Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

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Caviteño
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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Mittwoch 25. Februar 2015, 14:17

Italienische Anleger verklagen ihren Landsmann bzw. die EZB auf Schadenersatz vor dem EuGH. Sie haben beim haircut im April 212 Verluste mit gr. Staatsanleihen erlitten, während die EZB am Schuldenschnitt nicht teilnahm und sich dadurch Vorteile verschafft habe. Die EZB habe als Teil der Troika (neuer Begriff: der "Institutionen") in einem Interessenkonflikt gestanden, GR zur Umschuldung verpflichtet und daran selbst aber nicht teilgenommen.

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/anl ... 4983.html

Ich kann mich erinnern, daß im Winter 211/12, als die Diskussion um einen Schuldenschnitt ihren Höhepunkt hatte, in den Foren erörtert wurde, ob die Anleihen mit sog. "pari-passu-Klauseln" ausgestattet seien. Diese Klauseln fordern eine Gleichrangigkeit aller Gläubiger, die hier verletzt sein könnte.

Aber der EuGH ist nicht das Bundesgericht im Bezirk New York und die dortigen Richter sind mit nicht Bundesrichter Griesa zu vergleichen. Der gab den Hedgefonds in ihrem Streit gegen Argentinien Recht und verbot Argentinien, andere Gläubiger zu bedienen, solange die Forderungen der Hedgefonds nicht erfüllt seien.

Aber der EuGH wird die Klage abbügeln, denn wo kämen wir hin, wenn sich einfache Menschen gegen die Rettungspolitik der EU aussprechen und dafür sogar noch Schadenersatz verlagen könnten :(

Caviteño
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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Montag 2. März 2015, 10:44

Ab heute geht es los: Die EZB fängt mit dem Ankauf von Staatsanleihen an. Monatlich sollen 6 Mrden € - das entspricht ungefähr 18 € je Person in der Eurozone - dafür aufgewandt werden. Bis September nächsten Jahres ist zunächst der Ankauf geplant, dann wird die vorläufige(!) Zielsumme von 1.14 Mrden (oder 1,14 Billionen oder ca. 3.5 €/Kopf) erreicht worden sein. Deutsche Anleihen sollen entsprechend dem Kapitalanteil D. an der EZB vom Markt genommen werden. Das wären ca. 25% - obwohl sie am Euro-Bond-Markt nur ca. 2% ausmachen.

http://www.welt.de/wirtschaft/article13 ... -Euro.html

Schon vor einigen Tagen wurde berichtet, daß das Anleihekaufprogramm allerdings auf Schwierigkeiten stoßen könnte. Die EZB darf Staatsanleihen nicht direkt, sondern nur auf dem Sekundärmarkt kaufen, d.h. sie muß jemanden finden, der ihr Staatsanleihen verkaufen will. Das wird allerdings bei den Anleihen aus sicheren Ländern schwierig. Diese Papiere werden von Banken, Versicherungen und vor allem anderen Zentralbanken als Teil ihrer Währungsreserve gehalten und bringen meist noch eine - geringe - Verzinsung. Durch die dauernden Zinssenkungen, verbunden mit Negativzinsen, die von der EZB auf Einlagen bei ihr erhoben werden, zeigen diese Stellen jedoch kein Interesse, die von ihnen gehaltenen Anleihen zu verkaufen.
Wie sollten die Institute auch den Verkaufserlös anlegen? :hmm:
Bei der EZB (und tlw. bei Banken) müßten sie Negativzinsen bezahlen bzw. kämen keine Zinsen. Da ist es doch besser, die Anleihen im Bestand zu halten. Der Traum der EZB, daß die Banken ihre Staatsanleihen abstoßen und mit dem Geld dann die Kreditnachfrage befriedigt wird, dürfte nicht aufgehen. In den Nordländern haben Unternehmen wenig Schwierigkeiten, Kredite zu erhalten und in den Südländern stecken noch genug faule Kredite in den Bilanzen.
EZB-Präsident Mario Draghi will von diesem März bis September 216 monatlich für 6 Milliarden Euro Schuldtitel, vor allem Staatsanleihen kaufen. „Wir haben den Eindruck, dass die Anleger eher zögerlich reagieren“, berichtet Thomas Meißner, Leiter der Rentenmarktanalyse der DZ Bank, von seinen Gesprächen mit anderen Investoren. Seinen Worten zufolge sehen viele von ihnen die Staatsanleihen in ihren Depots als wertvoll an, weil sie noch aus Zeiten mit höheren Kupons stammen.
So ähnlich hatte es vor einer Woche auch der Vorstandsvorsitzende der ING-Diba, Roland Boekhout, formuliert. Er hält den Verkauf von Wertpapieren nur dann für sinnvoll, wenn es bessere Alternativen gibt. Doch danach sieht es gegenwärtig nicht aus. Auch Anshu Jain, Ko-Vorstandschef der Deutschen Bank, und Martin Blessing, Vorstandschef der Commerzbank, hatten eine nur sehr geringe Verkaufsbereitschaft signalisiert. „Die Anleger können mit der Liquidität aus Verkäufen nur wenig anfangen. Die EZB verlangt für Einlagen der Geschäftsbanken inzwischen einen Strafzins“, sagt Meißner. Die Geschäftsbanken müssen für ihre Gelder, die sie bei der Zentralbank parken, einen Strafzins von minus ,2 Prozent zahlen. Aber auch Vermögensverwalter und Versicherer sind davon betroffen, denn die Banken reichen den Strafzins der EZB an hohe Guthaben von Großkunden weiter.
(...)
Derzeit laufen Schuldtitel des deutschen Staates im Volumen von 1,1 Billionen Euro um. Davon halten nach Schätzung der Analysten der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley deutsche Banken 15 Prozent.
Gut ein Drittel entfällt auf ausländische Banken, Versicherer und Fonds. Die wichtigste Investorengruppe für Bundesanleihen stellen ausländische Notenbanken dar. An den Bundesanleihen dürften sie etwa ein Viertel halten. Das Problem für die EZB: Die Notenbanken, die nicht zum Euroraum gehören, betrachten deutsche Staatsanleihen als wichtigen Bestandteil ihrer Devisenreserven. So soll die Schweizerische Nationalbank mit einem Bestand von 1 Milliarden Euro der größte Gläubiger des deutschen Staates sein. Diese Notenbanken werden aber ihre Titel kaum an die EZB verkaufen.
Nicht nur die Analysten der DZ Bank befürchten, dass der Markt für Bundesanleihen austrocknet. Am Markt wird damit gerechnet, dass die EZB ür rund 1 Milliarden Euro im Monat Bundeswertpapiere kaufen wird. Die DZ-Bank-Analysten gehen davon aus, dass der Handel um 2 Prozent sinken dürfte.
http://www.faz.net/aktuell/finanzen/anl ... ageIndex_2

In der deutschen Presse wurde es als Erfolg gefeiert, daß die EZB Staatsanleihen nicht nach "Bedürftigkeit" aufkauft werden, sondern den Kapitalschlüssel als Maßstab genommen wird. Außerdem sollte eine Gemeinschaftshaftung durch die EZB nur iHv 2% bestehen, 8% der Aufkäufe entfielen auf die nationalen Notenbanken. In der Schweizer Presse spricht man dagegen von einem "Münchhausen-Trick":
Der neue Prognosechef des renommierten Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) bezeichnete die Haftungsregelung nun als «monetären Münchhausen-Trick. Am Ende hafte in einer Währungsunion immer die Gemeinschaft, weil sich die Verluste über alle Geldnutzer verteilten, so Stefan Kooths. Materiell könnten Zentralbanken überhaupt nicht haften – «sie können nur Geld drucken, aber kein Kapital».
(...)
Muss die Zentralbank eines insolventen Staates wegen eines Schuldenschnitts auf ihre Forderungen verzichten, so Kooths, gingen die zuvor mit ihren nationalen Anleihekäufen in Umlauf gebrachten Euro nicht ebenfalls unter, sondern sie bestünden fort – und weiter Teil der gemeinschaftlichen Zentralbankgeldmenge.
«Bei diesem monetären Münchhausen-Trick – die Zentralbank kauft Staatspapiere und verzichtet später auf die Rückzahlung – werden die Verluste in Form einer verschlechterten Qualität der monetären Basis auf alle Geldhalter im Euroraum verteilt.» Dies jedoch sei das Gegenteil von nationaler Haftung.
http://www.handelszeitung.ch/konjunktur ... ezb-729573

Eurobonds durch die Hintertür - so kann man es auch sehen.
Natürlich hört man im September 216 nur dann mit dem Ankauf auf, wenn die Inflation bis dahin auf mindestens 2% gestiegen ist - sonst macht man weiter......

