Zukunft von Währungsunion und Euro

Aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft, Weltgeschehen.

Moderator: Hubertus

Benutzeravatar
Hubertus
Beiträge: 9820
Registriert: Montag 3. Mai 2010, 20:08

Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Hubertus » Donnerstag 6. Oktober 2016, 05:49

Hinweis der Moderation:
Dies ist der Nachfolgestrang für die Diskussion rund um das Fortbestehen des Euro.
Der Vorgängerstrang wurde wegen Überlänge geschlossen; er ist hier zu finden:
http://kreuzgang.org/viewtopic.php?p=35953#p35953.


Hubertus als Mod.
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

Benutzeravatar
Hubertus
Beiträge: 9820
Registriert: Montag 3. Mai 2010, 20:08

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Hubertus » Donnerstag 6. Oktober 2016, 05:50

"Star-Ökonom erwartet den Euro-Austritt Italiens"

Daraus:
„Den Italienern wird gerade klar, dass Italien im Euro nicht funktioniert. Das ist für die Italiener emotional wirklich schwierig, und sie haben sich lange geweigert, diese Einsicht zu akzeptieren.“

[...] Die Banken des Landes kämpfen mit gewaltigen Beständen fauler Kredite und die Wirtschaft wächst seit fast zehn Jahren nicht mehr, während die Arbeitslosigkeit im gleichen Zeitraum stark gestiegen ist.
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Donnerstag 6. Oktober 2016, 13:20

Ich bin bei den Analysen der US-Starökonomen, wie Rogoff, Krugman oder jetzt Stiglitz, immer ein wenig vorsichtig und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ihre "Ratschläge" der Absicherung us-amerikanischer Kreditinstitute dienen. So wird der Zerfall der Eurozone drohend an die Wand gemalt, um dann gleichzeitig als Lösungsmöglichkeit eine engere Bankenunion - natürlich mit gemeinsamer Einlagensicherung - oder etwa Eurobonds anzupreisen. Hauptsache, die in der Eurozone angelegten assets der US-Institute bleiben werthaltig....

Im vorliegenden Fall muß man allerdings auch zugestehen, daß die Lage für IT besonders schwierig ist. Die Zombie-Banken dort dürfen nicht mehr "gerettet" werden, weil dies gegen die Vorschriften zur Bankenrettung verstieße und jede direkte Rettungsaktion des Staates als unzulässige Beihilfe gewertet würde.
Insbesondere bei dem Institut Monte dei Paschi ist die Lage wohl prekär: Ein - lt. Bankenrettungsrichtlinie - vorgesehener bail-in der Sparer (über 100.000 € Guthaben) und der Aktionäre - wäre der politische Todesstoß für Renzi. Die für Dezember vorgesehene Volksabstimmung über eine Verwaltungs- und Staatsreform wird von der Partei Grillos zu einer Volksabstimmung über Renzi umgedeutet. Er strebt Neuwahlen an. Seine Partei lehnt den Euro ab und sieht die EU kritisch. Man plant eine Volksbefragung zum Euro:

Fünf-Sterne-Partei in Italien will Volksbefragung über Euro

Die wäre zwar rechtlich unverbindlich. Allerdings könnte die Politik das Ergebnis einer solchen Abstimmung auch nicht einfach ignorieren. Nach GR (Sparmaßnahmen), den Niederlanden (Ukraine), GB (Brexit) und zuletzt Ungarn (Migranten) scheinen Volksbefragungen zu europapolitischen Themen salonfähig zu werden.

Sicher ist auch, daß sich die Lage zuspitzt. Die Regierungen haben die Zeit, die ihnen die EZB mit ihrer Null-Zins-Politik und den Anleihekäufen eingeräumt hat, nicht für Reformen genutzt. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen sinkt inzwischen und ist am Ende oder zumindest eine ist Verminderung der Geldflug keine Utopie mehr:

Spekulationen über ein Ende der Geldflut

Was es für hochverschuldete Länder, zu denen IT gehört, bedeuten würde, wenn man statt 0% plötzlich wieder 2% oder 3% Zinsen zahlen müßte, kann sich jeder vorstellen. Andererseits - und hierin besteht die Zwickmühle für die EZB - führt die Null-Zinspolitik aber auch zu einer Schwächung der Banken sowie einer Erosion der kapitalgedeckten Alterssicherungssysteme. Überspitzt könnte man sagen: Entweder es knallt heute bei den Banken oder in einigen Jahren aufgrund der zusammenbrechenden Alterssicherungssysteme.

Tja Frau Merkel, ob "wir das schaffen"? :hmm:

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Sonnabend 8. Oktober 2016, 12:44

Ein Blick auf die GR und die Rolle des IWF:

Wo bleibt der IMF bei der Griechenland-Hilfe? - Ein deutsches Dilemma

Es ist bekannt: Der Bundestag will die GR-"Hilfe" nur verlängern, wenn der IWF an Bord bleibt. Nur ihm wird die notwendige Härte zugetraut, Reformen in GR zwangsweise durchzusetzen. Andererseits steht der IWF insbesondere von den Ländern der Dritten Welt unter verstärkter Beobachtung. Sie sehen nicht ein, warum ihre Mitgliedsbeiträge dazu verwandt werden, den - hoffnungslosen - Fall GR weiter zu unterstützen. Daher besteht der IWF auf einem Schuldenerlaß, für Berlin und z.B. die NL aber ein no-go. In beiden Ländern wird im nächsten Jahr gewählt. In den NL im Frühjahr und in D. im Herbst. Reicht das Geld in GR nicht und landet das Thema wieder auf der ersten Seite, wird es Wilders und die AfD stärken.

