500 Jahre Reformation

Rund um Anglikanertum, Protestantismus und Freikirchenwesen.

Moderator: asderrix

500 Jahre Reformation - Grund zur Freude?

Für mich ausnahmslos Grund zur Freude!
11
12%
Für mich nur bedingt ein Grund zur Freude!
7
7%
Für mich kein Grund zur Freude.
54
57%
Es gab gute Gründe, aber ich leide unter der Trennung!
18
19%
Mir egal!
4
4%
 
Abstimmungen insgesamt: 94

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Fragesteller » Donnerstag 27. März 2014, 20:59

Pilgerer hat geschrieben:[...]Die geistliche Unterweisung hatte jedoch auch das Ziel, die Christen zu verständigen Lesern der Bibel zu machen. Dazu ging es bei der Predigt/Lehre auch darum, die christliche Gesinnung zu schaffen, die Grundlage für das christliche Leben ist, in dem dann auch die Bibel persönlich gelesen und ausgelegt werden kann.
Wobei das reformierte Amtsverständnis m. W. ja schon auf biblischen Grundlagen basiert. Damit wäre das Predigtamt nicht eine von mehreren Möglichkeiten, sich das heilsnotwendige Bibelwissen zu beschaffen, die Kirche wäre ohne es nicht möglich. Und dieses Verständnis unterscheidet sich grundlegend sowohl von dem, was "der heilige Raphael" unterstellt, als auch vom Feld-, Wald und Wiesenprotestantismus unserer Tage.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Fragesteller » Donnerstag 27. März 2014, 21:12

Pilgerer hat geschrieben:
heiliger_raphael hat geschrieben:Unklar ist für mich auch, warum im evangelischen Gottesdienst die Predigt fast den ganzen Raum einnimmt, wenn doch die Eigenverantwortlichkeit, selbst denken und reflektieren, bei den Protestanten ausgeprägter sein soll als bei den Katholiken. Ist das nicht ein Widerspruch, dass der Protestantismus offensichtlich viel fixierter auf regelmäßige Belehrungen und Richtungsweisungen durch den örtlichen Pfarrer ist?
Die Predigt ist in der Reformation ein quasi-Sakrament geworden, auch wenn es nicht als solches betitelt wird. Luthers Überzeugung war, dass in der christlichen Predigt der Heilige Geist über die Gemeinde kommt und in ihr den rettenden Glauben erweckt. Die Predigt soll im Glauben bestärken und das geistliche Denken anregen. Doch kann ein Zuhörer durchaus anhand der Bibel selbst schauen, ob eine Predigt mit ihr übereinstimmt.
Vielleicht kann man aus dieser interessanten Sicht auch ein wenig protestantisches Verständnis für das katholische Lehramtsverständnis gewinnen: Dass es dabei nicht darum geht, dass Selbstdenken schlecht sei und einige besser denken könnten als andere, sondern darum, dass die Kirche der ämtermäßig differenzierte Raum ist, in dem der Heilige Geist vor allem, auf vielerlei Weise, wirkt, und dass eben darum auch diejenige Lehre eine besondere Dignität hat, die in diesem Raum von einem, dessen Aufgabe das ist, in den Grenzen seines Amtes geäußert wird.

St. Joseph
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von St. Joseph » Freitag 28. März 2014, 16:49

Dies scheint eine sehr sinn- und würdevolle Weise zu sein, um sich mit Luther und seinem Anliegen ökumenisch zu beschäftigen:

http://www.christ-katholisch.de/Meldungen.html :daumen-rauf:

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Pilgerer » Sonnabend 29. März 2014, 17:49

