Wie man evangelisch wird

Rund um Anglikanertum, Protestantismus und Freikirchenwesen.
AndyWB

Wie man evangelisch wird

Beitrag von AndyWB »

Dieser Thread wurde nicht von Andy WB eröffnet. Er ist aus "Erstkommunion ohne Kenntnis des apost. Glaubensbekenntnisses" abgesplittet. Cicero
Ralf hat geschrieben:Jürgen, ich war damals froh, dass ich das Vaterunser konnte. Man muss auch nicht übertreiben. Ich wäre wiederum heute froh, wenn zumindest die Firmlinge das Apostolikum könnten.
Am Wenigsten braucht man wohl zu wissen und zu können, wenn man als Erwachsener in die Kirche eintreten will - und vielleicht noch nicht mal getauft ist.

Ich hab jetzt mal (angeregt durch das Lesen hier) ein bisschen auf der Seite meiner Kirchenprovinz nachgesehen und finde das insgesamt doch etwas bedenklich, also das muss ich schon sagen:

Zur Taufe:
Getauft müssen Sie sein, um Mitglied in der evangelischen Kirche zu werden. Vor Ihrer Taufe wird Ihnen Ihre Pfarrerin, Ihr Pfarrer alles Wichtige erzählen: vom Glauben an Jesus Christus, der christlichen Religion und der evangelischen Kirche. Denn schließlich sollen Sie ja wissen, wo Sie Mitglied werden. – Dauer? Ein Abend, vielleicht auch zwei oder drei, bei einem Glas Wein bei der Pfarrerin, dem Pfarrer.
"Ein Abend, vielleicht auch zwei" und da soll derjenige dann "alles Wichtige vom Glauben an Jesus Christus" erfahren? - Also ich weiß ja nicht....

Zum Kircheneintritt:
Keine Angst, so ein Gespräch ist keine Glaubensprüfung. Das Aufnahmegespräch soll beraten und informieren. Ihre Fragen stehen im Mittelpunkt. Sie können offen über Ihre Erfahrungen mit Kirche sprechen, Frust abladen, sich Rat in Glaubensdingen holen, sich über Ihre Ortsgemeinde erkundigen und und und...

Das Gespräch war gut, alle Fragen sind geklärt - Sie wollen Mitglied werden! Dann müssen Sie nur noch einen Aufnahmeantrag schreiben. Den senden Sie an den Gemeindekirchenrat Ihrer neuen Gemeinde. Sie bekommen dann eine Einladung zu einem Gottesdienst mit Abendmahl. Die Feier des Abendmahls ist der krönende Abschluss Ihrer Aufnahme in die evangelische Kirche.
http://www.kirchenprovinz.de/42663.htm

Also das geht ja noch, insofern es sich nur um das Aufnahmeverfahren selbst handelt, aber Formulierungen wie "ist keine Glaubensprüfung", das hätte man sich lieber sparen sollen, auch wenn die Aussage an sich ja nicht wirklich falsch ist.

So wie das da steht, bekommt man nämlich den Eindruck, Du kannst Samstagabend zum Pfarrer auf ein Glas Wein gehen, dich Sonntag taufen lassen und Montag in der Kirchgemeinde Mitglied werden.

Also *so* einfach gehts ja nun wieder nicht, auch nicht in der evangelischen Kirche. Es wird in 99 Prozent aller Fälle von Erwachsenentaufe und Eintritt bei uns im Kirchenkreis schon erwartet, das derjenige vorher einige Wochen an den Gottesdiensten und den Gemeindeversammlungen teilnimmt und auch ein gewisses Grundwissen mitbringt.

Gruß,
Andreas.

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

Nachtrag:

Ich habe übrigens diesbezüglich jetzt auch eine Mail an die Verantwortlichen geschrieben und vorgeschlagen den Satz "Kircheneintritt ist kein großer Akt." (Das ist er nämlich sehr wohl!) wegzulassen, da er an dieser Stelle mißverständlich und unpassend ist.

Außerdem habe ich noch angeregt den Tonfall insgesamt und einige Formulierungen (wie den Wein beim Pfarrer) noch mal zu überprüfen und ggf. zu ändern.