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 17. Oktober 2016, 12:40

Prof. Sinn sieht es genauso wie Prof. Stiglitz im oben verlinkten Artikel:

Hans-Werner Sinn rechnet mit Euro-Austritt Italiens

Daraus:
Die wirtschaftliche Situation des Landes sei so desolat, dass ein Austritt aus dem Euro nur noch eine Frage der Zeit sei. Der ehemalige Präsident des Münchner Ifo-Instituts sagte: „Ich frage mich wirklich, wie lange Italien noch im Euro durchhält.“
Die Industrie produziere immer noch 22 Prozent weniger als vor der Krise, und es gebe immer mehr Pleiten. Die Jugendarbeitslosigkeit liege bei knapp unter 40 Prozent. Die faulen Kredite der Banken seien nach einer Rechnung des IWF auf 80 Prozent des Eigenkapitals gestiegen. Der Ökonom ist der Meinung: „Solch eine katastrophale Situation kann ein Land nicht lange aushalten.“ Schon im Jahr 2011 habe der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi deswegen geheime Austrittsverhandlungen gestartet.
Er selbst finde zwar nicht, dass Italien austreten sollte, sagte Sinn, aber das italienische Establishment sehe eigentlich keine Alternative mehr zu einem Austritt. Gegenüber der Welt erklärte Sinn: „Die Hälfte der Italiener will aus dem Euro austreten, das ist der höchste Wert alle europäischer Länder, in denen diese Frage in letzter Zeit gestellt wurde.“
Anfang Dezember ist ein wichtiges Referendum in IT; Grillo will es zu einer Abstimmung über Renzi und den Euro umfunktionieren.
Das Jahr 2017 könnte dann ganz besonders spannend werden. Merkels Spielraum für neue "Rettungspakete" ist durch die Bundestagswahl im September und die immer stärker werdende AfD stark eingeschränkt.

Benutzeravatar
Niels
Beiträge: 21551
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 11:13
Kontaktdaten:

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Niels » Montag 17. Oktober 2016, 13:39

Müsste nicht vorher Griechenland austreten? :hmm:
"Im Umgang mit der Liturgie entscheidet sich das Geschick von Glaube und Kirche." (Joseph Kardinal Ratzinger)

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 17. Oktober 2016, 14:50

Theoretisch ja - wenn "müßte" - also die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit - entscheidend wäre.

Der Unterschied ist, daß die Griechen im Euro bleiben wollen, während sich bei den Italienern die Einsicht durchzusetzen scheint, daß es ihnen außerhalb des Euros wirtschaftlich besser gehen würde. Nicht umsonst wird ja darauf verwiesen, daß die Hälfte der Bevölkerung gegen den Euro ist. Grillo und andere Oppositionsparteien liebäugeln mit einem Euro-Austritt, während in GR alles Parteien (und die Bevölkerung) im Euro bleiben wollen. Das ist auch nachvollziehbar. IT hat seine Wettbewerbsfähigkeit in der Lira-Zeit immer durch Abwertungen hergestellt. Das ist halt im Euro nicht möglich. Man hätte es vorher wissen können, aber man wollte ja unbedingt dabei sein, obwohl die Schuldensituation einen Beitritt eigentlich nicht erlaubt hätte. Schuld waren natürlich auch Waigel, Kohl & Co, die das EWG-Gründungsmitglied unbedingt dabei haben wollten.

GR ha außerdem durch die übrigen Euroländer einen Sponsor, der die Finanzierung bis 2018 garantiert. Eine entsprechende Zusage an IT kann sich Merkel mE nicht leisten: Neben der absoluten Höhe sprechen auch die Wahlen und die vielgeschmähte AfD dagegen. Im übrigen wird durch "Hilfs-" oder "Rettungsprogramme" die Wettbewerbsfähigkeit nicht wiederhergestellt. Dafür ist das jeweilige Land selbst verantwortlich - das Ergebnis von sechs Jahren Rettungsbemühungen kann jeder in GR besichtigen. Warum sollte es in IT besser aussehen? :hmm:

Benutzeravatar
Niels
Beiträge: 21551
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 11:13
Kontaktdaten:

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Niels » Montag 17. Oktober 2016, 15:16

Wenn man jetzt ein paar Tausend Euro auf dem Sparbuch hätte - was wäre konkret anzuraten?
"Im Umgang mit der Liturgie entscheidet sich das Geschick von Glaube und Kirche." (Joseph Kardinal Ratzinger)

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 17. Oktober 2016, 18:56

Das hängt von den persönlichen Umständen und der eigenen Risikobereitschaft.

Sollte der Euro auseinanderfallen - womit bei einem Ausscheiden IT mE über kurz oder lang zu rechnen wäre - dürfte die neue deutsche Währung "stärker" werden als der bisherige Euro. Insofern würde ich keine Staats- oder Unternehmensanleihen von anderen Eurostaaten (Ausnahme NL und A) halten bzw. mein Geld bei den dortigen Kreditinstituten anlegen (weil ggfs. die Zinsen höher sind).

Ansonsten: Wer Sicherheit will und sein Geld auf Sparkonten bzw. Sparbriefen oä anlegt, erhält kaum Zinsen - erleidet also bei steigender Inflation einen Verlust.
Wer "verlusttolerant" oder "risikobereit" ist, kann Aktien guter Unternehmen kaufen. Persil wird die deutsche Hausfrau auch bei einem Eurocrash nutzen, die Italiener werden auch CocaCola mit Lira bezahlen und Medikamente werden auch immer und überall benötigt.
Wer mit chaotischen Verhältnissen rechnet, für den bieten sich Edelmetalle an. Sie sind Wertaufbewahrungs- und Zahlungsmittel gleichzeitig.

Für wen das alles nichts ist - der sollte lt. Prof. Sinn sein Badezimmer renovieren.... :breitgrins:

Nur meine Meinung - keine Handlungsempfehlung.

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Sonnabend 22. Oktober 2016, 04:57

Leitzins wie gehabt 0,0 Prozent. Strafzinsen für Banken. Die EZB kauft weiter monatlich Anleihen von 80 Milliarden Euro. Das Geld dafür druckt sie selbst. Bei den Unternehmen kommt das Geld nicht an. Sparer verlieren Geld statt zu gewinnen. Roland Tichy kann nicht erkennen, wie Draghi und seine Leute aus der selbst gebauten Sackgasse wieder rauskommen wollen. Ein Ende der Gemeinschaftswährung am Ende der langen Kette falscher Politik wird wahrscheinlicher.
Video-Interview mit Roland Tichy

Benutzeravatar
ar26
Beiträge: 2617
Registriert: Sonntag 19. November 2006, 10:46
Wohnort: Kurfürstentum Sachsen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von ar26 » Sonntag 4. Dezember 2016, 23:55

So! Nachdem die Linke in Austria ihre 2% mehr und ihre 5 Minuten Ruhm hatte, kommen wir jetzt mal wieder zu den harten Fakten: http://www.faz.net/aktuell/politik/ital ... 59257.html :breitgrins:
...bis nach allem Kampf und Streit wir dich schaun in Ewigkeit!

