Wintergedichte

Gespräche über ausgewählte litterarische Texte.
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Arlette
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Wintergedichte

Beitrag von Arlette » Sonntag 14. Dezember 2008, 17:21

Gerade habe ich den schönen Thread "Herbstgedichte" hier gelesen und erlaube mir, einen neuen mit dem Titel "Wintergedichte" zu eröffnen.

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schnellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

Georg Trakl
Der Gütige ist frei, auch wenn er ein Sklave ist. Der Böse ist ein Sklave, auch wenn er ein König ist.
(Aurelius Augustinus)

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Arlette
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Beitrag von Arlette » Sonntag 14. Dezember 2008, 17:25

Der stürmische Morgen

Wie hat der Sturm zerrissen
Des Himmels graues Kleid!
Die Wolkenfetzen flattern
Umher in mattem Streit.

Und rote Feuerflammen
Zieh´n zwischen ihnen hin;
Das nenn´ich einen Morgen
So recht nach meinem Sinn!

Mein Herz sieht an dem Himmel
Gemalt sein eig´nes Bild -
Es ist nichts als der Winter,
der Winter, kalt und wild!

(Wilhelm Müller, aus: Die Winterreise)
Der Gütige ist frei, auch wenn er ein Sklave ist. Der Böse ist ein Sklave, auch wenn er ein König ist.
(Aurelius Augustinus)

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Kantorin
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Beitrag von Kantorin » Sonntag 14. Dezember 2008, 23:51

Arlette hat geschrieben:Der stürmische Morgen (...)
(Wilhelm Müller, aus: Die Winterreise)
Kennst du die Vertonung von Franz Schubert? Kann sie leider nicht verlinken, ohne Werbung für Musik-Downloads zu tätigen.
Mein huldreicher Gott kommt mir entgegen. (Psalm 59)

Lea
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Beitrag von Lea » Montag 15. Dezember 2008, 11:25

Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch,
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mittendrin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber, da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht,
so warm wie Hans hat's niemand nicht.

Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.
:)



Verfasser: Christian Morgenstern

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Sebastian
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Beitrag von Sebastian » Montag 15. Dezember 2008, 11:41

Ein Winter
Verschneit liegt rings die ganze Welt,
ich hab nichts, was mich freuet.
Verlassen steht ein Baum im Feld,
hat längs sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
und rüttelt an dem Baume.
Da rührt er seine Wipfel sacht
und redet wie im Traume.

Er träumt von künftger Frühlingszeit,
von Grün und Quellenrauschen.
Wo er im neuen Blütenkleid
zu Gottes Lob wird rauschen.

(Joseph von Eichendorff)
Bild
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)

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Kantorin
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Beitrag von Kantorin » Dienstag 16. Dezember 2008, 00:19

Ich sammle Farben für den Winter
und mal' sie auf ein Blatt Papier.
Und wird die Welt eines Tages grau und leer,
dann schenk' ich meine Farben her.


Ich sammle Licht für alle Blinden,
die die Schönheit dieser Welt schon nicht mehr seh'n,
die gerade Wege geh'n,
ohne sich 'mal umzudreh'n,
die immer nur im Schatten steh'n.

Ich sammle Lieder für den Tauben,
der nur noch seine eig'ne Stimme hört,
der redet und nicht denkt,
und das, was man ihm schenkt,
durch seine Worte nur zerstört.

Ich sammle Mut und Hoffnung für den Stummen,
der schweigt, und nur das tut, was man ihm sagt,
der seine Wut verbirgt,
aus Angst, dass er verliert,
was ihm selber nie gehört.

Ich bin ein Kind, ich bin ein Sammler,
ich such' das Schöne dieser Welt.
Und wenn noch mehr Kinder mit mir sammeln geh'n,
dann bleibt uns're Welt besteh'n.

Text + Musik: Roland Kalkbrenner
zu hören z.B. Jonathan & Laurent: Moment mal
Mein huldreicher Gott kommt mir entgegen. (Psalm 59)

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Arlette
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Beitrag von Arlette » Dienstag 16. Dezember 2008, 08:31

So schöne Gedichte, und das tolle Bild, mh...

Liebe Kantorin, die Vertonung von Wilhelm Müllers "Winterreise" kenne ich sehr gut und höre sie sehr oft an, danke für deine Frage.

Liebe Lea, das Gedicht mit den drei Spatzen im Haselstrauch hat so schöne Erinnerungen in mir geweckt, das haben unsere Kinder früher gerne aufgesagt.

:)
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Arlette
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Beitrag von Arlette » Dienstag 16. Dezember 2008, 09:01

"Die heilige Nacht"

von Eduard Mörike



Gesegnet sei die heilige Nacht,
die uns das Licht der Welt gebracht! -

Wohl unterm lieben Himmelszelt
die Hirten lagen auf dem Feld.

Ein Engel Gottes, licht und klar,
mit seinem Gruß tritt auf sie dar.

Vor Angst sie decken ihr Angesicht,
da spricht der Engel: "Fürcht't euch nicht!"

"Ich verkünd euch große Freud:
Der Heiland ist geboren heut."

Da gehn die Hirten hin in Eil,
zu schaun mit Augen das ewig Heil;

zu singen dem süßen Gast Willkomm,
zu bringen ihm ein Lämmlein fromm. -

Bald kommen auch gezogen fern
die heilgen drei König' mit ihrem Stern.

