Seite 1 von 1

Revolution innerhalb der katholischen Kirche

Verfasst: Freitag 19. August 2011, 19:22
von civilisation
Eigentlich weiß ich nicht, warum ich diesen Strang eröffne. In vielen Bereichen dieses Forums finden nämlich Diskussionen statt, die auf eine Veränderung innerhalb der katholischen Kirche abzielen.

Nach Wikipedia heißt Revolution "Veränderung, plötzlicher Wandel, Neuerung“.

Man könnte jedoch anhand der Vorgänge in Österreich und auch mittlerweile in Deutschland meinen, daß es sich um meist gewaltsame Umsturzversuche handelt.

Durch den sogenannten "Dialogprozess" der DBK meinen die deutschen Funktionäre einen Veränderungsprozess einläuten zu können.

Insgesamt jedoch scheint es mittlerweile zu einem Prozess zu kommen, der auf die Vernichtung der bisherigen Strukturen hinausläuft.

Deshalb die Frage: Gibt es mittlerweile eine innerkirchliche Revolution?

In Deutschland? - Österreich schon lange? ... ... ...



PS. Sollte das Thema hier falsch angesiedelt sein, bitte löschen oder verschieben oder sonst was.


Der ratlose und besorgte
Civilisation

Re: Revolution innerhalb der katholischen Kirche

Verfasst: Freitag 19. August 2011, 20:16
von Bernado
Ich denke, der Begriff "Revolution" trifft es nicht, und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens, weil er doch sehr mit den weltlichek Kategorien von Macht und Herrschaft zusammenhängt, und zweitens, weil "Revolution" in diesem Machtspiel bedeutet, daß eine Gruppe, Partei oder Klasse, die vorher "unterdrückt" war, selbst an die Macht kommt.

So etwas hat es in der Kirche Deutschlands/Österreichs nicht gegeben, und so etwas zeichnet sich auch nicht ab. Die heute "Mächtigen" sind die legitimen und bruchlosen Erben derer, die 1950 "mächtig" waren, und die "Revolution" besteht nur darin, daß sicjh innerhalb der "herrschenden Klasse" die Gewichte verschieben. Wie man in Österreich, aber auch in Deutschland sieht, liegt die eigentliche "Macht", d.h. die Bestimmung der öffentlichen Rede und die Verfügung über die Gelder, bei den Apparaten, die schon immer diese Position hatten. Nur daß man die Bischöfe, die früher in diesen Apparaten eine (keineswegs uneingeschränkte) Spitzenstellung hatten, immer stärker als störende Fremdkörper empfindet und versucht, sie zu marginalisieren oder über den Rand hinaus zu schieben. Wobei viele gerne mitmachen - solange man ihnen Stab und Mitra läßt.

Ich denke bei solchen Entwicklungen immer an historische Entwicklungen im weltlichen Bereich, wie wir sie bei den Karolingern zwischen König und Hausmeier, im Orient bei Kalif und Großwesier, in Japan bei Tenno und Shogun hatten: Das sind keine Revolutionen, das sind nur Verschiebungen beim Führungspersonal, bei denen sich jüngere, zeitgemäßere Gruppen gegenüber den in alten Denkweisen und Ritualen erstarrten Monarchen durchsetzten - wobei sie diese Monarchen meistens als Schatten im Amt ließen, um von deren ritueller Autorität zu zehren.

Was mir neu zu sein scheint, ist, daß diese Machtspiele in einer total säkularisierten Umgebung notwendigerweise vom rituellen Zentrum und seinem Konservatismus wegtreiben. Der Papst und alles, wofür er steht, ist für die Memorandistas eben nicht mehr das Zentrum, vor dem man sich nominell verbeugt, um die eigene Machtposition zu stärken, und auch nicht die Krone, nach der man greift, um sie sich selbst aufzusetzen. Der Papst und jede Krone sind stattdessen eine Belastung, von der man sich befreien muß, wenn man in demokratistischer Übereinstimmung mit dem "Volkswillen" an der Spitze stehen will. (D. h. die Krone von Herrn Tänzler muß unsichtbar bleiben).