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 5. Dezember 2016, 01:16

ar26 hat geschrieben:So! Nachdem die Linke in Austria ihre 2% mehr und ihre 5 Minuten Ruhm hatte, kommen wir jetzt mal wieder zu den harten Fakten: http://www.faz.net/aktuell/politik/ital ... 59257.html :breitgrins:
Verglichen mit dem Referendum in IT ist die Wahl in Österreich allerdings von untergeordneter Bedeutung. Renzi hat nach der Niederlage im Referendum seinen Rücktritt angekündigt und wird ihn morgen einreichen.

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausl ... 59295.html

Man darf gespannt sein, wie es weitergeht, ob der Staatspräsident den Rücktritt annimmt und es ggfs. im nächsten Jahr zu Neuwahlen kommt. Die Finanzmärkte hatten ein "Nein" wohl schon eingepreist. Der EZB-Rat und auch die Finanzminister treffen sich Montag morgen zu einer Sondersitzung.

Neben der "Flüchtlings"politik könnte daher auch eine wiederaufflammende Eurokrise zum Thema der BTW 217 werden. ;D
Vielleicht wird im nächsten Jahr das Ende der Gemeinschaftswährung eingeläutet. Bei Wahlerfolgen von Le Pen, Wilders und ggfs. Grillo ist das zumindest nicht auszuschließen. Eine starke Fraktion der AfD im nächsten Bundestag wird "Rettungs"aktionen wie in der Vergangenheit ebenfalls erschweren.

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 5. Dezember 2016, 07:38

In den Medien wird der Ausgang des Referendums bedauert und die "Europäer" werden aufgefordert, etwas zu tun.
217 wird zum Schicksalsjahr der EU. Schaffen es die besonnenen Kräfte nicht, den scheinbar einfachen Lösungen der Populisten einen seriösen, für die Menschen nachvollziehbaren Gegenentwurf entgegenzustellen, wird dieser Wahlsonntag später nicht nur einen Wendepunkt, sondern den Anfang vom Ende der EU markieren.
http://www.waz.de/politik/warum-renzis- ... 82329.html

Nur, wie soll denn der "seriöse, für die Menschen nachvollziehbare Gegenentwurf" aussehen?

IT hat eine Finanzkrise, die Banken sind überschuldet und haben notleidendende Kredite iHv 35 Mrden € in den Büchern. Dafür reicht das Eigenkapital nicht aus, die Banken sind pleite.
Wie soll hier eine Lösung aussehen?
IT überschreitet bei der Staatsverschuldung erheblich das Maastricht-Kriterium (ca. 13% statt 6%). Wie will der Staat die Einlagen der Bürger (bis 1. €) garantieren, ohne neue Schulden aufzunehmen? Neue Schulden würden die Zinsen weiter in die Höhe treiben. Schon jetzt ist der Abstand zu den Bundesanleihen erheblich. Höhere Zinsen bedeuten höhere Zinsaufwendungen, die mehr Steuereinnahmen erfordern. Höhere Steuern dämpfen die Nachfrage - ein Teufelskreis.
Die andere Möglichkeit, die Einlagensicherung bei den Banken zu "vergemeinschaften", dürfte auf den erheblichen Widerstand der Nordeuropäer stoßen. Einen Wahlkampf mit diesem Thema kann sich keine Partei leisten, will sie nicht der AfD zusätzliche Stimmen zuführen. In diesem Fall wäre sogar damit zu rechnen, daß die Sparkassen und Volksbanken ihre Zurückhaltung aufgäben und ihre Kunden auf die drohende Gefahr massiv hinweisen würden.

Will man das klein-klein und die faulen Kompromisse der Vergangenheit hinter sich lassen, bleibt nur der Austritt IT aus dem Euro oder - noch besser - die Abwicklung der Gemeinschaftswährung insgesamt und Rückkehr zu nationalen Währungen. Es wäre besser, die Staats- und Regierungschefs würden sich jetzt auf eine solche Maßnahme verständigen, damit sie - soweit möglich - geordnet ablaufen kann. Wird der Austritt letztlich durch Marktkräfte erzwungen, wird es ungeordnet und viel teurer. Es würde ja nicht bei einem Austritt von IT bleiben - sofort begännen die Spekulationen gegen andere Südländer und auch F..

Mit einer eigenen - dann abgewerteten - Währung könnten die Südstaaten, könnte F, wieder wettbewerbsfähig werden. Eine weitere Abwertung des Euros bringt diesen Staaten nicht viel. Innerhalb der Eurozone ändert sich nichts und bei Exporten in andere Länder profitiert die deutsche Industrie von einem schwachen Euro in gleichem Umfang. Nicht umsonst haben die USA in den letzten Jahren das bisherige deutsche Hauptexportland F verdrängt - und auf Platz drei ist GB.

Leider wird die sog. "politische Elite" zu einem solchen mutigen Schritt nicht bereit sein. Ob mittel- oder langfristig Wahlen oder die Marktkräfte dem Euro ein Ende bereiten, weiß man nicht. Ob er noch einmal knappe zwanzig Jahre bestehen wird - daran sind mE erhebliche Zweifel angebracht.

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 5. Dezember 2016, 23:37

Gestern haben sich die Finanzminister der Euroländer wieder mit GR beschäftigt und neue Schuldenerleichterungen gewährt. Damit ist die Hoffnung verbunden, daß der IWF sich weiterhin an der "Rettungsaktion" für das Land beteiligt. Zwar ist die Überprüfung des laufenden dritten Hilfsprogramms noch nicht abgeschlossen, aber Geld kann man ja schon mal schicken.

Das gegenwärtige Programm läuft bis 2018 - also bis nach den Wahlen in D und den NL, die der ganzen "Rettungsaktion" kritisch gegenüberstehen.

