Herrnhuter Brüdergemein(d)e

Rund um Anglikanertum, Protestantismus und Freikirchenwesen.

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Marcus
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Herrnhuter Brüdergemein(d)e

Beitrag von Marcus » Freitag 28. Dezember 2007, 15:47

Über die Herrnhuter Brüdergemeine weiß ich, dass ihre Wurzeln auf Graf von Zinzendorf zurückreichen und sie eine kleine pietistisch geprägte Freikirche ist, in der postulierte Bekenntnisse weniger eine Rolle spielen, sondern vielmehr Wert auf die individuelle Bibelauslegung der einzelnen Mitglieder gelegt wird. Auch habe ich bereits erfahren, dass sie auch noch vom Calvinismus beeinflusst sein soll.

Mir ist es bekannt, dass Graf. V. Zinzendorf geweihter Bischof in Apostolischer Sukzession war und die heutigen Bischöfe immer noch darin stehen sollen. Auch ist das dreigliedrige Amt bekannt.

Was mich allerdings stark wundert ist, weshalb man überhaupt die Apostolische Sukzession benötigt, wenn man - davon gehe ich bei den Brüdern aus - doch ein reformiertes Sakramentsverständnis hat? Überall dort, wo die Sakramente gering geschätzt werden, ist meines Erachtens eine ordinierte Geistlichkeit überhaupt nicht nötig und schon gar nicht in Apostolischer Sukzession.

Zur Apostolischen Sukzession gehört ja nicht bloß eine Personensukzession, sondern und vor allem die Lehrsukzession. Welche Rolle kann die Lehrsukzession innerhalb dieser Gemeinde überhaupt spielen, wenn man die eigene Mitglieder geradezu dazu motiviert, selbst die Bibel zu lesen und auszulegen, so dass jeder letztlich glauben kann und darf, was er will? Dann kann doch apostolischer Nachfolge in Sachen Lehre keine Rede mehr sein.

Welche Bedeutung hat die Apostolische Sukzession also letztlich für die „Böhmischen Brüder“?

Weiß jemand, welche liturgische Prägung die Herrnhuter Brüdergemeine hat? Ich schätze mal reformiert.

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Clemens
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Beitrag von Clemens » Freitag 28. Dezember 2007, 16:28

Zinzendorf wurde 1737 "konsekriert" von D.Nitschmann und D.E.Jablonski.

Nitschmann, Zimmermann in Herrnhut, Bischof 1735, (der übrigens auch gelegentlich brieflich ordinierte!), erhielt seine "Bischofsweihe" 1735 von D.E.Jablonski/Lissa, der 1699 "konsekriert" wurde.

Die Details der weiteren Sukzession sind mir nicht bekannt. 1467 sollen die Brüderunitätler die Apost.Sukzession von Waldensern erhalten haben (wichtige Bischöfe: Lukas v.Prag +1528; Johann Horm 1529 Bischof +1532; Johann Amos Comenius +1670).

Ich denke, dass die Brüderunität den Gedanken der Apost. Sukzession richtig und wichtig fand, weil damit die Tradition der Kirche versinnbildlicht wird und die Idee ja schön ist: der der mich gesegnet und in mein Amt eingesetzt hat, wurde gesegnet und eingesetzt von .... bis zurück zu den Aposteln. Ein sakramentales Verständnis der Ordination oder der Eucharistie ist m.E. dazu nicht zwangsläufig Voraussetzung.

Auch in Schweden ist ja ein entfernt ähnliches Empfinden zu beobachten: Der erste lutherische Bischof Laurentius Petri war zwar 1531 noch als römisch-katholischer Bischof geweiht worden und hat auch 1534 und 1536 nach der Reformation zwei neue Bischöfe geweiht. Aber dann wurden bis 1575 keine Bischofsweihen mehr durchgeführt, sondern nur „nach Luthers Sitte“ sogenannte „Ordinarien“ oder „Superintendenten“ eingesetzt.
Eine durchgängig sakramentale Auffassung von der Bischofsweihe ist dort also nachweislich auch nicht vorhanden (gewesen).
Trotzdem die Schweden wohl viel Wert legen auf ihre Sukzession, steckt ja sakramental gesehen nicht viel dahinter.
Die katholische Kirche erkennt deshalb die schwedische Bischofssukzession ja auch nicht als gültig an.

Hoffend, dir weitergeholfen zu haben,
Clemens

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Marcus
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Beitrag von Marcus » Freitag 28. Dezember 2007, 16:56

Danke für die Auskunft!

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Clemens
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Beitrag von Clemens » Freitag 28. Dezember 2007, 17:36

Oh sorry, ich entdecke gerade einen Tippfehler: der BU-Bischof hieß Johann Horn!