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Raphael » Montag 2. März 2015, 13:52

Die geäußerten Befürchtungen sind offenbar angebracht. :auweia:
Derzeit gibt es auf dem Sekundärmarkt insgesamt 1,15 Bill. € Schuldtitel der Bundesrepublik Deutschland (Quelle)
Und dieser Betrag wird vorerst nicht wachsen, weil der Bundeshaushalt eine "Schwarze Null" aufweist; sprich: Es werden keine neue Schulden aufgenommen, sondern evtl. nur die alten, fällig gewordenen ersetzt!

Zufälligerweise entspricht dieser Wert fast genau der Summe des Aufkaufprogramms der EZB. :roll:
Nun tritt mit der EZB ein neuer Nachfrager in den Sekundärmarkt ein. Und dieser neue Nachfrager ist, wenn ich das richtig verstanden habe quasi gesetzlich verpflichtet, ein Volumen von monatlich 60 Mrd. € aufzukaufen. Für die bundesrepublikanischen Titel ist ein quotaler Anteil von 16 Mrd. € pro Monat vorgesehen.
16 Mrd. € pro Monat mal 19 Monate = 304 Mrd. €

Wenn das 'mal nicht preistreibend wirkt! :unbeteiligttu:
Die Welt kann man nur verstehen, wenn man vor dem Kreuz von Golgatha kniet!

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Montag 2. März 2015, 19:55

Raphael hat geschrieben:
Wenn das 'mal nicht preistreibend wirkt! :unbeteiligttu:
Wobei steigende Preise bei Anleihen sinkende Renditen bedeuten. Die werden natürlich an den Letzt"verbraucher" weitergereicht und das sind z. B. Sparer und Anleger, die ihr Geld in Lebensversicherungen usw. gesteckt haben.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Mittwoch 4. März 2015, 02:16

Verkehrte Welt:

Kantone bekommen Geld fürs Schuldenmachen
So zum Beispiel der Kanton Aargau: Er hat bei einer ausländischen Bank ein Darlehen von 50 Millionen Franken mit einer Laufzeit über drei Monate aufgenommen.
Statt dafür Zinsen zu zahlen, erhält der Kanton einen Zins von 0,9 Prozent. Roland Hofer, Sprecher des Departements Finanzen und Ressourcen des Kantons Aargau, bestätigte auf Anfrage eine entsprechende Meldung der «SonntagsZeitung». Eine «renommierte Bank» habe das Darlehen gewährt, sagte Hofer.
Auch die Kantone Bern, Graubünden, Obwalden und die beiden Basel haben bereits von Darlehen mit Negativzinsen profitiert. Bern nahm ein Darlehen über 100 Millionen Franken auf mit einem Negativzins von 0,5 Prozent, Obwalden eines über 20 Millionen Franken. Die anderen Kantone gaben keine Zahlen bekannt.
Graubünden nahm drei kurzfristige Vorschüsse mit einem Negativzins auf. Die Darlehen seien zur Überbrückung aufgenommen worden, bis die Steuererträge eintreffen. Das sei «courant normal», sagte die Bündner Finanzdirektorin Barbara Janom Steiner auf Anfrage.
(...)
Dass Kantone für die Aufnahme von Darlehen Geld bekommen, hängt mit der Geldpolitik der SNB zusammen. Diese erhebt seit dem 22. Januar Negativzinsen auf Einlagen, um die Aufwertung des Frankens zu bekämpfen. Der Strafzins beläuft sich auf 0,75 Prozent. Für ausländische Banken kann es noch teurer sein, da die SNB Banken mit Sitz im Ausland nur sehr restriktiv ein Girokonto gewährt.
Aargau hat also seinem Gläubiger über 100.000 CHF (0,9%, 50 Mio, 3 Monate) erhalten, weil man bereit war, einen kurzfristigen Kredit aufzunehmen. Für beide Partner ein gutes Geschäft. Die Bank hat Guthaben in wertsicheren CHF und spart einen Teil der Strafzinsen, der Kanton kann eine kurzfristige Überbrückungshilfe nicht nur kostenlos sondern sogar mit Gewinn realisieren. :klatsch:

Schäuble profitiert in ähnlicher Weise von den niedrigen Zinsen. Wenn das so weitergeht, muß die EZB keine Inflation herbeiführen, um die Schulden zu mindern. Schäuble verlängert dann z.B. einen Kredit von 10 Mrden und zahlt nach 5 Jahren nur noch 9 Mrden zurück - bei Negativzinsen von 2% (s.a. hier).

Undenkbar?
Das haben wir vor zehn oder fünfzehn Jahren von vielen Ereignissen geglaubt, die heute "alternativlos" sind. Dafür sorgen andere Vorhersagen der Politiker, die sie vor zehn Jahren absonderten, heute allenfalls für einen Heiterkeitslacher - sofern einem das Lachen nicht im Hals stecken bleibt:
Helmut Kohl vor zehn Jahren hat geschrieben: Kohl ordnete auf die ihm eigene Art „die Geschichte“ und wandte sich besonders an die jüngeren Zuhörer. Denen sagte er voraus, dass der Euro auf Dauer zur zweitwichtigsten Währung der Welt werde und dass in wenigen Jahren sich kaum noch jemand an die D-Mark erinnern werde. Er prophezeie, dass in absehbarer Zeit auch die Briten und die Schweizer den Euro einführen würden.
:D :D :kugel: :freude:

Zehn Jahre später denkt man über die Abwicklung der "zweitwichtigsten Währung der Welt" nach. :klatsch:

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Sonnabend 7. März 2015, 12:44

Auf dem Weg zur Weichwährung

Man sollte ihn Liro nennen - das trifft es besser.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Montag 9. März 2015, 03:13

Die Kosten der Rettungspolitik - zwar bekannt, aber trotzdem noch mal auf den Punkt gebracht:
Man denke etwa an die Kredite, die die Bundesregierung im Namen der deutschen Steuerbürger an Griechenland vergeben hat. Die Kredite bewirken, dass knappe Ressourcen an den griechischen Staat übertragen werden und für Ausgaben daheim nicht verfügbar sind. Es können nun beispielsweise keine Reparaturen mehr an der heimischen Infrastruktur vorgenommen werden. Entweder fallen Neuinvestitionen aus, oder Ersatzinvestitionen müssen unterbleiben. Die Kosten der Kreditvergabe an Griechenland bestünden in diesem Falle in einer Verschlechterung der heimischen Infrastruktur, die wiederum zu einer Verkehrs- und Lärmbelastung führt, die stärker ausfällt, als sie ausgefallen worden wäre, wenn die Investitionen stattgefunden hätten.

Ähnliche Überlegungen lassen sich anstellen mit Blick auf den Europäischen Stabilitätsmechanismus („ESM“). (...) Die bereits eingezahlten 21,7 Mrd. Euro können nicht für beispielsweise Bildung, Erziehung oder Steuersenkungen eingesetzt werden. Damit entfallen unter anderem die Erträge, die sich zum Beispiel aus Steuersenkungen ergeben hätten: Erhöhte Investitionstätigkeit, erhöhte Beschäftigung und verbesserte Güterausstattung
Im Artikel werden außerdem die Kosten der Niedrigzinsen und der Target-II-Salden erörtert.
Zusammengefasst: Die Kosten der „Euro-Rettungspolitik“ zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie vielfach nicht unmittelbar ersichtlich sind. Sie bestehen vor allem auch in Form von entgangenen Erträgen (entgangenen Lohnzuwächsen, entgangenen Einkommens- und Vermögenszuwächsen). Das erschwert es natürlich dem Wahlvolk, die Politik überhaupt kontrollieren zu können.
http://www.rottmeyer.de/die-kosten-der-rettungspolitik/

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Raphael » Dienstag 10. März 2015, 13:37

dpa hat geschrieben:EZB-Geldschwemme sorgt für neue Rekorde bei Bundesanleihen

Bundesanleihen haben am Dienstag mit der neuen Geldflut durch die Europäische Zentralbank (EZB) Rekordwerte erreicht. Im Gegenzug sanken die Renditen für deutsche Staatspapiere weiter. Bei richtungsweisenden Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit erreichte der Zinssatz zeitweise ein Rekordtief von 0,28 Prozent. Am Montag hatte die EZB mit ihrem billionenschweren Kaufprogramm für Staatsanleihen begonnen, um durch die Geldflut die Wirtschaft anzukurbeln und die nach ihrer Ansicht gefährlich niedrige Inflation nach oben zu treiben.