Entscheid über IMF-Teilnahme verzögert sich - Schuldenerleichterungen für Athen

Benutzeravatar
Raphael
Beiträge: 11926
Registriert: Sonnabend 11. Oktober 2003, 19:25
Wohnort: Erzdiözese Köln

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Raphael » Freitag 9. Dezember 2016, 07:40

Söder bringt's auf den Punkt: :ja:
Bayerns Finanzminister regt Defizit-Verfahren gegen Italien an

Bayerns Finanzminister Markus Söder hat die EU-Kommission zu einer konsequenten Einhaltung der Stabilitätsregeln im kriselnden Italien aufgefordert.

Die Brüsseler Behörde dürfe der Regierung in Rom keine weiteren Reform-Rabatte gewähren, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe vom Freitag. "Sie darf auch nicht vor der Einleitung eines Defizit-Verfahrens gegen Italien zurückschrecken." Denn der soeben verabschiedete Haushalt für 2017 sehe ein höheres Defizit vor als mit der Kommission vereinbart. Zudem sinke der Schuldenstand viel zu langsam oder gar nicht.

In diesem Zusammenhang kritisierte Söder auch die jüngsten Beschlüsse der Europäischen Zentralbank und ihres italienischen Präsidenten Mario Draghi. "Die Verlängerung der Nullzins-Politik und des Programms der Anleihenaufkäufe durch die EZB ist das falsche Signal an die südeuropäischen Schuldenstaaten und besonders an Italien", sagte er. "Der Reformstillstand in Italien darf nicht mit ultrabilligem Zentralbankgeld belohnt werden." Durchgreifende Reformen und eine Sanierung der Staatsfinanzen sowie des Bankensektors seien das Gebot der Stunde. Den Preis für den "Reformschlendrian" aber zahlten die Sparer und Lebensversicherungs-Besitzer in Deutschland mit Zinsverlusten in dreistelliger Milliardenhöhe.

Das chronisch wachstumsschwache Italien ist mit rund 130 Prozent der Wirtschaftsleistung hoch verschuldet. Schlechter steht in der Euro-Zone nur noch Griechenland da. Neben einer Konjunkturflaute machen dem Land die kriselnde Bankenbranche zu schaffen, die unter einem Berg fauler Kredite ächzt.
(Quelle)
Die Welt kann man nur verstehen, wenn man vor dem Kreuz von Golgatha kniet!

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Freitag 9. Dezember 2016, 21:13

Sicherlich hat Söder Recht und seine Forderung entspricht auch der Meinung des überwiegenden Teils der Bevölkerung. Ich bezweifle allerdings, ob er selbst daran interessiert, das seine Anregungen in die Tat umgesetzt werden.

Niemand profitiert doch so wie die deutschen Finanzminister des Bundes und Länder von der gegenwärtigen Null-Zinsphase. Tlw. kann man sich Geld sogar leihen und bekommt dafür noch ein Entgelt - das gilt bei kürzeren Laufzeiten. Warum sollten sie also auf eine Änderung der EZB-Politik drängen?
Außerdem muß man berücksichtigen, daß ein Taumeln IT die Eurozone in ganz erhebliche Gefahr bringen würde. Krisensitzungen ohne Ende, eine weitere Entfremdung der Völker (die Deutschen wollen nicht helfen...), die sogar in Haß ausarten kann, wären die Folgen. Daran hat doch niemand ein ernsthaftes Interesse.
Man lebt doch vorzüglich im Augenblick:
Die Zinsen sind erheblich niedriger als vor fünf Jahren, der Ölpreis beträgt nur noch die Hälfte und der US-Dollar stand vor fünf Jahren auch höher. MaW: Man muß nicht soviel Geld für den Schuldendienst aufwenden, der niedrige Ölpreis ermöglicht es den Verbrauchern, das zusätzliche Geld für andere Produkte auszugeben und so die Nachfrage anzukurbeln und der niedrige US-Dollar hilft den Exporten.
Im Grunde die beste aller Welten. Da fällt es dem wirtschaftlich überwiegend wenig interessiertem Volk doch kaum auf, das zweistellige Mrden-Beträge jährlich sinnlos in einer "Energiewende" versenkt werden, ohne daß es meßbare Auswirkungen auf das Weltklima hat. Die dreistelligen Mrden-Bürgschaften für GR & Co werden vergessen und die zweistelligen Mrden-Beträge für Merkels Einladung bezahlt man aus der Portokasse. ;)

Warum sollte man hier auf Änderungen drängen und sich mit der EZB und den Südeuropäern anlegen? :hmm:

Der MdB Klaus Peter Willsch, der auch gegen den Rettungsschirm stimmte, zeichnet hier eine Gefahr auf, die in den nächsten Wochen oder Monaten die Nachrichten bestimmen könnte:

Schlüpft Italien unter den Euro-Rettungsschirm ESM?
Italien ächzt jetzt schon unter einem Horror-Schuldenstand. Die Zinsen für Staatsanleihen würden unweigerlich in die Höhe schnellen, wenn Italien noch selbst seine Banken rekapitalisieren müsste. Nicht umsonst senken die Ratingagenturen ihren Daumen. Ich höre jetzt schon das Säuseln der Euro-Retter in meinen Ohren: da der Untergang Europas kurz bevorsteht, sollte Italien dieses eine und wirklich letzte Mal Geld bekommen. All denen halte ich entgegen: Diese Situation ist eigenverschuldet. Mitleid verbietet sich. Seit Jahren steigt die italienische Staatsschuld.
Man wird mit vielen Tricks versuchen, die Pleite IT bis nach den Wahlen in den NL, in F und in D zu verschleiern. Dann wird man der staunenden Öffentlichkeit die Wahrheit präsentieren. Ähnlichkeiten zu GR, bei dem die Lage im Frühjahr 2010 - kurz nach der Bundestagswahl 2009 - bekannt wurde, sind vermutlich nicht zufällig. Für ein neues Drehbuch fehlt der sog. "politischen Elite" offensichtlich die Phantasie. Aber vielleicht ist sie auch sicher, daß man wieder ungeniert den deutschen Steuerzahler zur Kasse bitten kann. Die Nickneger im Bundestag werden schon zustimmen....

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Sonnabend 10. Dezember 2016, 00:25

Heute vor 25 Jahren wurde der Maastricht-Vertrag geschlossen. Inzwischen ist er ja nur noch Papier, niemand hält sich mehr daran. Die Deutschen wurden von der Regierung Kohl zur Aufgabe ihrer Währung gezwungen, die dafür gegebenen Zusagen (keine Haftung, stabile Währung usw. usf.) erweisen sich immer mehr als falsch.

