Erfahrungen auf dem Jakobsweg

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ifugao
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Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 09:46

Der Thread wurde nicht von Ifugao eröffnet, er wurde vom Strang Jakobsweg abgetrennt. Lioba, Mod

Ist hier eigentlich schon mal jemand hier den Weg wirklich gegangen?
Ein guter Freund von mir hat das gemacht und seine sehr interessanten Erlebnisse aufgezeichnet. Er landete zeitgleich mit Bischof Tebartz-van Elst in Santiago.
Wenn ihr Lust habt, stelle ich die Aufzeichnungen aus einem ganz normalen Pilgerleben der aus 1000 Kilometer Fußmarsch bestand hier ein. Mit seiner Erlaubnis natürlich.

LG
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Zuletzt geändert von ifugao am Dienstag 22. Februar 2011, 21:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Lioba
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Re: Jakobsweg

Beitrag von Lioba » Dienstag 22. Februar 2011, 09:50

Mach ruhig!
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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 10:19

Es sind natürlich keine hochreligiösen Pamphlets, sondern schildern den völlig normalen Alltag eines Pilgers ohne irgendwelche abstrusen Anschauungen.
Real Live sozusagen und holt so Manchen auf den Boden der Tatsachen zurück.
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Re: Jakobsweg

Beitrag von Pit » Dienstag 22. Februar 2011, 16:48

ifugao hat geschrieben:Ist hier eigentlich schon mal jemand hier den Weg wirklich gegangen?
Ein guter Freund von mir hat das gemacht und seine sehr interessanten Erlebnisse aufgezeichnet. Er landete zeitgleich mit Bischof Tebartz-van Elst in Santiago.
Wenn ihr Lust habt, stelle ich die Aufzeichnungen aus einem ganz normalen Pilgerleben das aus 1000 Kilometer Fußmarsch bestand hier ein. Mit seiner Erlaubnis natürlich.

LG
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Ja, sehr gerne! :) :ja:
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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 17:14

Gut, dann will ich das mal machen. Unser Freund schreibt noch daran und ist noch nicht fertig damit. Aber nach und nach eingestellt kann man es quasi als kleinen Fortsetzungsroman nehmen, der ganz lustig beschrieben ist.
Ich fange einfach mal an.
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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 17:16

Aber nun das Wort demjenigen der sich die Mühe gemacht hat diese Erlebnisse aufzuschreiben. Es beginnt ganz profan so:

Was das besondere am Camino de Santiago war weiß ich heute noch nicht. Camino de Santiago heißt nur „Weg nach Santiago“, und auch wenn es dort immer andere Pilger gibt, hat doch jeder Pilger seinen eigenen Weg, mit dem er allein klarkommen muss, man läuft und läuft. Aber irgendwann beginnt der Weg zu leben, bekommt eine eigene Persönlichkeit, wird Geliebter oder Feind, oder einfach nur Gefährte. Er nimmt alles weg, was nicht unbedingt nötig ist, wie überflüssigen Ballast, oder Ideen, Sorgen, Gewicht auf dem Herzen oder der Seele, bis man sich nur noch um ihn sorgen braucht. Er zeigt Bilder der äußeren, aber auch der inneren Welt, die man so noch nie gesehen hat. Ihm ist es egal, wer man ist, wie man ist, oder ob man ans Ziel kommt, er will nur, dass man ihn geht. Und wie Herz und Seele immer leichter wird, wird auch der Kopf immer leichter, und man sieht auf zum Horizont, bis zum Himmel, bis ans Ende der Welt.

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 17:18

So fing alles an:

Nachdem ich mich fast ein Jahr auf den Camino vorbereitet hatte, wars dann endlich so weit. Nach einem tränenreichen Abschied am Flughafen Hahn gings nach Santander, und von da aus wollte ich nach Bilbao. Von dort aus hatte ich acht Wochen Reisezeit und ca 900km Strecke vor mir, es ging über die Nordroute, den Camino del Norte, fast an der ganzen Nordküste Spaniens entlang. Bisher hatte ich mich immer um die Koffer gekümmert, und Andrea um das CheckIn, und ich wusste wirklich nicht, wem ich das Ticket und das alles in die Hand drücken sollte. Aber irgendwie bin ich tatsächlich in Santander angekommen und im Bus bis Bilbao gefahren. Und dann stand ich da, und hatte KEINE Ahnung, wo ich war oder hin musste. Bilbao ist größer als Frankfurt samt Umland, und ich mittendrin. An und für sich kann ich in acht Sprachen schimpfen und in sechs Sprachen Essen bestellen (Chicken McNuggets por favor!), aber hier sprechen sie Baskisch, was ich erst nach einigen Tagen überhaupt herausbekommen habe. So allein hab ich mich noch nie gefühlt.

"Fahren Sie mit der Straßenbahn Nr Dingsbums bis an die Endstation, dann laufen Sie so und so den Berg hinauf zur Herberge!" stand im Pilgerführer. Straßenbahn? Ich stand am Busbahnhof. Also lief ich einfach los, bis ich Schienen und eine Haltestelle fand, und es war auch noch die richtige Linie, boah, ey! Ticket gelöst, eingestiegen, schwierig mit Manni dem Mammut, meinem Rucksack. Die Straßenbahn fuhr genau eine Station weit, um genau vier Ecken herum, und schon war ich an der Endstation, die, oh Wunder, genau auf der anderen Seite des Busbahnhofes war. MERDE! (Sag ich doch, acht Sprachen..) Oben auf dem Berg habe ich dann tatsächlich die Pilgerherberge gefunden, und sogar ein Bett. Noch weiter oben auf dem Berg war eine riesige Gaststätte, und nachdem ich zwanzig Minuten mit unglaublichem Ausblick auf Bilbao Tagebuch geschrieben und auf einen Kellner (wie heisst Kellner auf Baskisch?) gewartet hatte, erklärte mir ein Ire, der meinen Namen mochte und ein Bier mit mir trank, dass es Essen nicht auf der Terasse gab. OK? Das einzige auf der Karte, das ich lesen konnte, war "Carbonara" und "Vino Tinto", und danach war mir schlecht. Allerdings gabs als Ausklang des Abends ein gigantisches Feuerwerk, das wir von erhöhter Warte an der Herberge (Alberque, ich lerne) mit allen Pilger zusammen bewundern konnten. Ay, soy Peregringo!

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 17:20

Begegnungen auf dem Camino

Laut Pilgerführer hätte ich von der Jugendherberge (gut sichtbar halb das Tal runter) zurück in die Stadt laufen sollen, um mit einem klitzekleinen Umweg auf die andere Seite des Flusses zu kommen, wo der Weg viel schöner ist und nicht durch die maroden Industriegebiete führt, man kann die dann vom anderen Flussufer anschauen, toll. Der eigentliche Pilgerweg wäre beschwerlich, da man aus der Stadt heraus den Berg hinauf müsste. Ich will mich ja nicht beschweren, aber da war ich ja schon, und um den klitzekleinen Umweg auch nur zu erreichen hätte ich zwei Kilometer und vieleviele hart erkämpfte Höhenmeter zurückgehen müssen. DURCH DIE STADT! Also ging’s den Höhenweg entlang, der über den schnell erreichten Hüppel ins nächste Tal ging. Toller Höhenweg. Aber dann führte der Weg wieder hinauf. Und hinauf. Und noch ein bisschen hinauf. Eigentlich wollte ich heute bis ans Meer laufen, hab’s aber hier oben nicht gefunden, auch nicht gesehen, nur wunderschönen Höhen. Mit wunderschönen, gut verschlossenen Kirchen, ich bin ja auf dem Pilgerweg!

Einer meiner Gründe für den Camino war, ausgiebig Zeit zu haben, wieder näher zu Gott zu finden, neues Leben in meinem Glauben zu finden. Damit war ich schon sehr schnell ein Exot. Wochen später lief ich mit einer größeren Meute deutscher Pilger, und beantwortete die Frage nach dem Grund meiner Reise, meistgestellte Frage am Weg, mit „Aus religiösen Gründen“. Ehrfürchtiges Schweigen brüllte mir entgegen. Einer rief freudig erstaunt „Boah, wir haben `nen Religiösen gefunden!“ Ich war nach drei Wochen Wanderung der erste Pilger mit religiösem Hintergrund, den sie gefunden hatten. Das fanden sie richtig toll. Ich fands .sehr, sehr traurig.

Vom Höhenweg aus hatte ich bald einen wunderbaren Ausblick auf Portugalete, und blieb erst einmal stehen. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, Jesus würde mich fragen „Patrick mein Freund, willst Du viel Spaß mit mir haben? Ich würde gerne mit Dir gehen.“ Jaaa! „Und in viele von diesen Kirchen bin ich lange nicht mehr eingeladen worden!“ Oh!

Das nächste Lied auf meinem mp3-Player, Zufallsauswahl, war „Princes of the Universe“ von Queen: „Hier stehen wir, geboren, Könige zu sein, wir sind die Prinzen des Universums. Wir werden ums Überleben kämpfen und überwinden!“ Sehr erbaulich; sollte der Camino so schwer werden? Danach verirrte ich mich in Portugalete.

Ein sehr lieber Opa bemerkte meine offenkundige Verwirrung, meinen Rucksack und meine Jakobsmuschel, fragte „Camino Santiago, Si?“ (Nicken, Si!) und überfiel mich mit einem Wasserfall unverständlichem Kauderwelsch, griff meine Hand und führte mich mit grausamer Geschwindigkeit aus der Stadt heraus und wieder auf den Camino. Dieser Mann war 150cm groß, hatte krumme Beine und einen Hüftschaden, aber ich kam nur mit Mühe hinter ihm her. Und dabei redete er auch noch ununterbrochen. Zehn Minuten später war ich nicht mehr verirrt, raus aus der Stadt, maßlos erschöpft und HUNGRIG. Eigentlich wollte ich hier nach 15 geschafften Kilometern Pause machen, aber der Opa war einfach zu schnell. Naja, macht nix, bestimmt kommt bald ein Supermarkt (Mercado, Supermercado, Hypermercado, Megamercado) oder wenigstens eine Bäckerei (Baguetteria), eine Konditorei (Pastelleria) oder eine Bar (Bar). Hunger macht lernfähig. Und nach fünf Kilometern: Nix! Nach weiteren fünf Kilometern das gleiche Nix. Aber das Meer konnte ich sehen. Blödes Meer, ich will nicht baden, ich hab Hunger! Am Meer angekommen (noch mal fünf Kilometer) gab es wenigstens koffeinhaltige Zuckerbrause, die mir helfen sollte, bis zur in Sichtweite stehenden Herberge zu kommen. Sichtweite, haha, den Mond kann man auch sehen, trotzdem kommt man nur schwer hin! Die Herberge hab ich allerdings erreicht, aber die Schmerzen in meinen Knien und die Freundlichkeit des Hospitalero ließen mich jeden Hunger vergessen, es gab eine Dusche und ein Bett! Ich habe gekämpft und überwunden…

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 17:22

Weiter geht es im Text....

In der Herberge gibt es Pilger, die deutsch sprechen, aber die schlafen alle. Haben die keinen Hunger? Aber ich habe eine Dusche hinter mir, ein Bett vor mir, neben mir und über mir sind alle Betten frei, was mich sehr erleichtert. Normalerweise lernt Andrea die Leute kennen, ich hab viel zu viel Angst vor Fremden. Ein Hallo, Hello, Hola oder so was krieg ich ja noch hin, aber reden? Mit Leuten? Andrea meinte, das würde sich nach zwei Wochen alleine laufen schon geben. Na, die hat gut reden!

Vor dem Haus gibt es Strand, und an jedem Strand gibt’s Eiscreme. Aha, Langnese, gute spanische Eiscreme. Einen Laden, in dem man etwas Essbares kaufen könnte gibt’s allerdings nicht, nur ca. 20 Gaststätten, in denen allerdings niemand etwas isst. Hätte ja nicht gedacht, dass das Essen hier so schlecht ist! Aber alle trinken Bier, das kann ich auch. Außerdem gibt es merkwürdige Schnittchen, mit weißer Paste und Shrimps oder mit Bratwurstbrät. Ich probiere beide und weiß ich nerv mal wieder bisschen: warum alle nur trinken. Auch am nächsten morgen wird mir noch einmal sehr deutlich, warum.

Zurück in der Herberge vereinnahmen mich die anderen Pilger, während ich mir einen Tee koche. Ja, natürlich schleppe ich eine Teekanne und Tee mit mir herum, so viel Stil muss sein! Ich sitze an einer Ecke des Tisches, damit eine Seite frei bleibt. Die fremdsprachigen Pilger sind in Paaren unterwegs. Die deutschsprachigen Pilger sind einzeln unterwegs und könnten meine Kinder sein. In der Bar um die Ecke gibt es ein Pilgermenue, ich bin neugierig und versuche vorsichtig, mich einzuladen, ich mein, was denken die denn von mir, ‚Hallo, mein Name ist Norman Bates, und ich habe ein Motel!’ ich pass doch gar nicht dazu. Trotzdem stehen wir vor der Bar und ich kapiere, warum hier niemand isst: Es gibt kein Essen vor Acht Uhr! Also sitzen wir draußen und trinken Bier, ich sitze an der Ecke vom Tisch. Punkt Acht stehen alle auf und gehen in den Speisesaal, der Comedor heißt, und sich bald in einen Humidor verwandelt. Ich sitze an der Ecke.

Das Pilgermenue, Menu Peregrino, besteht, für mich jedenfalls, aus Vorspeise: Merkwürdige Erbsen mit Schinken (Crudilleros con Jamon), Hauptspeise: Merkwürdiges Schnitzel natur mit ungesalzenen Pommes (Lomo y Patatas Fritas), Nachspeise: Merkwürdiger Pudding (unaussprechlich), dazu Brot, Wasser und Rotwein (Tinto!) so viel man will, für zehn Euronen. Zahl ich sonst allein für den Wein, so fein, den schenk ich mir ein! Alle Pilger sitzen an einem Tisch und schnattern in mehr Sprachen als Leute hier sitzen, und schneller als ich deutsch verstehe. Der eine deutschsprachige junge Mann ist österreichischer Halbjapaner, das eine deutschsprachige Mädel kommt aus Ostdeutschland und arbeitet in Österreich, das andere deutschsprachige Mädel spricht mit leichtem, mir bekanntem Zugenschlag. Ich frag: „Sachemol, isch glab, so wie Du babbelst kimmst Du aus Hesse, wo bisten Du her? Isch bin aus xxxx!“ „Aus xxx?? Isch komm aus xxx! Un wenn Du aus xxxx kimmst, kennst Du dann net de XXX, der is aach Gärtner!“ Kenn ich, geht mit mir in Fitnessstudio. Passiert doch immer wieder, in den entlegendsten Gegenden des Amazonas trifft man seinen Nachbarn, oder mitten im Baskenland Bekannte von einem Trainingspartner. Aber alle reden gleichzeitig, und mir wird schlecht. Morgen laufe ich wieder allein.

P.S.: Drei Tage später waren wir vier deutschsprachigen Pilger so gut wie unzertrennlich, und mit zweien davon lief ich sieben Wochen später, mit kurzer Unterbrechung, immer noch zusammen, bis ans Ende der Welt.

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 19:53

Küsse von Gott


Weiter geht der Weg....

Früh am Morgen gab’s ein gemeinsames Frühstück in der Herberge von Pobeña, Flakes oder Kekse, mir langt mein Tee, andere hauen sich Brote rein. Viele sind auf Coffeinentzug und morgenmuffelig, da fühl ich mich doch gleich wie zu Hause. Aber aufgedreht sind irgendwie alle. Mir tun die Knie weh, aber das wird sich wohl bald geben, der Camino ruft, immer lauter, ich muss jetzt los…

Immer wieder werde ich gefragt, wie denn die Herbergen gewesen wären. ich nerv mal wieder bisschen: die in Pobeña war eines der seltenen Schmuckstücke, andere sind schmutzig oder wanzenverseucht. Zu sagen sie wären spartanisch wäre eine ernsthafte Beleidigung an alle Griechen. Aber es ist sinnlos, darüber reden oder es zu erklären, der Weg zählt, nicht das Bett. Man bekommt immer eine Dusche und irgendetwas zum Hinlegen, mehr braucht man nicht, am nächsten Morgen geht es weiter, auf den Weg, immer weiter.

