Engel und die 40 Tage nach dem Tod

Ostkirchliche Themen.

Moderator: Walter

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Erich
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Engel und die 40 Tage nach dem Tod

Beitrag von Erich » Freitag 15. Juli 2005, 08:27

Liebe Gemeinde,

hier gibt es ja ein paar Leute, die mit der russ. orthodoxen Kirche vertraut sind. An Sie – aber auch an alle anderen – folgende Frage:

Gestern war ich auf einer Beerdigung, welche nach russ. orthodoxem Ritus stattfand.
Am Grab sagte der Priester, dass die Verstorbene nun 40 Tage lang von Engeln an die verschiedenen Orte ihres lebens geführt wird danach in den Himmel aufgenommen wird, weil sie im Glauben und mit der Kommunion und Sündenvergebung verschieden sei.

Könnt Ihr mir erklären, was das für ein „40-Tage Rundreise-Glaube“ ist??

Lieben Gruß
Erich
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Petra
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Beitrag von Petra » Freitag 15. Juli 2005, 21:06

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Sonnabend 16. Juli 2005, 01:23

Das könnte ein interessantes Thema werden, zumal wenn man’s noch um das Purgatorium und um das Gebet für die Verstorbenen erweitert. – Roman? Alexander?
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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Pelikan
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Beitrag von Pelikan » Sonnabend 16. Juli 2005, 08:53

Erich hat geschrieben:Könnt Ihr mir erklären, was das für ein „40-Tage Rundreise-Glaube“ ist??
Es scheint, in verschiedenen Ausformungen, ein Glaube an "Zollstationen" zu existieren, an denen Dämonen den Verstorbenen auf seiner Reise zum Vater mit seinen Sünden konfrontieren. Ein Engel steht ihm dabei zur Seite.

Die 40 Tage gehen wohl zurück auf eine bestimmte Vision von einer dieser Reisen. Der hl. Basilius berichtet von der Reise einer gewissen Theodora, die solange dauerte.

Hier wird die Vision beschrieben.

Hier erklärt ein Protopresbyter, was das Bild von den "Zollstationen" aussagen soll.

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Pelikan
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Beitrag von Pelikan » Sonnabend 16. Juli 2005, 10:58

Robert hat geschrieben:Das könnte ein interessantes Thema werden, zumal wenn man’s noch um das Purgatorium und um das Gebet für die Verstorbenen erweitert.
Letztere werden in der Geschichte sehr betont. An den letzten Zollstationen, als Theodoras gute Taten schon aufgebraucht sind, kann nur der überreiche Schatz von Fürbitten, die ein Heiliger ihrem Schutzengel anvertraut hat, ihre Sünden aufwiegen und die Rechnung begleichen.

Allerdings scheint sich der Reisende seines Heils durch Gottes Gnade zu keiner Zeit gewiß sein zu können. Sobald zu viele ungebeichtete Sünden aufgedeckt werden, wird er schnurstracks in die Verdammnis abgeführt.

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Alexander
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Beitrag von Alexander » Sonnabend 16. Juli 2005, 20:55

@Robert
Zeit, die muß man haben... aber schnell gesagt: der Unterschied zum Purgatorium besteht in folgendem:
1. Es gibt keinen speziellen Ort, wo das ganze geschieht --- die Zollämter sind in der Luft.
2. Der/die Tote kann nichts mehr tun --- er/sie kann nicht durch seine Leiden irgendwas wiedergutmachen.
Wir Lebenden können ihm/ihr aber sehr wohl helfen.
Herr Gott,
großes Elend ist über mich gekommen.
Meine Sorgen wollen mich erdrücken,
ich weiß nicht ein noch aus.
Gott, sei gnädig und hilf.
Gib Kraft zu tragen, was du schickst,
laß die Furcht
nicht über mich herrschen.
(D. Bonhoeffer)

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WiTaimre
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Beitrag von WiTaimre » Montag 18. Juli 2005, 02:37

GuteFrage fuer die, welche sich fuer Gemeinsamkeiten in Religionen erwaermen koennen.

Es ist eine gemeinsame Volkstradition, die nur in manchen Punkten auch theo-logisch festgelegt ist, auch bei Juden und Katholiken, dass der Verstorbene eine Art Anreise in seinen neuen Zustand macht. Frueher lebte man mehr mit diesen Themen.

