Der Nestorianismus der Anaphora des Theodor von Mopsuestia

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Isidor Matamoros
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Der Nestorianismus der Anaphora des Theodor von Mopsuestia

Beitrag von Isidor Matamoros » Montag 29. Januar 2018, 19:00

Zur Neueinführung dieser Anaphora in der syromalabarischen Kirche im Jahr 2013:

Der Nestorianismus der Anaphora des Theodor von Mopsuestia

In den letzten Jahrzehnten ist es üblich geworden Theodor von Mopsuestia, nach einigen übrigens der wahre Urheber des Nestorianismus, von dieser Häresie freizusprechen und Nestorius gleich mit.
Beide haben uns jeweils eine Anaphora, also ein eucharistische Gebete hinterlassen, welche, unabhängig davon, ob sie nun wirklich von diesen beiden Häresiarchen stammen oder nicht, deren geistige Handschrift zeigen. Nach Jahrzehnten des Druckes vatikanischer Stellen, die sich da selbst nur noch wie Hausbesetzer gebärden, haben die syromalabarischen Bischöfe der erneuten Einführung dieser Texte in ihre Liturgie zugestimmt, wenn auch nicht einmütig. Kein geringerer als der Kardinal Mar Joseph Parecattil hatte sich bis zu seinem Tode 1987 noch vehement gegen die Wiedereinführung der 1599 durch die Padroado-Synode von Djamper verbotenen Anaphoren gewehrt. Umstritten ist seine Haltung hinsichtlich der Erneuerung der Liturgie der Syro-Malabaren. Aus Furcht vor einer „Chaldäisierung“ (d. h. Bindung an das katholisch-chaldäische Patriarchat von Babylon) wandte er sich ab 1953, verstärkt seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, gegen alle Anstrengungen der vatikanischen Ostkirchenkongregation, (während des gesamten Pontifikates von Pius XII. fast ausschließlich vertreten durch Kardinam Tisserant), in Indien die Ostsyrische Liturgie in Reinform wiederherzustellen. Sie galt ihm nicht als ein von den Thomaschristen zu pflegendes Erbe, sondern als Ergebnis einer liturgischen Kolonisierung durch Einwanderer des 4. Jahrhunderts, den Knanaya. Sein Anliegen war vielmehr die Inkulturation, eine eigene malabarische Liturgie, die indisch, ostkirchlich und katholisch (aber nicht lateinisch oder chaldäisch) sein sollte, mit dem Ziel, die syromalabarische Kirche ganz mit den Novus-Ordo-Gemeinden zu verschmelzen. Aus der Sicht Parecattils war die Kirche Indiens ursprünglich ein Patriarchat apostolischen Ursprungs, welches in einer geschichtlichen Notlage in die Abhängigkeit des nestorianischen Katholikats von Seleukia-Ktesiphon geraten war. Nichtsdestotrotz ist sein Kritik, die beiden Anaphoren seien häretisch und nestorianisch, ernstzunehmen.
Natürlich gehört auch Martin Lugmayr FSSP zu denjenigen, welche immer wieder versucht haben, den Nestorianismus reinzuwaschen und ihn trotz aller lehramtlichen Verurteilungen für rechtgläubig zu erklären.
Auf der indischen Internetseite „dukhrana.in“ widmen sich zwei verschiedene Artikel zweier indischer Autoren diesen sehr zweifelhaften Anliegen. Es sind dies Dr. Joseph Vellamattam (http://dukhrana.in/the-east-syrian-anap ... opsuestia/)