Bei den Anleihen mit kürzeren Laufzeiten sank die Rendite noch weiter in den negativen Bereich, so dass Anleger hier quasi eine immer höhere Gebühr akzeptieren müssen, wenn sie ihr Geld kurzfristig in sichere Bundesanleihen anlegen wollen.

Bei Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zwei Jahren ging die Rendite zuletzt auf minus 0,23 Prozent zurück. Damit liegt der Zinssatz sogar unter dem derzeit gültigen Einlagenzinssatz der EZB von minus 0,20 Prozent. Laut den Regeln für das aktuelle Kaufprogramm für Staatsanleihen kann die Notenbank damit deutsche Papiere mit diesen kürzeren Laufzeiten derzeit am Markt nicht kaufen.

Auch bei Bundesanleihen mit der Laufzeit von fünf Jahren ging die Rendite weiter zurück, sie lag zuletzt bei minus 0,10 Prozent. Bei Papieren mit einer Laufzeit von 30 Jahren lag sie bei 0,85 Prozent.
Wegen des massiven Kaufprogramms der EZB konnten mit Ausnahme der Papiere aus Griechenland, die wegen ihres zu großen Risikos von der EZB nicht am Markt gekauft werden dürfen, am Dienstag alle Staatsanleihen aus den Ländern der Eurozone im Kurs zulegen, womit deren Renditen weiter sanken.
Die Welt kann man nur verstehen, wenn man vor dem Kreuz von Golgatha kniet!

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Sonntag 15. März 2015, 23:57

Das hat der gr. Finanzminister gut erkannt - die Anleihekäufe der EZB werden das gewünschte Ziel, eine erhöhte Kreditvergabe, nicht erreichen:
"Dessen Ergebnis wird ein Auftrieb für die Aktienmärkte sein, der sich als nicht nachhaltig herausstellen wird", sagte Varoufakis am Samstag auf einer Konferenz im norditalienischen Cernobbio. Die Zersplitterung der Euro-Zone verhindere, dass die extrem niedrigen Zinsen durch das "Quantitative Easing" (QE) genannte Kaufprogramm in Ländern wie Italien und Spanien zu mehr Investitionen in der Realwirtschaft führten.
"QE ist überall um uns herum, und Optimismus liegt in der Luft", sagte der Finanzminister. "Auf die Gefahr ein Spielverderber zu sein, wie mich meine Tochter nennt: Lassen Sie mich sagen, dass ich schwer verstehen kann, wie die Ausweitung der Geldbasis in unserer zersplitterten und sich fragmentierenden Währungsunion zu einem merklichen Anstieg der Anlageinvestitionen führen soll."
Was Varouflakis mit der "zersplitterten und sich fragmentierenden Währungsunion" andeuten will, ist wohl die Tatsache, daß - falls es überhaupt zu einer verstärkten Kreditvergabe kommen sollte - diese mit Sicherheit nicht in GR und nur in geringer Höhe in den übrigen Südländern stattfinden wird.
Niemand wird, was GR betrifft, bei den unsicheren Verhältnissen dort investieren: Man weiß nicht, welche Steuersätze morgen gelten, wer übermorgen die Regierung stellt, ob in der nächsten Woche der freie Kapitalverkehr noch erlaubt ist und in welcher Währung im nächsten Monat gezahlt wird. Auch die im Herbst stattfindenden Wahlen in Spanien können dort mit "podemos" zu einer ähnlichen Regierung führen, wie wir sie jetzt in Athen bewundern dürfen.
Wer will in solchen Ländern Geld langfristig investieren und Fabriken oder Produktionsstätten errichten? Das wäre doch grob fahrlässig.

Weichmacher Draghi betreibt mit seiner Geldschwemme eine Liraisierung des Euros. Die dadurch entstehende Blase wird irgendwann platzen.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Sonnabend 21. März 2015, 03:11

Genau die Befürchtungen, die von vielen Wirtschaftswissenschaftlern geäußert wurden, treten jetzt ein:
Bei Schaffung der Bankenunion war davor gewarnt worden, die Aufsicht über die Kreditinstitute der EZB zu übertragen, da sie sich möglicherweise in einem Interessenkonflikt befinden könnte. Dies tritt jetzt ein. Die gr. Banken sind pleite und halten sich nur mit Notkrediten über Wasser. Die Abteilung "Bankenaufsicht" in der EZB möchte die gr. Bankinstitute an die "kurze Leine" legen und den Kauf von T-Bonds (=kurzfristigen Schuldverschreibungen des gr. Staates) einschränken oder unterbinden. Das widerspricht jedoch der Linie der EZB, die den Euro retten will - "whatever it takes" (O-Ton Draghi) und so kein Interesse hat, dem gr. Staat den Geldhahn zuzudrehen.
Es ist ein heikler Spagat, aber die Europäische Zentralbank (EZB) hat stets versucht den Eindruck zu vermitteln, als sei er zu meistern: „Wir operieren unter dem Prinzip der Trennung zwischen Geldpolitik und Aufsicht“, sagte Danièle Nouy, die Chefin der Europäischen Bankenaufsicht vor wenigen Wochen in einem Interview. Die Aufsicht der wichtigsten Banken und alle sonstigen Entscheidungen und Erwägungen der Währungshüter finden zwar seit November 214 unter Dach der EZB statt, sie verlaufen demnach aber völlig getrennt voneinander, von einer „chinesischen Mauer“ zwischen beiden Bereichen der Zentralbank ist die Rede.
(...)
Nach Informationen aus Notenbankkreisen würden die Bankenaufseher den vom Marktzugang weitgehend abgeschnittenen griechischen Banken gerne strengere Vorschriften machen, was den Ankauf bestimmter Papiere angeht. Zu entscheiden hatte über diesen Vorschlag in der vergangenen Woche der EZB-Rat, der aus Mario Draghi, den übrigen Direktoriumsmitgliedern der Zentralbank sowie den nationalen Notenbankchefs besteht – und der auch für alle sonstigen wichtigen Entscheidungen der EZB zuständig ist.
Im Detail ging es den Aufsehern offenbar vor allem darum, den Banken einen weiteren Ankauf kurzlaufender Staatspapiere („T-Bills“), mit denen der griechische Staat sich momentan finanziell über Wasser hält, zu untersagen. Schon Mitte Februar hatte die EZB den vier von ihr beaufsichtigten griechischen Banken einen Brief geschickt und ihnen empfohlen, keine weiteren der Papiere zu kaufen, die deren Liquiditätssituation zusätzlich belasten. Den Vorstoß der Aufseher, die Vorgaben verbindlicher zu machen, wurde vom EZB–Rat aber vertagt.
Bemerkenswert ist das aus zwei Gründen: Zum einen hat der EZB-Rat in derselben Sitzung in der vergangenen Woche eine Aufstockung der Notfallkredite für griechische Banken um 4 Millionen Euro bewilligt. Zum anderen saß Mario Draghi am Donnerstagabend in Brüssel mit am Tisch, als der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras und die führenden europäischen Regierungschefs ausloteten, ob und welchen Bedingungen Griechenland von seinen Geldgebern weitere Tranchen erhalten kann.
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/e ... 96594.html

Man darf getrost sagen, daß hinsichtlich des Euros immer genau das Gegenteil der offiziellen Politikerankündigungen erfolgt:

Aussage: Die EZB wird wie die Bundesbank.
Tatsache: Die EZB ähnelt der ital. Zentralbank.

Aussage: Die Haftung für die Schulden anderer Länder ist ausgeschlossen.
Tatsache: Die Haftung wurde durch ESM institutionalisiert.