Nach der Herberge von Pobeña geht endlich an die Küste, einen kleinen steinigen Weg hinauf, um eine Kurve, und ich vergesse zu atmen. Diese Küste ist steil und schroff, das Meer wild und brutal. So früh liegt noch Dunst auf dem Wasser und Nebelstreifen zwischen den Hügeln. Winzige Sandstrände, Wellen von mehreren Metern Höhe, es gibt sogar Wellenreiter. Das ist kein Badewannenstrand wie auf Mallorca, wo die größten Gefahren schreiende Kinder und deren obenohnesonnenden Omas sind, das ist Pure Kraft. Überall in den Felsen gibt es etwas zu sehen, steinerne Gesichter, Fabeltiere, Türme, Grotten, Brücken. Der Gischt brandet wütend streichelnd heran und darüber hinweg, und schon in hundert Jahren wird er wieder etwas verändert haben.

Manche Teilstücke sind so hart, dass der Weg kurz ins Innland geht, bergauf, talab, nur um wieder ans Meer zu stoßen. Manche Wegstrecken sind so schwierig, dass wir sie nur zu zweit gehen. Oft genug geht es direkt neben dem Weg zwanzig Meter oder mehr steil in die Tiefe, die aus einem Mælstrom aus Felsen und Brandung besteht. Ich hätte auch drei Wochen in Tunesien am Strand liegen und Shisha rauchen können, jetzt wird mir klar, warum ich hier bin.

Mir kommt diese Gegend so vor, als ob Der Schöpfer am dritten Tag, nachdem er Wasser und Land trennte, hier sein Werk voller Freude küsste.


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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 19:54

Castro wir sind fidel


Weiter mit den Erinnerungen

Das kommende Tagesziel ist Castro-Urdiales, der Weg führt am Strandboulevard entlang, nachdem er über einige steile Hügel am Meer auf und nieder ging, und meine Knie tun weh. In der Stadt hab ich mich natürlich verlaufen, nachdem die Wegweiser mich dreimal um die Kirche herumgeführt haben. Ist allerdings auch eine sehr schöne Kirche, aber dreimal? Auch der Hafen ist sehr schön, aber ich will ihn nicht ein drittes Mal sehen, schließlich tun meine Knie weh. Die Tourist-Info schickt mich zur ehemaligen Stierkampfarena, und dahinter ist ein winziges Häuschen, die Pilgerherberge. Der Herbergsvater, ein junger Nordafrikaner, ist noch nicht da, dafür aber meine deutschsprachigen Mitpilger von gestern. Logisch, denn hier ist die nächste und einzigste Herberge weit und breit. Ihnen tun die Knie weh, deshalb verabreden wir uns zum Essen.

Nach einer halben Stunde Wartezeit treffen nicht nur noch einige Pilger, aus Ungarn und Frankreich, sondern auch der Hospitorero (nicht vergessen, wir sind an einer ehemaligen Stierkampfarena) ein. Oder heißt das Hospitador? Die Herberge jedenfalls ist das schlimmste Dreckloch, das wir auf dem gesamten Pilgerweg finden werden, und wird wenige Tage später aufgrund Bettwanzen- und Flohbefalls geschlossen. Nach dem Eintreffen einer Herde französischer Fahrradpilger, die sich wie Ochsen benehmen, ist nicht nur die Herberge überfüllt, sondern auch eines der beiden Klos nicht mehr zu betreten, da einem der Radler darin sehr schlecht war. Also gehen wir essen.

Wir finden zwar viele Bars und Restaurants, können uns aber auf keines einigen, also gehen wir Schuhe kaufen. Schließlich haben wir („Warum gibt’s denn keine Wanderstiefel in Rosa?“) Mädels dabei. Denen die Knie weh tun. Wir kriegen Schuhe (braun), Wanderstöcke (grün) und ein Chinarestaurant (auch nicht rosa) mit der verwirrendsten Speisekarte (bordeaux mit gold und beige), die ich jemals erlebt habe. Die Speisekarte ist auf Spanisch, von einem Holländer in Korea aus dem Chinesischen übersetzt. Drei von uns bekommen etwas Essbares. Wie heißt „Bitte keine Pilze!“ auf Spanisch?

Uns fährt der Bus zur Herberge vor der Nase weg, also laufen wir. Ist nur wenig mehr als ein Kilometer. Mir tun die…schon gut, bin ja schon still damit! Die Herberge ist immer noch überfüllt, und die Radler schnarchen im Chor die französische Nationalhymne. Wichtigster Ausrüstungsgegenstand des Pilgers: Ohrstöpsel! Ich liebe sie! Flöhe liebe ich nicht, kenne ich aber von meiner Katze. Mir fehlt meine Katze!


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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 19:56

Vier


Vier Knie?

Oh Gott, ich hab vier Knie! Zumindest fühlt sich das so an. Zwei Knie allein können nicht so weh tun. Wir sitzen abends im Kreis und tauschen Salben und Pillen aus. „Wer tauscht Aspirin gegen Diclophenac?“ „Ibuprofen? Hat jemand Ibuprofen?“ Hydrocortisonsalben gegen Stiche werden herumgereicht wie Joints, Bepanthencremes gegen wund geriebene Zehen stehen hoch im Kurs. Gepriesen sei der Tag, an dem ich diese unglaublich guten Schuhe gekauft habe! Ich bin der einzige, der keine Blasen an den Füßen hat, und tatsächlich bleibt das so bis ans Ende des Weges. G. hingegen hat nicht nur die meisten Blasen an den Füßen, sogar seine Blasen haben Blasen bekommen. Und gegen 7 Uhr ist das Klopapier aufgebraucht, gesegnet sind die Frühaufsteher. Die Radpilger schlafen lang, haha!

H. ist so sehr von Flöhen und Wanzen verstochen, vielleicht ist es auch Sonnenallergie, dass sie aufgeben möchte. Wir beknien (ja, klar, die tun weh) sie, zum Arzt zu gehen und nachzukommen, also machen wir wieder für den Abend einen Treffpunkt aus, und gehen unseres Weges.

„Dieser Weg wird kein leichter sein!“ Schade, dass ich diesen Song nicht auf meinem Player habe. Stattdessen kommt „Über Sieben Brücken musst Du gehen!“. Na klasse. Schon die nächste Brücke ist mir zu steil. Der Schmalz trieft aus meinen Ohren, trotzdem hör ich auf diesen Text:

Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick

Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh

Manchmal bin ich schon am Morgen müd

Manchmal schein ich nur im Kreis zu gehn

Manchmal bin ich wie von Fernweh krank

Manchmal sitz ich still auf einer Bank

und fange an zu flennen.

Mittlerweile gehe ich in den Ortschaften auf der Straße. Die Bürgersteige sind hier sehr hoch, und das hoch und runter tut zu sehr weh. Es geht weiter, immer weiter.

Die Herberge von Liendo, in der wie uns verabredet haben, nur 18km Strecke, liegt ein wenig abseits des Weges, es gibt keine Beschreibung, nur den Hinweis, dass es sie gibt. Ich finde sie zeitig am Nachmittag und stehe allein davor, denn sie ist geschlossen. Von 8 bis 12 Uhr ist der Schlüssel im Rathaus, bis 17 Uhr an der Turnhalle, ab 17 Uhr in der Bar, außer freitags, da ist sie beim Bürgermeister, und sonntags beim Priester. Die Aufsicht habe Rosita, die jeder kennt, nur ich nicht. Ein Gemeindegärtner, der gegenüber arbeitet, erklärt mir, dass der Schlüssel immer in der Bar ist. Klar, denn dort findet man den Hallenwart, den Bürgermeister und den Priester anscheinend sowieso immer.

So komme ich als erster in die Herberge, und sie ist die totale Perle! Frisch renoviert, sauber, mit einer voll eingerichteten Küche samt Cerankochfeld und Waschmaschine; es gibt Waschpulver, Teller, und ausreichen Klopapier. Zwei Zimmer mit wenigen Betten, genug Duschen mit genug warmem Wasser. Luxus! Heut gibt’s Party! Ok, Fiesta. Nach der Siesta. Ich lerne Spanisch.

L. und G. treffen später ein, haben sich bissi verlaufen, ich empfange sie mit frischem Tee. H. läuft wohl doch weiter, trifft uns aber erst morgen wieder. Wir fallen in den winzigen Gemischtwarenladen (Supermercado!!) in der Garage neben der Bar ein, denn wir wollen richtig zu Abend kochen und ein gutes Frühstück habe. Das Abendessen besteht aus Unmengen Spaghetti mit Tomatensosse und Chorizo, was eine superfette superleckere Salami ist. Dazu gibt’s Tinto und Natillas, lockeren Milchpudding.

Wir liegen auf der Terrasse und genießen zur untergehenden Sonne Cantabriens unseren Rotwein, und haben die ganze Herberge für uns allein. Das Leben ist schön!

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 19:57

Weiter geht der Weg

Cut!

So erholsam der Aufenthalt in Liendo auch war, wir müssen weiter, der Weg ruft. Aber wir stellen uns taub. Irgendwann ist das Frühstück gegessen, die letzte Wäsche gewaschen und getrocknet, auch unseren Nachtpalast haben wir saubergemacht. Und wollen trotzdem nicht weiter.

Ich fange an, Gewicht zu reduzieren. Angeblich gehen alle Pilger da durch. Alles, was nicht unbedingt notwendig ist, wird ausgemustert. G. lässt eine Tasse zurück, weil sie ihm 100 Gramm zu schwer ist. Ok, drei Shirts und ein Hemd, zwei Hosen und drei Slips genügen, wegen des Gewichtes alles Funktionskleidung, bzw. Ropa Supertecnica, wie der Spanier sagt. Vier Shirts bleiben zurück. Magnesiumtabletten werden abgezählt, 54 Stück brauche ich noch, der Rest bleibt zurück, genauso wie ein halber Liter Sagrotanspray. Spray oder nicht, macht auch nichts mehr aus. Drei Wochen später treffe ich zwei nette Schwestern, die sich herzlich für den Spray und die Tabletten bedanken, ich schenke ihnen mein zweites Handtuch, sie füllen mich mit Serranoschinken ab. Mein drittes Paar Strümpfe wechselt den Besitzer. Alle drücken ihre Zahnpastatuben zur Hälfte aus. Ich hab so ein Konzentrat, das zwar guten Atem macht, die Zähne aber nicht richtig säubert. Werden so pelzig und bleiben auch noch so. Egal, ist leichter. Mein Deo ist in einer Glasflasche, die viel zu schwer ist. G. hat zwei leere Plastikflaschen, ehemalige Zahngelflaschen, die er nur gekauft hat, um sie auszuleeren, damit er an die Flaschen kommt. Eine gibt er mir, und ich freu mich wie ein Kind. Über eine Plastikflasche! Wir überreden G., sich nicht mehr zu rasieren, und er lässt seinen Rasierer zurück. Einige Tage später gehe ich dazu über, meine Wasserflasche erst gegen elf zu füllen, und auch nur halb. Früher brauch ich nicht trinken, zu Mittag gibt’s einen Elektrolytdrink auf Hopfen-Gerste-Basis mit höherwertigen Kohlenwasserstoffen, das reicht meistens bis zum Tagesziel.

Irgendwie mutet das Ganze wie ein Zeremoniell an, als ob wir, wie eine Libelle, eine alte Haut zurücklassen. Vermissen Libellen das Wasserloch ihrer Jugend? Wollen sie wieder zurück? Ich streife eine große Menge Sicherheit und Geborgenheit ab, der Camino schlägt über mir zusammen wie eine Woge an der Steilküste, und lässt mich beinahe nackt zurück.

Nach ein paar Tagen kümmert sich niemand mehr darum, mit welchen Klamotten man in ein Restaurant geht, kein „Ich hab keine passenden Schuhe mehr!“, kein „Warte, ich muss mich rasieren!“. Wir werden immer mehr von den allgemeinen Sachzwängen befreit. Sogar in richtig guten Restaurants wird ein Pilgermenu serviert, Kellner in Anzug und Schlips bedienen uns mit hohem Respekt, wir tragen eine Uniform.

Eineinhalb Kilo. Mit eineinhalb Kilo weniger Gewicht und einer Schiene am linken Knie geht’s dann doch noch weiter, aber wir sind alle mies drauf. Wir kämpfen uns einige ganz brutale Gefälle hinunter. Treppen sind kaum noch zu ertragen, und davon gibt’s viele. Zurück auf Meereshöhe schleppen wir uns durch Laredo, an der Uferpromenade entlang zur Fähre nach Santona. Der Fährenanlegeplatz ist nur ein Stückchen Strand, aber wir können die Fähre schon sehen. Neben uns bremst ein Radpilger und quatscht uns auf breitestem österreichisch an, ob wir ihm mit seinem Wein helfen wollten. Er hatte kurz vorher ein Pilgermenue und den Wein nicht geschafft. Armer Junge. Ihm muss geholfen werden! Ich helfe natürlich. Mehrmals. Danach ist mir nicht mehr zu helfen, latürnich.

Die Herberge, eine große Jugendherberge, ist irgendwie schwer zu finden. H., die ich nerv mal wieder bisschen: trotz aller Flohstiche, doch weitergeht, hat uns ein Zimmer klargemacht, und irgendwie brauche ich ein kleines Nachmittagsschläfchen. Zuviel ist heute passiert.


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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 20:00

Weiter geht der Weg

Verblendung – Verdammnis – Vergebung

Der folgende Tag war einer der drei wichtigsten Tage meiner Pilgerreise, und passt nicht auf eine Seite.

Vergebung, darum ging der Camino ursprünglich. Sehr viele Religionen dieser Welt haben Pilgerreisen, sei es die Traumsuche der Aborigines, die Seelenreise der nordamerikanischen Ureinwohner, die Reise nach Mekka der Muslime, irgendeine Reise haben fast alle. Und fast immer geht es um innere Reinigung. Der Camino zu christlichen Zeiten ging ursprünglich um Vergebung weltlicher und kirchlicher Schuld. „Wir verfolgen dich bis ans Ende der Welt!“ bedeutete bis Cap Finisterre. Noch heute kann man als Katholik in Santiago bestimmte Riten ausführen, um eine Generalabsolution zu bekommen, sogar für schon verstorbene Familienmitglieder. Was nun Sünde ist, darüber sollen sich gelehrtere Geister streiten, mir genügt die Definition, dass vergeben werden muss, was mich von der Gemeinschaft mit meinem persönlichen Umfeld und mit Gott trennt. Und da ich kein Katholik bin kann mir das noch nicht einmal der Papst, den ich hoch achte, zusprechen. Ich kann mir auch nicht mehr vorstellen, dass Gott, der kaum zu glaubende Anstrengungen unternommen hat, Trennungen von Ihm wieder zu vereinen, jetzt die Ewigkeit damit verbringt, jede kleine Sünde aufzurechnen; ich kann mir gut vorstellen, dass er das denen überlässt, deren Existenzsinn darin besteht, uns von Ihm getrennt zu halten.

In der Jugendherberge von Santoña sind wir angewiesen, vor den auch hier nächtigenden Kindergruppen zu frühstücken, was wir dankend annehmen. Die beiden Küchenmuttis kümmern sich sooo lieb um uns, noch ein Toast, noch ein Hörnchen, Tee oder Kaffee? Dann gibt es zwei Routen, eine längere an der angeblich schönsten Steilküste Cantabriens entlang, und eine kürzere. Weder meine Beine (samt Knie) noch mein Rücken tun irgendwie weh, deshalb nehme ich die längere Strecke. Es geht durch die Stadt, am Hafen entlang diverse Treppen hinauf, dann einen steilen Schotterweg hinauf. Der Himmel ist klar, kein Dunst auf dem Wasser, die Luft fühlt sich wie Sekt an, so prickelnd und frisch, dass mir schon dusselig wird, ich bin selig. Aber ich denke schon seit langer Zeit über Schuld, Sühne und Erlösung nach, besonders auch, da diese Themen zentral mit dem Camino verbunden sind, und mir das Herz und die Seele schwer sind von alter, lange unvergebener Schuld. Jeder tut irgendwann etwas, das er zutiefst bereut und nicht mehr gutmachen kann, und in meinen fast fünfzig Jahren ist da eine Menge zusammen gekommen.