und Dr. Sebastian Edavazhickal OSB, (http://dukhrana.in/distortion-of-christ ... n-example/).
Besonders der letztgenannte redet sich dabei um Kopf und Kragen. Er will zwar die Anaphora des Mar Diodoros von allem Verdacht befreien, diese sei nestorianisch, jedoch bestätigt er sämtliche Vorurteile. Wie er das nicht bemerken kann, ist ein Rätsel. Ebenso zeigt sein Waffenbruder Vellamattam ohne es zu merken auf, wie die ostsyrische Terminologie, die er anwendet und die auch von den Nestorianern benutzt wurde, völlig zusammenhanglos und inkohärent ist, wenn es um die Anwendung derselben alt-syrischen Ausdrücke auf die Dreifaltigkeit einerseits und die Menschwerdung des Sohnes Gottes andererseits geht.
Gemäß der rechtgläubigen aramäischen Diktion der Maroniten und der unierten syrisch-katholischen Kirche des westsyrischen Ritus‘ bedeutet kyana (kyono) die Wesenheit, also die ousia bzw. Substantia und qnuma (qnomo) die Hypostase. Dieselben Ausdrücke wenden die Maroniten im gleichen Sinne auf die Geheimnisse der Trinität und auf die Menschwerdung an. Die Dreifaltigkeit ist also die konsubstantielle Einheit von drei qnume in einer kyana. Ebenso sind in Jesus Christus zwei kyane in einer göttlichen qnuma des Sohnes vereinigt. Was man von den Nestorianern, die zur Einheit der katholischen Kirche zurückkehrten erwartete, war, daß sie genau die Begriffsbestimmugen der ebenfalls aramäischen Maroniten übernehmen sollte und zwar sowohl im Hinblick auf die Dreifaltigkeit, als auch auf die Menschwerdung des ewigen Wortes. Und genau da lag die Schwierigkeit. Mit der Ausflucht, die aramäischen Ausdrücke wären den lateinischen und griechischen nicht gleichwertig und deswegen könne man im Westen ihre Orthodoxie nicht würdigen, taten die Nestorianer immer wieder so, als gäbe es weiter im Westen keine Aramäer, die genau diesen Ansprüchen gerecht wurden und welche die sprachliche Kompetenz besaßen, solche Winkelzüge zu durchschauen und sogar mit einem aus Jahrhunderten der Auseinandersetzung ererbtem Eifer. Man kannte ja seine Papenheimer.
Dr. Vellamattam und P. Edavazhickal OSB führen leider nur das fort, was man seit 1500 Jahren von Nestorianern gewöhnt ist und sie geben das alles als katholisch aus. Vellamattam wendet auf der einen Seite den Ausdruck qnoma für die Hypostasen der Dreifaltigkeit an, will es aber nicht so verstanden wissen, wenn er zwei qnume in Jesus Christus entdeckt. Da soll, welch‘ glückliche Inkonsequenz, qnuma nicht mehr die Hypostase bedeuten. Er verweist auf Fachliteratur, welche diesen Ausdruck so beschreibt, als könne er alles mögliche bedeuten, mal Natur, mal Substanz, mal Person.
Diese Schwierigkeiten sind nicht neu, denn auch das Abendland hatte damit zu kämpfen, weswegen man die Ausdrücke von ousia (substantia) und hypostasis (subsistentia, persona) eben autoritativ definiert hatte. Diese sehr frühe „Latinisierung“ geht bereits auf Papst Dionysius Mitte des 3. Jahrh. zurück.
Bereits P. Martin Jugie (+1954) wies in seinem Werk über den Nestorianimus auf die Zusammenhanglosigkeit der Terminologie der Nestorianer hin, (Seite 274 Fußnote: https://archive.org/stream/nestoriusetl ... 4/mode/2up ).