Auch sollte unbedingt mit erwähnt werden, daß fast alle Pfarrer bei einer Erwachsenentaufe (nicht bei einem einfachen Gemeindewechsel z.B. wegen Umzugs) in der Praxis schon ein *etwas* längeres Kennenlernen, als nur ein oder zwei Abende anstreben.

Ich sehe ja ein, das man auf der Seite keine unötigen Barrieren vor dem Kircheneintritt aufbauen wollte, aber so kann mans nun auch nicht machen.

Andreas.

max72
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Beitrag von max72 »

AndyWB hat geschrieben: Also *so* einfach gehts ja nun wieder nicht, auch nicht in der evangelischen Kirche. Es wird in 99 Prozent aller Fälle von Erwachsenentaufe und Eintritt bei uns im Kirchenkreis schon erwartet, das derjenige vorher einige Wochen an den Gottesdiensten und den Gemeindeversammlungen teilnimmt und auch ein gewisses Grundwissen mitbringt.
Na ja, einige Wochen ist ja auch nicht unbedingt viel. Man muss ja sehen, ob es nicht nur ein "strohfeuer" ist, von dem nachher nichts uebrig bleibt.

Aber es ist seltsam: Von einem Konvertiten erwartet man, dass er sein Interesse beweist. Dem, der von Geburt an in der Kirche ist und gelangweilt in die Kirche geht, wenn ueberhaupt, von dem erwartet man kein Zeichen seines ernsthaften Interesses...

Gruesse

Max

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

max72 hat geschrieben:Aber es ist seltsam: Von einem Konvertiten erwartet man, dass er sein Interesse beweist. Dem, der von Geburt an in der Kirche ist und gelangweilt in die Kirche geht, wenn ueberhaupt, von dem erwartet man kein Zeichen seines ernsthaften Interesses...
Also das halte ich nun wieder für legitim, wenn man von einem Erwachsenen, der *freiwillig* (!) und auf *eigenen Wunsch*, für sich selber entschieden hat einer Kirche anzugehören, auch etwas mehr erwartet, als von jemandem, der die Taufe de Facto wie einen Leberfleck als Baby mitbekommen hat und den sie vielleicht nicht die Bohne interessiert oder jemals interessiert hat.

Wo siehst Du da das Problem?

Gruß,

max72
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Beitrag von max72 »

AndyWB hat geschrieben:
Wo siehst Du da das Problem?

Gruß,
Na ja, nicht Problem, aber seltsam, dass man einem Interessenten vielleicht abweist, weil man sieht, dass er die noetige Ernsthaftigkeit mangelt, waehrend viele Kirchgaenger in derselbene Gemeinde nochj weniger Interesse am Glauben haben.

Man erwartet von einem, der Mitglied werden will, mehr als von denen, die schon Mitglied sind manchmal...

Gruss

Max

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

max72 hat geschrieben:Man erwartet von einem, der Mitglied werden will, mehr als von denen, die schon Mitglied sind manchmal...
Das kann ich aus eigenem Erleben bestätigen aber ich fand es eigentlich nicht schlimm, sondern normal.

Gruß,
Andreas.

max72
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Beitrag von max72 »

AndyWB hat geschrieben:
max72 hat geschrieben:Man erwartet von einem, der Mitglied werden will, mehr als von denen, die schon Mitglied sind manchmal...
Das kann ich aus eigenem Erleben bestätigen aber ich fand es eigentlich nicht schlimm, sondern normal.

Gruß,
Andreas.
War auch nur so ein Gedanke oder Beobachtung, ohne das jetzt beurteilen zu wollen.

Einer, der wirklich Kommunion empfangen will, es ihm etwas bedeutet, waehrend so viele andere gelangweilt und ohne Ueberzeugung zur kommunion gehen...

Gruss

Max

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

Mir ist gerade erst aufgefallen, das irgendjemand (eventuell auch nachträglich) das Wort Kirche in der Threadüberschrift in Anführungsstriche gesetzt hat.

Ich finde solche Mätzchen billig und übel.

Andreas.

