unglauben.

Es sind sicherlich nicht diese Gedanken und Haltungen, die der Herr aufkommen lassen will; trotzdem, diese nutzt der Feind, der Teufel, um die Menschen in Bitterkeit, im Klagen und der Entmutigung zu isolieren.

Jesus, der gute Hirte, demütigt den Reuigen nicht und gibt ihn nicht auf: In Ihm spricht die Zärtlichkeit des Vaters, der tröstet und neu antreibt; er lässt die Schande sich auflösen, denn die Schande löst sich wirklich im Gefüge von Vertrauen auf; er gibt neuen Mut, vertraut neu Verantwortung an, erteilt eine neue Sendung.

Petrus kann, im Feuer des Verzeihens gereinigt, sagen: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich gern habe“ (Johannes 21:17). Ich bin sicher, dass auch wir alle das von Herzen sagen können.
So gereinigt kann uns Petrus in seinem ersten Brief ermahnen: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung; seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!“ (1 Pet 5:2-3)

Ja, Hirt sein bedeutet jeden Tag an die Gnade und die Kraft zu glauben, die vom Herrn kommt, trotz all unserer Schwäche, und die Verantwortung zu übernehmen, der Herde voran zu gehen, frei von Lasten die das gesunde apostolische Vorangehen behindern, und es bedeutet in der Leitung ohne Zögern unsere Stimme hörbar zu machen, sei es für die, die den Glauben angenommen haben, sei es für die, die „nicht aus diesem Stall“ sind (Joh 1:16). Wir sind gerufen, den Traum Gottes zu unserem zu machen, dessen Haus keine Ausschlüsse von Menschen oder Völkern kennt, wie es Jesaja prophetisch in der ersten Lesung angekündigt hat (Jes 2:2-5).

Hirte sein bedeutet aber auch, sich darauf einzustellen inmitten der Herde und auch hinter ihr zu gehen: Fähig zu sein, die stille Geschichte dessen zu hören, der leidet und die Schritte derer zu stützen, die sich fürchten, sie zu machen; bereit, aufzurichten, zu ermutigen und neu Hoffnung zu schenken. Aus dem Teilen mit den Armen geht unser Glauben immer gestärkt hervor: Lassen wir also jede Form von Vermessenheit beiseite und knien wir vor denen nieder, die der Herr unserem Dienst anvertraut hat. Unter ihnen reservieren wir den Priestern einen besonderen Platz: Vor allem für sie müssen unser Herz, unsere Hand und unsere Tür immer und unter allen Umständen offen sein. Unsere Priester sind die ersten Gläubigen, die wir Bischöfe haben. Lieben wir sie! Lieben wir sie von Herzen! Sie sind unsere Söhne und unsere Brüder.

Liebe Brüder, das Glaubensbekenntnis, das wir heute neu gemeinsam sprechen, ist kein formaler Akt, sondern unsere erneuerte Antwort auf das „Folge mir nach!“, mit dem das Johannesevangelium endet (Joh 21:19): Es lässt uns das eigene Leben nach dem Willen Gottes gestalten, sich ganz unserem Herrn Jesus verpflichtend. Von hier erwächst die Urteilsfähigkeit, die die Gedanken, die Erwartungen und die Notwendigkeiten der Menschen heute kennt und auf sich nimmt.

In diesem Sinne danke ich jedem von Euch von Herzen für euren Dienst, für eure Liebe zur Kirche. Und unsere Mutter ist hier und ich stelle euch und mich selbst unter den Mantel Mariens, unserer Herrin.

Mutter der Stille, die du den Dienst Gottes wahrst,
behüte uns vor der Vergötterung der Gegenwart, zu der alle, die vergessen, verdammt sind.
Reinige die Augen der Hirten mit den Augentropfen der Erinnerung:
Kehren wir zurück zur Frische des Anfangs, zu einer betenden und reuigen Kirche.

Mutter der Schönheit, die aufblüht in der Treue der täglichen Arbeit,
wecke uns aus der Trägheit der Faulheit, der Engstirnigkeit und dem Defätismus.
Erneuere die Hirten in der Barmherzigkeit, die eint und erfüllt: So dass wir die Freude einer dienenden, demütigen und geschwisterlichen Kirche entdecken.

Mutter der Zärtlichkeit, in Geduld und Barmherzigkeit gekleidet,
hilf uns die Traurigkeiten, die Ungeduld und die Starre derer, die das Zusammengehören nicht kennen, zu verbrennen.
Tritt bei deinem Sohn für uns ein so dass unsere Hände, Füße und Herzen flink seien:
Lass uns die Kirche in Wahrheit und Barmherzigkeit aufbauen.

Mutter, lass uns immer das Volk Gottes sein, das auf das Reich Gottes zu pilgert. Amen.”

