Die Gaben des Hl. Geistes – Definition
1311.
2. Definition
Aus dem soeben Dargelegten lässt sich folgern :
die Gaben des hl. Geistes sind übernatürliche Gewohnheiten, die unseren Fähigkeiten eine solche Geschmeidigkeit verleihen, dass diese den Einsprechungen der Gnade schnell Folge leisten.
Jedoch, wie wir bald erklären werden, ist diese Geschmeidigkeit anfangs einfache Aufnahmefähigkeit und bedarf der Pflege zu ihrer vollkommenen Entwicklung.
Ausserdem tritt sie erst dann in Tätigkeit, wenn Gott uns jene beistehende Gnade schenkt, die wirkende Gnade heisst. Dann ist die Seele bei aller Passivität Gottes Wirken gegenüber doch sehr tätig in Erfüllung des göttlichen Willens.
Somit lässt sich von den Gaben behaupten, dass sie gleichzeitig Geschmeidigkeiten und Energien, Fügsamkeiten und Kräfte sind, die unter Gottes Hand die Seele passiver und zugleich aktiver in seinem Dienste und in der Vollziehung seiner Werke machen.
IV. Die Gabe der Furcht
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1. Wesen
Es handelt sich hier nicht um Angst vor Gott, so dass die Erinnerung an unsere Sünden uns beunruhige, betrübe oder aufrege. Auch nicht um die Furcht vor der Hölle, die wohl als Antrieb zur Bekehrung, nicht aber zur Vollendung unserer Heiligung genügen kann. Gemeint ist hier die ehrerbietige, kindliche Furcht, die uns vor jeder Beleidigung Gottes zurückschrecken lässt.
Die Gabe der Furcht vervollkommnet gleichzeitig die Tugenden der Hoffnung und der Mässigung. Die Tugend der Hoffnung, denn wir fürchten, Gott zu missfallen und von ihm getrennt zu werden. Die Tugend der Mässigung, weil sie uns von den falschen Freuden loslöst, die uns von Gott trennen könnten.
Sie lässt sich demnach beschreiben als
eine Gabe, die unseren Willen zu kindlicher Ehrfurcht gegen Gott geneigt macht, von der Sünde, als ihm missfallend, entfernt und uns auf die Macht seines Beistandes hoffen lässt.
1336. Sie begreift drei Hauptakte:
a) ein lebhaftes Gefühl der Grösse Gottes, folglich äussersten Abscheu vor den geringsten Sünden; die seine unendliche Majestät beleidigen. „Weisst du nicht", sagte Jesus zur hl. Katharina v. Siena, „dass alle Qualen, die die Seele in diesem Leben erträgt oder ertragen kann, nicht genügen, um auch nur die kleinste Sünde zu bestrafen? Die mir, dem unendlichen Gute, zugefügte Beleidigung schreit nach unendlicher Sühne. Darum sollst du wissen, dass alle Leiden dieses Lebens nicht Strafe, sondern Züchtigung sind..." Das hatten die Heiligen erfasst. Sie machten sich wegen ihrer leichtesten Vergehen bittere Vorwürfe und waren der Meinung, nie genug zu deren Sühne getan zu haben.
b) Lebhafte Reue über die geringsten begangenen Fehler, weil durch sie der unendliche und überaus gütige Gott beleidigt wurde. Daher entsteht der heisse und aufrichtige Wunsch, sie zu sühnen, und zwar durch häufige Akte der Liebe und der Aufopferung.
c) Wachsame Sorge in Vermeidung der Gelegenheiten zur Sünde, gleichwie man einer Schlange ausweicht: „Quasi a facie colubri fuge peccata." Folglich grosse Aufmerksamkeit, um überall das Wohlgefallen Gottes zu erkennen und sich nach ihm zu richten.
Es leuchtet ein, dass bei solchem Tun durch Vermeidung der verbotenen Freuden die Tugend der Mässigung, und durch Erhebung der Blicke zu Gott in kindlichem Vertrauen die Tugend der Hoffnung vervollkommnet wird.
1337.
2. Notwendigkeit
A) Diese Gabe ist notwendig, damit man eine zu grosse Vertrautheit mit Gott vermeide. Manche nämlich werden versucht, Gottes Grösse und den unendlichen Abstand, der uns von ihm trennt, zu vergessen, mit Gott und heiligen Dingen ungebührliche Freiheiten zu nehmen, ihm gegenüber eine zu kühne Sprache zu führen und mit ihm wie mit ihresgleichen zu verkehren. Zwar ladet Gott selbst gewisse Seelen zu innigem Verkehr und erstaunlicher Vertrautheit ein. Dann jedoch muss er die ersten. Schritte tun, nicht wir. Übrigens hindert kindliche Ehrfurcht durchaus nicht die innige Vertrautheit, wie man sie bei einigen Heiligen feststellte.
B) Von nicht geringerem Nutzen ist diese Gabe, uns im Verkehr mit dem Nächsten, namentlich mit unseren Untergebenen, vor jenem hochfahrenden und stolzen Wesen zu bewahren, das mehr dem heidnischen als dem christlichen Geiste entspricht. In ehrerbietiger Furcht Gottes wissen wir, dass Gott ihr Vater ebenso wie der unsrige ist. Wir werden daher von unserer Amtsvollmacht auf bescheidene Weise Gebrauch machen, wie es sich für jene ziemt, die sie nicht aus sich, sondern von Gott haben.
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3. Mittel zur Pflege dieser Gabe
A) Man betrachte oft über die unendliche Grösse Gottes, seine Eigenschaften, seine Gewalt über uns und erwäge im Lichte des Glaubens, wie selbst die allerkleinste Sünde eine Beleidigung der unendlichen Majestät Gottes sei. Dann kann man nicht umhin, als von ehrerbietiger Furcht vordem höchsten Herrn, den wir unaufhörlich beleidigen, erfasst zu werden: „Confige timore tuo carnes meas, a judiciis enim tuis timui." Tritt man vor ihn hin, so geschieht es mit demütigem und zerknirschtem Herzen.
B) Um sich in dieser Gesinnung zu erhalten, tut man gut daran, seine Gewissenserforschungen recht sorgfältig zu machen und sich dabei noch mehr zur inneren Zerknirschung als zum kleinlichen Aufsuchen der begangenen Fehler Mühe zu geben. „Cor contritum et humiliatum, Deus, non despicies.” Und damit die Reinheit des Herzens immer vollkommener werde, sollte man sich mit dem büssenden Jesus vereinigen, sich immer mehr ihm einverleiben. Je mehr wir teilhaben an seinem Hass der Sünde und an seiner Schmach, desto vollständiger werden uns die Sünden vergeben werden.