Fragesteller hat geschrieben:
Pilgerer hat geschrieben:
heiliger_raphael hat geschrieben:Unklar ist für mich auch, warum im evangelischen Gottesdienst die Predigt fast den ganzen Raum einnimmt, wenn doch die Eigenverantwortlichkeit, selbst denken und reflektieren, bei den Protestanten ausgeprägter sein soll als bei den Katholiken. Ist das nicht ein Widerspruch, dass der Protestantismus offensichtlich viel fixierter auf regelmäßige Belehrungen und Richtungsweisungen durch den örtlichen Pfarrer ist?
Die Predigt ist in der Reformation ein quasi-Sakrament geworden, auch wenn es nicht als solches betitelt wird. Luthers Überzeugung war, dass in der christlichen Predigt der Heilige Geist über die Gemeinde kommt und in ihr den rettenden Glauben erweckt. Die Predigt soll im Glauben bestärken und das geistliche Denken anregen. Doch kann ein Zuhörer durchaus anhand der Bibel selbst schauen, ob eine Predigt mit ihr übereinstimmt.
Vielleicht kann man aus dieser interessanten Sicht auch ein wenig protestantisches Verständnis für das katholische Lehramtsverständnis gewinnen: Dass es dabei nicht darum geht, dass Selbstdenken schlecht sei und einige besser denken könnten als andere, sondern darum, dass die Kirche der ämtermäßig differenzierte Raum ist, in dem der Heilige Geist vor allem, auf vielerlei Weise, wirkt, und dass eben darum auch diejenige Lehre eine besondere Dignität hat, die in diesem Raum von einem, dessen Aufgabe das ist, in den Grenzen seines Amtes geäußert wird.
Das ist ja an sich auch gut, und Gott hat knapp 1500 Jahre das für die westeuropäischen Christen so gefügt. Dennoch gehe ich davon aus, dass er für einige Christen in der Welt diese Strukturen aufbrechen wollte. Wir sehen in Luthers "Freiheit des Christenmenschen" das Bild des Christenmenschen als Braut Christi, also als Verkörperung der Kirche. Das lässt sich auch in den Briefen Pauli sehen, wo Paulus die Leiber der Gemeindeglieder als "Tempel des Heiligen Geistes" (1. Korinther 6,19) bezeichnet. Darum erleben wir in der Tradition der Reformation den Christen stärker Christus gegenüber gestellt, und die Hierarchie zwischen einfachem Christ und Weltkirche ist nicht mehr so groß.
10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jesaja 35,10)

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von lutherbeck » Montag 31. März 2014, 17:49

... “Wir sind als Kirchen in Deutschland auf einem guten ökumenischen Weg...
aus

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=& ... irLPzKjr8w

Bravo! :daumen-rauf:
"Ich bin nur ein einfacher demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn".

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Fragesteller » Montag 31. März 2014, 19:15

lutherbeck hat geschrieben:
... “Wir sind als Kirchen in Deutschland auf einem guten ökumenischen Weg...
aus

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=& ... irLPzKjr8w

Bravo! :daumen-rauf:
Lutherbeck, lass Dich doch nicht von Phrasen blenden. Sowas sagt man halt, wenn der Anlass passt, und das Antrittstreffen von Schneider und Marx ist ein passender Anlass. Neuigkeiten, die dieses Urteil sachlich stützen, liefert der Artikel, soweit ich sehe, nicht.

Piusderdritte
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Piusderdritte » Montag 31. März 2014, 19:45

Martin Luther, die Juden und türkische Jihadisten
http://www.pi-news.net/214/3/martin-l ... ihadisten/

Es ist der kampfhafte Versuch Martin Luthers Buch :"Von den Juden und ihren Lügen" zu rechtfertigen.
Zufälligerweise habe ich das Buch vor ca. 1 Jahr mal gelesen. (Kann man im Internet kaufen)
Da gibt es nicht viel zu beschönigen. Das hätte der Schreiber sich sparen können, soviel Mühe und Zeit zu investieren.
"Katholische Haus- und Schulbibel" (aus1928) von Paul Bergmann, ist eine sehr gute Zusammenfassung der Bibel! Sollte jeder Katholik mal gelesen haben. Verständlich geschrieben und schnell durchgelesen!

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lutherbeck
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von lutherbeck » Dienstag 1. April 2014, 09:04

"Ich bin nur ein einfacher demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn".

