Deutschschule

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Moderator: Hubertus

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Juergen
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Re: Deutschschule

Beitrag von Juergen » Mittwoch 12. Oktober 2016, 12:27

Lupus hat geschrieben:Mich stört der Ausdruck "nichtsdestotrotz", ich halte ihn für eine Verballhornung; denn es muss richtig entweder "trotzdem" oder aber "nichtsdestoweniger" heißen!
Am Ende des Flures ist links eine Tür, die in den Keller führt. Ich erwähne es nur für den Fall, daß Du mal einen Ort zum Lachen suchst. ;D
Gruß
Jürgen

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Lupus
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Re: Deutschschule

Beitrag von Lupus » Mittwoch 12. Oktober 2016, 12:39

@ Jürgen

"Liabs Herrgöttle vo Biberbach, schlag ra,schlag ra!"

Wa moinsch? mir ganget en da Kreizgang, do kasch nemlich lacha ond heila so viel da wilsch!
Do send nämlich a paar Lellapeppl, wo moinet, se hättet da Humor met em Leffl gfressa!

So isch no au widdr: Jedem Kend sein Luftballo, werd´n noch scho plotza lo!

+L.
Christus mein Leben, Maria meine Hoffnung, Don Bosco mein Ideal!

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Juergen
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Re: Deutschschule

Beitrag von Juergen » Mittwoch 12. Oktober 2016, 12:44

:freude:
Gruß
Jürgen

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Hubertus
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Re: Deutschschule

Beitrag von Hubertus » Sonnabend 15. Oktober 2016, 12:49

"Die deutsche Sprache stößt Teile der verkrusteten Grammatik ab"

Daraus:
Jeder sprachliche Fehler lässt sich auf gesellschaftliche Veränderungen zurückführen oder deutet künftige Veränderungen an. Wir haben seit 50 Jahren Migration. Es gibt Germanisten, die sagen, dass das Deutsche in eine neue Phase eingetreten ist. Alle Migrationsbewegungen davor waren geografisch begrenzt, sie veränderten die Sprachsituation im Prinzip nicht. Das ist seit den Gastarbeitern und Folgegenerationen anders.
Beispiele aus dem Art.:
Die Artikel haben einen ganz schlechten Stand, weil die meisten Migrantensprachen keine Artikel kennen. Die Ausnahme ist das Arabische, aber da wird der Artikel oft verschluckt. Menschen, die eine Sprache neu lernen, übertragen automatisch Muster, die sie aus ihrer Muttersprache kennen. Artikel braucht man zur Kommunikation nicht unbedingt, also fallen sie weg. Nehmen Sie das Kiezdeutsch, wie es beispielsweise in Neukölln gesprochen wird: Da kommen Artikel überhaupt nicht vor. Seit zehn, 20 Jahren können Sie beobachten, dass auch Deutsch-Muttersprachler immer mehr Probleme haben mit den Artikeln. "Wenn Sie hier Problem vermuten", "es kam dann zu Prozess"
Also auch sprachlich wird die Integration umgedreht: nicht die Migranten orientieren sich an sprachlichen Standards, sondern die Sprecher des Deutschen passen sich an.

