Pythagoreische Stimmung

Von Orgelpfeifen, Zimbelspielern und Kantoren.
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Volmar
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Pythagoreische Stimmung

Beitrag von Volmar » Montag 18. Februar 2019, 02:25

Die pythagoreische Stimmung war im Mittelalter die allgemein gültige und verwendete Stimmung. Sie ist für Vokalisten ideal. Die Frequenzverhältnisse aller Intervalle stellen rationale Zahlen, also Brüche ganzer Zahlen, dar. Es wird ein sauberes Intonieren der folgend genannten Intervalle nach Gehör ohne instrumentelle Hilfe und ein Erarbeiten der entsprechenden pythagoreischen Tonleiter ermöglicht. So beträgt das Frequenzverhältnis der Oktave 2/1, das der Quinte 3/2, das der Quarte 4/3 und das der Sekunde 9/8.

(Tasten-)Instrumente sind dagegen seit 2 Jahrhunderten in gleichstufiger Stimmung gestimmt, um in mehr als 2 bis 3 Tonarten gespielt werden zu können. Die Frequenzverhältnisse der Intervalle stellen irrationale Zahlen, nämlich logarithmische Proportionen, dar. Für Vokalisten ist es ohne instrumentelle Unterstützung oder professionelle Ausbildung kaum möglich, diese Intervalle sauber zu intonieren.

Die Dominierung der Kirchenmusik durch Instrumentalisten (Organisten) hat dazu beigetragen, dass selbst Gregorianik-Fachleuten die eigentliche Stimmung der Gregorianik allenfalls aus der Erinnerung an musikhistorische oder -theoretische Seminare aus dem Studium bekannt ist. Umgekehrt ist Sängern ein Zugang zur (lediglich gleichstufigen) Gregorianik nur noch über das Nachsingen vorgespielter Melodien möglich - jene Methode, von der der Nestor der mittelalterlichen Musikpädagogik, Guido von Arezzo, dringend abgeraten hat.
Schlimmer ist, dass damit die Gregorianik als ursprüngliche und auch nach Vaticanum II eigentliche musikalische Form der gewöhnlichen Liturgie zu einer Musik der professionellen Musiker und kirchlichen Events, ja geradezu fremd und elitär geworden ist.

Meiner Erfahrung nach erleichtert es die - eigentlich recht simple - Erlernung der pythagoreischen Stimmung dem nichtprofessionellen Sänger ungemein, sich gregoriansche Melodien ohne Instrument zu erarbeiten.
Ave Maria Kecharitoméne, dominus tecum, benedicta tu in mulieribus et benedictus fructus ventris tui, Jesus. Sancta Maria, Theotókos, ora pro nobis peccatoribus, nunc et in hora mortis nostrae. Amen.
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Protasius
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Re: Pythagoreische Stimmung

Beitrag von Protasius » Montag 18. Februar 2019, 08:36

Ich spiele regelmäßig auf einer Orgel, die größtenteils aus dem Jahre 1714 stammt und modifiziert mitteltönig gestimmt ist. Auch damit ist es problemlos möglich mehr als 2–3 Tonarten zu spielen (von B-Dur bis A-Dur im Uhrzeigersinn durch den Quintenzirkel geht alles, das sind 6 Tonleitern). Die pythagoräische Stimmung ist selbst auch nicht sauber, denn da sie auf reinen Quinten basiert, sind große Terzen Dissonanzen statt des reinen Intervalls 3:4.

Nach meiner Ansicht können Laiensänger heutzutage oftmals keine Noten lesen, weil es ihnen niemand beibringt. Die Gehörbildung im Laienchor (bspw. durch die von Guido von Arezzo empfohlene Solmisation) ist nach meiner Ansicht dabei entscheidender als die Intonation; und die pythagoräische Stimmung ist aufgrund der Tatsache, daß nur Quinten und Oktaven rein sind, für sämtliche Mehrstimmigkeit (die nach Sacrosanctum Concilium ebenfalls einen Schatz der Kirchenmusik darstellt, der gepflegt werden soll) ungeeignet.
Der so genannte ‚Geist’ des Konzils ist keine autoritative Interpretation. Er ist ein Geist oder Dämon, der exorziert werden muss, wenn wir mit der Arbeit des Herrn weiter machen wollen. – Ralph Walker Nickless, Bischof von Sioux City, Iowa, 2009

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