Oscar Wilde

Gespräche über ausgewählte litterarische Texte.

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Juergen
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Oscar Wilde

Beitrag von Juergen » Mittwoch 2. März 2005, 20:00

Quantum Mutata
There was a time in Europe long ago
When no man died for freedom anywhere,
But England's lion leaping from its lair
Laid hand on the oppressor! it was so
While England could a great Republic show.
Witness the men of Piedmont, chiefest care
Of Cromwell, when with impotent despair
The Pontiff in his painted portico
Trembled befor our stern ambassadors.
How comes it then that from such high estate
We have thus fallen, save that Luxury
With barren merchandise piles up the gate
Where noble thoughts and deeds should enter by:
Else might we still be Milton heritors.
Es gab eine Zeit in Euroga, lang ist es her,
Als kein Mensch irgendwo für Freiheit starb,
Sondern Englands Löwe aus seiner Höhle sprang
Und den Begrücker niederwarf! Dies war so,
Als England eine großartige Republik war.
Beobachte die Männer Piedmonts, erste Sorge
Cromwells, als in ohnmächtiger Verzweiflung
Der Papst in seinem gemalten Portico
Vor unseren ernsten Botschaftern erbebte.
Warum ist es dann so, daß von solch hoher Position
Wir herabgesunken sind, abgesehen von jenem Luxus,
Der nutzlose Güterhaufen vor dem Tor,
Durch welches noble Gedanken und Taten eintreten sollten:
Sonst sind wir doch nur Miltons Erben.
Gruß
Jürgen

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Juergen
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Beitrag von Juergen » Mittwoch 2. März 2005, 20:10

Quia Multum Amavi
Dear Heart, I think the young impassioned priest
When first he takes from out the hidden shrine
His God imprisoned in the Eucharist,
And eats the bread, and drinks the dreadful wine,

Feels not such awfull wonder as I felt
When first my smitten eyes beat full on thee,
And all night long before thy feet I knelt
Till thou wert wearied of Idolary.

Ah! hadst thou like me less and loved me more,
Through all those summer days of joy and rain,
I had not now been sorrow's heritor,
Or stood a lackey in the House of Pain.

Yet, though remorse, younth' white-faced seneschal,
Tread on my heels with all his retinue,
I am most glad I loved thee - think of all
The suns that go to make one speedwll blue!
Liebes Herz, ich denke, daß der junge leidenschaftliche Priester,
Wenn er zuerst aus dem verborgenen Schrein
Seinen Gott gefangen in der Eucharistie nimmt
Und das Brot ißt und den schrecklichen Wein trinkt

Nicht ein so grauenhaftes Wunder als ich fühlte,
Als meine hingerissenen Augen zuerst auf dich fielen,
Und ich die ganze Nacht vor deinen Füßen kniete,
bis du meiner Anbetung müde wurdest.

Ach, hättest du mich weniger gemocht und mehr geliebt
Durch all jene Sommertage voll Freude und Regen,
Wäre ich nun nicht Erbe der Traurigkeit
Oder Lakai im Hause des Schmerzes.

Doch, obwohl Reue, der Jugend weißes Seneschall,
Auf meinen Fersen mit ihrem Gefolge haftet,
Bin ich so froh, daß ich dich liebe - denke an all
Die Sonnen, die vergehen, bis ein Ehrenpreis erblaut.
Gruß
Jürgen

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Juergen
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Beitrag von Juergen » Mittwoch 30. März 2005, 13:49

From Spring Days to Winter
(For Music)
In the glad springtime when leaves were green,
O merrily the throstle sings!
I sought, amid the tangled sheen,
Love whom mine eyes had never seen,
O glad dove has golden wings!

Between the blossoms red and white,
O merrily the throstle sings!
My love first came into my sight,
O perfect vision of delight,
O glad dove has golden wings!

The yellow apples glowed like fire,
O merrily the throstle sings!
O Love to great for lib or lyre,
Blown rose of love and of desire,
O glad dove has golden wings!

But now with snow the tree is grey,
Ah, sadley now the throstel sings!
My love is dead: ah! well-a-day.
See at her silent feet I lay
A dove with broken wings!
Ah, Love! ah, Love! that thou wert slain -
Fond Dove, fond Dove return again.
Von den Frühlingstagen zum Winter
(Für Musik)
Im heitren Frühling, als die Blätter grün waren,
Oh, wie froh die Drossel singt,
Ich suchte im wirren Licherglanz
Eine Liebe, die meine Augen nie gesehen,
Oh, die frohe Taube hat goldne Flügel.

Zwischen den Blüten, rot und weiß,
Oh, wie froh die Drossel singt.
Sah ich meine Liebe zum ersten Mal,
O wnderbare Vision des Entzückens,
Oh, die frohe Taube hat goldne Flügel.

Die gelben Äpfel glühten wie Feuer
Oh, wie froh die Drossel singt.
Oh, Liebe, zu groß für Lippe und Leier,
Erblüht die Rose von Liebe und Verlangen,
Oh, die frohe Taube hat goldne Flügel.

Aber nun ist der Baum grau von Schnee,
Oh, wie traurig nun die Drossel singt.
Meine Liebe ist tot: Oh, eines Tages wirst
Du sehen, wie ich vor ihre stillen Füße
Eine Taube mit gebrochenen Flügeln lege.
Oh Liebe! Oh Liebe, daß du erschlagen wurdest,
Gute Taube, gute Taube kehre zurück!
Gruß
Jürgen

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Juergen
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Beitrag von Juergen » Donnerstag 31. März 2005, 16:03

Der Künstler

Eines Abends kam in seine Seele das Verlangen, ein Bildnis zu machen:
Die Lust des Augenblicks.
Und er ging in die Welt, nach Bronze zu suchen. Denn er konnte nur in Bronze denken.
Doch alle Bronze der ganzen Welt war verschwunden, und keine andere war in der ganzen Welt zu finden als die des Bildnisses:
Ewiglastende Sorge.
Und dieses Bildnis hatte er selbst gefertigt mit seinen eigenen Händen und es auf das Grab des einzigen, das er im Leben liebte, gesetzt. Auf das Grab des einzigen, das er vor allem und allein in der Welt liebte, hatte er dies Bildnis gesetzt, daß es als ein Zeichen nie endender Menschenliebe diene und als ein Symbol der Menschensorge, die nie endet. Und es war in der ganzen Welt keine andere Bronze als diese.
Und er nahm das Bildnis, das er gemacht hatte, setzte es in einen großen Tiegel und übergab es dem Feuer.
Und aus der Bronze "Die ewiglastende Sorge" machte er das Bildnis "Die Lust des Augenblicks".
Gruß
Jürgen

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