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

Wer immer sich jetzt auch erbarmt hat, dies wieder zu ändern: Vielen Dank!

Gruß,
Andreas.

Stefan

Beitrag von Stefan »

Darf ich dem Luther dafür auch einen Bart ankleben 8)

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

Stefan hat geschrieben:Darf ich dem Luther dafür auch einen Bart ankleben 8)
Lieber nicht.... 8)

Gruß,
Andreas.

max72
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Beitrag von max72 »

AndyWB hat geschrieben:Wer immer sich jetzt auch erbarmt hat, dies wieder zu ändern: Vielen Dank!

Gruß,
Andreas.
Zu Deiner Signatur: Mir scheint, wenn ich das sagen darf, dass Luther suendhafte Leute macht. Bei den Protestanten in Norwegen (Lutheraner) kann man immer noch hoeren, dass der Mensch von Grund auf schlecht ist (sagte ein Pfarrer in der Radiomorgenandacht letztens). Nichtchristen sagen mir das immer wieder, dass die Christen ein so schlechtes Menschenbild haben, von Grund auf schlecht, und ich muss immer wieder erklaeren, dass der Mensch im Kern gut ist. Zumindest katholische Sicht.

In den USA heisst es bei den Protestanten "amazing grace how sweet it is to save a wretch like me", die katholische Version ist "... to save and set me free"....

Gruss

Max

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

max72 hat geschrieben:Zu Deiner Signatur: Mir scheint, wenn ich das sagen darf, dass Luther suendhafte Leute macht.
Hier darf man über Protestanten alles sagen, wie ich schon feststellen mußte... :cry:

Ich bin in der Hinsicht mittlerweile einiges gewöhnt, nur das jemand vorher fragt ist neu. ;)
Bei den Protestanten in Norwegen (Lutheraner) kann man immer noch hoeren, dass der Mensch von Grund auf schlecht ist (sagte ein Pfarrer in der Radiomorgenandacht letztens). Nichtchristen sagen mir das immer wieder, dass die Christen ein so schlechtes Menschenbild haben, von Grund auf schlecht, und ich muss immer wieder erklaeren, dass der Mensch im Kern gut ist. Zumindest katholische Sicht..
Aus meiner Sicht (und der vieler anderer, die ich kenne) ist er das auch (gut). "Die meisten Menschen sind im Wesen gut..." Auch wenn das nicht von Luther ist, so stimmts doch trotzdem, wenn man auch die Einschränkungen nicht unterschätzen sollte.

Und jetzt mal ehrlich: Was geht mich an, was irgendein Pfarrer in Norwegen, hinter den 7 Eisbergen für Auffassungen hat und den Menschen erzählt? - Fühlst Du dich denn für etwas verantwortlich, was irgendein Mönch in irgendeinem Orden, meinetwegen dem Opus Dei in der Außenstelle Mexiko, für Auffassungen hat?

Ich vermute doch mal eher nicht.
In den USA heisst es bei den Protestanten "amazing grace how sweet it is to save a wretch like me", die katholische Version ist "... to save and set me free"....
In den USA sind die Protestanten teils aus historischen, teils aus anderen Gründen, etwas konservativer als wir hier in Europa, das stimmt schon. - Für die Katholiken in den USA gilt das allerdings genauso.

Trotzdem sind wir alle Protestanten und eine große Familie - in der es natürlich manchmal auch ziemlich turbulent zugeht.

Deshalb halte ich es auch für unangebracht meinen Brüdern und Schwestern, die sich seit ein paar hundert Jahren drüben ihre eigene Wohnung eingerichtet haben, die Hausordnung von Mama und Papa aufs Auge zu drücken.

Sie sind eben wie sie sind.

Gruß,
Andreas.

max72
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Beitrag von max72 »

AndyWB hat geschrieben:
Aus meiner Sicht (und der vieler anderer, die ich kenne) ist er das auch (gut). "Die meisten Menschen sind im Wesen gut..." Auch wenn das nicht von Luther ist, so stimmts doch trotzdem, wenn man auch die Einschränkungen nicht unterschätzen sollte.
Hmm, also das haben mir Leute anhand Luther's Aussagen so gesagt. Muss mal schauen ob ich das noch wo finde... Der katholsiche Priester in den USA den ich kannte ( und der war sehr liberal) meinte das sei einer der ersten Saetze in irgendeinem protestantischem Katechismus gewesen.