Aussage: Der Euro wird so stark wie DM.
Tatsache. Der Euro wird liraisiert und eine Weichwährung.

Aussage: Eurobonds sind ausgeschlossen.
Tatsache: Durch den Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB wird das Risiko "vergemeinschaftet", die EZB wird zur europ. "Bad Bank" und hält in dreistelliger Mrden-Höhe Staatsanleihen eines Pleitelandes.

und jetzt:
Aussage: Die Bankenaufsicht wird von der Geldpolitik der EZB getrennt.
Tatsache: Die EZB kann nicht verhindern, daß die gewünschten Auswirkungen der Geldpolitik auch die Bankenaufsicht beeinflussen.

Ich bin einmal gespannt, wann die Aussage "Es wird keine gemeinsamen europ. Sicherungsfond der Banken und Sparkassen geben" fällt und die deutschen Sicherungssysteme in einer gesamteurop. Lösung aufgehen werden.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Sonntag 12. April 2015, 19:55

Schweden schließt einen Euro-Beitritt für die mittelfristige Zukunft (und wahrscheinlich für immer aus):
Schweden wird in absehbarer Zeit nicht der Euro-Zone beitreten. "Das Thema ist derzeit politisch tot", so der Zentralbankchef des skandinavischen Landes.
"Es gibt in Schweden keine Mehrheit für einen Euro-Beitritt", sagte Schwedens Zentralbankchef Stefan Ingves im Interview mit der Wirtschaftswoche. In der Euro-Zone litten viele Länder unter hohen und steigenden Schulden. "Es wird noch Jahre dauern, das Problem in den Griff zu bekommen. Auf Euro-Land wartet harte Arbeit", attestierte Ingves.
http://www.finanzen.ch/nachrichten/akti ... 1577236

Im Gegensatz zu Dänemark und England hat Schweden keine opt-out-Klausel bzgl. des Euros vereinbart und wäre eigentlich verpflichtet, ihn einzuführen. Die Kommission, sonst immer schnell mit Vertragsverletzungsverfahren dabei, könnte Schweden drängen. Aber wahrscheinlich würde man dort ehr aus der EU ausscheiden, als den Euro einzuführen.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Edi » Montag 13. April 2015, 23:02

Gewarnt vor der Währungsunion wurde schon in den frühen 9er Jahren.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_EG-Währungsunion_führt_zur_Zerreißprobe
Es lebt der Mensch im alten Wahn.
Wenn tausend Gründe auch dagegen sprechen,
der Irrtum findet immer freie Bahn,
die Wahrheit aber muss die Bahn sich brechen.

Die meisten Leute werden immer schmutziger je älter sie werden, weil sie sich nie waschen.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Maurus » Dienstag 14. April 2015, 09:57

Edi hat geschrieben:Gewarnt vor der Währungsunion wurde schon in den frühen 9er Jahren.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_EG-Währungsunion_führt_zur_Zerreißprobe
Es gibt nichts, wovor nicht schonmal gewarnt wurde. Keiner zählt die Warnungen, die sich als völlig unbegründet erwiesen haben.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Edi » Dienstag 14. April 2015, 13:35

Maurus hat geschrieben:
Edi hat geschrieben:Gewarnt vor der Währungsunion wurde schon in den frühen 9er Jahren.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_EG-Währungsunion_führt_zur_Zerreißprobe
Es gibt nichts, wovor nicht schonmal gewarnt wurde. Keiner zählt die Warnungen, die sich als völlig unbegründet erwiesen haben.
Mag sein, aber in dem Falle ist die Sache auch gut begründet worden und es waren immerhin Leute, die eine Ahnung vom Thema haben. Zudem hat man inzwischen sehen können, daß die Gründe der Ablehnung, die ja auch keine generelle war, sehr wohl gut begründet waren. So sehr unterschiedliche Volkswirtschaften passen eben nicht zusammen, aber das ist hier im Forum ja auch ausführlich zur Sprache gekommen.
Zuletzt geändert von Edi am Dienstag 14. April 2015, 13:56, insgesamt 1-mal geändert.
Es lebt der Mensch im alten Wahn.
Wenn tausend Gründe auch dagegen sprechen,
der Irrtum findet immer freie Bahn,
die Wahrheit aber muss die Bahn sich brechen.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Dienstag 14. April 2015, 13:37

Maurus hat geschrieben:
Edi hat geschrieben:Gewarnt vor der Währungsunion wurde schon in den frühen 9er Jahren.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_EG-Währungsunion_führt_zur_Zerreißprobe
Es gibt nichts, wovor nicht schonmal gewarnt wurde. Keiner zählt die Warnungen, die sich als völlig unbegründet erwiesen haben.
Na ja, aber hier lagen die Kritiker schon richtig - weil die ökonomischen Gesetze sich langfristig durchsetzen. Sie hatten erkannt, daß eine Währungsunion ohne gemeinsame Fiskalpolitik nicht bestehen kann - die Folgen sehen wir heute. Nur davon zu träumen, daß sich alles angleichen wird (auf welchem Level?), ist halt ein bißchen wenig. Kohl hat den Euro gegen den Willen der Bevölkerung durchgeboxt - die Rechnung wird heute präsentiert.

Daß der Euro kein stärkeres Zusammenwachsen der europäischen Völker gebracht hat, dürfte inzwischen jedem klar sein und muß nicht mehr erläutert werden. Ein Blick in die Tageszeitung reicht.
Weniger bekannt ist aber, daß auch der Traum der "europäischen Eliten", mit dem Euro eine Weltwährung wie den US-Dollar zu schaffen, sich nicht erfüllt.
Der Traum vom Aufstieg des Euro zur Weltleitwährung zerplatzt in diesen Tagen. Aktuelle Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) offenbaren, dass die Zentralbanken ihre Euro-Positionen im vergangenen Jahr so stark wie nie zuvor verringert haben. Inzwischen entfallen auf die europäische Gemeinschaftswährung nur noch 22 Prozent der globalen Währungsreserven, verglichen mit 28 Prozent vor Beginn der Schuldenkrise vor fünf Jahren.
Die Devisenexperten der Deutschen Bank erwarten, dass es so weitergeht. Sie prophezeien für das erste Quartal einen weiteren Rückgang auf gut 2 Prozent. Das wäre der niedrigste Wert seit 13 Jahren. Die Euro-Zone wäre damit auf ein Niveau zurückgeworfen, das kurz nach der Einführung der physischen Euro-Geldscheine und Münzen herrschte.
Der Wendepunkt in der Entwicklung vom echten Dollar-Konkurrenten zur Krisenwährung fällt mit dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise zusammen. Im Herbst 29 musste Griechenland eingestehen, dass seine Schuldenzahlen geschönt waren. Damit nahm eine Notenbankpolitik ihren Lauf, die auch dem Ansehen des Euro in der Welt schadete.
Grund für die Euro-Ablehnung der Investoren sind ua die Minuszinsen:
In Deutschland ist die Situation besonders extrem. Bundesanleihen bis zu acht Jahren Laufzeit weisen negative Renditen auf. Zehnjährige Bunds werfen gerade noch ,15 Prozent ab. "Bald schon werden auch Zehnjährige Minuszinsen haben", sagt Marco Brancolini, Analyst bei der britischen RBS.
Das bedeutet, dass Investoren, zu denen auch die Notenbanken in aller Welt zählen, für den Großteil deutscher Euro-Anleihen Strafzinsen zahlen müssen. Der Anreiz, das Geld in den Euro-Raum zu stecken, ist dementsprechend gering. Sogar die Anleihen ehemaliger Krisenländer wie Spanien oder Belgien weisen Minuszinsen auf, sprich: kosten die Investoren Geld.
http://www.welt.de/wirtschaft/article13 ... latzt.html

Aber nicht nur andere Zentralbanken setzen nicht mehr auf den Euro. Auch die deutschen Exporteure setzen vermehrt auf andere Währungen, vor allem den US-Dollar:
Der Euro verliert für die deutschen Exporteure als Zahlungsmittel an Bedeutung. 214 wurden nur noch knapp 62 Prozent der Geschäfte mit Ländern ausserhalb der Europäischen Union in Euro abgewickelt. Das gab das Statistische Bundesamt bekannt.
Seit 21 sank der Anteil damit kontinuierlich. Damals kam die Gemeinschaftswährung noch bei fast 67 Prozent der Transaktionen zum Einsatz, 213 waren es gut 64 Prozent. Immer häufiger wird stattdessen der Dollar genutzt: Mehr als 26 Prozent der Exportgeschäfte ausserhalb der EU wurden in der US-Währung abgerechnet, 213 nur gut 23 Prozent.
http://www.handelszeitung.ch/konjunktur ... ung-755873