Das über dem Art. eingebettete Video endet mit dem Zitat:
"Sprache dient in erster Linie der Verständigung. Und zur Verständigung reicht es vollkommen zu sagen: Eine Maßnahme machen, einen Film machen, ein Tor machen." (Uwe Hinrichs, Linguist)
Woran mich das erinnert?
G. Orwell, 1984 hat geschrieben:
Du nimmst wahrscheinlich an, neue Worte zu erfinden. Ganz im Gegenteil! Wir merzen jeden Tag Worte aus - massenhaft, zu Hunderten. Wir vereinfachen die Sprache auf ihr nacktes Gerüst. [...]
Es ist eine herrliche Sache, dieses Ausmerzen von Wörtern. Natürlich besteht der große Leerlauf hauptsächlich bei den Zeit- und Eigenschaftswörtern, aber es gibt auch Hunderte von Hauptwörtern, die ebenso gut abgeschafft werden können. Es handelt sich nicht nur um die sinnverwandten Worte, sondern auch um Worte, die den jeweils entgegengesetzten Begriff wiedergeben. Welche Berechtigung besteht schließlich für ein Wort, das nichts weiter als das Gegenteil eines anderen Wortes ist? Jedes Wort enthält seinen Gegensatz in sich. Zum Beispiel ›gut‹: Wenn du ein Wort wie ›gut‹ hast, wozu brauchst du dann noch ein Wort wie ›schlecht‹?
›Ungut‹ erfüllt den Zweck genauso gut, ja sogar noch besser, denn es ist das haargenaue Gegenteil des anderen, was man bei ›schlecht‹ nicht wissen kann. Wenn du wiederum eine stärkere Abart von ›gut‹ willst, worin besteht der Sinn einer ganzen Reihe von undeutlichen, unnötigen Worten wie ›vorzüglich‹, ›hervorragend‹ oder wie sie alle heißen mögen? ›Plusgut‹ drückt das Gewünschte aus; oder ›doppelplusgut‹, wenn du etwas noch Stärkeres haben willst. Freilich verwenden wir diese Formen bereits, aber in der endgültigen Neusprech gibt es einfach nichts anderes. Zum Schluß wird die ganze Begriffswelt von Gut und Schlecht nur durch sechs Worte – letzten Endes durch ein einziges Wort – gedeckt werden. Siehst du die Schönheit, die darin liegt, Winston?
[...]
Siehst du denn nicht, daß Neusprech kein anderes Ziel hat, als die Reichweite des Gedankens zu verkürzen? Zum Schluß werden wir Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich gemacht haben, da es keine Worte mehr gibt, in denen man sie ausdrucken könnte. [...]
Die Revolution ist vollzogen, wenn die Sprache geschaffen ist. Neusprech ist Engsoz, und Engsoz ist Neusprech!
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

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Re: Deutschschule

Beitrag von Vir Probatus » Sonntag 16. Oktober 2016, 08:52

Lupus hat geschrieben:Mich stört der Ausdruck "nichtsdestotrotz", ich halte ihn für eine Verballhornung; denn es muss richtig entweder "trotzdem" oder aber "nichtsdestoweniger" heißen!

+L.
Da fällt mir folgender Spruch ein:
"Aber nichtsdestotrotz fliesst aus der Nase kein Honig, sondern Rotz!"
"Die Frau ist für die Kirche unabdingbar und wichtiger als manche Bischöfe." (Papst Franziskus)

Caviteño
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Re: Deutschschule

Beitrag von Caviteño » Sonnabend 19. November 2016, 00:54


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Hubertus
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Re: Deutschschule

Beitrag von Hubertus » Sonnabend 26. November 2016, 16:55

FAZ: "Auto gerät außer Kontrolle und tötet zwei tote Radler"

So tragisch die ganze Sache ist - R.I.P., die Radfahrer - man fragt sich schon, ob solche Artikel überhaupt noch einmal korrekturgelesen werden. Sehr oft finden sich mittlerweile Hinweise auf Rechtschreib-, Grammatik-, ja selbst sinnentstellende Fehler in der Kommentarfunktion unter dem Artikel, worauf hin sich dann die Redaktionen bedanken und versichern, daß der Fehler mittlerweile korrigiert wurde. Offenbar ist die Funktion des Lektorats an die Leserschaft weitergereicht worden.
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

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Juergen
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Re: Deutschschule

Beitrag von Juergen » Sonntag 27. November 2016, 14:31

Das Lektorat wurde vermutlich nach Erfindung der Rechtschreibkorrektur abgeschafft…
Gruß
Jürgen