Stephen Dedalus
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Re: Herrnhuter Brüdergemein(d)e

Beitrag von Stephen Dedalus » Montag 31. Dezember 2007, 14:12

Marcus hat geschrieben:Über die Herrnhuter Brüdergemeine weiß ich, dass ihre Wurzeln auf Graf von Zinzendorf zurückreichen und sie eine kleine pietistisch geprägte Freikirche ist, in der postulierte Bekenntnisse weniger eine Rolle spielen, sondern vielmehr Wert auf die individuelle Bibelauslegung der einzelnen Mitglieder gelegt wird. Auch habe ich bereits erfahren, dass sie auch noch vom Calvinismus beeinflusst sein soll.
Hallo Marcus,

wie kommst Du darauf, daß Zinzendorf vom Calvinismus beeinflußt gewesen sei? Hast Du das aus der Sekundärliteratur? Meines Wissens hat Zinzendorf sich immer sehr stark auf Luther berufen, ihn allerdings durch eine pietistische Brille gelesen, zum Teil auch mit quietistischen Einflüssen vermengt. Ein dezidiert calvinistischer Einfluß auf die herrnhutische Lehre ist mir nicht bekannt.

Die Entstehung der Herrnhuter ist ein hochinteressantes Kapitel der Kirchengeschichte. Meine persönliche Einschätzung in der von Dir angsprochen Frage ist jedoch, daß die Betonung der ap Sukzession bei den Herrnhutern weniger einen sakramentalen oder "katholischen" Hintergrund hatte, sondern in erster Linie dazu diente, die junge herrnhutische Bewegung mit einer historischen Legitimition auszustatten. Man "usurpierte" das Erbe der böhmischen Brüder und stellte sich damit in eine Tradition, die sogar noch weit hinter Luther und Calvin zurückging. Die Ansiedlung der böhmischen Glaubensflüchtlinge gab Zinzendorf dazu die Möglichkeit, obwohl die Prägung, die die Herrnhuter Gemeinde dann durch den Grafen selbst und die neue Form des gemeinschaftlichen Lebens erhielt, sehr wenig mit den alten Hussiten zu tun hatte. Da in verschiedenen deutschen Territorien und Landeskirchen neue pietistische Gemeindebildungen mit massiven Problemen vonseiten des kirchlichen Establishments zu kämpfen hatte, war der Rückgriff auf die alte hussitische Tradition für Zinzendorf ein geeignetes Mittel, sich nicht als "Neugründung" darzustellen, sondern als Erbe der böhmischen Hussitenkirche. Diese Rechnung ging ja auch weitgehend auf.

Interessant in diesem Zusammenhang scheint mir auch zu sein, daß bei den Herrnhutern der ersten Generationen (also ab 1723) das Bischofsamt nicht mit kirchenleitenden Funktionen verbunden war. Es gab geweihte Bischöfe, diese hatten aber in der Gemeinschaft keinerlei herausgehobene Funktion. Auch heute scheint es noch so zu sein, daß die Bischöfe der Brüdergemeine nicht die Leiter der Kirche sind. Aber vielleicht weiß darüber jemand anders mehr.

Mit bestem Gruß
SD
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Marcus
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Beitrag von Marcus » Montag 31. Dezember 2007, 21:26

Hallo Stephen Dedalus,

zunächst einmal vielen Dank für Deinen Beitrag.

Ich habe nicht geschrieben, dass Graf Zinsendorf calvinistisch geprägt gewesen sei. Ihm kann man wohl eher nur eine pietistische Prägung nachsagen. Das dezidiert Calvinistische bezog ich vielmehr auf die Herrnhuter Brüdergemeine.

Wie ich darauf komme?

Du hast recht, diese Info habe ich aus Sekundärquellen entnommen, genauer gesagt hieraus:

http://de.wikipedia.org/wiki/Herrnhuter ... #Theologie

Wikipedia ist natürlich kein absolut verlässliches Medium. Anderseits gehe ich auch davon aus, dass die „Böhmischen Brüder“ die Artikel über ihre Freikirche lesen und ggf. korrigieren.

Viele Grüße

Marcus

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pierre10
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Beitrag von pierre10 » Dienstag 1. Januar 2008, 08:21

Wäre mal spannend für mich zu wissen, ob im Forum jemand ist, der bei den Hernnhutern erzogen wurde, so wie ich in den Jahren 1940 bis 1942.

Pierre
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Stephen Dedalus
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Beitrag von Stephen Dedalus » Dienstag 1. Januar 2008, 09:48

Marcus hat geschrieben:Hallo Stephen Dedalus,

zunächst einmal vielen Dank für Deinen Beitrag.

Ich habe nicht geschrieben, dass Graf Zinsendorf calvinistisch geprägt gewesen sei. Ihm kann man wohl eher nur eine pietistische Prägung nachsagen. Das dezidiert Calvinistische bezog ich vielmehr auf die Herrnhuter Brüdergemeine.

Wie ich darauf komme?

Du hast recht, diese Info habe ich aus Sekundärquellen entnommen, genauer gesagt hieraus:

http://de.wikipedia.org/wiki/Herrnhuter ... #Theologie

Wikipedia ist natürlich kein absolut verlässliches Medium. Anderseits gehe ich auch davon aus, dass die „Böhmischen Brüder“ die Artikel über ihre Freikirche lesen und ggf. korrigieren.