Die Veränderungen mögen relativ gering erscheinen. Man muß aber berücksichtigen, daß schon seit Jahren die Exporte in die übrigen EU-Länder und in die Drittstaaten viel stärker wachsen als die Ausfuhren in den Euroraum.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Maurus » Mittwoch 15. April 2015, 08:56

Caviteño hat geschrieben:
Maurus hat geschrieben:
Edi hat geschrieben:Gewarnt vor der Währungsunion wurde schon in den frühen 9er Jahren.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_EG-Währungsunion_führt_zur_Zerreißprobe
Es gibt nichts, wovor nicht schonmal gewarnt wurde. Keiner zählt die Warnungen, die sich als völlig unbegründet erwiesen haben.
Na ja, aber hier lagen die Kritiker schon richtig - weil die ökonomischen Gesetze sich langfristig durchsetzen.
Ja. Wenn immer vor allem gewarnt wird, steigt freilich auch die Wahrscheinlichkeit, dass Kritiker richtig liegen. Davon schreiben dann alle Zeitungen und die Kritiker stecken sich Federn an den Hut ("wir haben ja schon immer gesagt, dass..."). Von dem vielen Unsinn dagegen spricht natürlich kein Mensch mehr.
Caviteño hat geschrieben:Daß der Euro kein stärkeres Zusammenwachsen der europäischen Völker gebracht hat, dürfte inzwischen jedem klar sein und muß nicht mehr erläutert werden. Ein Blick in die Tageszeitung reicht.
Nein, das reicht nicht. Verstimmungen durch die Tagespolitik sind nicht ungewöhnlich und bieten keinen Blick auf das große Ganze.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Mittwoch 15. April 2015, 16:29

Maurus hat geschrieben:
Caviteño hat geschrieben:Daß der Euro kein stärkeres Zusammenwachsen der europäischen Völker gebracht hat, dürfte inzwischen jedem klar sein und muß nicht mehr erläutert werden. Ein Blick in die Tageszeitung reicht.
Nein, das reicht nicht. Verstimmungen durch die Tagespolitik sind nicht ungewöhnlich und bieten keinen Blick auf das große Ganze.
:D :D
Tagespolitik = 5 Jahre Griechenrettung und dabei bisher(!) mindestens(!) 240 Mrden € versenkt. Seit Jahren machen Griechen, Italiener, Spanier, Franzosen und Portugiesen den "harten" deutschen Kurs für ihre Misere verantwortlich. In D. erscheinen für 5 Jahren zum ersten Mal die Schlagzeilen mit den "Pleitegriechen" und das Akronym "PIGS" wurde zum geflügelten Wort für eine ganze Ländergruppe.

Das Verhältnis zwischen D. und GR war ziemlich gut - bis vor fünf Jahren, als die "Griechen-Rettung" begann und deutsche Haftungsversprechen - entgegen den politischen Zusagen und den vertraglichen Bestimmungen - von der Kanzlerin abgegeben wurden. Es wurde fünf Jahre lang schlechter, ist inzwischen zerrüttet (trotz "Hilfszahlungen" in bisher unbekannter Höhe) und Du siehst es als Tagespolitik an und verweist auf das "große Ganze". :D

Was soll denn das große Ganze sein? "Europa"?
Sind nicht europakritische Parteien erst seit dem Euro-Desaster entstanden und haben sie nicht weiterhin Zulauf? Nigel Farage, Le Pen, Wilders, Podemos in Spanien, Die Finnen in Finnland, Schwedendemokraten, die Volkspartei in Dänemark oder Beppe Grillo mit den 5 Sternen - sie alle wurden neu gegründet und/oder haben Zulauf. Das hat nicht nur mit dem Euro zu tun, aber durch ihn manifestiert sich das engere Zusammenwachsen der "Europäer". Er ist der Aufhänger für viele, die keine "Vereinigten Staaten von Europa" wollen.

Die EU und insbesondere der Euro sind doch nicht attraktiv für wirtschaftlich gesunde Länder. Selbst Island hat seinen Beitrittsantrag zurückgezogen. Zum Ausgleich verhandelt man über eine Aufnahme des Balkans und der Ukraine. :patsch:
Der schwedische Finanzminister weist einen Eurobeitritt, zu dem man vertraglich verpflichtet wäre, weit von sich - ebenso wie Polen, das den Euro auch einführen müßten.
Das "große Ganze" zeigt doch inzwischen mehr Risse und ist weitaus unattraktiver als noch vor 20 - 25 Jahren. Da überlegte man selbst in der Schweiz noch einen Beitritt zum EWR als Vorstufe zu einem EU-Beitritt. Inzwischen kann es durchaus zu einem Referendum über einen Austritt in GB kommen....

Du kannst natürlich glauben, daß es sich nur um eine "vorübergehende Durststrecke" handelt und irgendwann mal wieder gilt: piep, piep, piep - wir haben uns alle lieb....
Wie das in einem Währungsraum geschehen soll, der so unterschiedliche Länder wie D oder NL und GR oder PT umfaßt, wird wohl immer das Geheimnis der Politiker bleiben. Die haben auch vorher geglaubt, daß der Euro zu einer Anpassung der Volkswirtschaften der Länder führen würde - das Gegenteil ist eingetreten.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Edi » Mittwoch 15. April 2015, 17:15

Caviteño hat geschrieben: Wie das in einem Währungsraum geschehen soll, der so unterschiedliche Länder wie D oder NL und GR oder PT umfaßt, wird wohl immer das Geheimnis der Politiker bleiben. Die haben auch vorher geglaubt, daß der Euro zu einer Anpassung der Volkswirtschaften der Länder führen würde - das Gegenteil ist eingetreten.
Das ist doch ganz einfach: Die einen sind die Zahlmeister, die anderen die Geldempfänger und Kreditnehmer. Um die Rückzahlung ihrer Kredite machen die sich keine Sorgen, die Hauptsache ist, sie können ihren Wählern die Versprechen halten.
Nur, wenn das so weitergeht, werden die Zahlmeister eines Tages auch eine Verschuldung haben, die weit über ihre Möglichkeiten die Schulden zurückzuführen hinausgeht.
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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Maurus » Mittwoch 15. April 2015, 22:31