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Didymus » Dienstag 1. April 2014, 09:32

Laut dem verlinkten Artikel aus dem "Donaukurier" sieht Margot Käßmann Folgendes als Ursache für die steigenden Kirchenaustrittszahlen:
Käßmann:"Da müsse man sich als Kirche durchaus an die eigene Nase fassen, sagt sie. Der strafende Gott schrecke viele Menschen ab."
Der "strafende Gott"?? Lutherbeck, wird der bei euch tatsächlich noch verkündet? (Die Frage ist nicht polemisch sondern ernst gemeint.) In katholischen Kirchen hierzulande ist das nämlich so gut wie gar nicht der Fall. Und wenn, dann sieht sich der Pfarrer einem Trommelfeuer der Kritik ausgesetzt. Eine der ganz raren Ausnahmen war die Mahnung Papst Franziskus' an die Mafia.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß die Verkündigung eines strafenden Gottes für den Rückgang der Gläubigen verantwortlich ist.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von lutherbeck » Dienstag 1. April 2014, 09:36

Didymus hat geschrieben:Laut dem verlinkten Artikel aus dem "Donaukurier" sieht Margot Käßmann Folgendes als Ursache für die steigenden Kirchenaustrittszahlen:
Käßmann:"Da müsse man sich als Kirche durchaus an die eigene Nase fassen, sagt sie. Der strafende Gott schrecke viele Menschen ab."
Der "strafende Gott"?? Lutherbeck, wird der bei euch tatsächlich noch verkündet? (Die Frage ist nicht polemisch sondern ernst gemeint.) In katholischen Kirchen hierzulande ist das nämlich so gut wie gar nicht der Fall. Und wenn, dann sieht sich der Pfarrer einem Trommelfeuer der Kritik ausgesetzt. Eine der ganz raren Ausnahmen war die Mahnung Papst Franziskus' an die Mafia.

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Sicher nicht an erster Stelle;
auch bei uns steht der freundliche Gott im Mittelpunkt,
allerdings wird trotzdem darauf aufmerksam gemacht, dass man im Leben gewisse Prioritäten setzen muss...
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Jarom1 » Dienstag 1. April 2014, 13:58

Didymus hat geschrieben:Laut dem verlinkten Artikel aus dem "Donaukurier" sieht Margot Käßmann Folgendes als Ursache für die steigenden Kirchenaustrittszahlen:
Käßmann:"Da müsse man sich als Kirche durchaus an die eigene Nase fassen, sagt sie. Der strafende Gott schrecke viele Menschen ab."
Der "strafende Gott"?? Lutherbeck, wird der bei euch tatsächlich noch verkündet? (Die Frage ist nicht polemisch sondern ernst gemeint.) In katholischen Kirchen hierzulande ist das nämlich so gut wie gar nicht der Fall. Und wenn, dann sieht sich der Pfarrer einem Trommelfeuer der Kritik ausgesetzt. Eine der ganz raren Ausnahmen war die Mahnung Papst Franziskus' an die Mafia.

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Ich könnte es mir sogar andersherum vorstellen: Die Beliebigkeit, die aus der Aufgabe/Ignoranz des Gesetzes folgt, führt zu Austritten.
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Edi » Dienstag 1. April 2014, 15:54

Jarom1 hat geschrieben: Ich könnte es mir sogar andersherum vorstellen: Die Beliebigkeit, die aus der Aufgabe/Ignoranz des Gesetzes folgt, führt zu Austritten.
Das wird auch der Hauptgrund sein. Es kommt doch jeder in den Himmel nach der Meinung der EKD, wozu dann noch Kirche. Gott ist doch äusserst barmherzig, da wird er doch keinen benachteiligen.
Die EKD weiß doch gar nicht mehr was Bosheit ist, aber auch was Gnade ist und in grossen Teilen auch die KK. Ich erlebe das erstere im Betrieb aber gerade sehr anschaulich.

