Neuprotestantische Kulturreligion
Neuprotestantische Kulturreligion
Hierzu der Beitrag des früheren Bischofs von Göteburg, Bo Giertz.
Im Jahre 1817, also zum 300-jährigen Reformationsjubiläum, verfasste der ev.-luth. Pastor Claus Harms seine 95 Thesen. Während Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel richtete, bezogen sich die Thesen Harms auf die neuprotestantische Kultur- und Vernunftsreligion seiner Zeit. Auch wenn diese fast 200 Jahre alt sind, so wird man beim Lesen feststellen, dass die meisten immer noch hoch aktuell sind.
Eine Auswahl:
Eine Auswahl:
These 1: Wenn unser Meister und Herr Jesus Christus spricht: „Thut Buße!“ so will er, daß die Menschen sich nach seiner Lehre formen sollen; er formt aber die Lehre nicht nach den Menschen, wie man jetzt thut, dem veränderten Zeitgeist gemäß. 2. Tim. 4,3
These 3: Mit der Idee einer fortschreitenden Reformation, so wie man diese Idee gefasset hat und vermeintlich an sie gemahnet wird, reformiert man das Lutherthum ins Heidenthum hinein und das Christenthum aus der Welt hinaus.
These 11: Das Gewissen kann nicht Sünden vergeben, mit anderen Worten, dasselbe: Niemand kann sich selbst Sünden vergeben. Die Vergebung ist Gottes.
These 24: „Zwey Ort, o Mensch, hast du vor dir“, hieß es im alten Gesangbuch. In neuern Zeiten hat man den Teufel todtgeschlagen und die Hölle zugedämmt.
These 27: Nach dem alten Glauben hat Gott den Menschen erschaffen; nach dem neuen Glauben erschafft der Mensch Gott, und wenn er ihn fertig hat, spricht er: Hoja! Jes 44,12-20.
These 32: Die sogenannte Vernunftreligion ist entweder von Vernunft oder von Religion oder von beydem entblößt.
These 55: Die Bibel mit solchen Glossen ediren, / die das ursprüngliche Wort emendiren, / heißt: den heiligen Geist corrigiren, / die Kirche spoliren, / und die dran glauben, zum Teufel führen.
These 71: Die Vernunft geht rasen in der lutherischen Kirche: reißt Christum vom Altar, schmeißt Gottes Wort von der Kanzel, wirft Koth ins Taufwasser, mischt allerley Leute beim Gevatterstand, wischt die Anschrift des Beichtstuhls weg, zischt die Priester hinaus, und alles Volk ihnen nach, und hat das schon so lange gethan. Noch bindet man sie nicht? Das soll vielmehr ächtlutherisch und nicht carlstadisch sein!
These 75: Als eine arme Magd möchte man die lutherische Kirche jetzt durch eine Copulation reich machen. Vollziehet den Akt ja nicht über Luthers Gebein! Er wird lebendig davon und dann - Weh euch!
These 77/78: Sagen, die Zeit habe die Scheidewand zwischen Lutheranern und Reformirten aufgehoben, ist keine reine Sprache. ... (78) War auf dem Colloquio zu Marburg 1529 Christi Leib und Blut im Brodt und Wein, so ist es noch 1817.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Claus_Harms
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Re: Neuprotestantische Kulturreligion
Ein schöner Beitrag! Da fällt mir ein, dass ich noch ein ungelesenes Buch von Bo Giertz bei mir im Regal stehen habe.Marcus hat geschrieben:Hierzu der Beitrag des früheren Bischofs von Göteburg, Bo Giertz.
Da streiten sich Huber und Ratzinger darüber, wie das Verhältnis von Vernunft und Christentum genau aussieht - und Luthers wahre Aussage, dass die Vernunft eine Hure ist, scheint vergessen zu sein...
"Ta nwi takashi a huga bakashi. Ta nwi takashi maluka batuka"
Was meinst du damit?
Ist es etwa unsinnig, Vernunft und Glaube in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen?
Wieso hat Luther recht?
Nur weil die Vernunft jedem zur Verfügung steht (also "hurt"[Punkt]), kann man sie nicht zur Wahrheitsfindung nutzen?
Tolles Schlagwort - aber ist es deshalb wahr, weil es von Luther ist?
Ist es etwa unsinnig, Vernunft und Glaube in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen?
Wieso hat Luther recht?
Nur weil die Vernunft jedem zur Verfügung steht (also "hurt"[Punkt]), kann man sie nicht zur Wahrheitsfindung nutzen?
Tolles Schlagwort - aber ist es deshalb wahr, weil es von Luther ist?
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Ich glaube, dass das nicht geht. Jeder Versuch scheint mir künstlich und erzwungen. Ich werde demnächst Wolfgang Hubers neues Buch lesen, aber ich glaube nicht, dass er mich überzeugen wird.Clemens hat geschrieben:Ist es etwa unsinnig, Vernunft und Glaube in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen?
