Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Ostkirchliche Themen.
Schulevonathen
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Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Schulevonathen »

Entschuldigung, wenn ich das leidige Politthema nun auch in dieses Unterforum hineintrage, aber es interessiert mich eben (und vielleicht klappt es ja, in den Antworten auf politische Polemik zu verzichten).

Bekanntlich hat sich die bisher dem Moskauer Patriarchat zugeordnete "Ukrainisch-orthodoxe Kirche" nun von Moskau "losgesagt", mit nachgeschobenem Einverständnis von "Außenminister" Metropolit Ilarion. Dazu zwei kanonistische Fragen:

1) Was bedeutet dieses "Lossagen" denn kanonisch gesehen? Man könnte ja an so etwas wie Autokephalie denken, aber den Begriff habe ich bisher nicht gehört. Impliziert es tatsächlich einen neuen kanonischen Status der Kirche? Oder handelt es sich erst einmal um eine rein politisch-symbolische Distanzierung (aus offensichtlichen tagespolitischen Gründen), und man überlegt später, ob und wie man man die kanonisch etikettiert?

2) Welchen Status hatte die Kirche denn bisher gegenüber Moskau? In den Nachrichten hieß es, sie sei bisher nicht nur hinsichtlich der Finanzen und der inneren Angelegenheiten unabhängig gewesen, sondern habe auch ihr Oberhaupt selbst wählen dürfen. Ist dies denkbar, bei einer Kirche, die ausdrücklich nicht als "autokephal" galt? Wenn ja, welche Abhängigkeiten bestanden überhaupt noch zu Moskau, die man nun kappen könnte?

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holzi
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von holzi »

Da dürfte sich ein Status als sog. Autonome Kirche ergeben: https://de.wikipedia.org/wiki/Autonome_ ... xe_Kirchen
Also ein Mittelding zwischen Autokephalie und direkter Unterstellung (es gibt auch noch eine sich als autokephal bezeichnende Ukrainisch-Orthodoxe Kirche)
Um den Erdgasverbrauch zu senken, wurde diese Signatur deaktiviert.

Cassian
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Cassian »

Im Grunde ist das eine Expansion ihres Autonomiestatuts. Der Unterschied zur Autokephalie bestand und besteht vor allem in den folgenden Punkten:

1. Der Primas sitzt im Synod seines Patriarchalverbandes.
2. Die ukrainische Kirche kocht kein eigenes Chrisam.
3. Die ukrainische Kirche betreibt keinerlei eigene Auslandsgemeinden, d.h. ukrainische Priester im Ausland wirken in den Diözesen der weiteren russischen Kirche.
4. Der Primas kommemoriert in der Liturgie seinen Patriarchen als Einziges.
5. Der Primas muss vom Heiligen Synod bestätigt werden, meine ich, aber das weiß ich nicht genau.

Schulevonathen
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Schulevonathen »

Herzlichen Dank!

(katholisch.de behauptet, auf welcher Quellenbasis auch immer, dass der Metropolit "offenbar" künftig nicht mehr am Moskauer Synod beteiligt sei - wenn das stimmte, wäre es also ein Schritt in Richtung Autokephalie?)

"Kommemoriert als einziges" heißt: Autonome Metropoliten kommemorieren nur ihren eigenen Patriarchen, autokephale kommemorieren alle anderen autokephalen Hierarchen? Auch in dieser Hinsicht, las ich heute irgendwo, scheint sich etwas geändert zu haben.