Daß Gott auch gerechter Richter ist, wird ohnehin meist unterschlagen.
Es lebt der Mensch im alten Wahn.
Wenn tausend Gründe auch dagegen sprechen,
der Irrtum findet immer freie Bahn,
die Wahrheit aber muss die Bahn sich brechen.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Didymus » Dienstag 1. April 2014, 16:49

lutherbeck hat geschrieben:
Didymus hat geschrieben: Sicher nicht an erster Stelle;
auch bei uns steht der freundliche Gott im Mittelpunkt,
allerdings wird trotzdem darauf aufmerksam gemacht, dass man im Leben gewisse Prioritäten setzen muss...
Dann verstehe ich beim besten Willen nicht, wie Frau Käßmann in der Verkündigung des "strafenden Gottes" als einer der Hauptgründe für die Kirchenaustritte sieht.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Edi » Dienstag 1. April 2014, 17:17

Didymus hat geschrieben: Dann verstehe ich beim besten Willen nicht, wie Frau Käßmann in der Verkündigung des "strafenden Gottes" als einer der Hauptgründe für die Kirchenaustritte sieht.
Wer will diese Frau noch gross ernst nehmen, die hat doch schon viel Unfug verzapft.
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Florianklaus » Mittwoch 2. April 2014, 12:54

Interessanter Artikel über Luther mit vielsagenden Originalzitaten: http://starke-meinungen.de/blog/214/4 ... #more-428

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Jarom1
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Jarom1 » Mittwoch 2. April 2014, 13:17

Edi hat geschrieben:
Didymus hat geschrieben: Dann verstehe ich beim besten Willen nicht, wie Frau Käßmann in der Verkündigung des "strafenden Gottes" als einer der Hauptgründe für die Kirchenaustritte sieht.
Wer will diese Frau noch gross ernst nehmen, die hat doch schon viel Unfug verzapft.
Stimmt. Leider leitet sie bekanntlich die EKD-Aktionen zum Lutherjahr 2017.
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overkott
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von overkott » Mittwoch 2. April 2014, 13:50

Wenn wir heute Geschichte denken, betrachten wir die antiken Hochkulturen von Ost nach West und von Süd nach Nord. Dabei beschränkt sich unsere Welt weitgehend auf die Mittelmeeranrainer und Westeuropa. Das hat auch etwas mit der Genesis des christlichen Abendlandes zu tun. Und in diesem Mosaik ist die Reformation nur eine kleine, wenn auch auffällige Facette.

Die Leitidee der westeuropäischen Geschichte ist die Kaiseridee fränkischer Herrscher. Sie reicht von der Kaiserkrönung Karls des Großen bis zum Untergang des Deutschen Kaiserreichs 1918. Karl der Große knüpfte damit an römisches Zäsarentum und dessen Traum von der Weltherrschaft an. Als lokale und geistliche Autorität konnte diese Zäsarenwürde als Kaisertitel in Rom nur der Papst verleihen. Aus dieser symbolischen Bedeutung ergab sich das weitere Ringen zwischen dem Papst und den fränkischen Kaisern.

Das Kaiserreich teilte sich alsbald auf in ein westfränkisches und ein ostfränkisches Reich, aus denen später Frankreich und Deutschland hervorgingen. Die Konkurrenz zwischen diesen beiden europäischen Teilen prägte nicht nur die Konkurrenz um Krone und Tiara, sondern setzte sich ebenfalls bis 1918 fort. Während Frankreich schon im Hochmittelalter zur territorialen Einheit gelangte, brauchte Deutschland dafür bis 1870.

Die territoriale Zersplitterung Deutschlands spielte schon zur Zeit des Interregnums im Hochmittelalter eine zentrale Rolle und kann nicht auf eine strukturell relativ unbedeutende Figur wie Luther zurückgeführt werden. Vielmehr agierte Luther unbewusst in diesem Umfeld und wurde durch seinen Konflikt mit dem Papsttum geradezu den Fürsten in die Arme getrieben mit allen negativen ideologischen Konsequenzen, die sich vor allem in einem polarisierenden Denken widerspiegeln und die für die verhängnisvolle Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert folgenreich sein sollten.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Didymus » Mittwoch 2. April 2014, 15:43

Da sehe ich einiges anders, Overkott.