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Re: Deutschschule

Beitrag von Juergen » Montag 5. Dezember 2016, 11:32



:roll:
Gruß
Jürgen

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Re: Deutschschule

Beitrag von Juergen » Montag 5. Dezember 2016, 12:49

14 Punkte, die erklären, wie man gut schreibt.

(Zum Großmachen anklicken)
Gruß
Jürgen

Caviteño
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Re: Deutschschule

Beitrag von Caviteño » Dienstag 2. Mai 2017, 15:48

Die Entmündigung der Bürger durch „leichte“ Sprache

dargelegt am Beispiel der Wahlbenachrichtigung zur Landtagswahl in S.-H..
Bloß kein zu langes Wort, keinen zu langen Satz, keinen zu komplizierten Casus verwenden! Das war wohl der pseudopädagogische Hintergedanke der Verfasser der „Wahl-Benachrichtigung“.
(...)
Am Ende kamen so gigantische Sätze zustande wie der folgende: „Sie können mit dem Wahl-Schein am Wahl-Tag auch in jedem anderen Wahl-Raum von Ihrem Wahl-Kreis wählen“.
(...)
Angesagt sind jedenfalls kurze Sätze, ein enger Wortschatz, kein Konjunktiv, kein Passiv, keine Verneinungen, keine Zahlen ….. Vor allem dem Genitiv (vulgo: 2. Fall) ist – siehe oben – der Kampf angesagt. Er wird mehr und mehr durch einen Dativ ersetzt:
Natürlich hat das Ganze auch ein Ziel: Man hofft, durch "leichte Sprache" die Wahlbeteiligung zu erhöhen... Na dann.... :D

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Niels
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Re: Deutschschule

Beitrag von Niels » Dienstag 2. Mai 2017, 15:54

Caviteño hat geschrieben:
Dienstag 2. Mai 2017, 15:48
Natürlich hat das Ganze auch ein Ziel: Man hofft, durch "leichte Sprache" die Wahlbeteiligung zu erhöhen... Na dann.... :D
Ob das funktioniert? :ikb_1eye:
Ich hoffe: nicht.
"Im Umgang mit der Liturgie entscheidet sich das Geschick von Glaube und Kirche." (Joseph Kardinal Ratzinger)

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Re: Deutschschule

Beitrag von Caviteño » Dienstag 2. Mai 2017, 16:01

Niels hat geschrieben:
Dienstag 2. Mai 2017, 15:54
Caviteño hat geschrieben:
Dienstag 2. Mai 2017, 15:48
Natürlich hat das Ganze auch ein Ziel: Man hofft, durch "leichte Sprache" die Wahlbeteiligung zu erhöhen... Na dann.... :D
Ob das funktioniert? :ikb_1eye:
Ich hoffe: nicht.
Das ist ja nicht die einzige Maßnahme. Lt dem verlinkten Artikel findet man auf der Wahl-Benachrichtigung auch folgenden Hinweis:
Getoppt wird die „Wahl-Benachrichtigung“ mit dem Hinweis: „Hier bekommen Sie Infos über weitere Sprachen“ – nämlich türkisch, arabisch, russisch und polnisch.
In Bremen hat die "einfache Sprache" jedenfalls nicht funktioniert - s. Artikel.

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Re: Deutschschule

Beitrag von Caviteño » Mittwoch 22. November 2017, 01:38

Politikernamen als neue Verben.
Nach Guttenberg (guttenbergen als Synonym für copy and paste) oder "merkeln" (= Nichtstun, keine Entscheidungen treffen) gibt es jetzt das Verb "lindnern":

Bild

:daumen-rauf:

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Lycobates
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Re: Deutschschule

Beitrag von Lycobates » Mittwoch 22. November 2017, 11:07

Caviteño hat geschrieben:
Mittwoch 22. November 2017, 01:38
Politikernamen als neue Verben.
Nach Guttenberg (guttenbergen als Synonym für copy and paste) oder "merkeln" (= Nichtstun, keine Entscheidungen treffen) gibt es jetzt das Verb "lindnern":

Bild

:daumen-rauf:
Wir hatten ja schon mal fringsen.
Der Mittelweg ist der einzige Weg, der nicht nach Rom führt (Arnold Schönberg)
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Fac me Tibi semper magis credere, in Te spem habere, Te diligere
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... una cum omnibus orthodoxis, atque catholicae et apostolicae fidei cultoribus

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Robert Ketelhohn
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Schulbuch

Beitrag von Robert Ketelhohn » Dienstag 28. November 2017, 10:12

praxis-sprache-5.westermann.braunschweig-2017.jpg
Fundstück aus dem Deutsch-Schulbuch meines Jüngsten (»Praxis Sprache 5«, Westermann, Braunschweig 2017):
Das h, mit dem man Silben trennt