Ich höre neben dem heute leisen Meeresrauschen, den dummen Möwen und dem Wind in den Eukalyptusbäumen auch Musik vom mp3-player, und schon wieder ist die Musik oskarpreisverdächtig gut abgestimmt. Gerade läuft „Songs of Ascents“ von „IONA“, und die scheinen dieses Lied nicht nur genau hier geschrieben zu haben, sie müssen auch noch genau gewusst haben, wie ich mich gerade fühle:

When Mercy comes to me, as soft as the sky

And faith like a strong arm around me lies

And life is beginning, like springtime in flower

My soul is awakened, with truth to astound me

An emptiness for You to fill

My soul a cavern for Your sea

And You are the flowering bough of creation

From You cascades music, like a million stars

And here in the purest light of the heavens

Mysteries revealing, in songs that surround me

An emptiness for You to fill

My soul a cavern for Your sea

In diesem Moment öffnet sich der Waldweg zum Meer, steile und schroffe Kalksteinwände, und ich glaube nun wirklich, dass dies zu Recht der schönste Teil der cantabrischen Küste sein muss. Ich bin nicht nur sprachlos, ich krieg auch noch einen Kloß in den Hals und meine Augen beginnen zu schwitzen. Und dazu dieser Text:

Wenn Barmherzigkeit zu mir kommt, zart wie der Himmel,

und Vertrauen sich wie ein starker Arm um mich legt,

und Leben beginnt wie Frühling in den Blumen,

meine Seele erweckt wird mit verblüffender Wahrheit:

Leere, durch Dich zu füllen,

meine Seele, zu füllen mit Deiner See

Ich strecke meine Arme samt Wanderstöcken in die Luft und fange an, aus vollem Hals zu brüllen. Danach falle ich auf meine Knie und fange an zu beten. Allzu viele artikulierte Worte waren wohl nicht dabei, aber der Gott, der dieses Stückchen Welt gemacht hat, wird mich wohl verstanden haben. Danach sitze ich völlig platt auf einer Mauer, und wage kaum, zu photographieren, aus Angst, diesem Ort etwas zu stehlen. Der Geruch, die Tiefe, die Geräusche und Klänge, davon kann sowieso keiner ein Photo machen.

Das nächste Lied der Zufallsauswahl ist „Get on Your Feet“ von Gloria Esteban. Sie singt von dem Gefühl der Angst, das Leben könnte vorbeirauschen, die Seele würde vertrocknen, alle Hingabe wäre umsonst, was früher einmal klar war könnte nun eingetrübt von miesen Gefühlen sein. - Die Frau kennt mich anscheinend! - Weiter: „Aber tief in deinem Herzen ist die Antwort: Es gibt eine Liebe, die dich hindurch trägt.“ – Haben die sich bei mir verabredet? – „Komm auf deine Füße, hoch mit dir, mach dich auf!“ – Ich sitz gerade auf einer Mauer?! – „Steh auf und mach was los! Ich glaube, du hast einige miese Zeiten hinter dir.“ – Hat die `ne Ahnung! – „Aber das Leben hat noch so viel schönes für bereit!“ – Gut, her damit! – „Also auf die Füße und los geht’s! Steh auf, geh los und halt nicht an bis du am Ziel bist!“ – Hab noch 700km vor mir… - „Die Last ist von deinen Schultern genommen.“ – Stimmt, mein Rucksack Manni liegt auf dem Boden. Wie kommt der denn dahin? Aber die Last auf meinem Herzen schwindet auch gerade. Da der Refrain noch mehrmals deutlich wiederholt, dass ich mich nun gefälligst aufmachen soll, schultere ich Manni das Mammut, und mache mich sambatanzend auf den Weg, the rhythm is gonna get me.

Damit nicht genug ist das nächste Lied der Zufallswiedergabe „Mercy isFalling“ von David Ruis, und zwar in der besonders heftigen Lifefassung: „Barmherzigkeit besiegt die Verdammnis! Vergebung fällt auf mich wie ein Frühlingsregen. Ich werde singen und tanzen vor Gott!“ Ich bekomme Gänsehaut auf dem ganzen Körper, und fange erst richtig an zu weinen. Bissi schwierig, wenn man gerade grölend auf der Steilküste Samba tanzt und mit einem Rucksack auf Rücken wir ein besoffener Troll mit Buckel aussieht. Aber ich tanze und lache und weine und gröle den Refrain mit (wer mich schon mal singen gehört hat, weiß, was ich meine).

Es geht den Berg hinunter, an einem Gefängnis und einem Strand vorbei, und eigentlich schon wieder einen Berg hinauf. Ich nehme aber lieber ein paar Kilometer flachen Umweg in Kauf. Meine Beine tun zwar immer noch nicht weh, mein Schicksal herausfordern will ich aber trotzdem nicht. In Noja angekommen finde ich als erster die Herberge, sichere uns ein Zimmer, und genehmige mir einen natürlichen Elektrolytdrink auf Hopfen-Gerste-Basis mit höherwertigen Kohlenwasserstoffen. Oder zwei. Danach liege ich am Strand, der mehrere Kilometer lang, einige hundert Meter breit ist und als einer der schönsten Strände der Nordküste Spaniens gilt, genieße die Sonne und das Leben, während die üblichen Verdächtigen, durchs Handy herbeigeführt, nach und nach eintrudeln.

Am nächsten Tag geht mein musik-player kaputt. Keine Musik mehr.


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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 20:03

Drei Bücher


Und weiter geht es

Drei Bücher

Froh, aus Santander fort zu sein, sind die Mädels meiner Einheit ein bisschen gesprungen, d.h. gefahren, Sightseeing machen, shoppen, was Mädels halt so tun wenn man nicht auf sie aufpasst, während G. und ich wieder an die Küste wollten, zu Fuß natürlich. Das eigentliche nächste Tagesziel war richtig weit entfernt, fast 40km, also wollten wir unterwegs eine Pension (Posada) oder ein Hotel (Hotel) finden, um uns am nächsten Tag wieder zu treffen. Gegen Mittag ist’s uns mit um die 20km genug, auch wenn die echt gut weggeflutscht waren, und wir sind in Modro. Hier gibt es ein Hotel mit vielen Sternen direkt am Strand. Hotel mit vielen Sternen am Strand muss nicht sein, die Wellen stören nachts immer so, also suchen wir die Pension. Von der Pension weiß jeder, dass es sie gibt, aber keiner kann uns sagen, wo sie ist, obwohl es hier nur fünf Straßen gibt. Die Pension erweist sich als niedliches FirstClassHotel, das die Sterne des aus Glas, Stahl und Beton bestehenden Strandhotels eher verdient hätte. Zur Anmeldung gibt’s Häppchen und Bier (Tapas y Cervesa), genau gesagt Kartoffelomelette und Sankt-Michaelis-Bräu vom Fass (Tortilla con Patatas y San Miguel à pression).

Das Zimmer ist einfach wunderbar, sauber und gemütlich, mit nur zwei Betten, und flauschigen Handtüchern für die Dreiseitendusche. Wir bekommen es als Pilgerspezialpreis für weniger als die Hälfte des normalen Tarifes, 24,-€ pro Bett mit Frühstück (Desayuno), und das Frühstück sollte noch genauso hervorragend wie das Zimmer werden. Schließlich ist Sonntag, und am Abend wollten wir auch noch gut und fein ins Restaurant, ein wenig Luxus und Sauberkeit haben wir uns verdient. Wir erledigen unsere Wäsche; ich gehe samt Klamotten unter die Dusche und schäume gleich alles zusammen ein. Kurz darauf ist jede freie Fläche mit trocknenden Kleidungsstücken belegt, und es gibt genügend Handtücher, um langsamer trocknende Hosen darin einzuwickeln. Funktioniert gut. G. ist ein wenig angeschlagen, kriegt vielleicht eine Erkältung oder so was, und macht Siesta, während ich mich auf der Suche nach dem Strand verlaufe. Diese Ortschaft hat tatsächlich nur fünf Straßen, und ich verlaufe mich! Zum Strand und zurück machten dann wohl noch einmal vier Kilometer aus. Was macht ein Pilger zur Erholung? Er geht spazieren! Wie kann man nur so bescheuert sein?!

Typisch wieder das spanische Restaurantverhalten: Vor 20 Uhr darf niemand in den Comedor, pünktlich um acht stehen alle auf, gehen an die Speisesaaltische, und man darf bestellen. Das Essen und der Wein sind einfach köstlich, wie schon gesagt, es ist Sonntag, das haben wir uns verdient. Aber vor der Tischkonversation hab ich ein paar Bedenken. In der Pilgertruppe ist immer jemand am quasseln, aber heute Abend sind wir nur zu zweit. G. könnte vom Alter mein Sohn sein, was sollen wir reden? G. hingegen geht sofort in medias res, und es wird einer der schönsten Abende der ganzen Pilgerreise.

Eine Frage von ihm ist, wie aus dem Konversationslehrbuch: „Du liest so viel, was sind Deine drei wichtigsten Bücher? Irgendein Science-Fiction-Fantasy-Schei#?“ „Klar, zuerst „Planet der Habenichtse“ von Ursula leGuin, dann „Canopus in Argos Archive I, Shikasta“ von Doris Lessing, weil diese beiden Bücher sämtliche Grenzen eines ganzen Literaturgenres vernichtet haben wie das selten passiert ist.“ Wir reden über beide Bücher. „Geil! Und das dritte Buch?“ „Die Bibel!“ „Die Bibel? Fuc#! Wieso das denn?“ „Dass ich gläubig bin wisst ihr ja alle, aber ich will mir nicht von irgendwelchen Pfaffen erzählen und erklären lassen, was ich wie zu glauben habe. Also muss ich selbst lesen, was der langhaarige Zimmermann aus Israel wirklich gesagt und getan hat. Mit dem allerliebsten Herzjesulein und seinen tausenden Vermittlern und Stellvertretern kann ich nichts anfangen. Aber mit `nem Schreiner komme ich klar!“ Die Antwort: „Ja Fu#k, wie geil ist das denn?“ Wir lieben dieses Wort! „Und den Mist mit andere Wange auch hinhalten und Feinde lieben glaubst Du dann auch? Was passiert denn dann mit Deiner Familie?“ Tiiief Luft holen, Patrick! „Wenn ich eine fiese Situation damit entschärfen kann, dass mir einer ein paar Watschen gibt, ok! Wenn ich Frieden schaffen kann, indem ich jemandem meine Jacke überlasse, soll er sie haben. Wenn einer an meine Frau oder meine Kinder will nehm’ ich das nächstbeste Bleirohr und zieh’s ihm über den Schädel! Schließlich hab ich lange genug Kendo gelernt!“ „Geil! Du hilfst wohl bestimmt keinen Einbrechern, Deine eigene Wohnung leer zu räumen! (Eindeutiges Kopfschütteln) Mit Dir würd’ ich gerne mal in einen Gottesdienst gehen. Und wie steht’s mit der Kirchensteuer?“ „Zahl ich nicht! Ich zahl meinen Beitrag wie in jedem Verein, den Betrag bestimme ich selbst, den Finanztypen in unserer Gemeinde kenne ich seit Jahrzehnten, und wenn da was nicht ganz klar ist frag ich den direkt.“ „Echt scharfe Kirche!“ Dabei würde ich wohl für die Hälfte von dem, was und wie ich glaube, erzexkommuniziert werden, grins! Ganz langsam kommen wir auf japanische Kultur und Literatur, was mir auch sehr nahe liegt, und genießen die Gegenwart des anderen, die so gut schmeckt wie das Steak und der Tinto. Die Patatas Fritas sind allerdings trockener als der Wein.

Das mit dem Bleirohr ist übrigens ein Zitat eines Jugendkreisleiters meiner Teeniezeit, der leider keine eigenen Kinder hatte, seine Frau aber jederzeit auch mit einem Bleirohr beschützt hätte. Und ja, den konnte man wirklich ernst nehmen!

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 20:06

Kapuziner und Zisterzienser


Immer weiter, immer weiter

Kapuziner und Zisterzienser

Alle Klamotten sind gewaschen, wir auch. Das ist nicht immer so, aber schließlich sind wir ja nicht auf einer Managertagung! Als ob die immer…

Nach einem wunderschönen Abend, einer ruhigen Nacht und einem Sonntagsfrühstück am Montag geht’s mal wieder weiter. Allerdings haben wir eine große Tagesetappe vor uns. Wir haben uns mit dem Rest unserer Einheit im Zisterzienserkloster von Cobreces verabredet, welches uns von unserem Pilgerführer besonders empfohlen wird. Das Nebengebäude des Klosters, in dem die Herberge untergebracht sein soll, sei einfach und sauber, man würde freundlich empfangen und herzlich zur gesungenen Messe eingeladen, und würde in fünf Zimmern mit je drei bis neun Betten untergebracht. Der Weg dahin sei malerisch, mit halb verfallenen Adelspalästen, Pilgerbrunnen, stattlichen und auffälligen Kirchen.

Der Weg ist vor allen Dingen lang, je nach Ausführung um die 30km lang, dafür aber größtenteils wenig hügelig. Wie schon gesagt, mittlerweile bin ich gut eingelaufen, außerhalb von kleinen Orten finde ich immer den besten Weg, los geht’s. Und die Schuhe fressen die Kilometer wie Teenager Hamburger. Aber dann geht es G. immer schlechter, irgendetwas Gemeines hat er sich anscheinend eingefangen, irgendeinen grippalen Infekt oder so. Fahren lehnt er strikt ab, wäre auch kaum möglich, schließlich sind wir in einer abgelegenen Gegend und wollen in eine abgelegene Gegend, und da es keine abgelegenen Busse zu geben scheint, laufen wir. Wir können natürlich nicht schon wieder in eine Pension, und die einzige erreichbare Herberge ist nun einmal dieses Kloster, also fülle ich G. mit Aspirin und ähnlichem Zeug, schließlich habe ich genug davon dabei, ab, und weiter geht’s. Unsere Herzen werden so trübe wie das Wetter.

Wir gehen nicht mehr nach Reiseführer sondern nach Straßenkarte, nicht mehr über malerische Wanderwege sondern über Landstraßen mit LKW-Verkehr, nicht mehr an stattlichen Kirchen sondern an Industriekomplexen vorbei. Statt an Steilküsten entlang zu gehen überqueren wir Eisenbahnbrücken. Mit Schildern wie „Prohibito el paso!“ wird darauf hingewiesen, dass es hier verboten ist, zu gehen. Schade, ich kann kein Spanisch! Auf einem Schild grüßt uns ein Mann mit abwehrend erhobener Hand, wir grüßen mit erhobenem Arm zurück und gehen weiter. Ich schaue regelmäßig hinter mich, ob G. noch bei mir ist, er spricht kaum, läuft aber stur hinter mir her. Einmal rufe ich: „Mama, es ist mir nachgelaufen, darf ich’s behalten?“ und er kann noch lachen. In leichtem Regen kommen wir nach 27km in Cobreces an.

In Sonnenschein könnten sowohl Ortschaft als auch Kloster hübsch und freundlich wirken, oder romantisch, alles sieht wirklich alt aus, und die Kloster- und Kirchenanlagen sind gigantisch. Im Vorhof stehen einige große und seltene Bäume, an denen ich erkennen kann, dass allein dieser Vorhof mindestens 200 Jahre so aussieht. Der Custos des Klosters ist fast genauso alt, stempelt uns unwirsch die Pilgerpässe, die Credencials, ab, und begleitet uns unentwegt meckernd und schimpfend freundlich und herzlich zu den fünf sauberen Zimmern, die irgendwie wie zwei nüchterne und unsaubere Schlafsäle mit durchgelegene Betten aussehen. Es gibt keine Kochgelegenheiten, und zwei Duschen mit drei Klos für 40-50 Pilger. Statt Sitzgelegenheiten gibt es drei Wäscheständer, die gut benutzt werden. Ich werde belehrt, dass die beste Travel-Sportswear für Sportlerinnen und Wandererinnen von Victoria’s Secret kommt, trocknet schnell und scheuert nicht. Frage mich, wie die Mönche darüber denken. Unser freundlicher und herzlicher Mönch führt uns unter weiterem Geschimpfe in den ersten Schlafsaal, wir suchen weiter im zweiten, wo wir glücklich sind, H. und J. wieder zu treffen. Unsere Einheit ist wieder vollzählig. Hier erfahren wir auch den Grund der herzlichen und freundlichen Laune des Bruders Custos. Ein Pilger hat gewagt, nach Klopapier zu fragen! Kaum zu glauben, dass ca. dreissig Pilger eine Rolle Papier verschwenden können. Früher war das anders. Damals gab es noch richtige Pilger. Unentwegt meckernd über moderne Pilger bringt er freundlich und herzlich eine weitere halbe Rolle. Seit mehreren hundert Jahren werden hier Pilger beherbergt, anscheinend wird man dann so. Unter den ebenso freundlichen und herzlichen Blicken der schon bekannten Kampfemanzen aus Polen wage ich kaum, in Richtung Duschen und Klos zu gehen. Wir halten Siesta, das haben wir uns verdient.

