Ein evangelischer Erzbischof für Deutschland?

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Lutheraner
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Registriert: Donnerstag 9. November 2006, 10:50

Re: Ein evangelischer Erzbischof für Deutschland?

Beitrag von Lutheraner »

Bischof hat geschrieben:Konnten Sie Sasse, das Ende der Lutherischen Landeskirchen, schon lesen?
Hallo Bischof,

"In statu confessionis" lag gestern bei mir im Briefkasten und ich habe den Aufsatz auch gleich gelesen. Er hat mir sehr gut gefallen (und damit das Interesse geweckt auch den Rest des Buches zu lesen). Sasses Kritik an der "Unwahrhaftigkeit" der EKD, die sich damals als "Bund" bezeichnete, jedoch schon im Namen den Begriff "Kirche" trug, stimme ich voll und ganz zu. Ebenso, dass innerhalb der EKD aufgrund der theologischen Vielfalt kaum noch eindeutig zu sagen ist, was richtig und was falsch ist. Etwas verwunderlich fand ich Sasses Behauptung, dass man innerhalb der EKD auch "methodistisch (wie in Württemberg), baptistisch (wie in der Schule Barths)" sei (S. 304). Die Württemberger sind zwar stark von Zwingli, Rationalismus und Pietismus beeinflusst, aber für mich ist nicht nachvollziehbar, wie man die dortige Form des Protestantismus als "methodistisch" bezeichnen kann. Auch Karl Barth würde ich nicht als Baptisten bezeichnen. Baptisten sind für mich Wiedertäufer.
Wichtig finde ich auch, dass Sasse auf die Ursachen der Bekenntnisrelativierung der evang.-luth. Landeskirchen durch ihren Beitritt zur EKD eingeht. Oft wird ja von konservativer Seite (meist zu Recht) gegen Glaubensverlust und "Modernismus" gewettert, aber auf die eigentlichen Ursachen davon (und einer etwaigen Mitschuld - das übrigens auch im Zusammenhang mit der "Machtübernahme" durch die 68-er) wird kaum eingegangen. Daher finde ich gut, dass Sasse ehrlich darauf hinweist, dass die evang.-luth. Landeskirchen ihr eigenes Bekenntnis offensichtlich auch selbst relativieren wollten, sonst hätten sie kaum freiwillig der EKD beitreten können. Es hat ihnen also "an Glauben gefehlt" und sie haben "nicht mehr die Kraft zum Bekennen gehabt" (S. 306). Sasse meint ja auch, dass man schon seinerzeit diejenigen, "die heute noch die Konkordienformel ernst nehmen, Talmudisten und Rabbinisten, wie man sie im bayerischen Kirchenregiment nennt."
Sasse weist interessanterweise auch darauf hin, dass 98% der Flüchtlinge aus dem Osten im lutherischen Katechismus erzogen worden waren (S. 306). In der Tat wurden die Flüchtlinge oft als Grund angeführt, weshalb man in Deutschland ohne Konversion zwischen reformiert, lutherisch und "uniert" seiner jeweiligen Ortsgemeinde beitreten können müsse. "Uniert" als "Bekenntnisstand" wird es damals noch kaum gegeben haben, ich vermute, dass vor dem 2. Weltkrieg auch in den unierten Landeskirchen die meisten Gemeinden noch einen eindeutigen Bekenntnisstand hatten.

Aus heutiger Sicht muß man anerkennen, dass es insgesamt trauriger weise eine richtige Einschätzung war, die Sasse vor 60 Jahren abgab.
"Ta nwi takashi a huga bakashi. Ta nwi takashi maluka batuka"

Bischof
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Re: Ein evangelischer Erzbischof für Deutschland?

Beitrag von Bischof »

Lieber Lutheraner,
schön das Sie das Buch erhalten haben und den Aufsatz auch lesen konnten. Leider bin ich - gerade in dieser Woche - beruflich stark eingebunden, so dass ich mich nur kurz äußern kann.

Sasse ist polemisch - gerade gegenüber der EKD. Er zählt die Missstände auf. Zum reformierten Theologen Karl Barth muss man wissen, dass er die Säuglingstaufe nicht befürwortete und er innerhalb der EKD bis heute als Lehrer Kirche angesehen wird.

Empfehlen möchte ich Ihnen auch seinen Aufsatz im selben Buch: Über die Freiheit der Kirche. Etwas ganz anderes als das, was Huber und EKD mit ihrem Papier Kirche der Freiheit meinen.

Herzliche Grüße
Bischof

TillSchilling

Re: Ein evangelischer Erzbischof für Deutschland?

Beitrag von TillSchilling »

Lutheraner hat geschrieben: Die Württemberger sind zwar stark von Zwingli, Rationalismus und Pietismus beeinflusst, aber für mich ist nicht nachvollziehbar, wie man die dortige Form des Protestantismus als "methodistisch" bezeichnen kann.
Zwar weiss ich nicht was Sasse gemeint hat, finde aber die Charakterisierung des Neupietismus in Wuerttemberg als methodistisch ziemlich passend. Der war / wurde immer mehr / ist

Erwecklich, arminianisch, liturgische und sakramentale Spiritualitaet zurueckstellend. Ausserdem - aehnlich dem prohibitionistischem Methodismus - gesetzlich. Zwar liess sich im Weinbauland Wuerttemberg keine Alkoholprohibition durchsetzen, dafuer ein Tabakverbot und strenge Kleidungsregeln.

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