In einigen Wörtern beginnt die zweite Silbe mit einem Vokal (wie bei se-en).
In solchen Fällen wird zwischen der ersten und der zweiten Silbe ein h eingefügt.
Dieses h nennt man silbentrennendes h: se-h-en, ste-h-en …
Bei der Silbentrennung gehört dieses h zur zweiten Silbe: se-hen, ste-hen …
Dieses h bleibt auch in Formen dieser Wörter erhalten, die nur eine Silbe haben: sieht, steht …
Wörter mit au, äu und eu haben niemals ein silbentrennendes h: sau-er, rau-er, säu-er-lich, scheu-en ...
Meine Herren, man faßt sich an den Grind. Was für Unfug bringen die den Kindern bei? – Also heißt es jetzt „sähen“, ja? – Nei-hen (ha! ha!), so bekloppt waren die Deformatoren der Orthographie denn doch nicht, es heißt auch im deformierten Duden weiterhin „säen“. Ebenso „knien“, nicht „kniehen“, „im Maien“, nicht „im Maihen“, „feiern“, nicht „feihern“. Das haben die Schulbuchdelinquenten verpennt.

Andererseits waren die Autoren der Kakographie doch wieder so blöd, dem alten Worte „rauh“ das stammauslautende -h zu streichen und ein neues Lexem „rau“ zu erfinden. Das paßt dann wenigstens zur neuen Sonderpseudoregel.

Aber ernsthaft. Ein sekundäres, aus überdeutlicher Aussprache hyperkorrekt in die Graphie eingedrungenes „Sprech-h“ liegt dem Ursprunge nach vor in „stehen“ und „gehen“, ähnlich beispielshalber auch in „drohen“ (‹ mhd., ahd. drouwen) oder „mähen“ (‹ mhd. mǣjen ‹ ahd. māen; das lautmalende „mähen“ für das Blöken des Schafs lassen wir mal beiseite).

Es gibt solche Fälle also, wo sprachgeschichtlich ein (genaugenommen nicht silbentrennendes [nach ihren eigenen Dummregeln müßten die Deformatoren übrigens schreiben: „Silben trennendes“], sondern) silbenbildendes -h- eingefügt worden ist. Eine Sprachentwicklung der frühen Neuzeit. Man empfand zunehmend älteres „gên“ oder „stên“ als dialektal und meinte, hochsprachlich immer eine volle Infinitiv-Bildesilbe -en sprechen zu müssen (außer bei den Infinitiven auf -ln, -rn der Liquidstämme). Der vokalische Anlaut einer Silbe im Wortinnern kann im Deutschen aber nicht mit dem am Wortanfang vor dem vokalischen Anlaut stehenden Kehlkopfverschluß („Knacklaut“ ʔ) beginnen, sondern wird gewissermaßen „hingehaucht“. Daher das silbenbildende -h-.

Nach vier bis fünf Jahrhunderten Einflusses der Schriftsprache ist dieses -h- dem Empfinden des kompetenten Sprechers nach aber Teil des Verbalstamms geworden, weswegen es in finiten Verbalformen wie der 2. und 3. Pers. Sg. und der 2. Pers. Pl. („stehst“, „steht“) wie auch in Nominalableitungen wie den Participiis præteriti („gemäht“) und Nominibus actionis („Mahd“) erhalten bleibt.

Mit „gehen“ und „stehen“ verhält es sich in Wahrheit freilich noch wesentlich komplizierter, denn in beiden durchmischen sich nach wechselvoller Sprachgeschichte jeweils zwei verschiedene Stämme: sta- oder ste- (stân, stên) und sta(n)t- (standan, stat) sowie ge-, ga- (gên, gân, gôn) und gang- (gangan, gang). Aber das bloß am Rande, wen’s interessiert, der lese die beiden diesbezüglichen spannenden Artikel im Grimm.

Nun aber zum eigentlichen Hammer, dem Verbum „sehen“. Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen, wenn die Hirsche da allen Ernstes „se-en“ schreiben, um dann zu ergänzen, das man da ihrer Pfostenregel zufolge nachträglich ein -h- einschiebe.

Haben die nicht bemerkt, daß das von „sehen“ abgeleitete Nomen actionis „Sicht“ heißt, nicht „Sieht“ (wie es analog beispielsweise zu „Mahd“ heißen müßte)? Daß viele oberdeutsche Dialektsprecher, besonders vor Konsonant und im Auslaut, das -h- von „sehen“ als -ch-, ja sogar als -g- sprechen? – Man frage mal die Baiern oder Schwyzer.