Verständlich das dieses Jubiläum kein Grund zum Feiern ist. Deswegen sind die öffentlichen Erinnerungen auch selten. Die NZZ wirft einen Blick zurück:

Ein Vertrag und vier Sündenfälle

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 12. Dezember 2016, 03:11

Ein Kartenhaus namens Euro

Ein Artikel von Oswald Metzger, dem ehemaligen Grünen MdB.

Benutzeravatar
overkott
Beiträge: 19639
Registriert: Donnerstag 8. Juni 2006, 11:25

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von overkott » Montag 12. Dezember 2016, 03:16

Die Grünen haben leider nur teure Ideen. Das gilt auch für die Zuwanderung. Zuwanderung kostet Kredit oder Steuern, setzt den Euro unter Druck. Und belastet den Markt mit Mindestlöhnen.

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Mittwoch 14. Dezember 2016, 07:19

Roland Berger, der Doyen des deutschen Beratungsgeschäfts, rät zum Austritt aus dem Euro:
In welchem Zustand ist Europa?
In einem katastrophalen. Und die Ursache ist vor allem der Euro. Ich glaube, dass man diese Krise nicht durch weiteres „Durchwursteln“, sondernnur durch radikale Schritte lösen kann. Sonst fällt Europa immer weiter auseinander. Die Wirtschaftskulturen in den 19 Mitgliedstaaten der Euro-Zone sind einfach viel zu unterschiedlich. Wir sollten nicht so sehr darüber nachdenken, ob Griechenland zu retten ist, sondern ob es nicht viel logischer wäre, wenn Deutschland den Euro-Raum verließe, um die EU als Ganzes zu erhalten.

Bitte?
Ja, weil wir mit unserer Wirtschafts- und Finanzkraft die Union in ein Ungleichgewicht bringen, mit neun Prozent Zahlungsbilanzüberschuss vom Bruttoinlandsprodukt! Und weil die Geldpolitik der EZB für 75 Prozent der Euro-Zone, vor allem eben die Südländer, richtig ist, aber nicht für Deutschland mit seiner starken Wirtschaft und seinen soliden Staatshaushalten. Das treibt Europa auseinander!

Deutschlands Wirtschaftskraft würde ohne Euro aber auch schnell zusammenbrechen.
Wir Deutsche würden so einen radikalen Schnitt ja schon aus politisch-historischen Gründen nie wagen. Die andere klare Lösung zum Erhalt des Euros wäre eine konsequente Transferunion, wie sie zwischen den Bundesländern schon lange existiert.
Die Bundesrepublik wäre dann Nettozahler der Transfers an die schwachen Mitgliedstaaten, weshalb wir gegen diese Lösung sind. Italiener, Spanier, Franzosen sagen mir jedenfalls in persönlichen Gesprächen immer: Ihr Deutschen ruiniert Europa mit eurer Austeritätspolitik! Als Drittes gäbe es noch eine Zwischenlösung: die Einführung von nationalen Parallelwährungen zum Euro auf Zeit …

... die ohne Kapitaltransfersperren ja auch nicht funktionieren würde.
Innerhalb von zwei Jahren könnte sich der Euro wieder auf ein wettbewerbskonformes Niveau eingependelt haben. Im negativen Fall könnten die Parallelwährungen den Euro ablösen. Dann hätten wir, wie vor dem Jahr 2, das Europäische Währungssystem mit festen Wechselkursen und Regeln. Wer Probleme hat, könnte kurzfristig austreten, seine Währung abwerten und mit Hilfe seiner Partner wieder eintreten. Das wäre alles besser als die jetzige fragile Lage, in der wir vor allem eines feststellen müssen: Verträge werden auf EU-Ebene ohnehin nicht eingehalten.
http://www.handelsblatt.com/my/unterneh ... 73432.html - nur tlw. lesbar

Schon erstaunlich, daß inzwischen selbst Personen wie Roland Berger, die politisch bestens vernetzt sind, den Vorschlag eines deutschen Euro-Austritts machen. Ob D. das wirklich nicht vollzieht, weiß man nicht. Vor die Wahl gestellt, einer Tranferunion mit dauernder Subventionierung der Südländer zuzustimmen oder aus dem Euro austreten, könnte innerhalb der Bevölkerung sehr wohl ein Umdenken einsetzen - zumal man demnächst auch eine Partei im Parlament hat, die diese Stimmung aufnehmen wird und die "Alternativlosigkeit" der Währung in Frage stellen könnte.

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Freitag 16. Dezember 2016, 20:30

GR dürfte im nächsten Jahr wieder in die Schlagzeilen geraten. Die Regierung hat - trotz der angespannten Finanzlage - ein Weihnachtsgeschenk für Rentner beschlossen. Sie meint, da sie - angeblich (man kennt ja griechische Statistiken) - die Sparziele erreicht habe, könne sie das überschüssige Geld nach eigenem Gutdünken verwenden. Die Gläubigerstaaten sollen weiterhin zahlen...

Jetzt scheint sich eine Verständigung zwischen Gläubigern und IWF abzuzeichnen - im übrigen eine der Voraussetzungen, unter denen der Bundestag die "Hilfe" genehmigte. Der IWF fordert aber weitere Kürzungen - nicht irgendwann, sondern sofort. Da bleibt für Tsipras nur die Drohung mit Neuwahlen, die sich - so glaubt er zumindest - die Gläubiger nicht leisten können.

Griechenland-Krise - Tsipras auf Konfrontationskurs

Wenn er sich da mal nicht irrt. Vor die Wahl gestellt, neue Mrden für GR zu bewilligen oder "hart" zu bleiben, dürften die regierenden Wahlkämpfer in den NL, in F, in D. und womöglich in IT auch an den Auftrieb "rechter" Parteien denken, die eine falsche (pro-GR) Entscheidung hervorrufen würde.

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 19. Dezember 2016, 19:41


Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Sonnabend 4. Februar 2017, 00:19

Die Berichterstattung in D. ist trumpfixiert. Da fällt die neueste Entwicklung des unendlichen griechischen Schuldendramas nicht weiter auf bzw. verschwindet auf den hinteren Seiten des Wirtschaftsteils. Dabei hätten die Meldungen eine größere Aufmerksamkeit verdient, bahnt sich doch erneut der Bruch eines Versprechens durch die Bundesregierung an.