Viele Grüße

Marcus
Ich habe Zinzendorf immer als so dominierend wahrgenommen, daß ich mir nicht vorstellen konnte, daß es bei den Herrnhutern etwas gibt, das ohne seinen Segen zustande kam. Das ist sicher ein Fehler. Ich werde dem mal nachgehen.

Mit bestem Neujahrsgruß
SD
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Re: Herrnhuter Brüdergemein(d)e

Beitrag von Dieter » Dienstag 29. Dezember 2015, 17:52

Ein Herrnhuter Abendmahl ist zugleich feierlich und schlicht: Brot und Traubensaft werden durch die Reihen gereicht und die Gemeinde selbst gestaltet die Feier durch ihren Gesang. Tiefe Gemeinschaft und Verbundenheit wird spürbar. Ein Erlebnisbericht aus Herrnhut in unserer Serie "Was glaubt ihr? evangelisch.de besucht Freikirchen".
https://www.evangelisch.de/inhalte/1248 ... dergemeine

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Re: Herrnhuter Brüdergemein(d)e

Beitrag von Dieter » Dienstag 29. Dezember 2015, 18:01

Stephen Dedalus hat geschrieben:
Marcus hat geschrieben:Über die Herrnhuter Brüdergemeine weiß ich, dass ihre Wurzeln auf Graf von Zinzendorf zurückreichen und sie eine kleine pietistisch geprägte Freikirche ist, in der postulierte Bekenntnisse weniger eine Rolle spielen, sondern vielmehr Wert auf die individuelle Bibelauslegung der einzelnen Mitglieder gelegt wird. Auch habe ich bereits erfahren, dass sie auch noch vom Calvinismus beeinflusst sein soll.
Hallo Marcus,

wie kommst Du darauf, daß Zinzendorf vom Calvinismus beeinflußt gewesen sei? Hast Du das aus der Sekundärliteratur? Meines Wissens hat Zinzendorf sich immer sehr stark auf Luther berufen, ihn allerdings durch eine pietistische Brille gelesen, zum Teil auch mit quietistischen Einflüssen vermengt. Ein dezidiert calvinistischer Einfluß auf die herrnhutische Lehre ist mir nicht bekannt.

Die Entstehung der Herrnhuter ist ein hochinteressantes Kapitel der Kirchengeschichte. Meine persönliche Einschätzung in der von Dir angsprochen Frage ist jedoch, daß die Betonung der ap Sukzession bei den Herrnhutern weniger einen sakramentalen oder "katholischen" Hintergrund hatte, sondern in erster Linie dazu diente, die junge herrnhutische Bewegung mit einer historischen Legitimition auszustatten. Man "usurpierte" das Erbe der böhmischen Brüder und stellte sich damit in eine Tradition, die sogar noch weit hinter Luther und Calvin zurückging. Die Ansiedlung der böhmischen Glaubensflüchtlinge gab Zinzendorf dazu die Möglichkeit, obwohl die Prägung, die die Herrnhuter Gemeinde dann durch den Grafen selbst und die neue Form des gemeinschaftlichen Lebens erhielt, sehr wenig mit den alten Hussiten zu tun hatte. Da in verschiedenen deutschen Territorien und Landeskirchen neue pietistische Gemeindebildungen mit massiven Problemen vonseiten des kirchlichen Establishments zu kämpfen hatte, war der Rückgriff auf die alte hussitische Tradition für Zinzendorf ein geeignetes Mittel, sich nicht als "Neugründung" darzustellen, sondern als Erbe der böhmischen Hussitenkirche. Diese Rechnung ging ja auch weitgehend auf.

Interessant in diesem Zusammenhang scheint mir auch zu sein, daß bei den Herrnhutern der ersten Generationen (also ab 1723) das Bischofsamt nicht mit kirchenleitenden Funktionen verbunden war. Es gab geweihte Bischöfe, diese hatten aber in der Gemeinschaft keinerlei herausgehobene Funktion. Auch heute scheint es noch so zu sein, daß die Bischöfe der Brüdergemeine nicht die Leiter der Kirche sind. Aber vielleicht weiß darüber jemand anders mehr.

Mit bestem Gruß
SD

Die Herrnhuter Brüdergemeine ist weder reformiert noch lutherisch, sondern ökumenisch. Eine Diskussion über "reformiert" bzw lutherisch" ist in der Brüdergemeine nicht üblich.

In den Anfängen kamen viele mährische Glaubensflüchtlinge nach Herrnhut, die reformiert geprägt waren. Von daher entwickelte sich eine eher schlichte Liturgie.

Zinzendorf selbst wurde mit der Zeit immer lutherischer (das Erbe seiner lutherisch-pietistischen Großmutter).

Die Brüdergemeine ist tatsächlich eine kleine menschenfreundliche Freikirche. Jeder, der die Möglichkeit hat, sollte wenigstens einmal Herrnhut besuchen. Ich empfehle die Zeit um Ostern, wenn die Gemeinde sich vor Sonnenaufgang auf dem Gottesacker versammelt.

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