Also juedisch stellt man sich das Gan Eden vor, Paradies, so etwas wie in der Welt hier, und da wohnen pro Paradies immer nur die Verstorbenen der einen Konfession beisammen, einerseits schlafend, andererseits ganz normalen Beschaeftigungen nachgehend, doch wird nun wirklich regelmaessig mit der Gemeinde und den Engeln, die dort mit wohnen, G"TT angebetet, und es ist ganz angenehm dort. Jeder hat seinen Acker-und-Weinberg oder etwas, was in einer komplexen Gesellschaft dem entspraeche. - Es ist noch nicht der Himmel, sondern auch sie warten auf die Auferstehung aller und das naechste Gespraech mit G"TT ueber den Sinai Bund, und dann auch den Tag, wo ueber jeden endgueltig geurteilt wird, was aus ihm wird.
Um dorthin zu kommen, vergehen ab dem Todestag 30 Tage, oder bis zum naechsten Hohen Feiertag, wenn einer eher ist, das vergleicht man mit einem Weg durch eine dustere Wildnis, wo man belaestigt wird von Raben oder Geiern etc - also irgendwo in der Luft - weshalb man der Volkssitte nach Toten beim Besuch des Grabes gern ein paar kleine Steine aufs Grab legt "zum Schmeissen der Voegel, wenn die zu frech sind" - aber eigentlicher nach orientalischem Brauch, um Gedenksteine an Gutes zu haeufen, was derjenige einem bedeutet hat.
Ein boeser Mensch - nimmt man an - wird aber lange laufen muessen zum GanEden, denn die Leute dort waeren weniger gluecklich, wenn der da ankomnmt, wie er war. Daher wirdauf jeden Fall in den 30 Tagen Trauer gesessen und gebetet, auch zuliebe der Hinterbliebenen und zu ihrem Schutz, nicht gleich hinterherzusterben aus Gemeinschaft
In dieser Zeit besucht man den Hinterbliebenen, bringt ihm Speisen, beschaeftigt sich ruhig in seiner Naehe, quatscht ihn nicht an, aber laesst ihn erzaehlen, wenn er es braucht und liest auf keinen Fall biblische Texte in einem traurigen Haus, um nicht das Hl.Wort zu verbittern fuer spaeter, psychohygienisch ein guter Tip.

- und dann ein ganzes Jahr noch betet eine Gemeinschaft fuer jenen, regelmaessig, im Namen des Verstorbenen, da wird in seinem Namen noch immer mal wieder ein Gebet, das dem Gloria aehnelt, "gespendet", das er vielleicht im Leben selbst gesagt haette, aber nicht genug dazu kam.
Damit ist mehr gemeint, aber wir formulieren es nicht als Fuerbitte, sondern als Spende. Der Verstorbene kann sich ja keine Pluspunkte mehr hinzufuegen. Aber auch wohltaetige Stiftungen kann man noch seinem Namen nachschenken, damit irgendwer, der den nicht kannte, wenigstens auch dankbar ist, dass der lebte.

Auf diesem Weg stellt man sich die Verstorbenen nicht allein vor, es sind bei ihm die beiden Begleit-Boten und Zeugen seines Lebens und der Boten-Fuerst Michael, der bestimmt, wie lang der weg wird und wie schwer.
Er kann so reizend und sanft und lustig sein und aussehn, dass sich kein Kind zu fuerchten braucht, aber auch so erschreckend, dass der nach einem Jahr Abgelieferte "ganz klein - mit Hut" im Garten Eden ankommt und nun doch gut zu ertragen ist, sollte er das auf Erden noch nicht geschafft haben. Mehr als 1 Jahr rechnen Juden damit nicht, dass man "unterwegs sei", das hat mit dem Lesezyklus der Hl.Thorah zu tun und mit dem Wort Davids "1000 Jahre sind vor DIR 1 Tag" - es laesst sich alles in 1 Jahr erleben, was jemand zu seiner Laeuterung braeuchte. Es ist ja nur das Urteil fuer den Gan Eden, nicht die endgueltige Beurteilung.

Nachher wird noch weiterhin immer am Jahrtag des Todes ein Gebet dargebracht, in des Verstorbenen Namen, von dessen Kindern hauptsaechlich, aber wenn einer keine hatte oder der, der den liebte und ihm Gutes wuenscht, nicht fuer juedische Gebete zustaendig ist, bittet man jemanden, es auf sich zu uebernehmen, der es tun kann. Es wird als sehr gute Liebespflicht betrachtet, weil der Verstorbene einem selbst dafuer nichts zum Danke tun kann.