Finanzminister Schäuble kann sich die weitere Finanzierung GR ohne den IWF vorstellen, obwohl dies bisher immer eine conditio sine quo non war.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bereitet einem Zeitungsbericht zufolge eine Fortsetzung der Griechenland-Hilfen ohne die von ihm bisher erwartete Beteiligung des IWF vor.
Die dadurch entstehende Lücke solle der Euro-Rettungsfonds ESM füllen und eine stärkere Rolle spielen, berichtete die "Bild"-Zeitung (Mittwochausgabe) ohne Nennung einer konkreten Quelle. Über das veränderte Griechenland-Programm könne der Bundestag noch vor der Bundestagswahl abstimmen. Über Schäubles Konzept hätten die Unionsspitzen kürzlich erstmals diskutiert.
Schäuble ging bislang fest davon aus, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) sich am laufenden dritten Hilfsprogramm für Griechenland beteiligen wird. Dies hatte er auch dem Bundestag praktisch zugesagt, um dessen Zustimmung im Spätsommer 2016 zu den umstrittenen Hilfen von bis zu 86 Milliarden Euro zu erreichen. Bislang sieht der IWF aber nicht die nötigen Voraussetzungen erfüllt, um sich zu engagieren. So hält er die Schulden des Landes nicht für tragfähig.
Schäuble hatte wiederholt erklärt, ohne eine IWF-Teilnahme ändere sich die Geschäftsgrundlage. Als Konsequenz werde er in diesem Fall das Thema erneut im Bundestag zur Abstimmung bringen. Erst kürzlich hatte er sich dafür ausgesprochen, den Rettungsschirm ESM zu einem Europäischen Währungsfonds weiterzuentwickeln.
http://www.onvista.de/news/bild-schaeub ... n-52747965

Zwar rechnet die Bundesregierung weiterhin mit einem Engagement des IWF, aber gleichzeitig räumt sie ein, daß dies nicht sicher sei.
Hintergrund ist wohl, daß die zugesagten Reformen weder ausreichen noch umgesetzt werden - das typische Spiel der Griechen, mit dem man schon seit sieben Jahren die Gläubiger am Nasenring durch die Manege führt. Der IWF spricht von einer explosivartig steigenden Schuldenlast.
In der Bundesregierung gibt es wohl auch einen Streit zwischen Schäuble und Gabriel. Gabriel drängt auf eine großzügigere Haltung.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Vizekanzler Sigmar Gabriel setzen zum wiederholten Mal unterschiedliche Nuancen zur Krisenbewältigung in Griechenland.
Deutlich wurde dies in einem Briefwechsel der beiden Minister, in den nach Angaben aus Regierungskreisen zum Teil das Kanzleramt eingeschaltet war. Offiziell wurde das am Freitag zwar von keinem der Ministerien bestätigt. Schäuble selbst wies in Saarbrücken aber den Vorwurf zurück, er sei zu wenig großzügig gegenüber den Griechen und bezog sich ausdrücklich auf Gabriel. Griechenland müsse seine Zusagen einhalten, "sonst wird es auf Dauer nicht gehen". Dagegen betonte das Wirtschaftsministerium die Notwendigkeit einer wachstums- und investitionsfreundlichen Politik in dem Land. Gabriel sagte in New York, es mache keinen Sinn, an einzelnen Staaten auszuprobieren, wie weit diese noch in der Euro-Zone blieben könnten.
http://de.reuters.com/article/griechenl ... EKBN15I2FS

Wahrscheinlich spekuliert GR mit einem starken Interesse der Euro-Staaten, den Streit nicht eskalieren zu lassen. Schließlich stehen im März bis Mai wichtige Wahlen in den NL und in F an (evtl. im Juni noch in IT). Man hofft auf eine schnelle und vor allem geräuschlose Einigung, denn erneuter Streit und neue Schlagzeilen würden Wilders bzw. Le Pen stärken. Ob die Rechnung aufgeht ist nicht sicher. Spätestens im Sommer sind hohe Rückzahlungen fällig und Anleger fürchten bereits einen neuen Schuldenschnitt. Die Renditen zogen tlw. auf 15% an, ein untrügliches Signal für einen möglichen Zahlungsausfall.

Ach so, incl. des vereinbarten 3. "Rettungspaketes" hat GR über 400 Mrden € von den Eurostaaten und IWF erhalten. Rechnet man den Schuldenschnitt sowie die Zinserlasse bzw. Laufzeitverlängerungen hinzu, kommt man auf einen Betrag von über 600 Mrden €. GR hat 11 Millionen Einwohner.....

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Sonntag 5. Februar 2017, 02:02

Trump, der Gottseibeiuns der politischen "Elite" in Europa, kann seinen Einfluß auch bzgl. der GR-"Rettung" geltend machen:
Am Dienstag berät das IWF-Exekutivdirektorium über das Griechenland-Papier und das weitere Vorgehen, erstmals seit Donald Trumps Amtsübernahme. Schon bisher hing die IWF-Beteiligung auch vom Wohlwollen der Vereinigten Staaten ab, des bei weitem größten Kapitaleigners des Fonds. Zu Griechenland hat der neue Präsident bisher nichts gesagt. Dass er für die Griechenland-Hilfe wenig übrig hat, darf aber als sicher gelten. Ein weiteres IWF-Engagement wird also nicht wahrscheinlicher.
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/e ... 34918.html

Ohne IWF-Beteiligung aber kein Geld - das ist (oder zumindest war) der Ausgangspunkt von Schäuble und der CDU-Bundestagsfraktion. Zwar hat die Vergangenheit gezeigt, daß diese Zusagen nicht zum Nennwert zu nehmen sind. Allerdings ist es kurz vor der Bundestagswahl schwieriger, hier einen Rückzug zu machen.... und im Juli fallen hohe Kreditrückzahlungen an.