Caviteño hat geschrieben:
Maurus hat geschrieben:
Caviteño hat geschrieben:Daß der Euro kein stärkeres Zusammenwachsen der europäischen Völker gebracht hat, dürfte inzwischen jedem klar sein und muß nicht mehr erläutert werden. Ein Blick in die Tageszeitung reicht.
Nein, das reicht nicht. Verstimmungen durch die Tagespolitik sind nicht ungewöhnlich und bieten keinen Blick auf das große Ganze.
:D :D
Tagespolitik = 5 Jahre Griechenrettung und dabei bisher(!) mindestens(!) 240 Mrden € versenkt. Seit Jahren machen Griechen, Italiener, Spanier, Franzosen und Portugiesen den "harten" deutschen Kurs für ihre Misere verantwortlich.
Ja und? :roll: Die Deutschen pflegen seit Bush auch einen mäßigen Antiamerikanismus, sie prangern Kriegstreiberei und Abhörpraktiken an. Und? Was hat sich im Verhältnis generell geändert? Gar nichts! Keine ernstzunehmende Mehrheit boykottiert amerikanische Produkte, stellt die Westbindung Deutschlands infrage etc pp. Das eine sind Konfliktfelder, die von den Verantwortlichen zu lösen sind, das andere wären (Konjunktiv) tiefgreifende Entfremdungen bis hin zu der Vorstellung, dass es doch ganz nett wäre, aufeinander zu schießen.
Caviteño hat geschrieben:In D. erscheinen für 5 Jahren zum ersten Mal die Schlagzeilen mit den "Pleitegriechen" und das Akronym "PIGS" wurde zum geflügelten Wort für eine ganze Ländergruppe.
Ja, mit solchen Medienkampagnen kann man natürlich auch eine Stimmung herbeischreiben und dann scheinheilig behaupten: Seht her, wir haben es schon immer gewusst! Was die Blöd sich da geleistet hat, war einfach unterirdisch. Wenn in ein paar Jahren Spanien, Portugal etc ihre Probleme gelöst haben werden (es sieht ja nicht so übel aus, die machen halt ihre Hausaufgaben), dann wird das schon wieder werden. Das Länderkürzel hieß ja auch mal PIIGS, aber das zweite I, Irland, gehört ja längst schon wieder zu den Musterschülern.
Caviteño hat geschrieben:Das Verhältnis zwischen D. und GR war ziemlich gut - bis vor fünf Jahren, als die "Griechen-Rettung" begann und deutsche Haftungsversprechen - entgegen den politischen Zusagen und den vertraglichen Bestimmungen - von der Kanzlerin abgegeben wurden. Es wurde fünf Jahre lang schlechter, ist inzwischen zerrüttet (trotz "Hilfszahlungen" in bisher unbekannter Höhe) und Du siehst es als Tagespolitik an und verweist auf das "große Ganze". :D
Exakt.
Caviteño hat geschrieben:Was soll denn das große Ganze sein? "Europa"?
Die europäische Einigung, von deren Rückabwicklung trotz aller Probleme keiner etwas wissen will. Und trotz allen Unmuts will ja nichtmal Tsipras aus dem Euro raus. Wieso eigentlich nicht, wo doch eine jederzeit abwertbare Drachme das Allheilmittel für einfach alles wäre?
Caviteño hat geschrieben:Sind nicht europakritische Parteien erst seit dem Euro-Desaster entstanden und haben sie nicht weiterhin Zulauf? Nigel Farage, Le Pen, Wilders, Podemos in Spanien, Die Finnen in Finnland, Schwedendemokraten, die Volkspartei in Dänemark oder Beppe Grillo mit den 5 Sternen - sie alle wurden neu gegründet und/oder haben Zulauf. Das hat nicht nur mit dem Euro zu tun, aber durch ihn manifestiert sich das engere Zusammenwachsen der "Europäer". Er ist der Aufhänger für viele, die keine "Vereinigten Staaten von Europa" wollen.
Ich halte das eher für das Ergebnis der paternalistischen Politik der Euro-Gremien, die immer so tun, als wüssten sie besser als der Bürger, was gut für diesen ist. Wer immer noch als Gängelapparat erscheint, der darf sich über Gegenwehr nicht wundern. GB allerdings bildet da eine Ausnahme. Die sind der EWG nur beigetreten, um da mitreden zu können. Mitmachen wollten sie nie. De Gaulle wollte sie mW auch nicht dabei haben.
Caviteño hat geschrieben:Der schwedische Finanzminister weist einen Eurobeitritt, zu dem man vertraglich verpflichtet wäre, weit von sich - ebenso wie Polen, das den Euro auch einführen müßten.
Wen kann das in einer Krise verwundern? Keinen. Und? Irgendwann sind Krisen vorbei.

Caviteño hat geschrieben:Du kannst natürlich glauben, daß es sich nur um eine "vorübergehende Durststrecke" handelt und irgendwann mal wieder gilt: piep, piep, piep - wir haben uns alle lieb....
Ich wüsste nicht, was daran schlecht sein sollte, sich lieb zu haben (auch wenn es für die Beziehung zwischen Staaten vielleicht nicht die richtige Vokabel ist).
Caviteño hat geschrieben:Wie das in einem Währungsraum geschehen soll, der so unterschiedliche Länder wie D oder NL und GR oder PT umfaßt, wird wohl immer das Geheimnis der Politiker bleiben. Die haben auch vorher geglaubt, daß der Euro zu einer Anpassung der Volkswirtschaften der Länder führen würde - das Gegenteil ist eingetreten.
Sorry, aber ist 2015 jetzt das Ende der Geschichte, oder wie?

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Freitag 17. April 2015, 20:58

Maurus hat geschrieben:
Die europäische Einigung, von deren Rückabwicklung trotz aller Probleme keiner etwas wissen will. Und trotz allen Unmuts will ja nichtmal Tsipras aus dem Euro raus. Wieso eigentlich nicht, wo doch eine jederzeit abwertbare Drachme das Allheilmittel für einfach alles wäre?
Die "europäische Einigung" hat doch durch den Euro eine Stufe erreicht, bei dem sie eben nicht mehr funktioniert. Natürlich kann man auf die weitere Entwicklung und Anpassung in der Zukunft hoffen, wie Du es offensichtlich tust. Nur übersiehst Du mE, daß die europäischen Völker unterschiedliche Kulturen haben, die miteinander nicht in Einklang zu bringen sind.
Die Südländer haben - und das sage ich ohne irgendwelche Wertung - eine ganz andere wirtschaftliche Einstellung als die Nordeuropäer. Wer jahrzehntelang seine Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten mit der Abwertung seiner Währung halten konnte, kann sich kaum an den Gedanken einer starken Währung gewöhnen. Eine unabhängige Zentralbank wurde in diesen Ländern erst auf deutschen Druck als Vorstufe zum Euro eingeführt. Davor folgten die Zentralbanken den Anweisungen der Regierungen, eine enge Zusammenarbeit der EZB mit den Regierungen gibt es heute schon (s. ELA-Kredite für GR, die nicht gestoppt werden, obwohl die Voraussetzungen nicht mehr vorliegen). Inflationsbekämpfung, die Hauptaufgabe der Bundesbank, war dort im wesentlichen unbekannt - Tarifverträge in Italien enthielten z.B. jahrelang Anpassungklauseln, die erst 1992 abgeschafft wurden.
Maurus hat geschrieben:
Caviteño hat geschrieben:Sind nicht europakritische Parteien erst seit dem Euro-Desaster entstanden und haben sie nicht weiterhin Zulauf? Nigel Farage, Le Pen, Wilders, Podemos in Spanien, Die Finnen in Finnland, Schwedendemokraten, die Volkspartei in Dänemark oder Beppe Grillo mit den 5 Sternen - sie alle wurden neu gegründet und/oder haben Zulauf. Das hat nicht nur mit dem Euro zu tun, aber durch ihn manifestiert sich das engere Zusammenwachsen der "Europäer". Er ist der Aufhänger für viele, die keine "Vereinigten Staaten von Europa" wollen.
Ich halte das eher für das Ergebnis der paternalistischen Politik der Euro-Gremien, die immer so tun, als wüssten sie besser als der Bürger, was gut für diesen ist. Wer immer noch als Gängelapparat erscheint, der darf sich über Gegenwehr nicht wundern. GB allerdings bildet da eine Ausnahme. Die sind der EWG nur beigetreten, um da mitreden zu können. Mitmachen wollten sie nie. De Gaulle wollte sie mW auch nicht dabei haben.
Das sehe ich anders. Die Parteien bilden sich, weil man zu tief in das Leben des Volkes eingreift - und zwar, um den Euro zu retten. Gouvernantenhafte "Betüttelung" der Bürger durch Brüssel gab es schon seit Jahren. Das nahm man, wie die "GurkenkrümmungsVO", grinsend zur Kenntnis; bessere Vorlagen konnte sich ein Kabarettist doch nicht wünschen.
Erst durch den Euro und die dafür erforderliche Anpassung der Wirtschaft, die sich direkt in die Lebensbereiche der Menschen auswirkt, wuchs der Unmut. Eine 35 Stunden-Woche wie in F. führte zu Wettbewerbsnachteilen der Unternehmen und der frühe Rentenbezug wie in Spanien und Portugal, die 13. und 14. Gehälter dort und in Griechenland standen plötzlich auf dem Prüfstand. Man wollte niedrige Zinsen, eine harte Währung und genehmigte sich Lohnerhöhungen wie früher.
Die Schuld an der dann natürlich erfolgenden Krise wird jetzt in D. gesucht und nicht im eigenen Verhalten.
Das läßt sich auch aus den Äußerungen des Mitbegründers von podemos, Juan Carlos Monedero, schließen. Er wurde an der Uni Heidelberg promoviert, kennt und bewundert D.. Aber die "Rezepte" zur Rettung des Euros, die nach seiner Meinung von Berlin erstellt wurden, passen seines Erachtens nicht für Spanien.
Statt auf Deutschland zu schimpfen, könnten Sie sich ja auch an der demokratischen Reife der Bundesrepublik orientieren: der soziale Dialog funktioniert, Tarifparteien regeln die Löhne, die Justiz ist unabhängig, und die Bürger nehmen am politischen und gesellschaftlichen Leben teil, die Korruption ist gering.

