Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Gespräche über ausgewählte litterarische Texte.

Moderator: Ecce Homo

Tomek M
Beiträge: 173
Registriert: Mittwoch 11. Juni 2008, 19:51
Wohnort: Ruhrgebiet

Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Tomek M » Donnerstag 26. August 2010, 18:09

Ich mache eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger und soll dieses Gedicht interpretieren. Was sagt ihr zu diesem Gedicht?:

Die Gewalt fängt nicht an
Wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
Wenn einer sagt:
„Ich liebe dich:
Du gehörst mir!“

Die Gewalt fängt nicht an
Wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an
Wenn einer sagt:
„Du bist krank:
Du mußt tun was ich sage“

Erich Fried (1921-1988)

Freue mich auf eure Kommentare. :-)

Benutzeravatar
Niels
Beiträge: 22742
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 11:13

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Niels » Donnerstag 26. August 2010, 18:26

Dazu ist es hilfreich, das ganze Gedicht zu kennen:
Erich Fried hat geschrieben: Die Gewalt

Die Gewalt fängt nicht an,
wenn einer einen erwürgt.
Sie fängt an,
wenn einer sagt:
"Ich liebe Dich!
Du gehörst mir."

Die Gewalt fängt nicht an,
wenn Kranke getötet werden.
Sie fängt an,
wenn einer sagt:
"Du bist krank"
Du musst tun was ich sage."

Die Gewalt fängt an,
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen.
Und wenn Päpste und Lehrer
und Eltern
Selbstbeherrschung verlangen.

Die Gewalt herrscht dort,
wo der Staat sagt:
"Um die Gewalt zu bekämpfen,
darf es keine Gewalt mehr geben,
außer meiner Gewalt."

Die Gewalt herrscht,
wo irgendwer
oder irgendetwas
zu hoch ist
oder zu heilig,
um noch kritisiert zu werden

oder wo die Kritik nichts tun darf,
sondern nur reden.
Und die Heiligen oder die Hohen
mehr tun dürfen als reden.

Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
"Du darfst Gewalt anwenden.",
aber auch dort wo es heißt:
"Du darfst keine Gewalt anwenden."

Das Grundgesetz der Gewalt
lautet: "Recht ist, was wir tun.
Und was die andren tun,
das ist Gewalt."

Die Gewalt herrscht dort,
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zu Gewalt.

Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden,
aber vielleicht auch nicht immer
ohne Gewalt.
O Herr, verleih, dass Lieb' und Treu'
in dir uns all verbinden,
dass Hand und Mund zu jeder Stund'
dein' Freundlichkeit verkünden,
bis nach der Zeit den Platz bereit'
an deinem Tisch wir finden.

Benutzeravatar
lifestylekatholik
Beiträge: 8661
Registriert: Montag 6. Oktober 2008, 23:29

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von lifestylekatholik » Freitag 27. August 2010, 09:05

Tomek M hat geschrieben:Ich mache eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger und soll dieses Gedicht interpretieren. Was sagt ihr zu diesem Gedicht?:

Die Gewalt fängt nicht an
Wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
Wenn einer sagt:
„Ich liebe dich:
Du gehörst mir!“

Die Gewalt fängt nicht an
Wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an
Wenn einer sagt:
„Du bist krank:
Du mußt tun was ich sage“

Erich Fried (1921-1988)

Freue mich auf eure Kommentare. :-)
Vor dem Hintergrund der Alten- (und Kranken-)Pflege ist doch klar, was die Ausbilderin erwartet: Du sollst schreiben, dass auch der alte Mensch, das Gegenüber, immer als Mensch mit eigener Würde gesehen werden muss, dem man seine Selb(st)ständigkeit soweit wie möglich erhalten bzw. teilweise auch erst ermöglichen muss, den man in seiner Eigenständigkeit und Persönlichkeit akzeptieren muss, &c. bla bla.
»Was muß man denn in der Kirche ›machen‹? In den Gottesdienſt gehen und beten reicht doch.«

Benutzeravatar
Pelikan
Beiträge: 1150
Registriert: Mittwoch 7. Juli 2004, 17:09

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Pelikan » Freitag 27. August 2010, 19:52

Die Gewalt fängt an,
wenn Leute,
die doch bloß Krankenpfleger werden wollten,
genötigt werden,
grausige Lyrik zu besprechen,
verfaßt von einem
Typen,
dessen Return-Taste kaputt
ist.