Obacht, ihr Hornochsen. Der stammauslautende Guttural ist urindogermanisch. Das Verbum „sehen“ (mhd. sehen [nicht etwa sên] ‹ ahd. sehan, cf. got saíƕan) gehört zu idg. √*seku̯-, wie etwa auch lat. sequi – „folgen“ (urspr. „gewahren, [mit den Augen] verfolgen“). Als ebenfalls schon idg. Kausativum stellt sich dazu das Verb nhd. „sagen“ (mhd. sagen ‹ ahd. sagēn, vorgerm. i. S. v. „sehen machen, zeigen“). Alles uralte Gutturalstämme.

Wie bei „sehen“ verhält es sich zum Beispiel auch bei „fliehen“ (‹ mhd. vliehen ‹ ahd. fliohan, cf. „Flucht“ [nicht etwa „Fluht“ oder „Flieht“]), bei „leihen“ (‹ mhd. lîhen ‹ ahd. līhan, cf. got. leiƕan) oder bei „weihen“ (‹ mhd. wîhen ‹ ahd. wīhen, eine Denominativbildung zum im Nhd. untergegangenen Adj. fnhd. wei(c)h – „heilig, geweiht“ ‹ mhd. wîch ‹ ahd. wīh, cf. got. weichs; zur selben Wortfamilie gehört auch lat. victima – „[geweihtes] Opfer[tier]“).

Dagegen steht aber wieder der Vogelname „Weih“ oder „Weihe“ (‹ mhd. wîe ‹ ahd. wīo), wo sprachgeschichtlich ein sekundär eingefügtes, hier tatsächlich die Silben trennendes -h- vorliegt, ebenso beim „Weiher“ (Lw. ‹ lat. vivarium) und beim „Geweih“, älter „Geweihe“ (‹ mhd. gewî[g]e, welches ein waidmännisches Kollektivum zu ahd. *wīa – Zweig darstellt). Das -h von „Geweih“ hätten die Sprachdeformatoren darum mit tausendmal mehr Recht streichen können als dasjenige des schönen Wortes „rauh“ (und es dennoch nicht tun sollen).

So könnte man fortfahren. „Reihe“ und „(auf)reihen“ haben originäres Stamm-h-, der „Reihen“ (nämlich der Tanz) und sogar der „Reigen“ haben sekundäres -h- bzw. -g-. In „Reiher“ gehört das -h- schon immer zum Stamm, in „Krähe“ ist es sekundär eingedrungen. In „seihen“ wiederum ist’s von Anfang an da – ach, lassen wir’s dabei bewenden. Was hier dem Geist, der Bildung, dem ganzen Vaterland geschieht: Es ist ein Trauerspiel. Eins in tausend Akten, und wir sind mitten drin. Der Dramaturg kennt keine Peripetie, wir steuern linear dem Ende zu – wenn wir nicht unterwegs vor Langerweile eingehn.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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Petrus
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Re: Schulbuch

Beitrag von Petrus » Dienstag 28. November 2017, 11:37

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Dienstag 28. November 2017, 10:12
praxis-sprache-5.westermann.braunschweig-2017.jpg
Fundstück aus dem Deutsch-Schulbuch meines Jüngsten (»Praxis Sprache 5«, Westermann, Braunschweig 2017):
Das h, mit dem man Silben trennt

In einigen Wörtern beginnt die zweite Silbe mit einem Vokal (wie bei se-en).
In solchen Fällen wird zwischen der ersten und der zweiten Silbe ein h eingefügt.
Dieses h nennt man silbentrennendes h: se-h-en, ste-h-en …
Bei der Silbentrennung gehört dieses h zur zweiten Silbe: se-hen, ste-hen …
Dieses h bleibt auch in Formen dieser Wörter erhalten, die nur eine Silbe haben: sieht, steht …
Wörter mit au, äu und eu haben niemals ein silbentrennendes h: sau-er, rau-er, säu-er-lich, scheu-en ...
Meine Herren, man faßt sich an den Grind. Was für Unfug bringen die den Kindern bei? – Also heißt es jetzt „sähen“, ja? – Nei-hen (ha! ha!), so bekloppt waren die Deformatoren der Orthographie denn doch nicht, es heißt auch im deformierten Duden weiterhin „säen“. Ebenso „knien“, nicht „kniehen“, „im Maien“, nicht „im Maihen“, „feiern“, nicht „feihern“. Das haben die Schulbuchdelinquenten verpennt.

