Gedichte

Gespräche über ausgewählte litterarische Texte.
Juergen
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Gedichte

Beitrag von Juergen » Freitag 29. März 2019, 13:28

K. Tucholsky (1890–1935)

Letzte Fahrt

An meinem Todestag - ich werd ihn nicht erleben-
da soll es mittags Rote Grüze geben,
mit einer fetten, weißen Sahneschicht...
Von wegen: Leibgericht.

Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger
aus seiner Nase - niemand haut ihm auf die Finger.
Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus.
Und ich lieg da und denk' " Ach, polk dich aus!"

Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter.
Nun faßt das Karlchen die Blondine unter,
die mir zuletzt noch dies und jenes lieh...
Sie findet: Trauer kleidet sie.

Der Zug ruckt an. Und alle Damen,
die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen:
vollzählig sind sie heut noch einmal da...
Und vorne rollt Papa.

Da fährt die erstem, die ich damals ohne
die leiseste Erfahrung küßte - die Matrone
sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut.
Altmodisch war sie - aber sie war gut.

Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen!
Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen?
Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt:
mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.

Auf rotem samtnen Kissen, im Spaliere,
da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere
die Orden durch die ganze Stadt,
die mir mein Kaiser einst verliehen hat.

Und hinterm Sarg mit seinem Silberpulten,
da schreitten zoundzwanzig Nutten-
die schluchzen innig und mit viel System.
Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.

Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch!
Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysisch,
Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß!
Ich weige tief.

Und bin mich endlich los.
Gruß
Jürgen
Dieser Beitrag kann unter Umständen Spuren von Satire, Ironie und ähnlich schwer Verdaulichem enthalten. Er ist nicht für jedermann geeignet, insbesondere nicht für Humorallergiker. Das Lesen erfolgt auf eigene Gefahr.