Die mittelalterliche Kaiseridee knüpfte zwar an das römische Cäsarentum an, war aber weniger von dessen Traum von der Weltherrschaft inspiriert als vielmehr vom Gedanken der christlichen Einheit. Deswegen konnte der Papst die Kaiserkrone auch gerade nicht als lokale sondern vielmehr als universale Autorität verleihen.

Und das deutsche Kaiserreich mit dem protestantischen Herrscherhaus der Hohenzollern knüpfte kaum an diese Idee an. Es sah sich vielmehr als eine europäische Großmacht unter anderen. Der deutsche Kaiser war eher eine Art Oberkönig über die deutschen Fürsten.

Wenn, dann lebte die Kaiseridee in der österreich-ungarischen Monarchie fort.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von overkott » Mittwoch 2. April 2014, 16:20

Die Anfrage ist berechtigt.

Dass Karl mit einem Heer nach Rom gezogen ist und den Papst zur Krönung gedrängt hat, mag man als Ringen um die christliche Einheit interpretieren, zumal der Frischgekrönte gleich nach Byzanz weitergesegelt ist und Anerkennung verlangte, was die erstaunten Byzantiner so schwer nachvollziehen konnten, dass der Große unverrichteter Dinge wieder abziehen musste.

Tatsächlich war die Kaiseridee schon mit dem Staufer in eine Krise geraten, die der heilige Bonaventura live miterlebte. Aber sie überstand die Krise, wenn auch sich immer mehr Fürsten nach der Krone drängelten und sich - als Folge der Reformation und dem Bruch mit dem Papst als Kaisermacher - schließlich selbst eine bastelten, was dann im Vielkaisertum mündete.

Der Hinweis auf den Habsburger Kaisertitel ist berechtigt, wenn dies auch nicht dem Verständnis der Reformation und des Entstehens der europäischen Nachkriegsordnung dienlich ist.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Pollux » Mittwoch 2. April 2014, 16:59

Für mich war die Reformation heilsnotwendig. Die rk Kirche war zu Zeiten Luthers zugrunde gerichtet.Sie "regierte" mit den Mitteln der Furcht und der Einschüchterung.Dagegen steht z.B. die Schrift "von der Freiheit eines Christenmenschen." Die Trennung zwischen Klerus und Laien wurde durch die Reformation weitgehend aufgelöst.
D i e ev Kirche gibt es nicht. Deswegen macht auch eine Vereinigung zwischen ev. Kirchen und der rk Kirche keinen Sinn. Aber in Fragen des Glaubens kann es punktuell und situativ aus christlichem Verständnis Gemeinsames geben, das sich in Publikationen manifestiert.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von overkott » Mittwoch 2. April 2014, 17:14

Eine wenig evangelische Sicht, die die Reformation mit Christi Geburt auf eine Stufe stellt.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von lutherbeck » Mittwoch 2. April 2014, 17:39

Pollux hat geschrieben:...D i e ev Kirche gibt es nicht. Deswegen macht auch eine Vereinigung zwischen ev. Kirchen und der rk Kirche keinen Sinn. Aber in Fragen des Glaubens kann es punktuell und situativ aus christlichem Verständnis Gemeinsames geben, das sich in Publikationen manifestiert.
Die ständige weitere Auflösung "der" Evangelischen ist in meinen Augen ein wahres Übel,
weil es anscheinend immer Leute gibt, die offensichtlich frömmer sind als andere... :roll:

Dabei sollten eigentlich die Gemeinsamkeiten (auch mit der rk) besser gepflegt werden...
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von overkott » Mittwoch 2. April 2014, 18:00

A. Posener predigt:

Der befreiende Kern der christlichen Botschaft lautet: Jesus ist für die Sünden der Menschen gestorben. Die Rechnung mit Gott ist beglichen. Diese Botschaft hat der Augustinermönch Luther bei Augustinus und Paulus wiederentdeckt. Der Mensch muss nicht Gutes tun, um dem Gericht Gottes zu entgehen; weil er Gnade erlangt hat, ist er frei, Gutes zu tun.