Andererseits waren die Autoren der Kakographie doch wieder so blöd, dem alten Worte „rauh“ das stammauslautende -h zu streichen und ein neues Lexem „rau“ zu erfinden. Das paßt dann wenigstens zur neuen Sonderpseudoregel.

Aber ernsthaft. Ein sekundäres, aus überdeutlicher Aussprache hyperkorrekt in die Graphie eingedrungenes „Sprech-h“ liegt dem Ursprunge nach vor in „stehen“ und „gehen“, ähnlich beispielshalber auch in „drohen“ (‹ mhd., ahd. drouwen) oder „mähen“ (‹ mhd. mǣjen ‹ ahd. māen; das lautmalende „mähen“ für das Blöken des Schafs lassen wir mal beiseite).

Es gibt solche Fälle also, wo sprachgeschichtlich ein (genaugenommen nicht silbentrennendes [nach ihren eigenen Dummregeln müßten die Deformatoren übrigens schreiben: „Silben trennendes“], sondern) silbenbildendes -h- eingefügt worden ist. Eine Sprachentwicklung der frühen Neuzeit. Man empfand zunehmend älteres „gên“ oder „stên“ als dialektal und meinte, hochsprachlich immer eine volle Infinitiv-Bildesilbe -en sprechen zu müssen (außer bei den Infinitiven auf -ln, -rn der Liquidstämme). Der vokalische Anlaut einer Silbe im Wortinnern kann im Deutschen aber nicht mit dem am Wortanfang vor dem vokalischen Anlaut stehenden Kehlkopfverschluß („Knacklaut“ ʔ) beginnen, sondern wird gewissermaßen „hingehaucht“. Daher das silbenbildende -h-.

Nach vier bis fünf Jahrhunderten Einflusses der Schriftsprache ist dieses -h- dem Empfinden des kompetenten Sprechers nach aber Teil des Verbalstamms geworden, weswegen es in finiten Verbalformen wie der 2. und 3. Pers. Sg. und der 2. Pers. Pl. („stehst“, „steht“) wie auch in Nominalableitungen wie den Participiis præteriti („gemäht“) und Nominibus actionis („Mahd“) erhalten bleibt.

Mit „gehen“ und „stehen“ verhält es sich in Wahrheit freilich noch wesentlich komplizierter, denn in beiden durchmischen sich nach wechselvoller Sprachgeschichte jeweils zwei verschiedene Stämme: sta- oder ste- (stân, stên) und sta(n)t- (standan, stat) sowie ge-, ga- (gên, gân, gôn) und gang- (gangan, gang). Aber das bloß am Rande, wen’s interessiert, der lese die beiden diesbezüglichen spannenden Artikel im Grimm.

Nun aber zum eigentlichen Hammer, dem Verbum „sehen“. Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen, wenn die Hirsche da allen Ernstes „se-en“ schreiben, um dann zu ergänzen, das man da ihrer Pfostenregel zufolge nachträglich ein -h- einschiebe.

Haben die nicht bemerkt, daß das von „sehen“ abgeleitete Nomen actionis „Sicht“ heißt, nicht „Sieht“ (wie es analog beispielsweise zu „Mahd“ heißen müßte)? Daß viele oberdeutsche Dialektsprecher, besonders vor Konsonant und im Auslaut, das -h- von „sehen“ als -ch-, ja sogar als -g- sprechen? – Man frage mal die Baiern oder Schwyzer.

Obacht, ihr Hornochsen. Der stammauslautende Guttural ist urindogermanisch. Das Verbum „sehen“ (mhd. sehen [nicht etwa sên] ‹ ahd. sehan, cf. got saíƕan) gehört zu idg. √*seku̯-, wie etwa auch lat. sequi – „folgen“ (urspr. „gewahren, [mit den Augen] verfolgen“). Als ebenfalls schon idg. Kausativum stellt sich dazu das Verb nhd. „sagen“ (mhd. sagen ‹ ahd. sagēn, vorgerm. i. S. v. „sehen machen, zeigen“). Alles uralte Gutturalstämme.