Gegen Abend suchen wir eine Bar oder ein Restaurant, wo wir wenigstens warm und gemütlich sitzen können. Oder wenigstens warm, G. ist immer noch angeschlagen, kein Wunder, mit grippalem Infekt fast 30km laufen ist kein Pappenstiel. Tja, aber früher gab’s noch richtige Pilger, haha. Meine Güte, dieser Pilger ist halb so schwer und doppelt so zäh wie jeder Pilger, der damals gepilgert ist. Direkt unterhalb des Klosters ist eine Bar, die geschlossen hat. Auch das Restaurant hat geschlossen. Vielleicht machen die erst um acht auf. Also suchen wir den hiesigen Supermercado. Und finden ihn nicht. Auch niemanden, der weiß, wo’s einen gibt. Unsere Laune wird herzlich und freundlich. Wir finden eine Bäckerei, die zwar geöffnet, aber kein Brot mehr hat. Also kaufen wir Natillas und Kekse, trinken dazu Coffeinhaltige Zuckerbrause. Vor der Bäckerei. Bis es wieder regnet. Wir sind mittlerweile sehr freundlich und herzlich, und laufen planlos durch den Ort.

Neben einem weiteren geschlossenen Restaurant ist eine kleine Pension, deren Padron an der Tür lehnt. Auch er kann uns nach Anfrage keine geöffnete Lokalität nennen. Aber er bittet uns herein, damit wir uns aufwärmen können, und spricht in Highspeedkauderwelsch mit seiner Frau. Mittlerweile sind wir zu fünft; ein drahtiger ältlicher Franzose, der sich unserer Queste nach dem heiligen Futtertrog angeschlossen hat, kommt noch am besten mit der Sprache des Pensionärs und seiner Frau klar. Es geht kurz hin und her, und die Frau schubst uns in den supergemütlichen und warmen Aufenthaltsraum. Den Geräuschen nach wird der Kühlschrank geplündert und der Tisch gedeckt. Eigentlich wird hier keinerlei Essen angeboten, trotzdem gibt es kurz darauf tollen Salat mit Brot, Zwieback mit Käse und Fischterrine, kalten Braten mit Bohnen und Rührei, als Nachtisch Joghurt, Obst und Eis. Dazu Rotwein. Diese Leute haben uns praktisch ihr Abendessen überlassen. Na klar, für acht Euro, aber es war trotzdem wie ein Geschenk des Himmels.

Pascal, keine Ahnung wie er wirklich hieß, alle Franzosen heißen Pierre, Alfonse oder Pascal, mit dem wir diesen schönen Abend teilen durften, kommt zu Fuß aus Tours, hat jetzt schon 1000km hinter sich. Er hat kaum Gepäck und läuft täglich 45-50km, und ist dabei total liebenswürdig und nett, sogar heute. Auf dem Weg zurück laufen wir an den Mauern des Klosters entlang, die total mit Kapuzinerkresse überwuchert sind. Welch eine Ironie!

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Erfahrungen eines Pilgers auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 20:11

Camino 14 Waschmaschine und Fußball


Das alltägliche Leid eines Pilgers

Camino14 Waschmaschine und Fußball

Irgendwie fühlt es sich mittlerweile so an, als ob der Wegverlauf von einem betrunkenen Umweltschützer geplant wurde. Er folgt keinen Gegebenheiten der Landschaft, oder Straßen, oder Brücken. Entfernt sich von einem Strand, geht ins Inland, kehrt an eine Steilküste zurück, versinkt fast im Ginstergestrüpp (Ulex europaeus, übersteht bei uns kaum einen guten Winter), und man kapiert nicht, was das soll. Natürlich geht es uns nicht darum, schnellstmöglich ans Ziel zu kommen, sonst könnten wir auch an irgendeiner Schnellstraße entlangtorkeln.

Aber dann legt sich ein Bewusstsein der Vergangenheit auf meine Schultern: Hier ist ein Bereich des Camino del Norte, an dem der Wegverlauf so authentisch wie möglich gehalten ist. Dazu kommt, dass der Norte einen der ältesten Bereiche der Jakobswege darstellt, zusammen mit dem Camino Primitivo, der in wenigen Tagen abzweigt und übers Gebirge geht. Im späteren Mittelalter haben einige Fürsten im Inland erkannt, dass viel Geld in den Pilgern steckt, die an der Küste herumstapfen, und den Pilgerstrom umgeleitet, dahin, wo jetzt noch der bekannteste Weg läuft, der Camino Frances. Dieser hat natürlich auch seinen Biss, ist aber von der Härte des Weges nicht mit den ersten Bereichen des Norte zu vergleichen, und mit der brutalen Strenge des Primitivo schon gar nicht. Deshalb laufen viele Esoteriker, teilweise mit Halbedelsteinpendel oder Wünschelrute, auf dem Hauptweg, auf den Spuren der alten Kelten, die dort höchstwahrscheinlich nie gelaufen sind. Die richtig alten Strecken, auf denen schon Kelten lange vor Compostellas besten Zeiten ans Ende der Welt gelaufen sind, sind hier! Vielleicht war hier vor einigen hundert Jahren eine begehbare Furt, oder eine Mühle mit Mietstall, oder überhaupt kein Fluss, aber ganz bestimmt keine Autobahnbrücke, und der Weg, den jetzt gehe, war eben diesen Begebenheiten angepasst. Schon vor mehreren Jahrhunderten, vielleicht über tausend Jahren, sind hier auf diesen Steinen auch schon Pilger gepilgert, lange bevor diese wunderschönen alten Städte um ihre Kathedralen herum gebaut wurden.

San Vicente de la Barquera ist eine solche Stadt, und das Tagesziel. Allzu viel Phantasie mit den Städtenamen hatten die alten Stadtgründer damals nicht, es gibt hier mehrere San Vicentes, auf deutsch Heiliger Vinzenz, der hier wohl der Gebietsheilige ist, nach dem einige Städte benannt wurden, und hier ist also der Heilige Vinzenz vom Hafen. Oder so. Die Stadt ist über eine sehr lange sehr alte Brücke zu erreichen, und schon hier treffen wir einige Pilger und Pilgerinnen, die sich ins Rennen um die letzten Herbergsbetten einreihen, denn die Herberge ist in gutem Ruf und gut bekannt. Der Weg durch die Stadt ist verwinkelt, steil und dunkel, das Wetter wird zunehmend stürmischer. Die Altstadt ist wirklich alt, überall gibt’s klotzige Burganlagen und monströse Kirchengebäude. Und natürlich unzählige Souvenirläden und Touristenrestaurants.

Die Herberge ist in ein Untergeschoss eines kirchlichen Seminars eingebaut, einziger Zugang ist eine Garage, in dem eine gut frequentierte Waschmaschine und eine Tischtennisplatte stehen. Die Tischtennisplatte dient als Rezeptionsschreibtisch des Hospitaleros, der wohl bei Ernesto in die Lehre gegangen ist. Alle Wände des Aufenthaltsraumes hinter dem Garagenentrée sind mit Photos der Pilger gepflastert, es gibt Bücher, eine Computerecke, ein Fernseher läuft, und ja: Ernesto lädt auf einem Plakat zu einer Hospitaleroschulung ein. Auch hier gibt’s wieder viele Fahrradpilger, und so langsam verhärtet sich die Vermutung zur Gewissheit: Französische Radpilger sind nervig!

Der Hospitalero lädt ein zum gemeinsamen Abendessen, es wird auch eine Besprechung der weiteren Route geben, und einige Lieder mit Frau und Tochter des Hauses. Aber zuerst belagern wir die Waschmaschine, die nur von der Großen Chefin geladen und gestartet werden darf. Brav trennen wir unsere Wäsche nach hell und dunkel, und schon nach zwei Stunden ist die erste Fuhre fertig. Allerdings habe ich jetzt eine Unterhose mehr. Anscheinend benutzt einer der Radpilger die gleiche Marke wie ich, aber obwohl diese Dinger sündhaft teuer sind, versuche ich den fremden Slip zu identifizieren, und drapiere ihn gut zu finden auf dem Bücherregal. Wir schärften der Hospitalera mehrmals deutlich ein, sie möge doch bitte unsere sorgsam sortierte helle Wäsche nicht mit weiterer fremder dunkler Wäsche mischen (Zitat aus dem Handbuch „Pilgern für Tussis“) und machen uns auf, die Stadt zu erkunden. Um danach zu erkennen, dass unsere gesamte helle Wäsche mit der dunklen Wäsche sämtlicher anderer Pilger vermischt und versaut ist. Die Dame des Hauses kann einfach nicht verstehen, warum wir übergenauen Deutschen nicht unsere Klamotten waschen wie alle anderen auch: Alles wie’s kommt in die Maschine, auf 30° stellen, doppelt soviel Waschmittel wie nötig dazu, und anschalten. J. explodiert der Hospitalera direkt ins Gesicht, beide werden laut und lauter, bis J. ihre Sachen packt und kochend abrauscht, direkt ins nächste Hotel. Zuerst kann ich’s kaum nachvollziehen, aber dann stellt sich mir auch der Hahnenkamm. Gestern mussten wir die notwendigsten Sachen mit Shampoo unter der Ägide mürrischer Mönche waschen, heute das Theater hier. Wir haben so viel aufgegeben, jedes bisschen Luxus, haben als persönliches Gut fast nur noch diese paar Klamotten, nur um sie dann auch noch versaut zu bekommen. Irgendwann langt’s halt. Keiner von uns denkt noch an ein großes Abendprogramm in der Herberge. Wir treffen uns später in der Innenstadt, wo eigentlich ein Volksfest sein sollte, was aber vom Sturm weggeblasen wurde. Also stürmen wir einen chinesischen 1-€-Shop, die gibt’s hier überall, und suchen ein Restaurant, wo es endlich Salat (kaum zu kriegen hier) und gutes deutsches Essen gibt. Genau, eine Pizzeria!

Allmählich bauen wir uns gegenseitig wieder auf, und machen die hiesige Burg unsicher. Wir albern herum, verstecken uns, und singen Lieder aus dem Dschungelbuch: „Dubidubidubididu, ich bin so Dubedidu, mir ist so Dubidubidubedidu!“ Hey, damit hab ich mal `ne Talentshow gewonnen, bei der Wahl zum Mr. Mallorca, da war ich acht Jahre alt!

Zurück in der Herberge klauen wir noch ein paar Caramelpuddings und ein paar Gläser Tinto, keiner merkt’s, die Fahrradpilger gucken Fußball. Und verstehen absolut nicht, warum ihr Gegröle einige Pilger am Schlafen hindert. Als ausgleichende Gerechtigkeit gibt’s am nächsten Morgen für die langschlafenden Fußballfreunde kein Klopapier mehr, hihihi!

Und der Weg ruft, weiter, weiter, komm, immer weiter!


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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 20:12

Aus dem Pilgerleben

Camino15 Vorsicht, Privat!

Irgendwie schaffen wir es, in den nächsten drei Nächten hintereinander weg in privaten Unterkünften unter zu kommen. Die normalen Pilgerherbergen wurden schon genug beschrieben, normaler Tarif ist 5,-€, wenn’s besser erschien konnte man mehr bezahlen, oft genug hätt man Geld herausbekommen sollen. Aber wie schon gesagt, es geht um den Weg, nicht um den Stillstand. Private Unterkünfte können Gästebetten in Privathäusern sein (ist mir selbst nicht untergekommen(ob das gut oder schlecht ist weiß ich nicht…)), Pensionen, Hotels, Getreidespeicher, Wohnwagen, der Phantasie sind da keine Grenzen gesteckt. Und die Nordspanier haben Phantasie! Pilger allerdings auch! Einmal bin ich einer Pilgergruppe von sechs Mitgliedern begegnet, die den Concierge eines Fünf-Sterne-Hotels überredeten, ihnen ein Zweibettzimmer zu ermäßigtem Preis zu geben und sie zu sechst darin schlafen zu lassen, auch nicht schlecht…

Privatunterkünfte liegen normalerweise zwischen 10,- und 17,50€, allerdings sind oft genug 10,-€ schon Abzocke (angeblich ist das Wort „Abzocke“ nicht im Duden enthalten und kein deutsches Kulturgut), andere sind mit 17,50€ so gut wie geschenkt.

Von „Heiliger Vinzenz vom Hafen“ aus müssen wir uns erst einmal ein wenig miese Laune von der Seele laufen, und es geht eher hügelig durchs Binnenland. Zu den Mittagspausen verabreden wir uns, falls wir uns nicht sowieso dauernd über die Füße fallen. Wir Vier meiner Einheit sind mittlerweile gut eingelaufen, mit Ausnahme von G.‘s verblasten Füßen. Seine Blasen bekommen Junge, bevor sie richtig verheilt sind. Wir probieren Blasenpflaster, wir ziehen ihm Fäden durch die kaputte Haut, um das Gewebswasser zu drainieren, hilft aber alles nix. Das letzte, was noch Linderung verspricht und noch nicht getestet ist, sind Nylonsöckchen unter den Laufstrümpfen, um die Reibung an der Haut zu mindern. Allerdings sind wir mittlerweile so richtig im abgelegenen Hinterland, hier gibt’s wohl Burgen und Schösser, aber keine Dessousläden. Wie man hier Nylonsöckchen bekommen kann ist im Pilgerratgeber „Pilgern für Tussis“ zu lesen. Ebenso die Antwort auf die Frage, ob man für Nylonwandersocken auch Strumpfbandhalter braucht, oder wie man sich in einer Pilgerdusche die Zehennägel lackieren kann, falls man zum Rucksack passenden Nagellack gefunden hat. Inklusive unzerbrechlicher Wandernagellackflasche aus unzerbrechlichem Plastik mit integriertem Pinsel aus Funktionsfasern.

Zum frühen Nachmittag finden wir uns in einer Raststätte mit Fernfahrerkneipe und Hotel ein, und je länger wir über den weiteren Weg diskutieren, desto weniger wollen wir weiter. Nach ausgiebiger Weganalyse finden wir endlich eine Ausrede: Wir müssen meinen Rucksack wiegen! Nein, Blödsinn, G.‘s Füße haben Pflege und Ruhe nötig! Zwei Doppelzimmer bekommen wir für 15,-€ pro Pilger im Pilgerspezialpreis, und nachdem eines sogar eine Badewanne hat bleiben wir. Schräg gegenüber ist auch, oft zu treffen in der Nähe von Fernfahrerhotels, ein Café „Cherie“, das abends nette Unterhaltung bietet. Beinahe wollen wir hinübergehen und fragen, ob’s hier auch Pilgerermäßigung gibt. Lassen wir aber dann doch. Das Menu Peregrino wird nicht im anliegenden Restaurant serviert, sondern in der Fernfahrerkneipe (nicht die mit der netten Unterhaltung), und ist einfach nur gigantisch. Salat gibt’s aber auch hier nicht. Da wir mittlerweile kaum noch Schnitzel Natur (Lomo) mit ungesalzenen Pommes Frites (Patatas Fritas) riechen können, probieren wir nach und nach einheimische Spezialitäten, notgedrungen. Fabadas Asturianas ist zum Beispiel Eintopf mit weißen Asturischen Bohnen, Blutwurst, Chorizo, und Speckschwarte, echt leckerlich. Einheimisches Frühstück besteht hingegen aus abgepackten Madeleines oder abgepackten Schokocroissants, es gibt auch abgepackten Toast.

