Hesychasmus der Kern der Orthodoxie?

Ostkirchliche Themen.
Tinius
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Hesychasmus der Kern der Orthodoxie?

Beitrag von Tinius »

Zum zentralen Verständnis der Orthodoxie brauche ich eine Erläuterung.

Ist der Hesychasmus der Kern der Orthodoxie? Soll heissen:

Ist der Hesychasmus eine so wichtige Lehre der Orthodoxie, dass er als Abgrenzung zu Katholizismus und Protestantismus fungiert?

Wird der Hesychasmus in den orthodoxen Gemeinden im deutschsprachigen Raum vermittelt oder speilt er keine Rolle?

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Hermann2007
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Re: Hesychasmus der Kern der Orthodoxie?

Beitrag von Hermann2007 »

Weil bis jetzt noch keiner geantwortet hat, will ich es versuchen. Was den Kern der Orthodoxie ausmacht, kann man im Nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis nachlesen. Der heilige Johannes vom Sinai rät unerfahrenen Mönchen ganz klar von der hesychastischen Gebetsweise ab. In meiner Gemeinde, und ich vermute auch in anderen Gemeinden, ist der Hesychasmus praktisch kein Thema. Wozu auch eine Gebetsweise lehren, für die es die Begleitung durch einen geistlichen Vater braucht und die nur Erfahrenen vorbehalten ist? Etwas anderes ist es mit dem Jesusgebet, dass wird schon auch von orthodoxen Laien praktiziert. Im Vordergrund stehen da aber Reue und Umkehr und nicht irgendwelche Techniken.
Was die Theologie betrifft, so ist orthodoxe Theologie eine empirische Theologie (die "gottschauenden Väter") und keine rationale Theologie - und da kann man auch eine Verbindung zum Hesychasmus sehen (siehe etwa den heiligen Gregor von Palamas).

Mary
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Registriert: Mittwoch 29. Juli 2009, 06:58

Re: Hesychasmus der Kern der Orthodoxie?

Beitrag von Mary »

Lieber Tinius,

ich denke schon ein paar Tage darüber nach, was und wie ich Dir antworten könnte. Ich merke, dass ich da zuerst nachfragen muss.
Tinius hat geschrieben: Ist der Hesychasmus der Kern der Orthodoxie?

Was genau verstehst Du unter dem Begriff Hesychasmus? Geht es Dir um eine Lehre, eine Gebetstechnik (Gebet der Stille? Jesusgebet?), eine Theologie, eine Lebenshaltung oder Lebensweise?
Prinzipiell würde ich schon sagen, dass das, was in hesychastischem Leben und Reden zum Ausdruck kommt, ur-orthodox ist. Ich behaupte sogar, es ist ur-christlich. Und das nicht erst seit Barlaam und Palamas, sondern von den Anfängen her.
Insofern ist deine zweite Frage
Tinius hat geschrieben:Ist der Hesychasmus eine so wichtige Lehre der Orthodoxie, dass er als Abgrenzung zu Katholizismus und Protestantismus fungiert?
für mich nicht ganz einsichtig. Wie kann etwas, was Gut der ungetrennten Kirche war, heute abgrenzend wirken? Beziehst Du Dich hier im Speziellen auf die Lehre von den Energien Gottes, von der ungeschaffenen Gnade, dem Taborlicht?
Tinius hat geschrieben:Wird der Hesychasmus in den orthodoxen Gemeinden im deutschsprachigen Raum vermittelt oder speilt er keine Rolle?
Auch hier möchte ich nachfragen. Meinst Du mit "vermitteln" oder "Rolle spielen" eher ein Vermitteln von Lehrinhalten... - ja, das fliesst in die Predigten durchaus ein - oder um vermitteln von Techniken, von Lebensanweisungen, insbesondere dem Jesusgebet? - ja, insbesondere Letzteres spielt eine grosse Rolle im Leben der Gläubigen (vor allem Russen??)

hilft das weiter?
Kannst Du Deine Fragen konkretisieren?

Grüsse, Mary
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