Im Katholischen ist ebenfalls St.Michael der Totengeleiter, es gibt frueher daher ausdrueckliche St.Michaels-Kirchen oder -Kapellen, nur zu diesem Thema, fuer die Toten zu beten.
Eine sehr beruehmte ist in Pavia, eine in Fulda, und eine Kapelle wurde hier noch etwa 1806 etwa nach 120 jaehrigem Rechtsstreit, sie erstellen zu duerfen, bei Wettringen in Ohne gebaut, sie war urspruenglich um und um mit Engeln ausgemalt, zentral ist ein Bild von Christi Himmelfahrt. Sie war stets voller Blumen der Menschen, die dort alleweile mal vorbeigingen, um ein Gebetchen zu sprechen und auch Dinge des Alltags mit ihren lieben Verstorbenen zu beraten, denn es ist niemandes Pflicht, zu vermuten, dass seine Lieben nicht gut im Jenseits angekommen seien und ihn etwa vergessen haetten, der hinterblieb.
Man traut das G"TT zu, es gerecht so zu arrangieren, dass man sich hierin nicht irrt. Man darf das auch schon nennen: im Himmel angekommen zu sein. Auch damit ist noch nicht die Grosse Beurteilung vorgenommen, denn an der nehmen alle teil, die je lebten.

Es gab auch eine Art Regel-Erwartung, in der 1.Nacht St.Gertrudis (Aebtissin) als "Herbergswirtin" anzutreffen, damit man erstmal ausruhen darf von dem Schmerz, gestorben zu sein.
In der 2.Nacht traefe man dann St.Oswalt, den Koenig, als Helfer, der einen dann ausruestet mit allem, was man fuer diese "Reise" wissen muesse, und der uebergibt einen dann in der 3.Nacht dem grossen Erzengel St.Michael.

Man nahm es bei Katholiken frueher lebhafter wahr, dass nichts wirklich die Glaeubigen von den Seligen trennt und hatte daher auch hierfuer Patrone. Auch hier wird der Weg zur Laeuterung, wo noetig, ehe man "Drueben" bei den Seligen ankommt. Man sah das ganz praktisch: so ohne Vorbereitung wollte man im Himmel nicht den anderen die Seligkeit, dort Ruhe zu finden, vermindern. wer also mit etwas schlechtem Gewissen betreffs seines eigenen dissozialen Verhaltens ploetzlich vor der "Abreise" stand, fuehlte sich auch etwas besser dem Umstand gewachsen, wenn er nun doch noch etwas zu seiner eigenen Vertraeglichkeit Erzieherisches ableisten koennte wie eine sehr bescheiden machende schwierige Fahrt unter energischer Beratung. Man muss das auch mal so herum sehen.

Weil es auf jeden Fall eine krasse Aenderung gaebe, nun kein Lebewesen mehr zu sein, hat man das Helfer-Patronat fuer besonders diesen schweren Weg dankbar akzeptiert.
Man rechnet ab dem Tod die Zeit bis zur Bestattung als besonders schwere Zeit fuer den Verstorbenen und die Hinterbliebenen, da wird hier in der Gegend mit den Angehoerigen und Nachbarn der Rosenkranz gemeinsam gebetet, es sind so beruhigende wellen der Stimmen, die man kennt, mit Texten, die man kennt, und wer nicht will, kann schweigen, ist aber nicht alleine.
Dann nach 6 Wochen gilt die engere Trauerzeit als abgeschlossen, das sind 42 Tage, also so aehnlich wie in der Ostkirche. Zeit heilt auch ein wenig mit, dann wird nochmal ein 6-Wochenamt fuer den Verstorbenen gebetet = eine Hl.Messe zu seiner Fuerbitte besucht. Ausser dieser noch beliebig viele von jedem, der dem Verstorbenen Hutes wuenscht.
Nach einem Jahr soll man offiziell aufhoeren zu trauern, und den Verstorbenen frei geben, nun wirklich tot in Frieden zu ruhen. Ein guter Satz dazu sagt: "Weine nicht zu uebermaessig, sonst wird sein Totenhemd nass und er ruht nicht in Frieden." - das bezieht sich auf das Jahr. Ab nun soll man aus Gerechtigkeit versuchen, sich wieder ganz dem Leben der Lebenden zuzuwenden.
Auch hiernach wird noch jaehrlich der Jahrtag gehalten und noch eine Hl.Messe von den Angehoerigen als Fuerbitte gefeiert.

In der oestlichen Apostel-Tradition stehende Kirchen haben am Ikonostat einen kleinen Andachtsplatz in der Wohnung, wo man auch fuer seine Lieben noch Kerzen anzuendet - also "Wachs opfert" und betet. Da gelten auch - ausser selbstverstaendlich Jesus und Maria - die Heiligen St.Georg und St.Nikolaus als Helfer, und auch St.Michael. St.Nikolaus ist speziell der Patron derer, die kein Grab gefunden haben, wo man ihrer anfassbarer gedenken kann, zum Beispiel in Schiffen Untergegangene, und daher auch Patron vieler Kauffahrer-Kirchen.

Schalom - Pax
mfG WiT :.)

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