Und so wäre es dann doch eine Revolution im Sinn einer Umwertung aller Werte; es wäre der spektakuläre Übertritt eines großen Teils des kirchlichen Personals mit vielen in die Irre geführten des Glaubens entwöhnten "Neugläubigen" auf die Seite der Gottlosigkeit, die nur noch den Menschen und seinen Willen als Maßstab anerkennt - was eine diffuse "Gottgläubigkeit" unseligen Angedenkens nicht ausschließt und unverbindlich die Erwartung der Menschen befriedigt, die "rites de passage" mit ein wenig Nicht-Alltäglichkeit zu dekorieren.

Ich denke, daß diese Bewegung gegenwärtig ein solches momentum entwickelt, hat auch etwas damit zu tun, daß man nicht erst seit Papst Benedikt wahrnimmt, daß in der Kirche Gegenströmungen wieder zunehmen. Den ganzen Verein umzusteuern mit einer Präsidialen Päpstin, die sich von einer Generalsynode wählen und abwählen läßt - das kann wohl niemand mehr hoffen. Also geht man den Weg, den vorher schon so viele andere gegangen sind: Nicht Revolution, sondern Spaltung.

Re: Revolution innerhalb der katholischen Kirche

Verfasst: Samstag 20. August 2011, 10:44
von kabelkeber
Eigentlich wird dieses Thema, wie schon erwähnt, auch in anderen Strängen diskutiert.
Aber ich denke, daß hängt mit der Aktualität zusammen.

Wenn man sich die Kirchengeschichte anschaut, gab es quasi im 500-Jahrestakt größere Schismen.
Athanasius-Arius (nicht ganz 500, eher 350, aber so genau wollen wir es nicht nehmen, Arius wirkt ja bis heute)
Ost-West
Rom-Luther

Die heftigsten theologischen Folgen hatte die Reformation.
Und vieles, was heute von seiten der "Reformer" gefordert wird, ist genuin reformatorischen Ursprungs.
Es wäre also ein Leichtes, diese Damen und Herren einer evangelischen Denomination einzugliedern, um ihre Wünsche zu erfüllen.
Aber das wollen sie ja nicht, so wollen die katholische Kirche demontieren. Ihr Gesicht ändern, ihr Wesen, ihre Struktur.

Der größte Fehler nach und während des letzten Konzils war nicht die Liturgiereform, auch nicht irgendwelche halbhäretischen Dekrete und
Pamphlete, sondern der Ökumenkurs, der der Beliebigkeit Raum gibt.
Es gibt nur eine Wahrheit. Jeder Philosoph wird dem zustimmen.
Auch für die Revoluzzer in Kirchenämtern gibt es eine Wahrheit,....ihre eigene. Und die muß isntalliert werden.
Solang es Menschen gibt, kann man zwei sich streitende Lager ausmachen. Eines davon regiert bzw. hat die Oberhand, das andere behauptet das Gegenteil und fordert Reformen und Änderungen. Das ist natürlich.
Man darf aber nicht vergessen, daß es bei der Kirche nicht um beliebig austauschbare Positionen geht, sondern um göttliche Wahrheiten.
Und da frage ich mich manchmal, ob das genügend beachtet wird?
Egal wie und wann, auch jetzt beim Fall Schüller, man sieht Arroganz, Egozentrismus und Rechthaberei an allen Ecken.

Ich hatte zuletzt einen Disput wegen Luther.
Am Ende war man sich einig, daß die Mißstände zwar mit zu Luther beigetragen haben. Er aber selbst am Ende seines Lebens kein Vorbild war und statt Demut voller Stolz und Ablehnung der Kirche gegenübertrat.
Ein Franziskus, der mehrmals um Erlaubnis für seinen Orden ansuchen mußte, war demütig und wurde ein Heiliger mit Reformwirkung.

Die Kirche muß lernen zu kämpfen und zu bekämpfen (im nicht-militaristischen Sinne...)
Das Trienter Konzil und die Gegenreformation haben der Kirche damals zu einer Stärkung ungewohnten Ausmaßes verholfen.
Vielleicht braucht es eine weltweite Katastrophe, damit die Köpfe wieder klar und denkfähig werden.
Wir sollten beten für die Bischöfe, egal wie oft wir hier über sie schimpfen. Aber mit Gebet verrichten wir mehr.
Gott will ja auch sehen, daß uns was an "seinem Laden" liegt.