Gedichte

Gespräche über ausgewählte litterarische Texte.
Juergen
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Gedichte

Beitrag von Juergen »

K. Tucholsky (1890–1935)

Letzte Fahrt

An meinem Todestag - ich werd ihn nicht erleben-
da soll es mittags Rote Grüze geben,
mit einer fetten, weißen Sahneschicht...
Von wegen: Leibgericht.

Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger
aus seiner Nase - niemand haut ihm auf die Finger.
Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus.
Und ich lieg da und denk' " Ach, polk dich aus!"

Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter.
Nun faßt das Karlchen die Blondine unter,
die mir zuletzt noch dies und jenes lieh...
Sie findet: Trauer kleidet sie.

Der Zug ruckt an. Und alle Damen,
die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen:
vollzählig sind sie heut noch einmal da...
Und vorne rollt Papa.

Da fährt die erstem, die ich damals ohne
die leiseste Erfahrung küßte - die Matrone
sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut.
Altmodisch war sie - aber sie war gut.

Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen!
Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen?
Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt:
mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.

Auf rotem samtnen Kissen, im Spaliere,
da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere
die Orden durch die ganze Stadt,
die mir mein Kaiser einst verliehen hat.

Und hinterm Sarg mit seinem Silberpulten,
da schreitten zoundzwanzig Nutten-
die schluchzen innig und mit viel System.
Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.

Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch!
Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysisch,
Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß!
Ich weige tief.

Und bin mich endlich los.
Gruß Jürgen

Dieser Beitrag kann unter Umständen Spuren von Satire, Ironie und ähnlich schwer Verdaulichem enthalten. Er ist nicht für jedermann geeignet, insbesondere nicht für Humorallergiker. Das Lesen erfolgt auf eigene Gefahr.

Juergen
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Re: Gedichte

Beitrag von Juergen »

Aus gegebenem Anlaß sei hier das 1884 in der satirischen Zeitschrift Der Wahre Jacob erschienen Gedicht von Max Kegel mit dem Titel „Der Denunziant“ zitiert:
Willst wissen Du mein lieber Christ,
Wer aller menschen Auswurf ist?
Die Antwort liegt ja auf der Hand:
Es ist allein der Denunziant.

Gefährlich ist ein toller Hund,
Gefährlich ist der Lügenmund,
Gefährlich ist, wer stiftet Brand,
Gefährlicher der Denunziant.

Verpestet ist fürwahr die Luft,
Wo athmet solch ein Schelm und Schuft.
Verpestet ist ein ganzes Land,
Wo schleicht herum der Denunzinant.

Der Wilde selber, der Barbar,
Der Afrikaner rohe Schaar
Hält hoch der Treue heilig Band,
Das frech entweiht der Denunziant.

Durchs ganze Leben Schimpf und Schmach
Geht ihm voran und folgt ihm nach.
Der Menschheit Schandfleck wird genannt
Der niederträcht'ge Denunziant.

Wird er erblickt in Freundeskreis,
Macht man ihm bald die Hölle heiß
Und ruft, ist er einmal erkannt:
Hinaus! Er ist ein Denunziant.

Und wenn er einst im Grabe liegt
Und seine Seel nach oben fliegt,
Ruft Petrus: Fort, Hallunk! Verbannt
Von hier ist jeder Denunziant.
Gruß Jürgen

Dieser Beitrag kann unter Umständen Spuren von Satire, Ironie und ähnlich schwer Verdaulichem enthalten. Er ist nicht für jedermann geeignet, insbesondere nicht für Humorallergiker. Das Lesen erfolgt auf eigene Gefahr.

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