Nach diesem aufmunterndem Gaumenschmaus geht es zurück zu meiner geliebten Steilküste, die wir allerdings nicht direkt erleben, sondern von einem Höhenweg mit grandioser Aussicht aus bewundern können. Aufstieg und Abstieg zu und von diesem Panoramaweg sind zwar ultrabrutal, aber jeder Schweißtropfen lohnt sich. Die Küste sieht von oben aus, als hätte ein Kind mit Zahnlücken von einem Vollkornbrot abgebissen: Ein kleiner Strand, ein paar Felsen, wieder ein kleiner Strand, wieder Felsenküste, dann, welche Überraschung, wieder ein kleiner Strand. Oben am höchsten Punkt des Höhenweges ist ein Golfplatz. Schon hübsch da oben, aber was macht man, wenn man den Ball verschlägt? Llanes, unser nächstes Etappenziel, ist ein total süßes verwinkeltes Fischerstädtchen wie aus dem Mittelalter. In der Privatherberge, die im alten Güterbahnhof liegt und wie eine Hippiewohngemeinschaft aus den Siebzigern aussieht, treffen wir wieder auf die drei polnischen Kampfemanzen, die bei jedem männlichen Pilger, dem sie in der Stadt begegnen, den Kopf zur Seite drehen. Meine Güte, man kann’s auch übertreiben!

Davon unbeeinflusst überfällt mich mein schlimmster Heimwehanfall seit Jahrzehnten. Ich kaufe mir ein neues Funktionsshirt und Schweißbänder in einer Sportboutigue, deren sechzigjähriger Besitzer gezupfte und geschminkte Augenbrauen trägt. Hach, wie hübsch! Dann vertilge ich einen dreiviertel Liter Trinkjoghurt und zwei Äpfel, ein Mandeltörtchen, einen Döner mit Käse und zwei Gläsern Tinto, zum Abschluss in der Herberge noch eine Flasche Rotwein. Danach kann ich beinahe ertragen, dies alles nicht mit meiner Frau und meinen Kindern zu teilen. Oder wenigstens mit meiner Katze. Oder dem Hundchen. Vielleicht sollte ich zurücklaufen bis zum Fernfahrercafé, da gibt’s wenigstens Musik.

Bestimmt hängt’s damit nicht zusammen, aber am nächsten Tag verlaufe ich mich um drei oder vier Kilometer, allerdings in einer unglaublich schönen Gegend, Strände mit Steilküste lösen sich mit Eukalyptuswäldern ab, entweder riecht’s nach Fisch oder nach Hustenbonbon. Am späteren Nachmittag treffen wir uns nach und nach in San Jorge, auf Deutsch Heiliger Schorsch. Das Hotel San Jorge hat zwei Sterne, ist grün und nobel. Die Bar San Jorge ist rot, hat Plastikstühle und ein kaputtes Licht. Die Pension San Jorge ist ein gelber Betonblock direkt an der Straße. Die Pilgerunterkunft San Jorge für Mädels ist ein Zimmer über der Bar. Die Pilgerunterkunft San Jorge für Männer ist ein Getreidestadel. Darin befindet sich hinter einer Tür von 1,6m Höhe auf 9m² Fläche ein französisches Bett, zwei Nachttischchen, zwei Sessel in Kindergröße, ein Waschbecken, eine elektrisch beheizte transportable Dusche, und ein Klo. Das Klo ist mit zwei Falttüren abgegrenzt, die allerdings nicht bis zur Decke gehen. Statt Fenstern hat es hier nur zwei Klappen, durch die ein Kopf, mehr nicht, passt. Durch die Ritzen im Boden kann man auf den Hof sehen, wird wohl kalt heut.

Es gibt allerdings auch mehrere Supermercados in San Jorge, die aber alle geschlossen sind, bis auf „Alimentation Ultramarin“, und hier gibt es alles. Nein, wörtlich, alles, auf 30m². Brot, Wein, Rohre, Schrauben, Schokolade, Wurst, Motoröl, Schippenstiele, Obst, Werkzeug, alles kreuz und quer durcheinander, mit kaum Platz für die Füße. Der Verkäufer trägt im Laden einen Motorradhelm. Wir gehen Hamburger essen.

Hamburger sind hier allerdings etwas ganz spezielles, und sie heißen Hamburquesas. Man bekommt sie in einer Hamburqueseria Oder in der Bar San Jorge. Zwischen zwei Brötchenseiten tummeln sich mehrere Scheiben gegrillte Fleischklopse, Kochschinken, gebratener Speck, drei Sorten Käse, Gurken, Tomaten, Paprika, verschiedene Sorten Salat, Zwiebeln. Allein die Größe schickt jeden Viertelpfünder oder Royal McDingsbums zurück in den Kindergarten. Allerdings ist er vollkommen ungewürzt, kein Ketchup, Senf oder Mayonnaise, keine Cocktailsauce oder irgendwas. Man muss ihn auffächern wie ein Kartenspiel, alle möglichen Flüssigkeiten daraufquetschen, und ihn danach wieder zusammensetzen. Dann erst kann man ihn essen, um sich dabei restlos zu versauen. Wenigstens haben wir es nicht weit von der Bar San Jorge in den Pilgergetreidespeicher San Jorge. Bei den Mädels klauen wir uns noch ein paar Decken, dann kann die Nacht kommen.

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 20:15

Camino16 Psychokäse

Es ist schon wieder Samstag, und ich bin heute tatsächlich schon zwei Wochen unterwegs, mit mehr als 200km Strecke unter den Füßen. Spätestens jetzt wäre ein normaler Wanderurlaub vorbei, hier bin ich jetzt richtig eingelaufen. Bei 20km geplanter Tagesstrecke entspanne ich mich im Voraus, kann nicht so schlimm werden. Erst bei Tagesplanungen über 25km frage ich mich noch, wie’s wohl werden wird. Essen und Schlafplatzsuche sind zur Routine geworden, und das spezielle Gelb der Wegweiser, der Pfeil (Flecha) und die Muschel (Concha), erkenne ich aus den Augenwinkeln. Ayayay, Io soy Peregrino! Kein Peregringo mehr. Morgens haben wir alle noch Krämpfe in den Unterschenkeln, aber die gehen nach einer Stunde auf dem Weg weg. Wegen so etwas regen wir uns kaum noch auf. Wenn wir abends in einer Bar gesessen haben, haben wir alle Probleme damit, danach mit geraden Beinen aufzustehen und die ersten zehn Schritte aufrecht zu gehen. Da das allen Pilgern so geht nennen wir das „Pilgrim’s Walk“, zu singen auf die Melodie von „Walk the Dinosaur“ von Queen Latifah. Auch der Tanz aus dem dazugehörigen Video passt…

Auf dem Weg nach San Esteban de Leces (Heiliger Stefan von der Milch? Eher nicht!), wo es eine einfache Herberge in schöner Umgebung geben soll, kommen wir nach einigen anspruchsvollen Steigungen und Gefällen durch Ribadesella, einer wirklich schönen mittelalterlichen Hafenstadt, komplett mit Brücke, Trutzburgen, riesigen Kirchen, und Einkaufspassagen. Während wir mit unseren Rucksäcken die halbe Straße blockieren und uns mit Kakao abfüllen, kauft sich G. ein belegtes Brötchen, ein Boccadillo, was hier tagsüber als Hauptnahrungsmittel dient. Wir haben schon einige absonderliche Beläge ausprobieren können, gekochte Tintenfischarme, weiße Paste mit Shrimp, ungebratenes Bratwurstbrät (Wer Einem eine Bratwurst brät, hat wohl ein Bratwurstbratgerät!), aber dieser schlägt alle! Es ist der schimmligste Schimmelkäse, den ich je gesehen habe! Ich kenne milden Danablu oder Bavaria Blue, Roquefort (nicht der Detektiv), steirischen Graukäse mit authentischem Stallgeschmack, französischen Schwarzschimmelkäse, aber dieses grüngraue Grauen schlägt alle! Als G. mit diesen Brötchen zum Tisch zurückkommt grüßt er freundlich eine Gruppe älterer Männer am Nachbartisch, die anscheinend mit ein paar Café Latte die Zeit zum nächsten Schnaps überbrücken. Einer von ihnen steht auf und begrüßt ihn mit vielen Umarmungen, als wär er sein verlorener Enkel. Und wiederholt das alle drei bis fünf Minuten. G. kann kaum seine Brötchen essen, weil der Opa andauernd wiederkommt. Dabei schmeckt der Käse unglaublich gut! Vielleicht sind wir gerade bei der spanischen Fassung von Vorsicht Kamera gelandet. Oder in einem Film von Jim Jarmusch. Hoffentlich nicht in einem Film von Quentin Tarantino. Wir haben auch nichts Merkwürdiges geraucht. Vielleicht ist der Käse psychedelisch! Na, in Holland muss man auch aufpassen, in welchem Café man Schokoladenkekse kauft, vielleicht gibt‘s hier psychoaktiven Schimmelkäse. Würde einiges erklären!

Der Weg zur Herberge von San Esteban de Leces ist dann doch noch ein wenig steiler und länger als wir befürchtet haben, oben auf einem Berg sind eine Kirche, ein Wohnhaus und eine ehemalige Schule. Und das ist schon der ganze Ort San Esteban de Leces. Dabei ist die Gegend sehr musikalisch, alle Kühe haben Glocken am Hals, und die Kirchenglocken läuten auch andauern. Irgendwie komisch, die Hospitalera trägt kein Dirndl, würde irgendwie passen. Die Herberge ist schnell in deutscher Hand, wir Vier meiner Einheit, ein Mann und eine Frau, ein sehr schweigsamer älterer Herr namens H., zwei Schnuckel (M. und K., Bessitos!) aus den östlichen Provinzen. Dazu zwei Vollpfosten, D. und L., die eine Guitarre mitschleppen, obwohl sie kaum spielen können, und sich benehmen, als hätten sie zu viele Käsebrötchen gegessen. Den zwei Mädels und den beiden Guitarreros sind wir schon in Heiliger Vinzenz vom Hafen begegnet. Der Camino ist klein, man kennt so ungefähr die Pilger bis drei Tage voraus und drei Tage hinter sich, wenigstens vom Sehen. Dann kommt noch eine Gruppe spanischer Fahrradpilger, die tatsächlich mit einem Begleitbus unterwegs sind, der ihr Gepäck befördert. Leider gibt es für die kein heißes Wasser mehr in den Duschen, schade, schade. Selbst Schuld, warum haben die keine Dusche in ihrem Gepäckbus? Gepäckbus, meine Güte!

A propos Bus: Es gibt eine Bar mit Pilgermenue, aber die ist nur mit dem Bus zu erreichen, der glücklicherweise vor der Herberge hält. Oder vor der Kirche? Auch egal! Wir warten fast eine Stunde auf den Bus, aber was soll’s, wir haben ja sonst nix vor. Die Bedienung der Bar mit dem Menu Peregrino gibt sich anfangs zwar recht unfreundlich, weil wir kein Asturisch oder wenigstens Cantabrisch sprechen und die Bestellung sich ein wenig schwierig und langwierig gestaltet, und die Speisekarte gibt es nicht schriftlich, sondern nur mündlich im örtlichen Highspeeddialekt. Dann söhnt sich aber mit uns wieder aus, als sie sieht, mit welchem Appetit wir zuschlagen. Und die Portionen sind einfach gigantisch. Es gibt wieder Fabadas Asturianas, fritierte Sardinen in Salzkruste, Gemüseauflauf, und Albondigas con Patatas Fritas. Das sind die hiesigen Frikadellen in Sauce, und mit der Sauce kommen die ungesalzenen Vierkantrösti richtig gut. Flan als Nachtisch, dazu Tinto, Wasser und Brot bis zum Abwinken. Für 9,-€! Wir fressen, bis wir kaum noch gehen können. Nein, natürlich liegt das nicht am Tinto!

Mit uns am Tisch gelandet ist H., einer der anderen Deutschen, und er ist sehr still. Aber er freut sich ernsthaft, mit anderen Deutschen an einem Tisch zu sitzen, auch wenn wir ihm jeden Gesprächsfetzen einzeln aus der Nase ziehen müssen. Außer seinem Vornamen und seiner Herkunft Norddeutschland bekommen wir nichts aus ihm heraus, aber er ist sichtlich froh, bei Leuten zu sitzen, die die gleiche Sprache sprechen wie er und trotzdem wissen, was sie da für ein Essen bestellen. ich nerv mal wieder bisschen: im Norden Deutschlands gehört ein Gespräch nicht unbedingt zur Unterhaltung, das kennt jeder, der einmal in Friesland an einer Theke gesessen hat. Den anderen meiner Einheit mutet er gespenstisch an, für mich strahlt er eine tiefe Traurigkeit aus. So wie er würde ich mich nach einem schlimmen Trauerfall, den ich mir von der Seele laufen wollte, benehmen. Leider habe ich ihn nie wiedergesehen, ich hätte mich gern noch einmal in Ruhe mit ihm unterhalten. So klein ist der Camino dann doch nicht!

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 20:17

Lluvia



Nach dem gestrigen Pilgermenu fällt es uns schwer, die Betten zu verlassen und uns abmarschbereit zu machen. Manchmal nervt der Weg wirklich mit seinem „Auf, ihr faulen Pilger, weiter geht’s, weiter!“ Es ist doch Sonntag, bringt mir Croissants mit Schinken, Rührei, und Assam mit Sahne und braunem Zucker! Irgendjemand erzählt von „Lluvia“. Auch gut, wenn Lluvia jung und hübsch ist soll sie mir das Frühstück ans Bett bringen! Lluvia kommt nicht und bringt auch kein Frühstück ans Bett. Doña Agatha ist’s, die Herbergsmutter (leider nicht die Herbergstochter), und sie unterstützt den Weg mit ihrerseitiger Aufforderung, weiter zu pilgern. Ja nee is klar, der Krempel ist schnell gepackt, statt Zähneputzen gibt’s einen Apfel zum Frühstück. Geschniegelt und gespornt reiße ich die Ausgangstür auf und stehe vor Lluvia!

Aha.

Lluvia ist nicht die junge und hübsche Tochter der Hospitalera.

Lluvia wird auch nicht mein Urlaubsflirt werden.

Lluvia heißt Regen, und fällt sehr üppig aus. Vor der Tür steht eine Wasserwand!

Oo…kayyy, dafür hab ich meine Regenkleidung. Meine normale Windjacke ist wasserdicht, meine Schuhe sind gut imprägniert, sogar für Manni das Mammut auf meinem Rücken habe ich einen Regenschutz, endlich weiß ich, wofür ich den Mist mit mir herumschleppe. Meine Regenhose ist anthrazitfarben und seidenmattglänzend, hach, so viel Eitelkeit muss sein! Und looos geht’s in den Regen, den Berg hinunter zurück ans Meer, die Dünen wieder hinauf, die Steilküste wieder hinunter, über den Strand, durch kleine Fischerdörfer. Alles hat eine gewisse herbe Schönheit, das Meer ist kabbelig, aufgewühlt, benimmt sich als wäre seine Schwiegermutter zu Besuch, die Wolken tanzen als wären sie froh, sie los zu sein. Außer Pilgern ist niemand unterwegs, entsprechend benehmen wir uns. Wir hopsen durch Regenbäche und singen Lieder aus dem Dschungelbuch. Ein paar Pilger tragen graugrüne Regenüberwürfe, die auch über die Rucksäcke gehen, und bis zu den Füßen reichen. Da sie damit aussehen wie Colonel Hathi und seine Truppe singen wir natürlich das Lied von der Frühpatrouille, wann immer wir sie sehen.