Ich dachte, das sei lutheranisch, weil in den USA und Norwegen mir das halt die Leute so gesagt haben...

Aber ich lass mich gern belehren. Nur warum sagen die Protestanten hier dann, der Mensch sei von Grund auf schlecht?

Max

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

max72 hat geschrieben:Aber ich lass mich gern belehren. Nur warum sagen die Protestanten hier dann, der Mensch sei von Grund auf schlecht?
Weil das ja meine persönliche Auffassung ist und das Zitat ist auch nicht von Luther, wie ich ja schon geschrieben hatte.

Selbstverständlich sind wir auch alle Sünder, aber deshalb nicht gleich abgrundtief schlecht.

Aber wie gesagt, das ist meine persönliche Interpretation und allenfalls noch die vorherschende Meinung in unserer Gemeinde. - Nur das da ja keine Mißverständnisse aufkommen.

Allgemein will ich mal vorsichtig folgendes sagen:

Zumindest was DE betrifft, scheint es mir doch in manchen sekundären Bereichen eine etwas freiere Auslegung von Luther zu geben. Und Luther ist für uns vieles aber eines ganz bestimmt nicht: Ein unfehlbarer Gott.

Und genau deshalb gehen wir eben im Zweifelsfalle immer nach der Bibel, das dürfte doch wohl klar sein. - Und jetzt kommt der Punkt:

In den Staaten, nimmt man die Bibel in vielen Bereichen meines Erachtens zu wörtlich und dieses Bibelverständnis haben wir so nicht:

Landesbischoff Friedrich aus Bayern, hat das auf der Synode 2003 mal so auf den Punkt gebracht:
Das lutherische Schriftprinzip huldigt nicht dem Buchstaben, sondern der Sache der Bibel. Und das ist, was die Rechtfertigungslehre auf den Punkt bringt. Wäre es anders, dann müsste auch das Weib in der Gemeinde schweigen – und das würde nicht nur für Pfarrer und Synodale gelten.
In den USA sieht man das leider Gottes etwas enger und findet solche Auffassungen einfach unmöglich. Ich kenne diese Ansichten allerdings nur aus zweiter Hand, habe aber schon oft genug das Gleiche gehört, auch von einem Freund, der mal ein Jahr drüben gelebt hat.

Man lehnt sich dort wesentlich enger an das Wort der Bibel an - naja und das gibt natürlich öfter mal Differenzen, zumal einige drüben sowieso der Meinung sind, das wir in Europa schon so tief gesunken wären, so das wir eigentlich eine Neuevangelisierung nötig hätten. :mrgreen:

Chick versucht sich da seit einiger Zeit, allerdings mit äußerst geringem Erfolg - das importierte Zeug aus den USA stößt hier auf keine Gegenliebe. :)

http://www.chick-gospel.de/html/index.htm

Gruß,
Andreas.

AndyWB

Beitrag von AndyWB »

max72 hat geschrieben:Der katholsiche Priester in den USA den ich kannte ( und der war sehr liberal) meinte das sei einer der ersten Saetze in irgendeinem protestantischem Katechismus gewesen.
Könnte übrigens der Heidelberger Katechismus von 1563 gewesen sein, der fängt so in etwa an. (Erster Teil: "Von des Menschen Elend")

Gruß,
Andreas.

Kreuzritter
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Registriert: Freitag 14. September 2007, 12:17

Beitrag von Kreuzritter »

In einer "Trotzphase", damals war ich 16 oder 17, wollte ich umbedingt zur evangelischen Kirche. Dann hab ich es doch sein gelassen, und viel mehr Gemeinschaften kennengelernt.
Aus der heutigen Sicht, würde ich nicht Protestant werden, wenn es meine Entscheidung wäre.

Werde doch besser Altkatholik oder Anglikaner, vielleicht sogar Ortodoxer................

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