Hallo Bischof,Bischof hat geschrieben:Konnten Sie Sasse, das Ende der Lutherischen Landeskirchen, schon lesen?
"In statu confessionis" lag gestern bei mir im Briefkasten und ich habe den Aufsatz auch gleich gelesen. Er hat mir sehr gut gefallen (und damit das Interesse geweckt auch den Rest des Buches zu lesen). Sasses Kritik an der "Unwahrhaftigkeit" der EKD, die sich damals als "Bund" bezeichnete, jedoch schon im Namen den Begriff "Kirche" trug, stimme ich voll und ganz zu. Ebenso, dass innerhalb der EKD aufgrund der theologischen Vielfalt kaum noch eindeutig zu sagen ist, was richtig und was falsch ist. Etwas verwunderlich fand ich Sasses Behauptung, dass man innerhalb der EKD auch "methodistisch (wie in Württemberg), baptistisch (wie in der Schule Barths)" sei (S. 304). Die Württemberger sind zwar stark von Zwingli, Rationalismus und Pietismus beeinflusst, aber für mich ist nicht nachvollziehbar, wie man die dortige Form des Protestantismus als "methodistisch" bezeichnen kann. Auch Karl Barth würde ich nicht als Baptisten bezeichnen. Baptisten sind für mich Wiedertäufer.
Wichtig finde ich auch, dass Sasse auf die Ursachen der Bekenntnisrelativierung der evang.-luth. Landeskirchen durch ihren Beitritt zur EKD eingeht. Oft wird ja von konservativer Seite (meist zu Recht) gegen Glaubensverlust und "Modernismus" gewettert, aber auf die eigentlichen Ursachen davon (und einer etwaigen Mitschuld - das übrigens auch im Zusammenhang mit der "Machtübernahme" durch die 68-er) wird kaum eingegangen. Daher finde ich gut, dass Sasse ehrlich darauf hinweist, dass die evang.-luth. Landeskirchen ihr eigenes Bekenntnis offensichtlich auch selbst relativieren wollten, sonst hätten sie kaum freiwillig der EKD beitreten können. Es hat ihnen also "an Glauben gefehlt" und sie haben "nicht mehr die Kraft zum Bekennen gehabt" (S. 306). Sasse meint ja auch, dass man schon seinerzeit diejenigen, "die heute noch die Konkordienformel ernst nehmen, Talmudisten und Rabbinisten, wie man sie im bayerischen Kirchenregiment nennt."
Sasse weist interessanterweise auch darauf hin, dass 98% der Flüchtlinge aus dem Osten im lutherischen Katechismus erzogen worden waren (S. 306). In der Tat wurden die Flüchtlinge oft als Grund angeführt, weshalb man in Deutschland ohne Konversion zwischen reformiert, lutherisch und "uniert" seiner jeweiligen Ortsgemeinde beitreten können müsse. "Uniert" als "Bekenntnisstand" wird es damals noch kaum gegeben haben, ich vermute, dass vor dem 2. Weltkrieg auch in den unierten Landeskirchen die meisten Gemeinden noch einen eindeutigen Bekenntnisstand hatten.
Aus heutiger Sicht muß man anerkennen, dass es insgesamt trauriger weise eine richtige Einschätzung war, die Sasse vor 60 Jahren abgab.