Deutschland ist eine Demokratie, die nach innen, für die eigenen Leute sehr gut funktioniert. Und ich bewundere das Bewusstsein des Einzelnen für die ganze Gesellschaft, die grundsätzliche soziale Verantwortung jedes Deutschen dem Staat gegenüber. Diese ist verankert in der Kultur. Ich bewundere auch die intellektuellen Debatten, die es in Deutschland gibt.
Die Kanzlerin Angela Merkel handelt auch durchaus gerecht ihrem Volk gegenüber. Die Deutschen genießen viele Sozialleistungen und Privilegien. Sie erleben Wohlstand, der Staat beschützt sie. Aber außerhalb des Landes agiert die deutsche Regierung alles andere als demokratisch und empathisch. Wir empfinden das deutsche Auftreten in Europa als vorschreibend, bestimmend und wenig solidarisch.
http://www.wiwo.de/politik/europa/podem ... 4-all.html

Die Behauptung von Monedero, daß das deutsche Auftreten "wenig solidarisch" sei, obwohl viele 'zig Mrden € an Hilfe gewährt bzw. dafür gebürgt wurde, zeugt entweder von Unkenntnis oder von Unverschämtheit - ich tendiere zu letzteren. Natürlich wird ein "Europäer" jetzt beschwichtigend einwenden, man solle das nicht überbewerten. Für mich ist es aber ein Beweis, daß die hohen finanziellen Leistungen, die D. erbracht hat und für die es mit dem Steuergeld - also letztlich der Arbeit seiner Menschen - bürgt, von den Empfängern nicht gewürdigt werden. Wie aus der unterschiedlichen Sicht ein "gemeinsames Europa" wachsen soll, erschließt sich mir nicht.

Die im Vergleich zu D. geringere Wettbewerbsfähigkeit der südlichen Länder ist einer der Gründe für die dortigen Schwierigkeiten. Ein anderer ist die unterschiedliche Mentalität. Eine Mitbestimmung wie in D. ist eben in Ländern, in denen der Unternehmer als "patron" gesehen wird, der die Arbeiter nur ausbeutet, nicht vorstellbar.

Man kann glauben, daß sich irgendwann alles in Wohlgefallen auflöst, aber warum sollte z.B. der schwache Euro den Südländern größere Vorteile bringen als der deutschen oder nordeuropäischen Industrie? Wechselkursbedingte Preisanpassungen der Südländer sind nicht mehr möglich - man muß also direkt mit der hocheffizienten Industrie in Nordeuropa konkurrieren. Das hat schon in der Vergangenheit nur über Abwertungen geklappt - wie soll es heute funktionieren?
Maurus hat geschrieben:
Caviteño hat geschrieben:Der schwedische Finanzminister weist einen Eurobeitritt, zu dem man vertraglich verpflichtet wäre, weit von sich - ebenso wie Polen, das den Euro auch einführen müßten.
Wen kann das in einer Krise verwundern? Keinen. Und? Irgendwann sind Krisen vorbei.
Das Ende der Krise wurde doch schon häufig ausgerufen. Vor genau einem Jahr platzierte GR aus eigener Kraft eine Anleihe auf dem Kapitalmarkt. Die Regierung und die Presse jubelten, die Anleihe war achtfach überzeichnet, der Zinssatz betrug 4,75%. Heute werden zweijährige gr. Staatspapiere mit 26,28% Rendite gehandelt - und keiner will sie.....

Die Erfolgsmeldungen aus Spanien und Portugal sollten auch nicht überbewertet werden. Zum einen ist die Arbeitslosigkeit dort noch immer sehr hoch, Jugendliche finden kaum eine Stelle und machen sich wie ihre Väter und Großväter auf den Weg nach Alemania. Zum anderen haben wir im Augenblick eine Boomphase. Wie lange die - trotz der Gelddruckerei der EZB, der Liraisierung des Euros und des billigen Rohöls - noch anhält wissen wir nicht.
Die Probleme dort sind doch nicht gelöst. Bei den europäischen Banken insgesamt schlummern faule Kredite iHv 9 Mrden € - sie entfallen ganz überwiegend auf die Banken in Spanien und Italien. Das ist der vierfache Betrag, der bisher in GR versenkt wurde. Wenn hier Abschreibungen notwendig werden, bricht das Bankensystem dort zusammen. Frau Merkel hat erlaubt, daß eine "Bankenrettung" direkt durch den ESM möglich ist, um einen Anstieg der Staatsverschuldung (und damit der wichtigen Schuldenquote) des jeweiligen Landes zu vermeiden. Der ESM hat aktuell ein Ausleihvolumen von 45 Mrden €. Er würde also gerade 5% der faulen Bankkredite abdecken können. Für weitere Hilfen an kriselnde Staaten wäre dann kein Geld mehr da.

Solange der Euro existiert, wird auch die Krise nicht vorbei sein - es sei denn, man schafft die "Vereinigten Staaten von Europa" mit einem intereuropäischen Finanzausgleich. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß dies eine Mehrheit in D. finden würde. In dem oben verlinkten Interview mit Herrn Monedero kann man lesen, was D. dann erwarten würde - gemeinschaftliche Entscheidungen in der EU, wofür Geld ausgegeben werden soll. Wer es zu beschaffen hat, dürfte jedem klar sein.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Maurus » Sonntag 19. April 2015, 16:48

Caviteño hat geschrieben:
Maurus hat geschrieben:
Die europäische Einigung, von deren Rückabwicklung trotz aller Probleme keiner etwas wissen will. Und trotz allen Unmuts will ja nichtmal Tsipras aus dem Euro raus. Wieso eigentlich nicht, wo doch eine jederzeit abwertbare Drachme das Allheilmittel für einfach alles wäre?
Die "europäische Einigung" hat doch durch den Euro eine Stufe erreicht, bei dem sie eben nicht mehr funktioniert.
Die Einigung existiert. Funktionieren kann da eh nichts.
Caviteño hat geschrieben:Natürlich kann man auf die weitere Entwicklung und Anpassung in der Zukunft hoffen, wie Du es offensichtlich tust. Nur übersiehst Du mE, daß die europäischen Völker unterschiedliche Kulturen haben, die miteinander nicht in Einklang zu bringen sind.
Dieses Mantra ist mir ja nun bekannt. Ich weiß allerdings immer noch nicht, wieso das ein besonderes Hindernis sein sollte. Einigung ist keine Nivellierung.

Und alle weiteren Prophetien...warten wir es einfach ab.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von overkott » Freitag 29. Mai 2015, 14:01

Mehr Netto im Portemonnaie! jubeln Gewerkschafter in guter Hoffnung, auch wenn Daten noch nicht vorliegen. Über mehr Netto freuen sich auch die Lebensmitteldiscounter, die ihre Preise angezogen haben. Weil aber Wohnmobile nicht teurer geworden sind, kann man von stabilen Verbraucherpreisen ausgehen. Industrie und Handel klagen über Arbeitskosten. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Mittelschicht jedoch leider nicht größer geworden.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Niels » Freitag 29. Mai 2015, 14:59

overkott hat geschrieben:Im vergangenen Jahrzehnt ist die Mittelschicht jedoch leider nicht größer geworden.
Wer muss wachsen, wer muss abnehmen? Die Antwort der Bibel zu meiner Frage ist klar... :pfeif:
Du hast doch in der Fastenzeit auch abgenommen - das hast Du jedenfalls geschrieben.
Aber auch in 3D? :detektiv:

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Gamaliel » Montag 1. Juni 2015, 20:02

Russland/China - Abschied vom Dollar:

Gazprom Neft sells oil to China in renminbi rather than dollars

Daraus:
Gazprom Neft, the oil arm of state gas giant Gazprom, said on Friday that since the start of 2015 it had been selling in renminbi all of its oil for export down the East Siberia Pacific Ocean pipeline to China.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Mittwoch 3. Juni 2015, 22:31

Gamaliel hat geschrieben:Russland/China - Abschied vom Dollar:

Gazprom Neft sells oil to China in renminbi rather than dollars

Daraus:
Gazprom Neft, the oil arm of state gas giant Gazprom, said on Friday that since the start of 2015 it had been selling in renminbi all of its oil for export down the East Siberia Pacific Ocean pipeline to China.
Dann erhalten sie renminbi (oder Yuan) und können damit Importe aus China bezahlen....