Cassian
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Cassian »

Schulevonathen hat geschrieben:
Montag 30. Mai 2022, 00:27
"Kommemoriert als einziges" heißt: Autonome Metropoliten kommemorieren nur ihren eigenen Patriarchen, autokephale kommemorieren alle anderen autokephalen Hierarchen? Auch in dieser Hinsicht, las ich heute irgendwo, scheint sich etwas geändert zu haben.
Genau. Metropolit Onuphrij kommemoriert inzwischen wie der Primas einer autokephalen Kirche, lässt aber die vier griechischen Kirchen, die vor einigen Jahren mit staatlicher Unterstützung ein Schisma instigiert oder unterstützt haben, aus - genau wie der Patriarch von Moskau. Es ist derzeit nicht ganz klar, was Teile der ukrainischen Kirche mit diesen Schritten genau bezwecken wollen. Es wird vermutet, dass die Ukrainische Kirche damit der immer wieder und zunehmend unverhohleneren Androhung eines gesetzlichen Verbotes entgehen möchte. Womöglich wird das Ganze aber durch den weiteren Kriegsverlauf ohnehin gegenstandslos werden.

Cassian
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Cassian »

Cassian hat geschrieben:
Montag 30. Mai 2022, 06:37
Es wird vermutet, dass die Ukrainische Kirche damit der immer wieder und zunehmend unverhohleneren Androhung eines gesetzlichen Verbotes entgehen möchte.
Das scheint sich zunehmend als ein ganz zentraler Beweggrund herauszuschälen. Neben der praktischen und emotionalen Schwierigkeit, mit der Russischen Kirche und vor allem Patriarch Kirill in Gemeinschaft zu verbleiben, möchte man sich wohl eine Atempause verschaffen. Der auch sonst sehr scharfzüngige und konsequente ukrainische Metropolit Lukas von Saporoschije hat dazu eine eigene Meinung:
Metropolit Lukas von Saporoschije hat geschrieben:Orthodoxy, no matter how hard its representatives try, simply has no place in the coordinate system of the ideology prevailing in the world, aimed at Its destruction. The secular rulers of the Orthodox Church in Ukraine will never let it live in peace. Even if it becomes three times autocephalous and “yellow-blue,” they’ll still consider it a fifth column and declare that its autocephaly is “a trick of the Kremlin and the FSB to keep their agents in Ukraine.”

Therefore, in our opinion, the acquisition of autocephaly in any form is just getting a little respite before an even greater attack is launched on the Church. The pressure will be aimed at bringing it into a new unia. After the adoption of autocephaly, a forced merger with the “OCU” will still follow, the top managers of which talk without hesitation about creating a roadmap for unification with the Uniates. Strategically, this will lead to the Catholicization of our country with the further creation of a syncretistic religion, which is what the apologists of ecumenism, led by Western and Eastern Popes, are seeking. They are instruments in the hands of the devil, who fulfill the goal set before them: the destruction of Orthodoxy. Our Church was chosen as an experimental site.

I don’t want to be a prophet, but total destruction awaits us if we lose unity within the Church…

Deutsch:

Die Orthodoxie, so sehr sich ihre Vertreter auch bemühen, hat einfach keinen Platz im Koordinatensystem der in der Welt vorherrschenden Ideologie, die auf ihre Zerstörung abzielt. Die weltlichen Machthaber der orthodoxen Kirche in der Ukraine werden sie niemals in Frieden leben lassen. Selbst wenn sie dreimal autokephal und "gelb-blau" wird, werden sie sie immer noch als fünfte Kolonne betrachten und erklären, dass ihre Autokephalie "ein Trick des Kremls und des FSB ist, um ihre Agenten in der Ukraine zu halten."

Unserer Meinung nach ist die Erlangung der Autokephalie in irgendeiner Form nur eine kleine Atempause, bevor ein noch größerer Angriff auf die Kirche gestartet wird. Der Druck wird darauf abzielen, sie in eine neue Unia zu bringen. Nach der Annahme der Autokephalie wird noch eine Zwangsfusion mit der "OKU" folgen, deren Spitzenmanager ohne zu zögern über die Erstellung eines Fahrplans für die Vereinigung mit den Unierten sprechen. Strategisch gesehen wird dies zur Katholisierung unseres Landes mit der weiteren Schaffung einer synkretistischen Religion führen, was die Apologeten der Ökumene, angeführt von westlichen und östlichen Päpsten, anstreben. Sie sind Werkzeuge in den Händen des Teufels, die das ihnen gesetzte Ziel erfüllen: die Zerstörung der Orthodoxie. Unsere Kirche wurde als Experimentierfeld ausgewählt.