"Ta nwi takashi a huga bakashi. Ta nwi takashi maluka batuka"
ja, es gibt schon schöne neuprotestantische wunschträume - ich hab hier ein beispiel aus der norelbischen religionsgemeinschaft. eine "pröpstin" beschreibt ihren wunschtraum von kirche:
"Ich träume von einer Kirche, die es schafft, für Kinder von Geburt an eine Lebensmöglichkeit in der Gemeinschaft zu entwickeln, die aus ihnen stabile und lebensfrohe Menschen macht. Die ihnen hilft, ihre Gaben und Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn uns Menschen als die Institution wahrnehmen, der es gelingt, menschliche Werte in den Mittelpunkt zu stellen, die für die Gemeinschaft wichtig sind, dann sind sie auch bereit, uns dabei zu helfen."
das ist ja alles nichts schlechtes, aber es fehlt doch einiges. eine politische partei oder bürgervereinigung würde es nicht anders sagen. es ist beachtlich, daß diese dame wörter wie "gott", "seelenheil" oder "glauben" wohl für derartig unwichtig hält, daß sie sie in ihrem ganzen interview gar nicht erst verwendet. ich frage mich, inwieweit diese religionsgemeinschaft etwas mit kirche im eigentlichen sinne überhaupt noch zu tun hat. es ist traurig!
"Ich träume von einer Kirche, die es schafft, für Kinder von Geburt an eine Lebensmöglichkeit in der Gemeinschaft zu entwickeln, die aus ihnen stabile und lebensfrohe Menschen macht. Die ihnen hilft, ihre Gaben und Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn uns Menschen als die Institution wahrnehmen, der es gelingt, menschliche Werte in den Mittelpunkt zu stellen, die für die Gemeinschaft wichtig sind, dann sind sie auch bereit, uns dabei zu helfen."
das ist ja alles nichts schlechtes, aber es fehlt doch einiges. eine politische partei oder bürgervereinigung würde es nicht anders sagen. es ist beachtlich, daß diese dame wörter wie "gott", "seelenheil" oder "glauben" wohl für derartig unwichtig hält, daß sie sie in ihrem ganzen interview gar nicht erst verwendet. ich frage mich, inwieweit diese religionsgemeinschaft etwas mit kirche im eigentlichen sinne überhaupt noch zu tun hat. es ist traurig!
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So schlimm finde ich das Interview gar nicht. Das Wort "Gott" kommt übrigens sogar drin vor
. Für einen Kirchenvertreter, der einer nicht-christlichen Zeitung ein Interview gibt, finde ich die Ausdrucksweise auch in Ordnung. Das Problem ist nur, dass diese Sprache oft auch kirchenintern verwendet wird. Dann fehlt natürlich etwas.
"Ta nwi takashi a huga bakashi. Ta nwi takashi maluka batuka"
Kling irgendwie nach Parteiprogramm, nur kann ich mich nicht auf rot, grün oder dunkelrot festlegen. Es würde da nämlich überall passen.tanatos hat geschrieben:
"Ich träume von einer Kirche, die es schafft, für Kinder von Geburt an eine Lebensmöglichkeit in der Gemeinschaft zu entwickeln, die aus ihnen stabile und lebensfrohe Menschen macht. Die ihnen hilft, ihre Gaben und Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn uns Menschen als die Institution wahrnehmen, der es gelingt, menschliche Werte in den Mittelpunkt zu stellen, die für die Gemeinschaft wichtig sind, dann sind sie auch bereit, uns dabei zu helfen."
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Na, die Gelben und Schwarzen pfeifen doch auch nicht auf die Erziehung Ihrer Kinder zu gesellschaftlicher Verantwortung.
In dem Zitat steckt eigentlich auch viel Wahrheit. Warum war es "gut bürgerlichen" Familien denn wichtig, ihren Kindern eine kirchliche Erziehung zukommen zu lassen? Bestimmt nicht (nur), damit sie den Katechismus lernen. Von einem braven christlichen Kind hat man auch immer erwartet, dass es sich gut benimmt und ein guter Staatsbürger ist. Nichts anderes drückt die Pröpstin hier doch aus.
In dem Zitat steckt eigentlich auch viel Wahrheit. Warum war es "gut bürgerlichen" Familien denn wichtig, ihren Kindern eine kirchliche Erziehung zukommen zu lassen? Bestimmt nicht (nur), damit sie den Katechismus lernen. Von einem braven christlichen Kind hat man auch immer erwartet, dass es sich gut benimmt und ein guter Staatsbürger ist. Nichts anderes drückt die Pröpstin hier doch aus.
"Ta nwi takashi a huga bakashi. Ta nwi takashi maluka batuka"