Entscheidend dürfte doch sein, welcher Preis dem Geschäft zugrunde liegt.
Der Vorteil für China: Yuan können sie drucken, Dollar müssen sie kaufen.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Torsten » Mittwoch 3. Juni 2015, 23:00

Caviteño hat geschrieben:Dann erhalten sie renminbi (oder Yuan) und können damit Importe aus China bezahlen....

Entscheidend dürfte doch sein, welcher Preis dem Geschäft zugrunde liegt.
Der Vorteil für China: Yuan können sie drucken, Dollar müssen sie kaufen.
Wobei man sagen muss, dass China eine ziemlich breite Produktpalette anzubieten hat. Nicht nur US-Supermärkte sind voll davon. Ich weiß nicht, ob China Dollar kauft. Sie arbeiten dafür. Aber wofür werden sie sie noch brauchen?

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Caviteño » Donnerstag 4. Juni 2015, 10:17

Torsten hat geschrieben:
Caviteño hat geschrieben:Dann erhalten sie renminbi (oder Yuan) und können damit Importe aus China bezahlen....

Entscheidend dürfte doch sein, welcher Preis dem Geschäft zugrunde liegt.
Der Vorteil für China: Yuan können sie drucken, Dollar müssen sie kaufen.
Wobei man sagen muss, dass China eine ziemlich breite Produktpalette anzubieten hat. Nicht nur US-Supermärkte sind voll davon. Ich weiß nicht, ob China Dollar kauft. Sie arbeiten dafür. Aber wofür werden sie sie noch brauchen?
Natürlich kaufen sie US-Dollar und bezahlen mit ihren Waren - sonst wären ja die US-Supermärkte nicht voll davon. Der USD ist nun einmal die Weltwährung, er wird überall akzeptiert und der allergrößte Teil der Devisentransaktionen - immerhin fast 5,3 Billionen USD täglich - wird über den USD abgerechnet.
Das große Handelsvolumen erklärt sich dabei allerdings mit der besonderen Struktur des Devisenmarktes. So werden praktisch alle Transaktionen zwischen kleineren Währungen nicht direkt abgewickelt, sondern durch Zwischenschaltung des Dollar, der liquidesten Währung. Ein Tausch von chinesischen Yuan in Euro wird also über einen Tausch von Yuan in Dollar und von Dollar in Euro ausgeführt.
http://www.faz.net/aktuell/finanzen/dev ... 33623.html

China braucht die USD zum Einkauf der Vorprodukte - vor allem der Rohstoffe. Zwar soll jetzt ein Teil des Öls mit Yuan bezahlt werden, aber das dürfte kaum ausreichen. Für den Rest benötigt man USD, z.B. für Erze und - stark steigend - Aufkauf vor allem deutscher Unternehmen. Bei dem preiswerten Euro kann das ein lohnendes Geschäft sein. Für wenig Geld bekommt man nicht nur das know-how, sondern erwirbt auch einen Konkurrenten.
Die chinesischen Firmen entsprechen mit ihrem Engagement dabei einem klar formulierten Ziel der Pekinger Regierung. "Die neue Regierung will den Expansionskurs chinesischer Unternehmen im Ausland weiter fördern, um deren Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt zu erhöhen", sagt Yi Sun, Partnerin bei EY.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei Technologieführer, vor allem aus den Branchen Automobil oder Maschinenbau. Hier hat gerade Deutschland viel zu bieten, sodass hier auch der Schwerpunkt bei den übernommenen Firmen liegt. In Großbritannien dagegen kauften Chinesen allein vier Immobilienfirmen, in Frankreich vier Hotels.
http://www.welt.de/finanzen/article1364 ... e-nie.html

Der abgewertete Euro läßt eben nicht nur die Exporte ansteigen - er ermöglicht auch ausländischen Investoren, sich günstig am hiesigen Kapitalmarkt zu bedienen. Langfristig können die "deutschen" Exporte dann aus dem Land des Eigentümers (hier: China) erfolgen, wo sie meist preiswerter hergestellt werden können.

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Isidor_von_Sevilla » Dienstag 16. Juni 2015, 12:33

Handelsblatt hat geschrieben:Urteil des Europäischen Gerichtshofs:
Freibrief für Draghi

Die EZB darf Staatsanleihen kaufen und so Länder wie Griechenland unterstützen. So jedenfalls sehen es die Richter des EuGH.
(Quelle)
Es gibt auch solche, die wohl die Sprache verehren, nicht aber DAS WORT anbeten!

Isidor_von_Sevilla
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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Isidor_von_Sevilla » Dienstag 16. Juni 2015, 17:42

Last man standing: :roll:
dpa hat geschrieben:Gauweiler nennt EuGH-Urteil zu Staatsanleihekäufen
"Kriegserklärung" an Karlsruhe


Der CSU-Politiker Peter Gauweiler hat das Urteil
des Europäischen Gerichtshofs zum Euro-Rettungskurs der Europäischen
Zentralbank scharf kritisiert. Die Entscheidung des EuGH sei eine
"Kriegserklärung an das Bundesverfassungsgericht", sagte Gauweiler am
Dienstag im rbb-Inforadio. Nach seinen Worten hat Karlsruhe zu Recht
darauf hingewiesen, dass das EZB-Projekt zum Ankauf von
Staatsanleihen notleidender Eurostaaten den Verfassungskern des
Grundgesetzes berühre. Mit dem heutigen Urteil hätten die Luxemburger
Richter dieser Einschätzung klar widersprochen. Er erwarte daher,
dass das Bundesverfassungsgericht das EuGH-Urteil nicht akzeptiert.

Die Einschränkungen im Urteil des EuGH, wonach die EZB ihr
Vorgehen begründen muss und Staatshaushalte nicht direkt finanzieren
darf, bezeichnete Gauweiler als "Scheinbegründungen". Die Richter
seien damit hinter den Vorschlägen des Generalanwalts des
Europäischen Gerichtshofes zurückgeblieben,
Es gibt auch solche, die wohl die Sprache verehren, nicht aber DAS WORT anbeten!

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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Juergen » Mittwoch 17. Juni 2015, 12:49

Verfassungsblog hat geschrieben:http://www.verfassungsblog.de/was-nun-herr-vosskuhle/

Was nun, Herr Voßkuhle?
Mi 17 Jun 2015 Christoph Herrmann

Mit seinem Vorlagebeschluss vom 14.01.2014 zur europarechtlichen Zulässigkeit des (bis heute nicht aktivierten, sondern nur angekündigten) OMT-Programms (Outright Monetary Transactions), welches notfalls unbegrenzte Ankäufe von Staatsanleihen der Euroteilnehmerstaaten vorsieht, sofern diese sich in einem Anpassungsprogramm des ESM (bzw. der EFSF) befinden, hatte das Bundesverfassungsgericht hoch gepokert…
Gruß
Jürgen

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overkott
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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von overkott » Montag 24. August 2015, 12:19

Kommt beim DAX eine Antiblase? Wann sind die Aktien unterbewertet?

Isidor_von_Sevilla
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Re: Finanzmärkte - Finanzkrise - Zentralbanken II

Beitrag von Isidor_von_Sevilla » Montag 24. August 2015, 15:55

Ein Crash geht um die WeltDax sackt fünf Prozent ab

Der größte Kursrutsch seit acht Jahren in China, ein erstarkender Euro, ein anhaltender Preisverfall bei Öl - dem Dax wird zu Beginn der Handelswoche übel mitgespielt. 500 Punkte geht es abwärts, beim Dow sogar 700.
(Quelle)
Tiefststand: DAX 9354 Punkte, d.h. - 770 Punkte = - 7,6%
Es gibt auch solche, die wohl die Sprache verehren, nicht aber DAS WORT anbeten!

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