Ich will kein Prophet sein, aber die totale Zerstörung erwartet uns, wenn wir die Einheit innerhalb der Kirche verlieren...
Der Heilige Synod in Moskau hat bereits sein verständnisvolles Bedauern zum Ausdruck gebracht.

Schulevonathen
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Schulevonathen »

Danke dir, Cassian. Insgesamt ergibt sich ein etwas chaotisches Bild, oder? In einigen Diözesen wird Moskau kommemoriert, in anderen nicht; die Statuten "entsprechen denen einer autokephalen Kirche", wollen aber nicht autokephal sein; man ist gegenüber Moskau ungehorsam, aber (gerade so) nicht schismatisch; man erhält mehr Bindungen zu Moskau aufrecht, als dem ukrainischen Mainstream gefällt, aber weniger, als Moskau selbst gerne hätte.

Cassian
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Cassian »

Schulevonathen hat geschrieben:
Montag 30. Mai 2022, 18:08
Danke dir, Cassian. Insgesamt ergibt sich ein etwas chaotisches Bild, oder? In einigen Diözesen wird Moskau kommemoriert, in anderen nicht; die Statuten "entsprechen denen einer autokephalen Kirche", wollen aber nicht autokephal sein; man ist gegenüber Moskau ungehorsam, aber (gerade so) nicht schismatisch; man erhält mehr Bindungen zu Moskau aufrecht, als dem ukrainischen Mainstream gefällt, aber weniger, als Moskau selbst gerne hätte.
Die Erklärung selbst hat tatsächlich Präzedenz im Vorgehen der Kirche in einzelnen Regionen während des Russischen Bürgerkriegs.

Cassian
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Cassian »

Cassian hat geschrieben:
Montag 30. Mai 2022, 06:37
Es wird vermutet, dass die Ukrainische Kirche damit der immer wieder und zunehmend unverhohleneren Androhung eines gesetzlichen Verbotes entgehen möchte.
Werchowna Rada stimmt für Sanktionen gegen Patriarch Kirill

Bukovyna authorities give UOC communities ten days to move to the OCU

Cassian
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Cassian »

Cassian hat geschrieben:
Montag 30. Mai 2022, 16:38
Cassian hat geschrieben:
Montag 30. Mai 2022, 06:37
Es wird vermutet, dass die Ukrainische Kirche damit der immer wieder und zunehmend unverhohleneren Androhung eines gesetzlichen Verbotes entgehen möchte.
Das scheint sich zunehmend als ein ganz zentraler Beweggrund herauszuschälen. Neben der praktischen und emotionalen Schwierigkeit, mit der Russischen Kirche und vor allem Patriarch Kirill in Gemeinschaft zu verbleiben, möchte man sich wohl eine Atempause verschaffen. Der auch sonst sehr scharfzüngige und konsequente ukrainische Metropolit Lukas von Saporoschije hat dazu eine eigene Meinung:
Metropolit Lukas von Saporoschije hat geschrieben:Orthodoxy, no matter how hard its representatives try, simply has no place in the coordinate system of the ideology prevailing in the world, aimed at Its destruction. The secular rulers of the Orthodox Church in Ukraine will never let it live in peace. Even if it becomes three times autocephalous and “yellow-blue,” they’ll still consider it a fifth column and declare that its autocephaly is “a trick of the Kremlin and the FSB to keep their agents in Ukraine.”

Therefore, in our opinion, the acquisition of autocephaly in any form is just getting a little respite before an even greater attack is launched on the Church. The pressure will be aimed at bringing it into a new unia. After the adoption of autocephaly, a forced merger with the “OCU” will still follow, the top managers of which talk without hesitation about creating a roadmap for unification with the Uniates. Strategically, this will lead to the Catholicization of our country with the further creation of a syncretistic religion, which is what the apologists of ecumenism, led by Western and Eastern Popes, are seeking. They are instruments in the hands of the devil, who fulfill the goal set before them: the destruction of Orthodoxy. Our Church was chosen as an experimental site.