Natürlich stellt sich die Frage nach dem Gericht? Wird Böses wieder gut gemacht? Bekommen die Bösen ihr Fett weg? Und kommen die Guten ungeschoren davon?

Ja, klar, meint J. Bonaventura. Der Glaube an Gottes Gericht ist der Glaube an Gottes ausgleichende Gerechtigkeit. Gott wird Böses nicht für gut befinden. Und der Pädophile kann sich nicht mit Gnade rausreden. Aber er kann umkehren. Gott ist gnädig zu allen, die sich zum Guten bekehren. Natürlich kann man sagen: Das ist doch selbst evident, selbstverständlich. Ja, klar, meint J. Bonaventura. Das ist allgemeiner Glaube.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Lupus » Mittwoch 2. April 2014, 18:34

Man beachte vor allem, dass A. Posener, so viel ich weiß, Atheist ist.
+L.
Christus mein Leben, Maria meine Hoffnung, Don Bosco mein Ideal!

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Pilgerer » Freitag 4. April 2014, 18:56

overkott hat geschrieben:Wenn wir heute Geschichte denken, betrachten wir die antiken Hochkulturen von Ost nach West und von Süd nach Nord. Dabei beschränkt sich unsere Welt weitgehend auf die Mittelmeeranrainer und Westeuropa. Das hat auch etwas mit der Genesis des christlichen Abendlandes zu tun. Und in diesem Mosaik ist die Reformation nur eine kleine, wenn auch auffällige Facette.

Die Leitidee der westeuropäischen Geschichte ist die Kaiseridee fränkischer Herrscher. Sie reicht von der Kaiserkrönung Karls des Großen bis zum Untergang des Deutschen Kaiserreichs 1918. Karl der Große knüpfte damit an römisches Zäsarentum und dessen Traum von der Weltherrschaft an. Als lokale und geistliche Autorität konnte diese Zäsarenwürde als Kaisertitel in Rom nur der Papst verleihen. Aus dieser symbolischen Bedeutung ergab sich das weitere Ringen zwischen dem Papst und den fränkischen Kaisern.

Das Kaiserreich teilte sich alsbald auf in ein westfränkisches und ein ostfränkisches Reich, aus denen später Frankreich und Deutschland hervorgingen. Die Konkurrenz zwischen diesen beiden europäischen Teilen prägte nicht nur die Konkurrenz um Krone und Tiara, sondern setzte sich ebenfalls bis 1918 fort. Während Frankreich schon im Hochmittelalter zur territorialen Einheit gelangte, brauchte Deutschland dafür bis 1870.

Die territoriale Zersplitterung Deutschlands spielte schon zur Zeit des Interregnums im Hochmittelalter eine zentrale Rolle und kann nicht auf eine strukturell relativ unbedeutende Figur wie Luther zurückgeführt werden. Vielmehr agierte Luther unbewusst in diesem Umfeld und wurde durch seinen Konflikt mit dem Papsttum geradezu den Fürsten in die Arme getrieben mit allen negativen ideologischen Konsequenzen, die sich vor allem in einem polarisierenden Denken widerspiegeln und die für die verhängnisvolle Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert folgenreich sein sollten.
1520 wurde das Priestertum des Kirchenvolkes realisiert, 1918 das Königtum des Volkes. An sich ist beides von Anfang an angelegt im christlichen Evangelium, aber alles hat seine Zeit, und irgendwann wollte Gott diese Inhalte zum Blühen bringen. Jeder getaufte Christ ist zum Priester, Propheten und König berufen, indem er an Christi Priestertum, Prophetentum und Königtum Anteil erhält.
10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jesaja 35,10)

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von lutherbeck » Sonnabend 5. April 2014, 17:50

Nicht die Schattenseiten der Reformation ausklammern:

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=& ... Jp8RiiadLQ

:)

und:
...keine Spaltung, sondern eine Differenzierung...
"Ich bin nur ein einfacher demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn".