Benutzeravatar
Hubertus
Beiträge: 10772
Registriert: Montag 3. Mai 2010, 20:08

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Hubertus » Freitag 27. August 2010, 19:59

Pelikan hat geschrieben:Die Gewalt fängt an,
wenn Leute,
die doch bloß Krankenpfleger werden wollten,
genötigt werden,
grausige Lyrik zu besprechen,
verfaßt von einem
Typen,
dessen Return-Taste kaputt
ist.
:kugel:
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

Benutzeravatar
Marion
Beiträge: 7252
Registriert: Donnerstag 21. Mai 2009, 18:51
Kontaktdaten:

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Marion » Freitag 27. August 2010, 20:01

Der war gut! :freude:
Christus vincit - Christus regnat - Christus imperat

Benutzeravatar
Niels
Beiträge: 22742
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 11:13

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Niels » Freitag 27. August 2010, 20:10

:kugel: :daumen-rauf:
O Herr, verleih, dass Lieb' und Treu'
in dir uns all verbinden,
dass Hand und Mund zu jeder Stund'
dein' Freundlichkeit verkünden,
bis nach der Zeit den Platz bereit'
an deinem Tisch wir finden.

ad_hoc
Beiträge: 4877
Registriert: Mittwoch 14. Januar 2004, 12:14

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von ad_hoc » Sonnabend 28. August 2010, 00:54

Pelikan hat geschrieben:Die Gewalt fängt an,
wenn Leute,
die doch bloß Krankenpfleger werden wollten,
genötigt werden,
grausige Lyrik zu besprechen,
verfaßt von einem
Typen,
dessen Return-Taste kaputt
ist.
Genau. Das Gedicht halte ich auch für oberflächlich und letztendlich blöde.

Aber abgesehen davon, ist es nicht verkehrt, auch von einem Altenpfleger in spe zu erwarten, dass er über etwas Sensibilität verspürt anstatt Gleichgültigkeit, und die ihn möglicherweise dazu veranlasst, nicht in einer wachsenden wesenlosen Routine zu verharren sondern er sollte, bei allem erforderlichen Abstand, im Anderen, dem älteren Mitmenschen bzw. dem Pflegefall, seinen Nächsten erkennen.
Das wollte man wohl über die Analyse des o. a. Gedichts herausfinden.

Gruß, ad_hoc
quidquid cognoscitur, ad modum cognoscentis cognoscitur (n. Thomas v. Aquin)

Benutzeravatar
Robert Ketelhohn
Beiträge: 24557
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 09:26
Wohnort: Velten in der Mark
Kontaktdaten:

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Robert Ketelhohn » Sonnabend 28. August 2010, 11:55

Erich Fried hat geschrieben:Die Gewalt fängt nicht an
Wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
Wenn einer sagt:
„Ich liebe dich:
Du gehörst mir!“
gewaltig fängts an mir zu stinken
wenn wirr verbiesterte geister
man hinstellt als großartge meister
als quell draus kunstsinn zu trinken

daß seine versfüße hinken
der meister der große drauf scheißt er
schmiert drüber moralischen kleister
die kleinen von geiste zu linken

stopf ihm die brocken ins maul
jag ihn von schreibtisch und buch
leg ihm mühsal und schweiß

als joch auf den nacken heiß
daß dichten ihm werde zum fluch
sein werk in der gosse verfaul
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

Benutzeravatar
Linus
Beiträge: 15073
Registriert: Donnerstag 25. Dezember 2003, 10:57
Wohnort: 4121 Hühnergeschrei