Wie bei „sehen“ verhält es sich zum Beispiel auch bei „fliehen“ (‹ mhd. vliehen ‹ ahd. fliohan, cf. „Flucht“ [nicht etwa „Fluht“ oder „Flieht“]), bei „leihen“ (‹ mhd. lîhen ‹ ahd. līhan, cf. got. leiƕan) oder bei „weihen“ (‹ mhd. wîhen ‹ ahd. wīhen, eine Denominativbildung zum im Nhd. untergegangenen Adj. fnhd. wei(c)h – „heilig, geweiht“ ‹ mhd. wîch ‹ ahd. wīh, cf. got. weichs; zur selben Wortfamilie gehört auch lat. victima – „[geweihtes] Opfer[tier]“).

Dagegen steht aber wieder der Vogelname „Weih“ oder „Weihe“ (‹ mhd. wîe ‹ ahd. wīo), wo sprachgeschichtlich ein sekundär eingefügtes, hier tatsächlich die Silben trennendes -h- vorliegt, ebenso beim „Weiher“ (Lw. ‹ lat. vivarium) und beim „Geweih“, älter „Geweihe“ (‹ mhd. gewî[g]e, welches ein waidmännisches Kollektivum zu ahd. *wīa – Zweig darstellt). Das -h von „Geweih“ hätten die Sprachdeformatoren darum mit tausendmal mehr Recht streichen können als dasjenige des schönen Wortes „rauh“ (und es dennoch nicht tun sollen).

So könnte man fortfahren. „Reihe“ und „(auf)reihen“ haben originäres Stamm-h-, der „Reihen“ (nämlich der Tanz) und sogar der „Reigen“ haben sekundäres -h- bzw. -g-. In „Reiher“ gehört das -h- schon immer zum Stamm, in „Krähe“ ist es sekundär eingedrungen. In „seihen“ wiederum ist’s von Anfang an da – ach, lassen wir’s dabei bewenden. Was hier dem Geist, der Bildung, dem ganzen Vaterland geschieht: Es ist ein Trauerspiel. Eins in tausend Akten, und wir sind mitten drin. Der Dramaturg kennt keine Peripetie, wir steuern linear dem Ende zu – wenn wir nicht unterwegs vor Langerweile eingehn.
danke Dir, Robert Ketelhohn, für diesen Deinen für mich sehr informativen Beitrag.

und (last, but not least), daß Du da bist.

Dir und Deiner Familie
ein langes Leben
und allzeit satt zu essen

wünscht

Peter.
Fröhliche Weihnachten!

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Raphael
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Re: Schulbuch

Beitrag von Raphael » Mittwoch 29. November 2017, 08:21

Petrus hat geschrieben:
Dienstag 28. November 2017, 11:37
danke Dir, Robert Ketelhohn, für diesen Deinen für mich sehr informativen Beitrag.

und (last, but not least), daß Du da bist.

Dir und Deiner Familie
ein langes Leben
und allzeit satt zu essen

wünscht

Peter.
Ein ketelhohn'scher Klassiker, nahe an der Perfektion, aber keine Sau* interessiert's! :pfeif:

Den guten Wünschen schließe ich mich voll umfänglich an und hoffe in Zukunft mehr dieser Beiträge hier bei kreuzgang.org lesen zu können. :huhu:







* Abgesehen von kleinsten Restbeständen an Unverdrossenen, die sich vom grassierenden Relativismus nicht anstecken lassen wollen.
Die Welt kann man nur verstehen, wenn man vor dem Kreuz von Golgatha kniet!

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Re: Schulbuch

Beitrag von Robert Ketelhohn » Donnerstag 30. November 2017, 09:38

Raphael hat geschrieben:
Mittwoch 29. November 2017, 08:21
aber keine Sau* interessiert's! :pfeif:
Und raus kommt dann so was:
kein-fleisch-kein-fisch.sw.jpg
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
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Re: Deutschschule

Beitrag von ar26 » Donnerstag 30. November 2017, 10:06

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Donnerstag 30. November 2017, 09:38
Raphael hat geschrieben:
Mittwoch 29. November 2017, 08:21
aber keine Sau* interessiert's! :pfeif:
Und raus kommt dann so was:
kein-fleisch-kein-fisch.sw.jpg
Schön mal wieder von Dir zu lesen. Zumindest kannste damit die Redewendung "Weder Fisch noch Fleisch sein" erklären.
...bis nach allem Kampf und Streit wir dich schaun in Ewigkeit!

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