Also, entweder die Christologie von Vellamattam ist nestorianisch, oder aber seine Trintität ist auch keine, denn in dem Fall gäbe es drei Götter. P. Edavazhickal dagegen gibt sich alle Mühe, den Eindruck zu bestätigen, daß sämtliche Verurteilungen, die Theodor von Mopsuestia auf dem II. Konzil von Konstantinopel (das V. Ökumenische Konzil) einst getroffen hatten, immer noch auf diese Anaphora zutreffen. Da ist der Aspekt, daß man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Sohn Gottes habe nicht die menschliche Natur angenommen, sondern einen vollständigen Menschen mit seiner dazugehörigen Persönlichkeit, den er angezogen habe wir ein Kleid. Edavazhickal strengt sich an, den Abendländern dieses Bild zu erklären, als hätten wir im Westen noch nie etwas davon gehört. Aber auch Abelard und Petrus Lombardus waren dem verfallen, was Thomas mit Deutlichkeit richtig stellte. Denn dieses Gleichnis, welches sehr auf eine nur akzidentelle Verbindung der beiden Naturen abzielt, kann nur richtig gemeint sein, wenn man es unter dem Aspekt des Umstandes versteht, daß die Kleider die Form dessen annehmen, der sie trägt. Siehe dazu Ludwig Otts Dogmatik ( https://archive.org/stream/OttFundament ... 7/mode/2up ).
(III. q. 2 a. 6 ad 1: http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel708-6.htm )
I. Nach Damaseenus (3. de ortlh. fide 26.) „darf ein Beispiel nicht in Allem und ohne jeglichen Mangel ähnlich sein; denn ist es in Allem ähnlich, so ist es kein Beispiel mehr, sondern ist ein und dasselbe; zumal wenn es göttliche Dinge betrifft. Denn unmöglich kann man, was die Gottheit (die Dreieinigkeit) und die Menschwerdung angeht, ein vollkommen entsprechendes, in Allem ähnliches Beispiel finden.“ Die menschliche Natur also wird ein habitus, d. h. ein Kleid vom Apostel genannt; nicht als ob es sich hier bloß um eine äußerliche, von einer äußeren Zuthat herrührende Verbindung handelte, sondern weil das Wort Gottes geschaut wird vermittelst der menschlichen Natur wie der Mensch geschaut wird vermittelst der Kleider. Und ebenso mit Rücksicht darauf, daß ein Kleid der Änderung unterliegt, denn es wird der Figur der betreffenden Person angepaßt; nicht aber unterliegt diese letztere der Veränderung wegen des Kleides. Ähnlich ist die menschliche Natur, als sie vom Worte Gottes angenommen ward, besser geworden; das Wort Gottes aber unterlag keiner Veränderung (vgl. Augustin 83 Qq. 73.).
Weiter legte Thomas im Sentenzenkommentar dar, daß es in Christus nur ein einziges Sei geben könne, eben jenes des ewigen Wortes ( In Sent. III d.6 qu.2 a. 2, „sed contra, alles was ein Sein für sich hat, subsistiert. Wenn es also in Christus ein zweifaches Sein gäbe, so wären in ihm zwei subsistierende Wirklichkeiten, also zwei Personen), was weiter oben widerlegt wurde“, http://docteurangelique.free.fr/bibliot ... ENCES3.htm )
Dieses eine und einzige Sein in Christus verteidigt Franz Diekamp sehr vehement im zweiten Band seiner Dogmatik (Seite 201ff: https://www.dropbox.com/s/n13hy3t5uicef ... 3.pdf?dl=0 ).

Edavazhickal ist redlich bemüht mit großer Beflissenheit seinern Lesern die für Theodor von Mopsuestia und Nestorius typische Bewährungstheorie zu verkaufen: Christus habe sich erst die Stelle als Messias richtig verdienen müssen und erst nach vielen Tugendakten wirklich darin reüssiert, so als käme ihm die Erlöserwürde gar nicht naturhaft zu. Das V. Ökumenische Konzil hat im Drei-Kapitel-Streit eine ganze Liste mit solchen Irrtümern aufgestellt, die wir hier der Sammlung von Neuner und Roos in deutscher Sprache entnehmen: https://www.dropbox.com/s/pxzdmmmrre2u4 ... 5.pdf?dl=0

Christus wäre also eine Art neuer Herkules. Wer die paar Seiten, die wir Diekamp entnommen haben, wirklich lesen will, findet dort noch eine ganz Reihe weiterer Hinweise auf Thomas, die man unter den weiter oben angegebenen Links auch auf Deutsch nachschlagen kann. Edavazhickal läßt jedenfalls kein einziges Fettnäpfchen aus. Letztendlich erklärt auch er das Mysterium Christi aus der neumodischen Geist-Christologie, von der wir schon vor einigen Tagen berichtet haben:
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