Sie knieen vor dem Kindlein hold,
schenken ihm Myrrhen, Weihrauch, Gold.

Vom Himmel hoch der Engel Heer
frohlocket: "Gott in der Höh sei Ehr!"
Der Gütige ist frei, auch wenn er ein Sklave ist. Der Böse ist ein Sklave, auch wenn er ein König ist.
(Aurelius Augustinus)

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Sebastian
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Beitrag von Sebastian » Dienstag 16. Dezember 2008, 11:24

Arlette hat geschrieben:So schöne Gedichte, und das tolle Bild, mh...
Ja, hätte nur zu gern ein ebenbürtig schönes Bild mit einem Laubbaum, wie im Gedicht erwähnt "zur Hand gehabt" ... :ikb_shy:
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)

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Margret
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Beitrag von Margret » Dienstag 16. Dezember 2008, 14:48

Dezember

Wenn über Wege, tief verschneit,
Der Schlitten lustig rennt,
Im Spätjahr, in der Dämmerzeit,
Die Wochen im Advent,
Wenn aus dem Schnee das junge Reh
Sich Kräuter sucht und Moose,
Blüht unverdorrt im Frost noch fort,
Die weiße Weihnachtsrose.

Kein Blümchen sonst auf weiter Flur;
In ihrem Dornenkleid
Nur sie, die nied're Distel nur,
Trotzt allem Winterleid.
Das macht, sie will erwarten still
Bis sich die Sonne wendet,
Damit sie weiß, dass Schnee und Eis
Auch diesmal wieder endet.

Hermann Lingg

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Kantorin
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Beitrag von Kantorin » Dienstag 16. Dezember 2008, 16:14

Der Bratapfel

Kinder, kommt und ratet,
Was im Ofen bratet!
Hört, wie's knallt und zischt.
Bald wird er aufgetischt,
Der Zipfel, der Zapfel,
Der Kipfel, der Kapfel,
Der gelbrote Apfel.

Kinder, lauft schneller,
Holt einen Teller,
Holt eine Gabel!
Sperrt auf den Schnabel
Für den Zipfel, den Zapfel,
Den Kipfel, den Kapfel,
Den goldbraunen Apfel!

Sie pusten und prusten,
Sie gucken und schlucken,
Sei schnalzen und schmecken,
Sie lecken und schlecken
Den Zipfel, den Zapfel,
Den Kipfel, den Kapfel,
Den knusprigen Apfel.

- Emilie und Fritz Kögel -


Bild
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Beitrag von Kantorin » Dienstag 16. Dezember 2008, 16:21

Dämmerstille Nebelfelder,
Schneedurchglänzte Einsamkeit,
Und ein wunderbarer weicher
Weihnachtsfriede weit und breit.

Nur mitunter, windverloren,
Zieht ein Rauschen durch die Welt.
Und ein leises Glockenklingen
Wandert übers stille Feld.

Und dich grüßen alle Wunder,
Die am lauten Tag geruht,
Und dein Herz singt Kinderlieder,
Und dein Sinn wird fromm und gut.

Und dein Blick ist voller Leuchten,
Längst Entschaf'nes ist erwacht...
Und so gehst du durch die stille
Wunderweiche Winternacht.

- Wilhelm Lossien -
Mein huldreicher Gott kommt mir entgegen. (Psalm 59)

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Margret
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Re: Wintergedichte

Beitrag von Margret » Dienstag 23. Dezember 2008, 13:53

Rauhreif

Etwas aus den nebelsatten
Lüften löste sich und wuchs
über Nacht als weißer Schatten
eng um Tanne, Baum und Buchs.
Und erglänzte wie das Weiche
Weiße, das aus Wolken fällt,
und erlöste stumm in bleiche
Schönheit eine dunkle Welt.

Gottfried Benn

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Re: Wintergedichte

Beitrag von Margret » Dienstag 23. Dezember 2008, 13:55

Im halben Eise
Blick in die Welt und lerne leben,
bedrängt Gemüt;
braucht nur ein Tauwind sich zu heben
und alles blüht.

Die Hasel stäubt, am Weidenreise
glänzt seidner Glast,
Schneeglöckchen lenzt im halben Eise
und Seidelbast.

Braucht nur ein Tauwind sich zu heben -
verzagt Gemüt,
blick in die Welt und lerne leben:
Der Winter blüht!
Rudolf Alexander Schröder

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Re: Wintergedichte

Beitrag von Margret » Dienstag 23. Dezember 2008, 13:56

Winter – Landschaft


Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche,
bis auf den letzten Hauch von Leben leer;
die muntern Pulse stocken längst, die Bäche,
es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,
erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab,
und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise,
so gräbt er, glaub' ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend,
wirft einen letzten Blick auf's öde Land,
doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend,
trotzt ihr der Tod im weißen Festgewand


Friedrich Hebbel

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cantus planus
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Re: Wintergedichte

Beitrag von cantus planus » Mittwoch 19. Januar 2011, 14:47

Suchmeldung

Ein Schal, auf einer Bank vergessen,
vermisst den Hals, den er gewärmt.
Woanders friert der Hals indessen
und keucht und hustet, dass es lärmt.
"Könnt ich mich schlängeln!" seufzt der Schal.
"Du fehlst mir!" krächzt der Hals vor Qual.


(Autor leider unbekannt)
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‎Tradition ist das Leben des Heiligen Geistes in der Kirche. — Vladimir Lossky

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