Nach einer guten Zeit im Regen kommen wir an einem Strandboulevard zu einem Fischrestaurant mit Café, und wärmen uns mit Kakao und Keksen, oder Tee. Alle Pilger, die auf diesem Wegabzweig unterwegs sind, kommen nach und nach herein, und das Strandcafè füllt sich mit tropfenden Rucksackträgern. Das dazugehörige Spezialitätenrestaurant ist durch Aquarien, die mit verschiedensten Krusten- und Schalentieren gefüllt sind, abgeteilt. Dauernd versuchen Krebse, ins Hummerbecken zu klettern, oder kämpfen mit anderen Krebsen. Sieht irgendwie aus wie eine Szene aus dem Film „Transformers“, nur in SlowMotion. Aber egal wie lange wir diesen Tai-Chi-Actionszenen zusehen, der Regen hört nicht auf. Beim Bezahlen tropfe ich mit meinem Portemonnaie die ganze Theke voll, und trockne jeden Geldschein einzeln trocken. Was die ganze Belegschaft köstlich amüsiert. Die Strecke zur nächstgelegenen Herberge ist insgesamt nicht allzu lang, wir sind noch ganz guter Laune und Kondition, und in Hinsicht auf einen Sonntagabend in einem Schlafraum voller nasser Pilger steuern wir die nächste Ortschaft an. Was ist der Unterschied zwischen nassen Hunden und nassen Pilgern? Nasse Hunde riechen besser!

Aber egal wie viele Lieder wir singen, wie viele Pilgerwitze wir uns ausdenken, irgendwann geht die gute Laune dann doch ihrem Ende zu. Und nach dem Ende der Laune ist noch ein gutes Stück Tagesstrecke übrig. G. hat einen durchnässten Rucksack, J. hat grausame Schmerzen in den Füßen, meine Kapuze kanalisiert den Regen über meinen Rücken direkt in meine Hose, H. hat eine Abkürzung genommen und kommt anderthalb Stunden später. Aber irgendwann sind wir alle vier in Colunga angekommen und beziehen eine der absonderlichsten Pensionen einer ganzen Reihe von absonderlichen Pensionen. Sie gehört zu einem Hotel auf der anderen Straßenseite und besteht aus dem dritten Stockwerk eines baufälligen Hauses mit unzähligen Balkonen. Im Erdgeschoss ist eine Bar. Die ersten beiden Etagen sind so baufällig, dass sie nicht zugänglich sind. Der Holzboden des dritten Geschosses hat große Löcher, die Einrichtung sieht aber aus wie aus einem französischen Bordell der neunzehn-dreißiger Jahre und ist urgemütlich. Die Balkone sind so morsch, dass man sie nicht betreten darf, da man sonst unangenehm auffällt. Auf die Straße, nämlich. Es gibt sogar winzigkleine Sitzbadewannen, mit warmem Wasser. Eines der Klos ist allerdings dermaßen versaut, dass ich in einem Ein-€-Laden Spiritus und Küchenrollen kaufe und die Schüsseln desinfiziere, würg! Gegen Nachmittag haben wir jeden freien Bereich mit Wäscheleinen bestückt, um unsere Klamotten zu trocknen, und essen Kuchen mit Kakao.

Der Strom ist mittlerweile ausgefallen. Das Personal, dem Hotel gegenüber zugehörig, versteht weder mehrsilbige Wörter noch eine uns bekannte Sprache, nur tschechisch oder tschetschenisch oder so was, und es fällt uns schwer, unser Anliegen anzubringen. „Licht kaputt, si?“ Die Bedienung zapft ein Bier. „Luce es muerto, si?“ Die Bedienung lächelt und zapft ein Bier. „No Electricidat?“ Ich will nicht noch ein Bier! „Rien ne vas la Lumiere?“ Ich will auch keinen Rotwein! Ich male einen Blitz und streiche ihn deutlich durch. Die Bedienung freut sich auch, dass das Gewitter vorbei ist. Aber nach fast einer halben Stunde ist klar, dass der Strom oft ausfällt, dass nur der Chef die Sicherung einschalten kann, dass der Chef schläft und nicht geweckt werden darf, und ich gerne drei weißrussische Putzfrauen erwürgen würde.

Zum Trost freunde ich mich mit Sidra an. Das nicht die Tochter des Hotelchefs, sondern der hiesige Apfelwein, der hier mit furchtbarem Gemansche und Geplansche dekantiert wird, und sehr viel aromatischer und gehaltvoller als das gewohnte sachsehäusener Stöffche ist. Sidra und ich werden uns noch oft begegnen! Doch an diesem Abend zu einem sonntagstauglichen Menu del Dia schließen wir Freundschaft…

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. Februar 2011, 20:19

Bis hierhin erst einmal. Der restliche Bericht muß erst noch entstehen.

Viele Grüße
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 1. März 2011, 17:48

Camino 18


Fiese Stadt

Camino18 Fiese Stadt

Beim gestrigen Sonntagabendmenue haben wir die weiteren persönlichen Routen besprochen, und an der nächsten Station sollen sich unsere Wege trennen. Ich werde weiter an der Küste dem Camino del Norte folgen, G. will unbedingt ins Gebirge auf den Camino Pimitivo, J. will mit kleinem Umweg auf den Camino Frances ins Inland, H. will wohl doch nach ein wenig Sightseeing aufgeben und nach Hause fahren. Geplant wurde noch eine gemeinsame Tagestour mit gemütlichen 19km Strecke nach Villaviciosa, eine Busfahrt nach Gijon, dortiger Stadtbummel, dann Trennung. Ich mag keine Trennungen.

Die wenigen Kilometer der Tagesstrecke sind nicht so einfach wie ursprünglich gedacht, und der gestrige Regentag steckt uns noch in den Knochen. Es geht nicht an der Küste entlang, sondern eher im Inland, an Autobahntrassen entlang, durch kleine Ortschaften oder Eukalyptuswälder, kreuz und quer, bergauf und talab, und es ist richtig schön warm. Deshalb gibt sich Villaviciosa, auf Deutsch „Fiese Stadt“, auch sehr staubig, heiß und nervig. Es gibt hier keine normale Herberge, nur eine Pension, die wir nur nach langer und trockener Suche finden. Um sie belegt zu finden. Wir sollen es schräg gegenüber im Hotel Carlos I versuchen, meint die unfreundliche Thekenschnucke. Carlos I entpuppt sich als Zwei-Sterne-Hotel mit sehr schöner Ausstattung mit antiken Möbeln, Bücherregalen und einem Klavier, und wir fühlen uns doch recht fehl am Platze. Bis wir an der Rezeption eine Jakobsmuschel entdecken, und die Chefin uns entdeckt. Sie lädt uns sofort ein, näher zu kommen. Wir kommen näher, woraufhin sie eine Augenbraue hebt und ihrerseits zurücktritt. Könnte es sein, dass wir ein wenig verschwitzt sind? Wir Chicos werden ohne viel Federlesen in den dritten Stock geschickt, die beiden Chicas bekommen ein Zimmer in der ersten Etage, und wir alle bekommen als Pilgerrabatt alles zum halben Preis. Die Zimmer sind wunderbar und luxuriös, wenn auch klein, und sind für 17,50€ die schönsten, die wir auf dem Pilgerweg überhaupt bekommen. Bevor wir auf die Zimmer dürfen, nimmt die Herrin des Hauses J. als unsere Translatorin zur Seite, um anzubieten, unsere Wäsche für einen Euro pro Pilger zu waschen, unter der Bedingung, dass die beiden Jungs dieses Angebot doch sehr schnell annehmen sollten. Oha, wir sind doch wohl ein wenig überreif!

Dieser Aufforderung kommen wir gerne nach, und der Haufen waschmittelwürdiger Kleidungsstücke wächst rapide. Wo haben wir das ganze Zeug nur getragen? Statt einer Dusche gibt es wieder so eine merkwürdige Sitzbadewanne, sie ist warm und sauber, und sauber bin ich auch bald wieder. Das Haus fasziniert mich! Da ich jetzt auch der empfindlichen Nase der Doña Carla I genüge gehe ich auf Erkundigung. Sie freut sich sehr über mein Interesse, und ich erfahre nicht nur, dass dies einmal eine königliche Sommerresidenz war, sondern auch die Namen ihrer Enkel, deren Photos neben Bildern toter Könige mit Spitzbärten und Halskrausen hängen.

Am nächsten Tag soll es hier wohl ein Radrennen geben, überall stehen schon Absperrungen bereit, und ein Straßenfest gibt’s auch. Ob beides zufällig gleichzeitig stattfindet oder das Straßenfest auf dem ausstehenden Radrennen basiert entzieht sich meiner Kenntnisnahme. Wobei mir schon Radpilger auf die Nerven gehen, wenn jetzt noch Radrenner dazu kommen…

Falls dieses Stadtfest den Radrennern zu verdanken ist steigen sie dann doch noch in meiner Achtung, denn nach einem guten deutschen Essen, Pizza mit Salat, stürzen wir uns ins Getümmel. Es gibt zwar auch noch einen Rummelplatz mit Scootern, Schießbude und Zuckerwatte, was aber keinen von uns interessiert. Uns interessieren die Bands und die Cocktailbars, Kunstgewerbe und billiger Schmuck. Beinahe würde ich mir einen Dudelsack kaufen, aber ich werde es schon schwer genug haben, mit meinem neuen Ohrring nach Hause kommen zu dürfen. Die afrikanischen Straßenhändler machen einen Bogen um uns, sie sehen sofort, dass wir Pilger sind und nichts kaufen, das wir nicht auch 500km weit tragen würden. Bestimmt keine Elefantenfamilie aus Tropenholz.

Und es gibt Musik. Ich habe schlimme Entzugserscheinungen seit mein Player kaputt ist, und wir hören einer richtig guten Rhythm&Bluesband zu, die natürlich spanisch und asturisch singt. Tatsächlich gibt’s hierzu echtes bayrisches Weizenbier, krass! Um die Ecke gibt’s sanfte südamerikanische Klänge und Cocktails, und ich bin sehr traurig, dass ich dazu nicht tanzen kann. Da das aber auch sonst niemand kann werde ich weitergedrängt. Wir landen vor einer Speedmetalband, und bleiben längere Zeit dort. Meine Kinder wären stolz auf mich! Allerdings, was würde meine beste Ehefrau von allen jetzt wohl denken? Nach wohl acht Jahren Abstinenz rauche ich ein paar Zigaretten, womit der Beweis erbracht ist, dass laute Rockmusik gesundheitsschädlich ist. Headbangen geht auch mit kurzgeschorener Pilgerfrisur, wir gröhlen mit der Musik mit. Keine Ahnung, was das für eine Sprache sein soll, EGAAAL, YEOOOW, HAUPTSACHE LAUT! Lasst uns heute feiern und tanzen, übermorgen sind wir allein! Der Bassist der Band spuckt in Spielpausen Feuer, trägt eine schillernde rote Leggings, darüber etwas wie einen türkisfarbenen Badeanzug, und wiegt bestimmt 200kg. Auf dem Rückweg kommen wir noch einmal an der lateinamerikanischen Ecke vorbei, und nach einer Weile kann ich die Musik sogar wieder hören, die allerdings aus der Konserve kommt. Die Cocktails nicht…

Frühstück im Hotel Carlos I ist einfach wunderbar. Doña Carla I serviert für zwei Euro Pilgersondertarif Toast mit Käse und Serranoschinken, wahlweise Tee oder Kaffee, dazu Saft, Madeleines (abgepackt), Kekse (abgepackt), Obst (nicht abgepackt), Marmelade. Unsere Wäsche ist nicht nur sauber, sondern rein, und mit Lavendel-, Oleander- und Jasminduft frühlingsfrisch weichgespült und säuberlich zusammengelegt. Villaviciosa? Von wegen ‚Fiese Stadt‘! ‚Freundlichste Stadt des Camino del Norte‘ wäre besser geeignet! Doña Carla I, ich weiß immer noch nicht, wie sie wirklich heißt, verabschiedet uns mit Bessitos (nein, das sind keine abgepackten Kuchen, Bessito heißt Küsschen!) und entlässt uns zur Bushaltestelle nach Gijon, wo wir noch ein paar Pilger treffen, unter anderem auch die Frühpatrouille, diesmal ohne Regencapes ;-). Heute wird nicht gepilgert, wir fahren nach Gijon, ausruhen, shoppen, verabschieden.


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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Samstag 5. März 2011, 12:26

Camino 19


Himmelhochjauchzend

Gijon ist gigantisch, mal wieder eine dieser Großstädte. Oder kommt‘s mir nur so von, weil ich zu Fuß hindurch muss? Am Stadtnamen wird wieder das hiesige babylonische Sprachengewirr deutlich. Auf den Straßenschildern, an denen wir im Bus vorbeifahren, ist nicht nur Gijon, sondern auch noch Xixon aufgelistet, was aber beides wie Chichon mit zwei stimmlosen ch wie in kichern ausgesprochen wird. Baskisch, Cantabrisch und Asturisch sind keine Sprachen, sondern Halskrankheiten, das meiste spielt sich im Rachen ab. Mallorcinisch, was vielleicht demnächst per Volksentscheid Amtssprache wird, wird eher mitten im Mund gesprochen, Plaja (Strand) wird dort eigentlich ‚Platscha‘ ausgesprochen. Die derzeitige Amtssprache, Castellano, was für uns das gängige Spanisch ist, spielt sich schlimmer noch als Englisch zwischen den Schneidezähnen ab, Civilisation klingt wie Thivilithathjonnn. Ein Land für alle Lispler. Wenn man dann diese leckere Wurst Chorizo bestellen möchte hat man ein Problem. Das Cho klingt mal wie Scho oder Tscho, mal wie Ko, dann wieder wie Cho. Das ri in spanisch wird mit der Zungenspitze getrillert, in Asturien wie das lange deutsche rrr im Rachen geröchelt, aber nie wie im englischen am Gaumendach gerollt, really. Das zo gibt’s als Zoo, als ßo, als weiches ssso, ich hab’s sogar tho gehört. Bedenkt man alle Variationen isst man lieber Spaghetti.

Es gibt viele Pensionen, merkwürdige Hotels, sogar kostenlose Unterkünfte auf einem Campingplatz weit außerhalb der Stadt. Wie wollen aber ins Getümmel, und bleiben im Hafenbereich, in der Innenstadt. Ein Zimmer für vier ist schnell gefunden, und wir verbringen den Tag mit bummeln und sightseeing, viel shoppen, Wanderschuhe und Funktionskleidung ausgenommen, ist sowieso nicht möglich. In einem Internetcafé tauschen wir alle Photos aus, was fast zwei Stunden in Anspruch nimmt, fast so lange wie „Schuhe kaufen mit Tussies“, Beschreibung zu lesen im Pilgerführer „Pilgern für Tussies“.

Zum Abschiedsessen treffen wir uns im nächsten Restaurant zur goldenen Möwe (oder was sollen diese beiden gelbleuchtenden Bögen bedeuten?), und altersmäßig komme ich mir doch ein wenig deplaziert vor. Aber wenigstens gibt’s hier Salate und Essen, das man bestellen kann, ohne eine Zungendisplasie zu bekommen. „Un Menu BigMac con Patatas Fritas porrrrr favorrrr! Si, una CocaCola, medium!“ Wir tauschen kleine tragbare Geschenke und kleine tragbare Segenssprüche aus: “Der Gute Gott im Himmel gebe Dir einen geraden Weg unter die Füße, einen weichen Wind in den Rücken, und einen Adler, der Dich zu Ihm trägt!“ Ins Zimmer will keiner, alleine rumlaufen will auch keiner, irgendwohin will erstrecht keiner, wir trödeln ein wenig am laternenbeleuchteten Hafen herum. Es fließen ein paar Tränen, und in der Studentenbar am Hafen, in der wir schließlich enden, mag ich mich noch nicht einmal mit Sidra oder Tinto betrinken.