(rv 24.5.213 ord)

Dieser Text stammt von der Webseite http://de.radiovaticana.va/news/213/5 ... ted-69564
des Internetauftritts von Radio Vatikan
Wenn einige von Euch, die Ihr jung seid, mir zuhören, dann frage ich Euch: begeistert es Euch nicht, spürt Ihr nicht, dass Gott Euch zu dieser großen Sache ruft: in Euren Händen den Leib Christi zu halten (Papst Franziskus über das Priesteramt

iustus
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Re: Papst Franz I.

Beitrag von iustus »

Eremit1994 hat geschrieben: die biblischen Lesungen, die wir gehört haben, regen uns zum Nachdenken an. Mich haben sie sehr zum Nachdenken gebracht. Daraus ist eine Meditation geworden - für uns Bischöfe und zuerst für mich selbst, einen Bischof wie ihr.
Kein Glanzstück, sondern eine weitere Demontage des Papstamtes - man ist es ja schon von ihm gewohnt. Aber auch er wird es nicht überwinden.

Zu der zitierten Aussage des Bischofs von Rom siehe http://www.katholisches.info/213/5/24 ... egialitat/.
„Was den Gegenstand des Glaubens betrifft, hat sich das Konzil nichts Neues ausgedacht, noch hat es Altes ersetzen wollen." (Papst Benedikt XVI.)

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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

Äußerung des Papstes zur Wiederverheiratetenfrage auf dem Rückflug von Rio de Janeiro am 29. Juli 213

Wie im Wiederverheiratetenstrang (http://www.kreuzgang.org/viewtopic.php?p=69534#p69534) beschrieben, wurde an verschiedenen Stellen kritisiert, das in der 2. Auflage der Freiburger Handreichung für den seelsorglichen Umgang mit zivil wvh. Geschiedenen verwendete Zitat aus dem Pressegespräch des Papstes auf dem Rückflug aus Rio de Janeiro am 29. Juli 213 sei eine unzulässige Instrumentalisierung der Aussagen des Papstes für die Zwecke dieser Handreichung.
Handreichung für die Seelsorge (2. Aufl., S. 5f.) hat geschrieben:Kirchliche Pastoral verschließt sich aber auch vor dem Scheitern einer Ehe nicht. Sie bietet Orte an, die für die Betroffenen offen sind, wo man ihnen zuhört und wo sie begleitet werden. Es gibt nach wie vor eine große Zahl von Menschen, die sich in dieser Lebenssituation Rat und Wegbegleitung von der Kirche erhoffen, um zu erfahren, was Jesus Christus gelehrt und vorgelebt hat: Die Treue und Barmherzigkeit Gottes gilt auch für diejenigen, deren. Lebensentwurf gescheitert ist. Darauf wies Papst Franziskus in seinem Interview auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien hin, wenn er auf die Frage nach dem Zugang wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten antwortete: „Ich glaube, dass das die Zeit der Barmherzigkeit ist! (...) Die Kirche ist Mutter: Sie muss herausgehen und die Verletzten mit Barmherzigkeit heilen.“
Ermutigende Wegbegleitung und einfühlsame Gesprächsführung können Menschen unterstützen, neue Perspektiven für ihr weiteres Leben zu finden. Ziel ist, dass sie ihr menschliches und seelisches Gleichgewicht wiederfinden und ihren Platz in der Gemeinde einnehmen können. So ist eine Aufarbeitung der Lebens- und Beziehungsgeschichte möglich, so können die Ehepartner ihre Verantwortung für die bisherige gelebte Beziehung, aber auch für das erfahrene Scheitern übernehmen. Im Kontakt mit Geschiedenen und wiederverheirateten Geschiedenen geht es darum, die menschenfreundliche und respektvolle Grundhaltung Jesu erfahrbar werden zu lassen. Jeder Mensch wird mit seiner Lebens- und Beziehungsgeschichte mitsamt ihren Brüchen und Wunden geachtet. Über den Wunsch, neu anzufangen und sich mit Gottes Hilfe auf eine zweite Lebenspartnerschaft verbindlich einzulassen, kann daher offen gesprochen werden. In besonderer Weise gilt es, denen nahe zu sein und sie zu unterstützen, die (bewusst) keine neue Partnerschaft eingehen.
Es wurde auch gesagt, das Zitat unterschlage wichtige Teile der Papstäußerung, um es für die Handreichung passend umzuschneidern, und verfälsche durch den Kontext und die verkürzte Wiedergabe des Papstwortes den Sinn seiner Aussage. Der Papst habe nämlich in seiner Antwort klipp und klar festgestellt: „Die Geschiedenen können die Kommunion empfangen, die wiederverheirateten Geschiedenen können dies nicht.“

Nach meinem Eindruck ist Letzteres so nicht richtig (weder ist das Zitat durch den engeren Kontext in seinem Aussagesinn verfälscht noch hat der Papst diese apodiktische Feststellung getroffen). Um das nachprüfen zu können, bräuchte man eine verlässliche Wiedergabe der Papstworte in deutscher Sprache.