Nebenbei: Der wahrscheinlich neue Botschafter der USA bei der EU ist kein Freund der EU und des Euros:
Malloch betont, dass er den Euro als „fehlerhaftes Experiment“ ansehe. „Wenn ich an einem Handelsdesk einer Investmentbank sitzen würde, würde ich gegen den Euro wetten“, so Malloch. Wie der amerikanische Präsident Donald Trump glaubt Malloch, dass der Brexit nicht der letzte Austritt eines Landes aus der EU gewesen sein könnte: „Wenn Sie sich in Europa umschauen, können Sie fast schon zwei beliebige Buchstaben vor das Wort Exit setzen.“
(...)
Malloch hatte auch in Interviews mit der britischen BBC Ende Januar scharf gegen die EU geschossen. „Ich hatte in einer früheren Karriere mit einem diplomatischen Posten dabei geholfen, die Sowjetunion zu Fall zu bringen. Vielleicht gibt es jetzt eine andere Union, die etwas Zähmung braucht.“ Den Zusammenbruch des Euros erwartetet er für die kommenden 18 Monate.
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/w ... 34287.html

Unwahrscheinlich, das Malloch - so er denn akkreditiert wird - seinem Präsidenten raten würde, den IWF bei der GR-"Rettung" zu unterstützen bzw. grünes Licht zu geben.

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Montag 6. Februar 2017, 07:20

Bernd Lucke träumt:

Der 750-Milliarden-Euro-Handschlag: Bereitet Draghi Deutschlands Euro-Austritt vor?


Viel wahrscheinlicher ist das, was er im vorletzten Absatz schreibt:
Und leider gilt Mario Draghis Wort auch nur maximal so lange, wie es die EZB gibt. Wenn der Euro aber in einer großen Krise zerbricht und jeder Staat wieder seine nationale Währung einführt, dann gibt es keinen Euro mehr. Dann gibt es auch keine Europäische Zentralbank mehr. Dann lösen sich die Target-Forderungen der Deutschen Bundesbank einfach in Luft auf.
So ist es!
Die Überschüsse werden weg sein - ähnlich wie sich die Forderungen an GR durch den Schuldenschnitt in Luft aufgelöst haben. Warum sollten GR, IT, ES, F, PT ihre Target-Schulden zahlen, wenn man sich bequem über einen Austritt/Zusammenbruch des Euros entschulden kann? :hmm:
Wenn die Deutschen nicht mehr zahlen wollen: Bitte schön, ihre Entscheidung - aber die Schulden zahlt man dann nicht. Wer so blöd war, uns Waren zu liefern, ohne auf sofortiger Zahlung zu bestehen, darf sich nicht wundern, wenn seine Forderungen weg sind.

Die Worte der Politiker, insbesondere von Kohl, der Euro werden die Länder der EU (er faselte von "Europa") enger zusammenführen und Frieden garantieren, bekommen da ihre ganz besondere Bedeutung. Der Euro ist der Spaltpilz, der die EU auseinanderdividiert. Wie sollen IT und F wieder auf die Beine kommen (von GR reden wir erst garnicht), wenn sie mit dem für sie überbewerteten Euro wirtschaften (= exportieren) müssen? Die Länder hatten noch nie eine Hartwährung, sondern haben ihre Wettbewerbsfähigkeit durch Währungsabwertungen herbeigeführt. Sie mit dem DM-Block in eine Währungsunion zusammenzuführen, war Wahnsinn - ebenso wie sich bei der Grenzsicherung des Schengenraumes auf GR und IT zu verlassen.

Benutzeravatar
Raphael
Beiträge: 11926
Registriert: Sonnabend 11. Oktober 2003, 19:25
Wohnort: Erzdiözese Köln

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Raphael » Montag 6. Februar 2017, 07:25

Im Westen gibt's auch nichts Neues: :unbeteiligttu:
Kräftemessen in Frankreich
Le Pen beschwört "Frexit"

Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich könnte es auf ein Duell zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron hinauslaufen. Danach sieht es zumindest derzeit in Umfragen aus. Einen Vorgeschmack gibt es nun bei ihren ersten Wahlkampfauftritten.
Quelle
Die Welt kann man nur verstehen, wenn man vor dem Kreuz von Golgatha kniet!

Benutzeravatar
Raphael
Beiträge: 11926
Registriert: Sonnabend 11. Oktober 2003, 19:25
Wohnort: Erzdiözese Köln

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Raphael » Mittwoch 8. Februar 2017, 09:40

Möglicher US-Botschafter in der EU:
Athen wird Eurozone verlassen


Der Vertraute von US-Präsident Donald Trump und mögliche amerikanische Botschafter bei der EU, Ted Malloch, macht weiter Stimmung gegen Europa. In einem Interview des griechischen Nachrichtensenders Skai prophezeite er einen Austritt Griechenlands
aus der Eurozone - und zwar auf freiwilliger Basis. «Ich glaube, diesmal ... sind die Chancen höher, dass Griechenland von sich aus aus dem Euro austritt», sagte er der Skai-Sendung «Istories», die in der Nacht zum Mittwoch ausgestrahlt wurde.
.....
Quelle
Die Welt kann man nur verstehen, wenn man vor dem Kreuz von Golgatha kniet!

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Mittwoch 8. Februar 2017, 12:13

Klasse!

Hat die sog. "politische Elite" sich Gedanken darüber gemacht, wie die Verträge geändert werden müssen? Bisher ist ein Austritt aus dem Währungsverbund nicht vorgesehen. Solche Verträge, die - egal bei welcher Entwicklung - kein Austritt- oder Rücktrittsrecht vorsehen, würden von keinem Menschen mit gesundem Menschenverstand abgeschlossen. Das macht nur unsere sog. "politische Elite" - die Plebiszite ablehnt, weil das (dumme) Volk nicht den Durchblick hat.

Sollte es wirklich zu einem freiwilligen oder gezwungenem Austritt GR aus dem Euro kommen, werden Turbulenzen an den Finanzmärkten eintreten - zu verantworten von den bisher amtierenden (der Ausdruck ist eigentlich ein Witz, er setzt ja Aktivität voraus) Regierungen. Alle Folgen wären Merkel & Co anzulasten, die den mit Negativzinsen, Anleihekäufen und Gelddruckerei verbundenen Zeitgewinn nicht genutzt haben.
Aber dieses Szenario haben wir ja häufig, wenn es um "Europa" geht: Man will schnelle Erfolge (hier: eine gemeinsame Währung von Lappland bis nach Portugal und Kreta) und die Gefahren und Nebenwirkungen werden ausgeklammert. Kluge Länder (GB und DK) haben von Anfang an nicht mitgemacht (opt-out-Klausel) oder weigern sich einfach, diese schwachbrüstige Währung einzuführen (S, POL ua).
Ein anderes Beispiel ist Schengen. Auch hier wurde, obwohl jeder Schüler der fünften Klasse Volksschule (Sauerland) die Frage nach Asyl und Grenzsicherung stellen konnte, das "grenzenlose Reisen" als Wohltat gepriesen. Die Folgen sehen wir jetzt: Offene Grenzen und Mrden-Aufwendungen für sog. "Flüchtlinge".