Am nächsten morgen gehen wir ohne viele Worte zum Busbahnhof, machen noch die typischen Abschiedsphotos, G., J. und H. warten auf ihren Bus, ich drehe mich um und laufe einfach los. Ich will weg vom Camino, weg von den Pilgerherbergen, einfach nur weg von hier, weg von mir selbst. Zwischen Gijon und Aviles liegt ein gigantisches Industriegebiet, von dem will ich auch weg. Ich laufe einfach nur nach Norden, quer durch den Frachthafen, dann durch den Industriehafen, dann durch ein Halden-und Abraumgebiet. Alle drei Minuten donnert ein LKW an mir vorbei, es gibt hier keine Wanderwege. Anscheinend gibt’s hier überhauptkeine Wege. Alles ist schwarzgrau und staubig. Ein paar Stunden und wohl 2km später kann ich wieder die Küste sehen, und komme in eine halbwegs erträgliche Landschaft. Urlaub würde hier niemand machen. Irgendwie komme ich in Lluarca an, ein kleines graues Hafenstädtchen mit einem schmierigen Strand, einem großen Campingplatz, vielen superteuren Fischrestaurants (mag keinen Fisch) und einem teuren Hotel, in dem ich mich einmiete, auch wenn noch nicht Sonntag ist. Eigentlich wollte ich noch weiter nach Norden, da scheint noch was Nettes in fünf oder sechs Kilometern Entfernung zu sein, aber ich kann nicht mehr. Mein Innerstes ist so grau wie der Weg hierher, und fühlt sich an wie mit der Wurzelbürste wundgeschrubbt.

Das nicht nur teure, sondern auch sehr schöne Hotel wirkt wie Balsam auf meiner Seele, genauso wie das lange Telephongespräch mit der fernen Heimat, das für eine halbe Woche das einzige Gespräch werden sollte, das über eine Bestellung in einer Kneipe hinausgeht. Apropos Kneipe! Am Abend lande ich in einer Pizzeria (mal wieder), in der allerdings nicht spanische Schlager (viel schlimmer als deutsche) aus den Lautsprechern quellen, sondern der oberste Prophet des Rastafarianismus Bob Marley, der mir mit weichem musikalischen Streicheln verkündet, eisern wie der Löwe von Zion zu sein, oder das es ohne Frauen kein Geflenne gibt, oder erzählt mir von den Flüssen Babylons, an denen wir weinten, als wir Zions gedachten. Die niedliche Kellnerin trägt Dreadlocks bis in die Mitte ihres Rückens und schlurft reggaegetaktet durch das Lokal. Nicht nur deswegen schmecken sowohl Pizza Quattro Formaggi con Jamon Serrano als auch Tinto de la Casa phantastisch. Zum Nachtisch gibt’s Carlos Santana, und ich überstehe den zweiten Abend meines Jakobsweges, den ich allein verbringen muss. Wo ist meine Einheit?

Die Strecke von Lluarca hinunter nach Aviles zurück zum Camino ist grau und verregnet, aber genau so sehr, dass gerade wenn man sich entschieden hat, das Regencape anzuziehen, die Sonne wieder herauskommt. Der Umweg von mehr als 4km hat mich nicht um das Industriegebiet von Gijon und Aviles herumgebracht, auch die Stadt Aviles ist schmutzig, und ich finde erst wieder in Salinas Anschluss an den Camino. Salinas könnte das Naherholungsgebiet von Aviles sein, ist aber nur eine synthetische Schlafstadt mit einem phantastischen Strand, einer sehr einfachen Pension und einem Dönerladen, beides weit weg vom Strand. Aber ich kann schon erkennen, dass die morgige Tagesstrecke wieder in schönere Gefilde führt, also gönne ich mir die Pension und einen sehr leckeren Dürüm Döner.

Hevia, der wohl bekannteste ansässige Musiker, beschreibt die Zerrissenheit, die brutalen Kontraste dieser Gegend, eindrucksvoll in seinem Stück Carretera D’Aviles. Man sollte es möglicherweise einmal hören.

http://www.youtube.com/watch


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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Donnerstag 17. März 2011, 20:43

Camino20 Back to Business


In Salinas kann ich den Camino sehr schnell wiederfinden. Ich erkenne ihn daran, dass merkwürdig gekleidete Leute mit einer Landkarte in der Hand auf einer Kreuzung stehen und wild gestikulierend in verschiedene Richtungen deuten. Ich schließe mich einem jungen deutschen Paar an, er ist gebaut wie ein Kleiderschrank und freut sich über seinen 19kg schweren Rucksack, sie ist eher zierlich und stapft mit 13kg Marschgepäck erschöpft und leicht angenervt hinter ihm her. Mancherorts wird der Camino als Treuetest angesehen, denn wer das hier zusammen übersteht, übersteht auch alles andere. Buon Camino Euch beiden! Es kommt noch eine durchgeknallte Französin vorbei, es könnte auch eine Schweizerin sein, so ganz bekommt das keiner raus, die unter den Pilgern sehr bekannt ist. Sie läuft mit sehr geringem Gepäck extrem schnell und locker, und singt dabei lauthals fromme Lieder. Ihr Vorhaben ist’s, in vier Monaten 4000km kreuz und quer durch Spanien und alle Jakobswege zu laufen. Ihr Tempo halten wir kaum eine Stunde mit, dann regnet es und wir haben einen Grund gefunden, uns höflicherweise zurückfallen zu lassen. Sie winkt fröhlich mit ihrem Wanderstock, trällert ein Lied und rast weiter. Avec plaisirchen!



San Esteban de Previa, ich übersetze das mal mit „Der vorherige Heilige Stefan“ (ok, das nächste mal wird’s wieder besser), liegt leicht abseits, d.h. gemütliche drei Kilometer vom Weg weg. Auf dem Camino die nächste Herberge erfordert eine Tagesstrecke von deutlich mehr als 25km, die ich mir, im Gegensatz zu meinen Begleitern mit den riesigen Rucksäcken und dem Treuetest, nicht gönnen mag. Also komme ich einigermaßen erschöpft, der Regen zehrt an der Kondition, mittags an der Herberge von „Heiliger Stefan“ an, an die laut Pilgerführer auch eine günstige und gemütliche Bar angegliedert ist. Beide sind geschlossen. Sollten aber seit geraumer Zeit geöffnet haben. Und es regnet. Nicht viel, aber zu viel. Der Pilgerführer empfiehlt die Tourist Information. Hat auch geschlossen. Und dabei hab ich mich so gefreut, wieder auf dem offiziellen Jakobsweg zu sein. Außerdem regnet es, nicht viel, aber…



Ok, ich habe ein Handy mit nur noch geringem Gesprächsguthaben. Mein Handy war schon öfters Ziel gutgemeinten Spottes, da man nur dort, wo’s alldie guten Sachen gibt, neues Guthaben kaufen kann. Die Aufladekennnummer (tolles Wort) gibt mir dann meine Tochter telefonisch durch, kurz darauf vertelefoniere das wieder mit meiner Frau. Jetzt jedenfalls rufe ich in Barcelona an, um sicher zu erfahren, dass nur die Herberge, nicht auch noch die Bar und bestimmt nicht die TouriInfo, sicher noch öffnen wird. Zurück zum Weg wären es noch einmal drei Kilometer, bis zur nächsten Herberge genug Strecke, um die Tagestour auf deutlich über 30km zu erhöhen, und das muss jetzt nicht mehr sein. Schließlich regnet es, nicht viel…



Also warte ich. Und wer kommt um die Ecke getrottet? Zwei bekannte deutsche Pilger mit einer Guitarre, D. und L., und ich kann ihnen versichern, dass die Herberge irgendwann noch öffnen wird. Großer Boss im Himmel warum schickst Du mir diese beiden immer wieder? Was hast Du jetzt wieder für einen Schabernack mit mir vor? Warum nicht diese niedliche Norwegerin oder diese milchkaffebraune Südamerikanerin? Oder mein Californian Girl? Und wo ist meine Einheit? Immer wieder D. und L.! Bald darauf kommt die Hospitalera, die sich als Bedienung der nächsten Bar entpuppt, und öffnet uns ein Zimmer mit quietschenden Stockbetten. D. hat sich irgendeinen Infekt zugezogen und dämmert sofort weg, während L. es schafft, die Hospitalera dazu zu überreden, ihm seine ganze Wäsche zu waschen. Dann leiht er sich noch, wie jedes Mal, mein Shampoo mit Mentholzusatz aus, weil das so schön kribbelt. D. ist so fertig, dass ich versuche, ihn mit Aspirin abzufüllen. Nebenan höre ich laut gesprochen die Sprache der Helden, eine Gruppe deutscher Pilger und ein Holländer eher in meiner Altersklasse haben das nächste Zimmer in Besitz genommen. Wir nehmen uns vor, später am Abend unsere Beherbergerin auf ihrer Arbeitsstelle zu besuchen, um dieser frohen Begegnung würdig zu gedenken.

Mit einem Pärchen aus Leipzig und zwei Schwestern, auch mit böser Erkältung, aus der Gegend von Köln ist die Herberge fest in deutscher Hand. Fast alle trudeln irgendwann im gemütlichen Aufenthaltsraum ein, alle futtern irgendwas, wenigstens gibt’s keine Sprachbarrieren. Nicht einmal mit den Leipzigern, grins. Trotz voll eingerichteter Küche ist es ein Problem, kochendes Wasser für meinen Tee zu bekommen, da die Kücheneinrichtung Pilgern nicht zu Verfügung steht, also koche ich mein Teewasser tassenweise im Mikrowellenofen.



Später in der Bar treffe ich auf A., der wie schon gesagt eher in meiner Altersklasse liegt, die Haare länger als mein Sohn trägt und aussieht wie ein verirrter Wikinger, der von seinem Beutezug getrennt wurde. Nach einigen Wochen Pilgerreise ohne Pilgerfriseur sehe ich selbst aus wie Petrus auf dem Weg nach Jerusalem, und wir verstehen uns vom ersten Augenblick an prächtigst. Unser Mitteilungsbedürfnis übertrifft sogar noch unseren Durst, und so sind wir irgendwann die letzten Pilger, die von der Herbergsmutter, die jetzt wieder hinter der Theke steht, spät nachts zu Bett geschickt werden.



A. war Maschinenbauingenieur und hat große Industrieanlagen installiert, viel Geld verdient, bis ihm und seinem Motorrad unversehens ein Baum in den Weg gesprungen ist. Als er im Krankenhaus wieder aufwachte war eine Menge Zeit vergangen, und er war nicht nur berufsunfähig, sondern auch noch querschnittsgelähmt. Die Rehabilitation und die dazugehörige Lebensumstellung haben ihm Zeit, über Gott und die Welt nachzudenken, geschenkt, Herrschaft über den Körper wiedergegeben und sämtliches Vermögen aufgebraucht. Jetzt bäckt er die beste Pizza der Welt und läuft den Camino del Norte. Leider habe ich ihn danach nie wiedergesehen, aber die meisten deutschen Pilger, denen ich später begegnet bin, haben ihn auch gerne kennengelernt und schmunzelnd von ihm berichtet.


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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Dienstag 22. März 2011, 14:07

Camino21 Menschenauflauf

Der Himmel ist diesig, die Luft ist diesig, mein Kopf ist diesig, mein Herz ist diesig. Zum eigentlichen Weg müsste es drei Kilometer zurück und dann über Land gehen, aber es geht vorwärts, nie zurück, nie zurück. Es gibt einen Wanderweg an der Küste entlang, den ich nehmen kann. Das Pärchen aus Leipzig ist schon verschwunden, die beiden Schwestern mit dem bösen Husten kommen schlecht los, D. und L. machen einen Tag Pause, weil D. trotz Aspirin richtig fertig ist, laufen geht wirklich nicht.



Auch A. und seine Truppe nehmen den Weg an die Küste, haben aber eine Strecke und eine Geschwindigkeit vor, die ich mir aber nicht geben will. Ich bin zum Pilgern hier, nicht zum Joggen. Zum Küstenwanderweg Europäischer Panoramaweg E10, so die offizielle Bezeichnung, geht es allerdings zuerst eine lange steile Treppe vom Meereslevel auf die Steilküste hinauf, kneift ein bisschen in den Waden, sonst nichts. Was ist bloß mit meinen Beinen los? Oder meinem Rücken? Tut nix weh? Ganz nebenbei merke ich, dass ich schon seit wohl zwei Wochen keine Medikamente für meinen kaputten Magen mehr genommen habe, trotz des manchmal eher herausfordernden hiesigen Essens und manch genossener Getränke, mit denen man eher Holz konservieren als sie trinken sollte. Praktisch alle Hautreizungen, besonders die Schuppenflechtenbereiche, sind verschwunden. Was geschieht mir? Oben auf der Steilküste gibt es eine Aussichtsplattform, von der aus ich fast meine gesamte Tagestour vor mir ausgebreitet sehen kann. Ich falle nicht mehr auf die Knie, um zu beten, die Nähe zu Gott fühlt sich eher an, als sollte ich meinen rechten Arm um seine Schultern legen, um gemeinsam mit ihm in die gleiche Richtung zu sehen: „Schau, siehst Du’s auch?“ „Jaaa!“ „Und das da! Woaa!“ Woaa fühlt sich irgendwie richtiger als ‚Amen‘ an…



Jetzt würde ich gerne Musik hören, von Claude Debussy La Mer, oder so was. Worte oder Photos kommen hier nicht mehr mit. Poet müsste man sein, nicht Gärtner.



Cudilleres liegt auf dem Weg, einer der schönsten Fischerhafen überhaupt. In einer winzigen Schlucht stehen Häuser, so bunt wie Muscheln bemalt, als hätte man sie am Wasser gebaut und dann die steilen Hänge hinaufgeschoben, um unten neue Häuser zu bauen und hinterherzuschieben. Als Abschluss der Hafen wie ein Stöpsel, damit nicht alles wieder ins Meer zurückrutscht.



Die halbe Stadt besteht aus Fischrestaurants, Andrea würde es hier sehr gefallen. Während ich einen Elektrolytdrink auf Hopfen-Gerste-Basis zu mir nehme spricht mich ein ehemaliger Pilger, der hier mit seiner Frau urlaubt, an, den es fast jährlich wieder hierher zieht. Während wir pilgerfachsimpeln und schwärmen, drängen sich mir zwei merkwürdige Typen, die mich unbedingt photographieren wollen und einen Lieferwagen haben, auf. Vielleicht wollen sie mir wirklich nur ein schönes Urlaubsphoto machen, „Patrick vor dem Hafenbecken“ oder „Patrick in der Mittagssonne“. Da ich aber eher befürchte, sie wollen mich in Bates Motel oder die Blue Oyster Bar einladen, lehne ich dankend ab.



Bis Soto de Luiña, meinem Tagesziel, sind es noch einige Kilometer mit mehreren bösen Steigungen, an denen es mir Spaß macht, Fahrradpilger zu überholen, die wieder wie so oft ihr Gepäck samt Mountainbike tragen müssen. Arme Radpilger, hihihi. Die Herberge ist eine ehemalige Schule, und die Betten hängen durch wie früher die Schüler kurz vor der Mittagspause. Nachdem die Betten alle belegt sind öffnet Pepe, der Hospitalero, einen zweiten Klassenraum, der voller Luftmatratzen und Turnmatten ist, weggeschickt wird hier keiner. Gut, dass sich schon unter der Dusche war, Stau ist angesagt. Pepe weist streng auf die Hausordnung hin, was aber verständlich ist bei so einer dichten Belegung, und erklärt uns mit Übersetzung in fünf Sprachen gleichzeitig den morgigen Weg. Alles kommt mir sehr bekannt vor, und ja, Pepe war bei Ernesto in der Lehre. Außerdem gehört ihm das Hotel des Ortes, und er lädt natürlich zum Pilgermenu ein. Ich habe allerdings noch genügend eigenes Futterzeugs, und setze mich später zu einer Portion Patatas Fritas in einer Bar am anderen Ende der Ortschaft ab.

Aber zuerst erweisen sich die beiden deutschen Schwestern mit dem Husten als amüsante Abendbrotgesellschaft, sie zicken herum wie ein altes Ehepaar, sind aber total goldig. Der Holländer von gestern ist auch dabei. Die Spanier hört man schon von weitem, können Spanier eigentlich leise reden? Zwei arrogante Italiener sind da; Italiener sind selten auf dem Camino, schließlich haben sie mit Rom was Besseres zu Hause. Es gibt eine ganze Gruppe englisch sprechender älterer Ladies aus Northern USA und Canada, dazu eine Norwegerin und ein koreanisches Ehepaar. Französische Radpilger sind weitgeschickt worden. So ein Völkergemisch ist mir noch kaum aufgefallen.