Offenbar gibt es von der Ende Juli im Flugzeug aufgezeichneten Antwort des Papstes auf die Frage nach den Perspektiven für einen Sakramentenempfang zivilrechtlich wvh. Geschiedener keine völlig ungekürzte und auch im Detail gänzlich zuverlässige deutsche Übersetzung.

Zwar sind Grundaussagen des Papstes bereits verschiedentlich zutreffend und unverfälscht auf Deutsch zusammengefasst, in den wesentlichen Auszügen übersetzt, zitiert und veröffentlicht wurden, unter anderem auch den Seiten des Vatikans selbst, doch fände ich es sinnvoll zu wissen, was er denn wirklich ganz vollständig und wörtlich gesagt und in welchem Ton er über dieses Thema gespochen hat.

Deshalb habe ich mich voriges Wochenende mal hingesetzt, die Quellen zusammengesucht und eine Neuübersetzung der päpstlichen Presseantwort angefertigt, die ich nachfolgend gern hier einstellen möchte.

Natürlich ist so ein Interview keinerlei lehramtliche oder sonstwie verbindliche Aussage, sondern eine eher spontane Meinungsäußerung, und darf nicht überbewertet werden, gerade auch im Hinblick auf die später erfolgten offiziösen Verlautbarungen, die ihm in der Tendenz eher zu widersprechen scheinen. Trotzdem wird der Papst ja immer wieder nach diesem Interview zitiert, nicht nur in dieser 2. Aufl. der Freiburger Handreichung, sondern jetzt auch im Zshg. mit der Vorbereitung der Bischofssynode (die er in dem Interview auch schon angesprochen hat).

Gerade weil der Papst zur Frage des Sakramentenempfangs neu verbundener Geschiedener eigentlich „nichts Neues“ gesagt, aber „irgendwie doch“ neue Akzente gesetzt hat, kann eine ungekürzte, vollständig übersetzte Fassung der Antwort auf die Frage nach den Perspektiven für wvh. Geschiedene vllt. interessant sein, um auch Zwischentöne und Trends des päpstlichen Statements besser und genauer zu erfassen.
Zuletzt geändert von Jorge_ am Freitag 1. November 2013, 22:26, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Papst Franz I.: Bücher, Predigten, Aufsätze

Beitrag von Jorge_ »

Zu den Quellen:

Eine kath.net-Zsfg. des Papstinterviews im Flugzeug findet sich in dem Artikel http://www.kath.net/news/42246,
als Print-Version: http://www.kath.net/news/42246/print/yes.

Das ist der im Deutschen bislang am meisten verbreitete und auch in der Presse häufiger zitierte Text.

Die kath.net-Übersetzung beruht auf einer verkürzten italienischen Mitschrift, die vom Corriere della Sera veröffentlicht wurde:
http://www.corriere.it/cronache/13_lugl ... 6665.shtml

Hier eine leicht verbesserte Übersetzung der Antwort des Papstes auf die Wiederverheiratetenfrage (basierend auf dieser Corriere-Zsfg):
Das ist ein immer wiederkehrendes Thema. Ich glaube, dass dies die Zeit der Barmherzigkeit ist, dieser Epochenwechsel, in dem es so viele Probleme auch in der Kirche gibt, auch wegen der unguten Zeugnisse einiger Priester. Der Klerikalismus hat viele Wunden hinterlassen, und man muss hingehen und diese Wunden mit Barmherzigkeit heilen.
Die Kirche ist Mutter (eine „Mama“), und in der Kirche muss es Barmherzigkeit für alle geben. Und auf die Verletzten muss man nicht nur warten, sondern man muss sie suchen gehen. Ich glaube, dies ist die Zeit der Barmherzigkeit ist, wie es Johannes Paul II. vorausgeahnt hat, als er das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit einführte.
Die Geschiedenen können ja die Kommunion empfangen, es sind die Geschiedenen in einer neuen Verbindung, die das nicht können. Man muss dieses Thema im Gesamtkontext der Ehepastoral betrachten. In Klammern gesagt: Die Orthodoxen folgen zum Beispiel der Theologie der Oikonomia und erlauben eine zweite Verbindung. Wenn sich die Gruppe der acht Kardinäle versammelt, vom ersten bis dritten Oktober, da werden wir uns damit beschäftigen, wie es in der Ehepastoral weitergehen soll.
Wir sind unterwegs zu einer vertieften Ehepastoral. Mein Vorgänger in Buenos Aires, Kardinal Quarracino, sagte immer: ‚Für mich ist die Hälfte aller Ehen ungültig, weil sie heiraten, ohne zu wissen, dass es für immer ist, weil sie es wegen der gesellschaftlichen Konvention machen usw.’ Auch das Thema der Ehenichtigkeit muss untersucht werden.
Zu beachten ist, dass es sich hierbei (obwohl es so klingt) nicht um die wörtliche Wiedergabe der Papstantwort handelt, sondern um eine (inhaltlich durchaus korrekte) Mitschrift, etwa zu vgl. mit einer Vorlesungsmitschrift eines Hörers.
"El humor obscurece la verdad, endurece el corazón, y entorpece el entendimiento."

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