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Sonntag 12. Februar 2017, 10:04

In Griechenland macht sich Angst breit

Nicht nur die Evaluierung der Reformfortschritte auch die Lage der Banken drückt auf die Stimmung. Kann man das Thema bis zu den Wahlen in NL, F und D. unter der Decke halten? :hmm:

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Dienstag 28. Februar 2017, 14:07

Niederlande: Untersuchung zu möglichem Euro-Austritt
Das niederländische Parlament prüft die theoretische Möglichkeit eines Euro-Austritts. Die Abgeordneten votierten einstimmig für einen Antrag der oppositionellen Christdemokraten. Ziel der Untersuchung sei es, herauszufinden, ob das Land aus der Euro-Zone austreten könne und wenn ja, wie dies zu bewerkstelligen sei, sagte der christdemokratische Abgeordnete Pieter Omtzigt nach einem Bericht des Independent.
Mit der Untersuchung wurde der Staatsrat, ein Beratungsgremium der Regierung, beauftragt. Ausschlaggebend für den Antrag sei die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die das Sparguthaben der Niederländer gefährde. Omtzigt geht zudem davon aus, daß wegen der Politik der EZB der niederländischen Rentenkasse bisher 100 Milliarden Euro verloren gegangen sind.
Die Parlamentsabgeordneten votierten einstimmig!
Da das Ergebnis erst in einigen Monaten vorliegen soll, die Wahl aber in gut zwei Wochen ist, dürfte es sich auch nicht um Wahlkampftaktik handeln. Das Thema wird die Niederländer also auch in den nächsten Monaten und Jahren beschäftigen.

Benutzeravatar
holzi
Beiträge: 6593
Registriert: Montag 28. November 2005, 15:00
Wohnort: Regensburg

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von holzi » Donnerstag 2. März 2017, 10:26

Ja gut, dass man klärt, wie das im Eventualfall geht, heisst noch nicht, dass die Abgeordneten auch einstimmig für einen Austritt gestimmt hätten. Im Mindesten haben die niederländischen Abgeordneten aber rational gehandelt, bei uns wäre das nichtmal geprüft worden, wenn der Antrag von der falschen Seite des Parlaments gekommen wäre.
Die Zeit ist, bei Licht besehen, immer gleich gut und gleich schlecht am Ende vom Jahre wie am Anfange desselben, nur die besseren Menschen machen die Zeiten besser, und bessere Menschen macht nur das treu geübte Christentum.
Adolph Kolping

Caviteño
Beiträge: 8023
Registriert: Sonntag 14. März 2010, 02:31
Wohnort: Diözesen Imus und Essen

Re: Zukunft von Währungsunion und Euro

Beitrag von Caviteño » Donnerstag 2. März 2017, 11:11

holzi hat geschrieben:
Donnerstag 2. März 2017, 10:26
Ja gut, dass man klärt, wie das im Eventualfall geht, heisst noch nicht, dass die Abgeordneten auch einstimmig für einen Austritt gestimmt hätten. Im Mindesten haben die niederländischen Abgeordneten aber rational gehandelt, bei uns wäre das nichtmal geprüft worden, wenn der Antrag von der falschen Seite des Parlaments gekommen wäre.
Das stimmt natürlich. Für mich war/ist auch mehr entscheidend, daß man überhaupt die Option "Austritt" prüfen läßt - in D. wäre das unvorstellbar. Eine der im Parlament vertretenen Parteien würde niemals einen solchen Prüfauftrag vergeben, wobei man fairerweise auch sagen muß, das eine "Austrittsprüfung" durch D. eine ganz andere Auswirkung auf die Finanzmärkte hätte als wenn die -vergleichsweise- kleinen Niederlande das tun.

Andererseits zeigt es aber, daß der Euro eben weder für die Ewigkeit noch "alternativlos" ist. Wenn ein Land in Anbetracht möglicher Wahlsiege von erklärten Eurogegnern Alternativen bzw. Austrittsszenarien prüft, kann man das nur begrüßen.

Die höhere Sensibilität der Niederländer ist vermutlich auch der anders strukturierten Altersvorsorge geschuldet. Während in D. das Umlageverfahren herrscht, entfällt in NL der wesentliche Teil auf die kapitalgedeckte betriebliche Altersversorgung (bAV). Bemerkenswert dabei ist der hohe Deckungsgrad, also die bereits angesammelten Reserven:
Das Pensionsvermögen
der Niederländer belief sich 2014 laut der „Global Pension Asset Study“ von Towers Watson auf 1.200 Milliarden Euro und war damit fast dreimal so groß wie das der Deutschen (428 Milliarden Euro).
Auf jeden Einwohner der Niederlande entfallen mithin rund 71.000 Euro Pensionsvermögen, auf jeden Deutschen lediglich knapp 5.300 Euro. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der Abstand
ebenfalls frappierend. In den Niederlanden machte das Pensionsvermögen 2014 rund 166 Prozent des BIP aus, während es in Deutschland gerade mal 14 Prozent waren.
http://www.lbav.de/wp-content/uploads/2 ... K-N.V..pdf

1,2 Billionen Euro an Vermögenswerten - da schlägt natürlich jede Zinssenkung oder die Null- bzw. Negativzinsen voll auf den Anlageerfolg mit Mrden-Beträgen durch. Das erklärt auch den angegebenen Verlust der Rentenkasse iHv 100 Mrden, der von dem Parlamentarier Omtzigt (s.o.) beklagt wird. Daß ein Volk dann unruhig werden kann, wenn seine Altersvorsorge auf dem Altar des Euros für die Südländer geopfert wird, ist schon nachvollziehbar.

Antworten Vorheriges ThemaNächstes Thema