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Pollux » Sonnabend 5. April 2014, 19:00

Herzlichen Dank für die Einbringung dieses Interviews mit Frau Käßmann.Die negativen Aspekte der Berufung auf den deutschen Reformator Luther sind ja inzwischen wohl hinlänglich bekannt.Was an Aussagen Luthers erschreckend war, sollte nicht ausgeklammert werden.Es muss aber dem Wirken des heiligen Geistes überlassen werden, wie sich das Miteinander der Christen in der Zukunft gestalten wird.Im Übrigen bin ich dafür, dass man das Trennende nicht unter den Tisch kehren sollte, aber auch das Gemeinsame seinen gebührlichen Rang einnehmen lassen sollte.

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Pit » Sonnabend 5. April 2014, 19:22

Pollux hat geschrieben: Im Übrigen bin ich dafür, dass man das Trennende nicht unter den Tisch kehren sollte, aber auch das Gemeinsame seinen gebührlichen Rang einnehmen lassen sollte.
Genauso sehe ich es auch--übrigens war es ein lutherischer Pastor,der mir die Bibel wieder näher brachte,weil ich als Kind und Jugendlicher von unserem katholischen Pfarrer nur immer wieder hörte:
"Das kannst Du nicht verstehen!"
Übrigens wurden zur Zeit Luthers Ablassbriefe an Gläubige verkauft mit dem Hinweis,ihnen würden dadurch die Sünden vergeben.
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von lutherbeck » Sonnabend 5. April 2014, 20:32

...Übrigens wurden zur Zeit Luthers Ablassbriefe an Gläubige verkauft mit dem Hinweis,ihnen würden dadurch die Sünden vergeben.
Deshalb kam es zur Reformation... :roll:
"Ich bin nur ein einfacher demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn".

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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Siard » Sonnabend 5. April 2014, 20:55

lutherbeck hat geschrieben:
...Übrigens wurden zur Zeit Luthers Ablassbriefe an Gläubige verkauft mit dem Hinweis,ihnen würden dadurch die Sünden vergeben.
Deshalb kam es zur Reformation... :roll:
Naja, das ist doch stark vereinfacht und schief.
Außerdem wurden nicht die Sünden vergeben, sondern die zeitlichen Sündenstrafen nachgelassen – wie heute auch. Allerdings gab es auch damals schon Menschen, die beim Verkaufen zu zweifelhaften Mitteln griffen.

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Pit
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Pit » Sonnabend 5. April 2014, 21:51

lutherbeck hat geschrieben: Deshalb kam es zur Reformation... :roll:
Nein,die Gründe,warum es zur Reformation kam,waren vielfältiger.
Der Ablasshandel war sozusagen ein Mosaiksteinchen in dem Gesamtbild,das letzlich ausschlaggebend für die Reformation war.
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Re: 500 Jahre Reformation

Beitrag von Quasinix » Sonntag 6. April 2014, 06:03

lutherbeck hat geschrieben:
...Übrigens wurden zur Zeit Luthers Ablassbriefe an Gläubige verkauft mit dem Hinweis,ihnen würden dadurch die Sünden vergeben.
Deshalb kam es zur Reformation... :roll:
Das eine ist so falsch wie das andere - schon Luthers Dissens ging viel weiter, und überall bis an die Wurzel (Gnadenlehre, Meßopfer, Weihepriestertum, Kirchenverständnis, Subjektivismus...). Die initiale Spaltung barg zudem den Keim aller nachfolgenden Spaltungen innerhalb des "neuen Glaubens" in sich. Auf den eigentlichen Gegenstand des "Ablaßhandels" hat ja schon Siard hingewiesen.
Haltet die Welt an, ich will aussteigen!

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