I don’t want to be a prophet, but total destruction awaits us if we lose unity within the Church…

Deutsch:

Die Orthodoxie, so sehr sich ihre Vertreter auch bemühen, hat einfach keinen Platz im Koordinatensystem der in der Welt vorherrschenden Ideologie, die auf ihre Zerstörung abzielt. Die weltlichen Machthaber der orthodoxen Kirche in der Ukraine werden sie niemals in Frieden leben lassen. Selbst wenn sie dreimal autokephal und "gelb-blau" wird, werden sie sie immer noch als fünfte Kolonne betrachten und erklären, dass ihre Autokephalie "ein Trick des Kremls und des FSB ist, um ihre Agenten in der Ukraine zu halten."

Unserer Meinung nach ist die Erlangung der Autokephalie in irgendeiner Form nur eine kleine Atempause, bevor ein noch größerer Angriff auf die Kirche gestartet wird. Der Druck wird darauf abzielen, sie in eine neue Unia zu bringen. Nach der Annahme der Autokephalie wird noch eine Zwangsfusion mit der "OKU" folgen, deren Spitzenmanager ohne zu zögern über die Erstellung eines Fahrplans für die Vereinigung mit den Unierten sprechen. Strategisch gesehen wird dies zur Katholisierung unseres Landes mit der weiteren Schaffung einer synkretistischen Religion führen, was die Apologeten der Ökumene, angeführt von westlichen und östlichen Päpsten, anstreben. Sie sind Werkzeuge in den Händen des Teufels, die das ihnen gesetzte Ziel erfüllen: die Zerstörung der Orthodoxie. Unsere Kirche wurde als Experimentierfeld ausgewählt.

Ich will kein Prophet sein, aber die totale Zerstörung erwartet uns, wenn wir die Einheit innerhalb der Kirche verlieren...
Der Heilige Synod in Moskau hat bereits sein verständnisvolles Bedauern zum Ausdruck gebracht.
Die Befürchtungen von Vladyka Lukas haben sich inzwischen bestätigt. SBU-Agenten haben vor einigen Tagen das Kiewer Höhlenkloster und mehrere Pfarreien gestürmt.

Währenddessen schickt sich Selenskij an, die Ukrainische Orthodoxe Kirche ganz offiziell zu verbieten.

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martin v. tours
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von martin v. tours »

Dieser Selenskij ist wirklich ein diabolisches A....loch !
Aber als CIA-Marionette hat er komplette Narrenfreiheit. Der Friedensnobelpreis ist ihm so gut wie sicher.
Nach dem sie nicht erreicht hat, daß die Menschen praktizieren, was sie lehrt, hat die gegenwärtige Kirche beschlossen, zu lehren, was sie praktizieren.
Nicolás Gómez Dávila

Cassian
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Cassian »

Inzwischen hat sich auch Metropolit Mark von Berlin und Deutschland eingeschaltet:


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martin v. tours
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von martin v. tours »

Allein, was wird es helfen..
Für die Masse im "Westen" gilt doch: Was nicht von den Mainstreammedien berichtet wird passiert nicht.
(Ich höre auch immer nur von zivilen Opfern auf ukrainischer Seite (die es gibt) aber nie von toten Zivilisten wenn die ukrainische Armee wieder Zivilgebäude in Donjezk beschießt.
Nach dem sie nicht erreicht hat, daß die Menschen praktizieren, was sie lehrt, hat die gegenwärtige Kirche beschlossen, zu lehren, was sie praktizieren.
Nicolás Gómez Dávila

Caviteño
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Re: Ukrainisch-orthodoxe Kirche

Beitrag von Caviteño »


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