Hallo Stefan,
anhand dieser Frage könnte man die essentiellen Teile orthodoxer Theologie in aller Ausführlichkeit ausbreiten. Dafür ist hier aber wohl kaum der richtige Ort. Vielleicht liest Du einmal bei Interesse den einen oder anderen der Links, die ich in einem alten Thread aus 2009 angegeben hatte und auf die ich jetzt noch einmal in dem "ad inferos-Thread hingewiesen habe, durch. Wenn man das getan hat, ergibt sich hier die Antwort von selbst.
Dabei ist zunächst festzuhalten, dass die Orthodoxie - da sie keine Eintrittskarten in den Himmel verkauft - bei solchen Fragen, auf die nur Gott eine Antwort geben kann und wird, sich immer hütet 100%ige Aussagen zu treffen.
Für ein Durchdringen des orthodoxen Verständnisses sollte man sich folgende Grundsätze verdeutlichen:
- Sünde wird nicht als Rechtsbruch betrachtet (weshalb der Herr selbst umgekehrt auch erläutert, dass das Halten des Gesetzes nicht hinreichend ist), sondern als "missing the mark", einem Fehlgehen, das die Trennung der Gemeinschaft mit Gott bedeutet. (Spiegelbildlich kann deshalb dieses "Problem" nur dadurch behoben werden, dass diese Gemeinschaft wieder hergestellt wird und nicht durch einen einseitigen Akt auf der Seite Gottes wie Vergebung.) Gott reagiert hierauf nicht mit Zorn, sondern hält auch durch diese Abwendung des Menschen unverbrüchlich an ihm fest. Seine Liebe ist permanent und unveränderlich. Der hl. Johannes Chrysostomos: “It is not He, but we who are hostile, for God never hates” (PG 61, 478). Selbst die Vertreibung aus dem Paradies war ein Akt der Liebe, denn sonst wäre die Sünde unsterblich geworden.
- Entscheidend ist auch, dass unter der "Erbsünde" nicht ein Erben der Schuld Adams verstanden wird, sondern der Konsequenzen dieser Handlung, welche in der Gefangenschaft unter der Macht der Sünde zu sehen sind, die zum Tod führt. Allerdings tritt diese "Verschattung" der Person, die Unterwerfung unter die Leidenschaften bei dem Menschen erst im Laufe der Zeit ein.
- Christus lebte und starb, nicht um dem Vater ein Opfer zu bringen, in dem Verständnis, dass dieser selbst hieraus einen Nutzen zog, sondern um im Sinne der allheiligen Dreiheit den Tod, den Teufel und die Sünde zu besiegen, um es dem Menschen überhaupt wieder zu ermöglichen, in wahre Kommunion mit Gott einzutreten, Gemeinschaft der Geschaffenen mit den ungeschaffenen Energien Gottes greifbar zu machen. Also um das Potential für eine Heilung des Menschen (= Vergöttlichung) zu bereiten, das allerdings "abgerufen" werden muss. Selbstverständlich ist die Theosis aber nicht Belohnung, sondern Gnade. Beweise für die Überwindung des Verfalls sind bereits in dieser Zeit etwa die nicht verwesenden Heiligen und das nicht verderbende heilige Wasser.
- Getarnt durch seine menschliche Natur drang Christus in den Hades - in dem alle Menschen bis dahin nach ihrem Tod gefangen waren - ein, wobei der Teufel als dessen Herrscher durch die (scheinbare) Veranlassung der Ermordung des Herrn dessen Wirken zerstören wollte, dabei aber als anmaßender Übertreter offenbart wurde, da er kein Recht auf die Aufnahme des Sündlosen hatte. Das göttliche Licht drang in den Hades ein und brachte ihn von innen zum Einstürzen.
- Folglich werden alle Menschen nach dem Jüngsten Gericht mit der Gegnwart und Heiligkeit Gottes konfrontiert werden. Wie man darauf "reagiert", das ist der "Himmel" oder "die Hölle", nicht jeweils geographische Orte, dementsprechend gibt es auch keine "Vorhölle". Denn es gibt keinen Platz, wo Gott nicht ist. Die ewige Gottesferne kann auch nicht die Hölle sein, sie wäre nämlich geradezu das Paradies für Sünder. Vielmehr quält den Hasserfüllten die immerwährende, uneingeschränkte Präsenz der Liebe Gottes. Das "Gericht" über die Christen verläuft dabei nach strengeren Maßstäben als bei den Heiden (Motto. "Mehr Chance, mehr Risiko...").
- Stirbt ein kleines Kind (weil der Herr Schlimmeres verhüten wollte) ungetauft, so war es dennoch in einem weitgehend reinen Zustand und wird die Gegenwart Gottes in der Ewigkeit als Freude empfinden, wenngleich vielleicht auch nicht in der Herrlichkeit wie ein Heiliger, der durch den asketischen Weg uind eine Hinwendung an das Therapieangebot der Kirche die Theosis erlangt hat.
- Einen speziellen Link (Englisch) habe ich doch noch gefunden: "The death of infants"
http://www.oodegr.com/english/swthria/nipia2.htm
Viele Grüße