Die Herberge wird zunehmen wuseliger, ich muss noch ein wenig für mich sein. Also verziehe ich mich in eine abgelegene Bar am anderen Ende des Ortes. Zeit, Bilanz zu ziehen. Und einen Tinto zu trinken. Mir fällt überraschend auf, dass schon wieder Samstag ist. Bin ich denn schon drei Wochen unterwegs? Anscheinend bin ich auch schon fast 400km gelaufen, fast die Hälfte des Weges ans Ende der Welt, und mehr als die Hälfte bis Santiago. Seid mit willkommen, ihr Tagestouren von 18km, lebt wohl, ihr 30km langen Horrorstrecken. Obwohl mir oft genug 28km kaum noch etwas ausmachen. Auf jeden Fall kann ich meinen Zeitrahmen jetzt sehr entspannt abstecken, ich muss mich nicht mehr treiben, ich kann mich treiben lassen.

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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von Peregrin » Mittwoch 23. März 2011, 00:46

Ich lese das ganz gerne, aber es ist ein bißchen wie bei den Drei Musketieren: Man hofft auf Intrigen, Spannung und Abenteuer, aber im Text geht es dann hauptsächlich ums Essen. :pfeif:
Ich bin der Kaiser und ich will Knödel.

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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Mittwoch 23. März 2011, 21:44

Lieber Peregrin,
auch ich lese seine Erinnerungen an den Camino gerne und oftmals muß ich sehr lachen, weil ich ihn als Mensch kenne.
Wir haben an Silvester zusammen mit seiner Frau die behindert ist ein Fondue gegessen und er hat mir von seinen Erlebnissen auf der Reise berichtet.
Nur nebenbei.... In der längeren Zeit seiner Abwesenheit habe ich sein geliebtes Frauchen gut behütet.
Ich habe ihm stundenlang schweigend zugehört und zwei Bücher würden seinen unaufhörlichen Wortschwall nicht fassen. Bis er dann zum Ende und seiner abschließenden Begegnung in einem Gottesdienst mit Bischof Terbartz van Elst kam. Auch diesen Bericht hörte ich mir schweigend an.
Dann waren wir kurz alleine. Auf einmal fiel ebenso wie bei dir ohne irgendeinen Zusammenhang von ihm der Name der Musketiere.
"Ich frage mich irgendwie, warum ich Depp 1000 Kilometer laufe. War ich als Baptist die Vorhut für Papst Benedikt? Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, meine Frau hatte es in der Zwischenzeit besser." So sein Fazit...
Dann hat er sich noch einen Wein eingeschenkt und gemeint: "Also eines wäre hiermit bewiesen, Gott hat Humor."

Dir noch einen schönen Abend Peregrin. Genieße ihn, dafür ist das Leben da. Auch Essen gehört dazu.

Liebe Grüße
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Donnerstag 7. April 2011, 18:48

Camino22 Silencio

Sonntag? Ist denn schon wieder Sonntag? Irgendwie geht einem hier Zeit und Raum verloren. Oft freue ich mich über einen Hügel oder eine Bucht in ein paar Kilometern Entfernung, dann denke ich beim Laufen einen Moment nach, und der Hügel ist hinter mir, und ich hab‘s nicht gemerkt. Oder gerade war Mittwoch, und jetzt ist schon wieder Sonntag.



Ich laufe den Vormittag mit der Norwegerin A., die ich beim Abendessen gestern kennengelernt habe. Wir suchen beide den Playa del Silencio, der uns vom Hospitalero angepriesen wurde. Er sei sehr schön, läge aber einige Kilometer abseits vom Weg. Egal, s’ist Sonntag. Ich jammere ihr vor, wie sehr mir meine Musik fehlt, worauf sie mich konfrontiert, ich solle mich mehr der Stille und meinen Gedanken, und was der Camino mir sagen will, aussetzen. Nur, gerade das tue ich in den langen Stunden, in denen ich allein laufe und laufe, ohne mich durch andere Pilger ablenken zu lassen. So sehr, dass die Stille mich anbrüllt und meine Gedanken weißglühend durch meinen Schädel rasen. Ja, ich stelle mich der Stille, ich stelle mich dem Camino, aber ab und zu würde ich es auch gerne einmal abschalten. Der Eindrücke sind zu viele, die Erlebnisse sind zu dicht und zu intensiv, und ich würde manchmal gerne meinen Geist mit Watte ausstopfen. Oder etwas hören, das das Bild vor meinen Augen oder meinem Herzen einrahmt.



Die norwegische Stimme meines Gewissens spricht übrigens englisch und spanisch, und wir finden zusammen den Playa del Silencio, und ich kann dieses Erlebnis mit jemandem teilen, während ich bisher die meisten tiefgreifenden Erfahrungen allein gemacht habe. Dieser Strand der Stille ist nicht still, das Meer ist nicht still, auch die vielen anwesenden Ziegen oder Möwen sind nicht still. Aber wir werden still. Wir setzen uns mitten auf den Weg und essen einen Apfel und ein Brot. Und schweigen. Die Aussicht, wir kommen gar nicht hinunter ans Wasser, legt sich auf unsere Seelen wie Balsam. Ich denke an eine Liedzeile von Nelly Furtado:

I’m like a bird, I only fly away

I don’t know where my soul is

I don’t know where my home is

Irgendwann stehen wir auf und laufen zurück an den Weg, wo wir auf die Meute schnatternder Amerikanerinnen treffen und eine Pause mit ihnen machen. Ich muss diesen Strand noch verkraften und bleibe danach zurück, während alle Mädels, auch A., weitergehen. Auch A. habe ich nie wiedergesehen.



Dafür hab ich wieder Kontakt mit meiner Einheit bekommen. J. und G. sind in Oviedo hängen geblieben, haben sich die Erkältung eingefangen, die unter den Pilgern herumgeht, und mussten zwei oder drei Tage dort bleiben. Klingt aber sehr nach Toreinfahrtskatarr ;-))! H. ist irgendwo zwei Ortschaften weiter, hier in der Nähe. Da sie morgen oder übermorgen nach Hause fährt verabreden wir uns spontan in Balluta, was dann eine gute Tagesstrecke für mich ausmacht.



Irgendwann am zeitigen Nachmittag komme ich an, und wir haben eine richtig gute Zeit miteinander. Ich quartiere mich in dem Hotel ein, wo sie auch schon wohnt, schließlich ist Sonntag. Den Nachmittag verbringen wir am Strand, und es tut wirklich gut, ein vertrautes Gesicht zu sehen, sich nicht vorstellen oder verstellen zu müssen. Zum Strand sind es zwar nochmals anderthalb Kilometer, die wir aber noch ganz gut schaffen, obwohl ich schon einige Strecke unter den Füßen hatte, und ihre Füße echt kaputt sind. Daran, wie gut wir uns verstehen, obwohl wir uns erst ein paar Wochen kennen, merkt man, wie intensiv die Zeit hier ist. Und wie wechselhaft und abwechslungsreich alles hier ist, wenn so ein kleines Maß Vertrautheit sich so gut anfühlen kann. Das Abendessen im Hotel gehört zu den besseren Pilgermenus meines Jakobsweges, und ist samt der Abendkonversation eines Sonntags würdig.



H. will baldmöglichst einen neuen Anlauf auf Santiago nehmen, bestimmt schafft sie es dann. Wir halten bis heute Kontakt.


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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Sonntag 8. Mai 2011, 20:38

Camino 23



Wave after Wave

Ich habe die letzten paar Tage an der Küste vor mir, und es wird mir schwer fallen, das Meer, die Wellen, den salzigen Wind zu verlassen. Die Reise geht auch immer mehr nach innen, jetzt, wo die Äußerlichkeiten wie körperliche Beschwerden oder Unterkunftsuche immer mehr in den Hintergrund treten. Letzte Station an der Küste ist Ribadeo, und ich könnte Donnerstag dort sein. Aber ich brauche eine Pause, deshalb möchte ich erst Freitag dort sein und das ganze Wochenende verpausen. Mal sehn…

Irgendwie kommen und gehen die Pilger in Wellen. Manchmal hat man tagelang nur die vier oder fünf gleichen, die man abends in der Herberge trifft, dann sind es wieder Scharen, die niemand kennt und die die Herbergen mit vielsprachigem Schnarchen füllen. In Almuña, die Hergerge ist mal wieder eine stillgelegte Schule, treffe ich daher meine beiden hustenden kölner Schwerstern B.& B., und das Pärchen aus Leipzig oder Potsdam, wieder. Und wir freuen uns sehr, bekannte Gesichter zu sehen. Die ältere Schwester B. ist übrigens die erste andere Pilgerin, die ich kennenlerne, deren hauptsächlicher Grund für die Pilgerreise ihr Glauben ist.

Außer einem Supermarkt gibt es hier nichts als einen grandiosen Sonnenuntergang und einem Pilger auf dem Rückweg, der jeden notleidenden Hund auf dem Weg mitgenommen hat. Mittlerweile sind es fünf, die ein ausgeprägtes Rudelverhalten zeigen. Alleine sind sie ängstlich und verschreckt, werden aber sofort von den anderen des Rudels in Schutz genommen. Und sowie irgendjemand auch nur eine hastige Bewegung in Richtung des pilgernden Rudelführers macht, rucken alle Hundeköpfe drohend und synchron in desjenigen Richtung. Gibt es eigentlich die Sportart „Synchrondrohen“? Einer der Hunde hat sogar seine eigene Finisterrana, also die Urkunde, ans Kap Finisterre gelaufen zu sein. Und wir lernen die nervigste Pilgerin aller Zeiten, wir sollten sie in Ermangelung eines Namens, niemand will danach fragen, Nemesis nennen. Frisch angekommen bemerkt sie, dass außer ihr keine Spanier anwesend sind, als greift sie sich ein Bett in einem kleinen Nebenraum und verschwindet, um spät abends laut palavernd zurückzukommen. Gegen 4 Uhr 30 trampelt sie in den großen Schlafraum, macht das grelle und laut brummende Neonlicht an, tritt trotzdem gegen einige Rucksäcke, verschwindet im einzigen Klo, stapft elefantös zurück in ihr eigenes Schlafgemach, in dem es noch dunkel ist. Und ja, bei uns brennt und brummt noch das Neonlicht.

Trotzdem starten wir erst um acht Uhr, eine schwer verkaterte Clique spanischer Radpilger bleibt noch länger. Radpilger halt wieder! Und in Piñera’s Herberge, die wie auch sonst, aus einer ehemaligen Schule besteht, treffen wir „richtigen“ Pilger uns wieder, die Radpilger sind schon weiter. Ja genau, dieselben von gestern, meine lieben Schwestern B.&B, das Pärchen von Drüben, und Nemesis. Dazu ein überraschend stiller Spanier, der eine weitere deutschenglische Pilgerin anhimmelt.

Nemesis hat sich am Fuß verletzt, liegt in einem Bett und brüllt in ihr Handy. Alle anderen sind in den schönen Garten der sehr sauberen Herberge geflüchtet. Da es weder Bar noch Restaurant noch Cantina oder irgendetwas gibt, plündern wir den kleinen Laden und futtern gemeinsam, was die Rucksäcke hergeben. Da niemand gewillt ist, spanisch im Schnelldurchgang zu lernen, um Nemesis zu bemuttern, bleibt sie schmollend in ihrem Bett und schnauzt weiter ihr Handy an. Schade, sie versäumt ein sehr schönes, sehr gemeinschaftliches Abendessen. B., die jüngere Schwester von B. hat ihr Handtuch verschlampt, ich tausche mein zweites gegen eine Einladung zu Abendessen, das unter anderem aus leckerem Brot, Serranoschinken, Tinto, und wunderbarer Gesellschaft besteht.

Da die Herberge von Tapia de Casaregio, die letzte Station vor Ribadeo, mit knapp über 25km Entfernung gut zu erreichen ist, macht kaum jemand Halt in La Franca, und so bin ich nach 15km Tagesstrecke für lange Zeit allein in der Herberge von La Franca, die sich als fast völlig unbekannt, frisch neugebaut und supersauber erweist. Und das, obwohl dieses Schmuckstück im Pilgerführer als altes Dreckloch beschrieben ist. Auf dem Weg in Ortsinnere, mir von der sehr freundlichen Hospitalera, die unbeachtet meiner Sprachbarriere fröhlich auf mich einschnattert, beschrieben, finde ich die frühere Herberge, und sie ist alles, was der Pilgerführer verspricht, dunkel im Tal, baufällig, schmutzig, näher am Ortszentrum. Stunden später kommt ein weiterer Pilger an, er hieß Rodrigo oder Piedro, ist aber egal. Er spricht kein Wort Deutsch oder Französisch, und nur drei oder vier Worte Englisch. Wir verstehen uns trotzdem sofort blenden. Er will zu dem Strand, den ich noch nicht finden konnte, also gehe ich mit. Der bald gefundene Strand besteht aus Steilküste und dicken Kieseln. Rodrigo oder Piedro geht tatsächlich baden, ich höre faszinierend den Wellen zu. Wenn eine Welle aufläuft, rauscht sie hier viel lauter über die Steine und nimmt immer auf dem Weg hoch einige Kiesel mit, die dann unter lautem Klackern wieder zurückgerissen werden. Das ganze macht dann bei relativ kleinen Wellen schon SWOOOSCHSCHSCH-klackklackklackklackklack. Was für ein Sound! Ich erinnere mich an das Lied „Wave after Wave“ von IONA, und ausnahmsweise bin ich froh über mein viel zu gutes Gedächtnis.

Danach mache ich mich auf die Suche nach dem Menu Pellegrino, das ich in einem absoluten Firstclassrestaurant finde. Der Maitre begrüßt mich wie einen Ehrengast, gibt mir einen der besten Plätze im Separee, und ist glücklich, mir für ganze 8,-€ ein gigantisches Menu zu servieren. Dieses besteht aus Hühnerragout mit Naturreis (Pollodingsbumso con Riz), Schnitzel mit Pommes (Lomo y Patatas Fritas), genialem Quarkpudding (Flan con Queso), richtig gutem Vino Tinto, und einem riesigen Liquor de Hjerbas auf Eis. Und der Gesellschaft von Rodrigo oder Piedro, der irgendwann zum zweiten Gang auch noch auftaucht. Den weiteren Abend verbringt er damit, mit beizubringen, wie man den hiesigen Ebbelwoi, Sidra, RICHTIG trinkt: Man versucht, auch in einer Topnotchlodge, aus fast einem Meter Entfernung ein glücklicherweise relativ großes Glas zu treffen, mit nicht mehr als einem guten Schluck, den man sich dann so schnell wie möglich hinter die Binde kippt. Angeblich entfaltet er mit diesem Prozedere erst richtig sein volles Aroma. Und ja, mögen mir alle Sachsenhäusener Schoppepetzer vergeben, Sidra ist, RICHTIG getrunken, der Hammer! Das Echo dieses Hammers begrüßt mich am folgenden Morgen, weswegen ich nur gaanz laangsaam aufstehe und mich auf den Weg mache.

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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von Peregrin » Sonntag 8. Mai 2011, 23:20

Danke fürs Update!
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ChrisCross » Sonntag 8. Mai 2011, 23:26

Auch von mir vielen Dank. Lese immer wieder gerne mit und hab mir auch vorgenommen, den Weg einmal selber zu gehen, wenn ich endlich mit der ASchule fertig bin ;)
Tu excitas, ut laudare te delectet, quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.
Augustinus Conf. I. 1

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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao » Montag 9. Mai 2011, 14:12

ChrisCross hat geschrieben:Auch von mir vielen Dank. Lese immer wieder gerne mit und hab mir auch vorgenommen, den Weg einmal selber zu gehen, wenn ich endlich mit der ASchule fertig bin ;)

Lach.... Mein Sohn hat es sich auch fest vorgenommen. Bis das soweit ist, holt er sich Anregungen beim Verfasser dieser Zeilen und bei seinem Onkel, der evangelischer Pfarrer ist und den Weg auch schon gelaufen ist.
Selbst würde es mich auch ungemein reizen das einmal zu machen. Die Wegstrecken schrecken mich nicht, das schaffe ich locker. Aber das Gepäck.....
Da nehme ich auf mein "fortgeschrittenes Alter".... Rücksicht und mute es mir nicht mehr zu. Natürlich muß ich nicht den Camino Norte laufen, sondern kann mich auf die seichten Touren begeben.... Das macht aber keinen Spaß! :aergerlich:
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