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Linus » Sonnabend 28. August 2010, 14:23

Robert es ging nicht darum ein "gewalttätiges Gegengedicht" zu schreiben.... :kugel:
"Katholizismus ist ein dickes Steak, ein kühles Dunkles und eine gute Zigarre." G. K. Chesterton
"Black holes are where God divided by zero. - Einstein

Benutzeravatar
Marion
Beiträge: 7252
Registriert: Donnerstag 21. Mai 2009, 18:51
Kontaktdaten:

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Marion » Sonnabend 28. August 2010, 14:31

Linus hat geschrieben:Robert es ging nicht darum ein "gewalttätiges Gegengedicht" zu schreiben.... :kugel:
Willst du hier etwa nun das Kritisieren kritisieren? Du Gewalttäter du :ikb_taz:
Die Gewalt herrscht,
wo irgendwer
oder irgendetwas
zu hoch ist
oder zu heilig,
um noch kritisiert zu werden
Christus vincit - Christus regnat - Christus imperat

Benutzeravatar
Hubertus
Beiträge: 10772
Registriert: Montag 3. Mai 2010, 20:08

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Hubertus » Sonnabend 28. August 2010, 14:31

Halt ihm die andere Wange hin (Walter Toman)

Dir schlägt Dein Bruder in Dein Gesicht.
Was tust Du dann?
Du weißt, was die Bibel sagt.
Halt die andere Wange hin!
Das sagt die Bibel.
Und wahrlich, wenn Du das tust, dann ist es gut.
Dann haut Dir dein Bruder eine zweite herunter,
von der anderen Seite,
und wenn Du benommen bist davon,
dann lachen die andern aus ganzem Herzen.
Dein Bruder aber, der führt ihr Gelächter wie ein Geiß.

Bis hierher ist alles gut.
Jetzt kannst Du zweierlei Wege gehn.
Einmal kannst Du erröten, wenn alle Augen
der anderen Dich verspotten, und wenn ihr Gelächter
zusammenschlägt über dir.
Wenn das geschieht, war alles um sonst.
Dann winde dich nur in deiner Verlegenheit.
Dann warst du noch nicht tapfer und klug genug
für dieses Bravourstück Christi.

Der andere Weg ist der:
Du hast gemerkt, ganz heimlich, dass der weite Schlag
schon schwächer war als der erste.
Und wenn er es nicht war, dann rede es Dir ein.
Jedenfalls halt ihm wieder die erste hin,
die erste Wange, und wenn du
nur richtig lächelst dabei,
ganz ohne Zorn,
ganz gütig,
dann wird der folgende Schlag,
der Schlag auf die erste Wange,
wieder ein wenig unsicherer sein.

Nur wenn das nicht ist,
wenn der dritte Schlag schon wieder
besser sitzt als der zweite und der erste,
uns wenn die Zuschauer herzhafter lachen als früher,
und wenn dein Bruder dich weiterschlagen wird
wie ein Hündlein,
dann leg ihn hin, deinen Bruder,
mit einem Schlag auf das Kinn.
Dann warst du nicht in der rechten Arena
für dieses Bravourstück Christi.
Und lächeln mußt du, wenn due den Kinnhaken gibst.
Ganz gütig lächeln mußt du dabei, ganz ohne Zorn.
Nachher kannst du ihm aufhelfen, deinem Bruder.

In mancher Arena muß
der Christ ein Stierkämpfer sein,
muß zeigen, dass er auch das kann.
Sonst wird er von keinem verstanden
bei seinem Bravourstück.
Damit es die andern verstehen, dazu tut ers aber.
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

Tomek M
Beiträge: 173
Registriert: Mittwoch 11. Juni 2008, 19:51
Wohnort: Ruhrgebiet

Re: Gedicht Interpretation zum Thema Gewalt ?

Beitrag von Tomek M » Montag 8. November 2010, 18:57

Danke für eure Hilfe

Antworten Vorheriges ThemaNächstes Thema